Brett&Spiele #3: Sherlock Holmes Consulting Detective

Nicht erst seit BBC’s Sherlock erlebt der weltbeste Detektiv, geschaffen von Sir Arthur Conan Doyle, eine Renaissance. Sherlock-Holmes-Filme, Theateraufführungen, Action-Figuren, Watson/Sherlock-Fanfiction und eben auch Brettspiele fluten den Markt. Eben eins dieser Brettspiele möchte ich euch hier ans Herz legen:

Sherlock Holmes Consulting Detective von Gary Grady, Suzanne Goldberg und Jerome Ropert.

Spielmaterialien

Zunächst eine kleine Geschichtslektion:  

Die erste Version dieses Spiels (Sherlock Holmes Consulting Detective: The Thames Murders) erschien tatsächlich schon 1982 und räumte damals einige Preise ab. Aufgrund des geringen Printruns und der Qualität des Spiels wurden diese Originalausgaben bis vor Kurzem für bis zu 200 Euro verkauft. Vor circa 1,5 Jahren beschloss nun das Designerteam, die Welt endlich mit einer Fortsetzung zu belohnen: Sherlock Holmes Consulting Detective: Jack the Ripper & West End Adventures. Diese Ausgabe möchte ich euch näher vorstellen. Inzwischen wurden wir auch mit einem Reprint der ersten Edition von vor über 30 Jahren beglückt.

Das Ziel bei Consulting Detective ist relativ offensichtlich: Fälle lösen. Allerdings übernehmen die Mitspieler in diesem Co-op Game (also eine Spielform, bei der alle gemeinsam zusammen auf ein Ziel hinarbeiten) nicht die Rolle von berühmten Persönlichkeiten wie Watson oder Mycroft, sondern sind allesamt namenlose Mitglieder der Baker Street Irregulars, also der von Holmes befehligten Horde von Straßenkindern unter der Führung des jungen Wiggins. Dies führt dazu, dass im Grunde beliebig viele Leute dieses Spiel spielen können. Ich würde aber zu einer Spielerzahl zwischen 3 und 5 raten, sonst leidet der Spielfluss etwas.

Die Vorgeschichte zu einem der Fälle

Der Einstieg ins Spiel ist immer gleich: Zunächst wählt man einen zu lösenden Fall. Die von mir vorgestellte Ausgabe enthält 6 theoretisch voneinander unabhängige Fälle und 4 Jack-the-Ripper-Fälle, die aufeinander aufbauen. Hat man sich für einen Fall entschieden, wird der Einstieg aus dem beiliegenden Buch vorgelesen. Der Ablauf ist hierbei immer gleich: Wir treffen uns mit Sherlock Holmes, der auch gerade über den Fall informiert wird. Anschließend trennen sich unsere Wege: Sherlock Holmes und wir versuchen beide unabhängig voneinander, den Fall zu lösen. Hier offenbart sich auch das zweite Ziel des Spiels, neben dem Lösen des Falls natürlich: Den Fall fast so schnell zu lösen wie Sherlock Holmes (Spoiler: es ist quasi unmöglich!). Hierzu werden am Ende Punkte durch das Beantworten von Fragen („Wer war der Mörder?“, „Welche Waffe verwendete er oder sie?“ etc.) errechnet und mit der Zeit, die Sherlock Holmes zur Lösung benötigte, verglichen. Die Fragen sind aber bis zum Schluss des Spiels nicht bekannt.

Ist das Intro zu Ende, wird man von dem Spiel ins kalte Wasser geworfen.
Das Spiel enthält nämlich kein Spielbrett, Würfel, Aktionskarten, Charakterbögen oder was auch immer. Das einzige, was einem zur Verfügung steht, sind eine oder mehrere Londoner Tageszeitungen, eine Karte des alten Londons und ein Adressbuch.

Auszug aus dem Adressbuch

 

Mit diesen Hilfsmitteln muss sich nun der erste anonyme Straßenjunge/das erste anonyme Straßenmädchen erschließen, welchen Ort die Gruppe aufsuchen soll. Natürlich gibt es hier Hinweise. Erfahren wir in der Einleitung zum Beispiel, dass der Körper des Opfers zur Autopsie gebracht wurde, könnte man dort anfangen. Oder womöglich wurde erwähnt, dass der Mord in einem Theater stattfand, dann lohnt es sich vielleicht, die Londoner Theater aufzusuchen. Hat man sich für einen Ort entschieden, werden aus dem beigelegten „Casebook“ die Informationen vorgelesen, die unsere Gruppe an diesem Ort erhält. Diese Informationen müssen auch in guter alter Manier auf Notizblöcken mitgeschrieben werden. Mithilfe dieses Besuchs hat man nun hoffentlich neue Informationen erhalten, die einem weitere Hinweise und Orte, die es zu besuchen gilt, aufzeigen. Dieser Vorgang wird nun solange wiederholt, bis die Gruppe sich bereit fühlt, Sherlock Holmes aufzusuchen (der den Fall natürlich längst gelöst hat) und die Lösungen zu vergleichen.

Auszug aus dem Casebook. Die Adresse 37 EC ist wohl für diesen Fall keine gute Anlaufstelle.

Klingt simpel, ist auch simpel. Aufgrund der wirklich einfachen Spielmechanik ist dieses Spiel auch perfekt für Leute geeignet, die sich nicht so wie ich an 100 Seiten Regeln und eineinhalb Stunden Erklärung erfreuen können. Spätestens nach ein, zwei Runden fühlt man sich tatsächlich wie ein Detektiv im alten London, der sich mit nichts außer seinem Verstand bewaffnet der düsteren Kriminalwelt stellen muss. Dieses Gefühl wird durch das sehr authentische Spielmaterial, die liebevolle Gestaltung der Karte und die wirklich gut geschriebenen Dialoge und Geschichtsfetzen enorm verstärkt. Hier muss aber erwähnt werden, dass das Spiel bis jetzt leider nur auf Englisch verfügbar ist.

Kleiner Auszug aus der Karte Londons

Ein weiterer Nachteil, der erwähnt werden muss, liegt in der verschachtelten Natur der Fälle. Was zunächst nach einem reinen Vorteil klingt, da es ja den Knobelfaktor erhöht, kann aufgrund der Spielmechanik vereinzelt zu Problemen führen. Das Spiel beziehungsweise das Casebook weiß natürlich nicht, auf welchem Wissensstand sich die Spieler aktuell befinden. Zusätzlich gibt es nicht, wie es etwa bei einem PC-Spiel der Fall wäre, verschiedene Dialog-Optionen. So kann es zum Beispiel passieren, dass man Mycroft im Diogenes Club aufsucht, um Informationen über Adeligen X zu erfragen, Holmes Bruder uns dann aber ausschließlich über Person Y berichtet, auf die wir in unseren Nachforschungen noch gar nicht gestoßen sind. Diese Probleme treten allerdings äußerst selten auf und sind, aufgrund der verschachtelten Fälle, meist auch kein großer Spoiler, da diese Informationen ohne Hintergrundwissen meist nutzlos sind.
Trotz dieser kleinen Krankheiten ist Consulting Detective ein wunderbares Brettspiel, das durch seine Art, Krimigeschichten zu erzählen und die Mitspieler an deren Lösung aktiv teilhaben zu lassen, brilliert. Vor allem für Leute, denen bei PC-Spielen der soziale Faktor fehlt und die lieber echtes Papier in der Hand haben, ist dieses Spiel wunderbar. Aufgrund seiner sehr simplen Mechaniken kann es auch von Brettspiel-Neulingen problemfrei gespielt werden. Die einzigen größeren Nachteile sind Logik- bzw. Abfolge-Fehler, die bei „falschem“ , also von den Entwicklern nicht vorhergesehenen, Vorgehen entstehen. Diese sind aber wie gesagt selten. Zudem möchte ich nochmal erwähnen, dass das Spiel nur auf Englisch verfügbar ist.

Name: Sherlock Holmes Consulting Detective: Jack the Ripper & West End Adventures

Entwickler: Gary Grady, Suzanne Goldberg und Jerome Ropert

Publisher: Space Cowboys

Kosten: 45 Euro

Bewertung: 8/10

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

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