Brett&Spiele #1 – T.I.M.E Stories

“He Leute! Wir haben nicht alle Zeit der Welt, Tempo, Tempo!” Eine etwas absurde erste Begrüßung, wenn man bedenkt, dass wir die neuesten Agenten der T.I.M.E-Agency, einer riesigen Zeitreise-Agentur, sind. Zumindest in der Rahmenhandlung des 2016 erschienenen Brettspiels T.I.M.E Stories von den französischen Entwicklern Space Cowboys.

Doch bevor wir unseren ersten Zeitsprung angehen dürfen, müssen wir uns erst einmal mit den Regeln vertraut machen – und die sind gar nicht so einfach. Denn T.I.M.E Stories ist nicht einfach ein klassisches Brettspiel im Sinne von Mensch ärgere Dich nicht, sondern ein Brettspiel mit starkem Rollenspielaspekt, oder noch besser: ein Rollenspiel mit Brettspielcharakter.

Gespielt wird mit 2 bis 4 Personen (wir raten zu 4), die gemeinsam versuchen (potentielle) Risse im Raum-Zeit-Gefüge zu verhindern bzw. zu beseitigen. T.I.M.E Stories ist dabei ein ausschließliche kooperatives Spiel.

Wir als “Agenten” werden dabei zu einem Punkt in der Vergangenheit geschickt, an dem ein solcher Riss (potentiell) auftaucht.

Um selbst nicht allzu viel Schaden an der Zeitlinie anzurichten, übernehmen wir dabei die Körper von Personen, die zu dieser Zeit leben. Welche Figuren wir spielen können, hängt dabei vom jeweiligen Szenario ab. Dem Grundspiel mitgeliefert ist ein Szenario in einer Irrenanstalt der 1920er Jahre, dementsprechend sind die spielbaren Figuren sehr exzentrisch. Édith Jolibois beispielsweise ernährt sich gerne vom Fleisch ihrer Feinde, Madeleine du Tilleul wird von Panikattacken heimgesucht und kann deswegen als Figur nie alleine stehen.

Innerhalb des Szenarios untersuchen wir einen Raum nach dem anderen, sprechen mit Insassen und Pflegern und lösen kleinere und größere Rätsel. Hierbei dient das Spielbrett zur Orientierung in Raum und Zeit – denn die ist begrenzt. Jede Aktion, jeder Wechsel eines Raumes verbraucht Zeit. Wenn die vorgegebene Missionsdauer abgelaufen ist, kehren wir Agenten in die T.I.M.E-Agency zurück und müssen von dort aus erneut in die Zeit springen. Dabei verlieren wir alle Gegenstände, die wir bis dahin eingesammelt haben (mit wenigen Ausnahmen) und die Reise beginnt von vorne. Das passiert so lange, bis die Mission erfolgreich ist (und je mehr Durchläufe man braucht, desto schlechter die Wertung am Ende).

Je nach Fortschritt kann der Spieleabend damit unterschiedlich lange dauern. Pro Durchlauf sind ca. 90 Minuten angesetzt. Wenn man sich dabei so dämlich anstellt wie wir, kann man damit auch acht Stunden lang beschäftigt sein. Das Spiel bietet aber eine Möglichkeit, den aktuellen Spielstand zu “speichern”, um es an einem anderen Abend weiterzuspielen.

Highlight bei T.I.M.E Stories ist dabei unter anderem die optische Gestaltung der Spielwelt: Von den futuristischen klaren Linien der T.I.M.E-Agency bis hin zu der schmutzig gemäldehaften Darstellung der Charaktere in der Irrenanstalt.

Der scheinbare Wermutstropfen bei T.I.M.E Stories ist das Verkaufsmodell. Das Grundspiel kostet 40 € und beinhaltet ein Szenario, das man allerdings nur ein einziges Mal spielen kann – da nach dem Spiel alle Rätsel bekannt sind, macht ein erneuter Spieldurchlauf weder Sinn noch Spaß. Jedes weitere Szenario kostet 25 €. Dafür beinhaltet jedes Szenario komplett neue Spielmechaniken und ein neues Genre, wie ein Fantasy-Setting (Die Drachenprophezeiung) oder einen Trip ins alte Ägypten (Hinter der Maske).

Als Rollenspiel versagt T.I.M.E Stories – es bietet bei weitem nicht die Freiheit und Spieltiefe vollwertiger Rollenspielsysteme wie Dungeons and Dragons oder Das schwarze Auge – und für ein einfaches Brettspiel ist es zu komplex und einsteigerunfreundlich.

Akzeptiert man T.I.M.E Stories aber als eigene Kategorie, so verbringt man einen oder mehrere spannende und abwechslungsreiche Abende in liebevoll gestalteten Welten.
Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass es als “Kennerspiel des Jahres 2016” nominiert war.
Rollenspieler müssen sich etwas einschränken und Brettspieler dazu bereit sein, sich in die durchaus komplexen Regeln einzuarbeiten – durch die man allerdings gut und schrittweise geführt wird.

Alles in allem ist T.I.M.E Stories uneingeschränkt jedem zu empfehlen, der Spaß an einem Spiel hat, bei dem die Geschichte im Vordergrund steht.

 

Die harten Fakten:
Name: T.I.M.E Stories
Entwickler: Space Cowboys
Preis: Grundspiel 39,99 Euro; Weitere Szenarien ca. 25 Euro

Bewertung: 9/10

 

Sebastian Ruppert

Sebastian Ruppert, Jahrgang 1988, macht viel Kultur und studiert nebenbei irgendwas mit Lehramt. Aktiv ist er als Musiker, Regisseur, Schauspieler und Bühnentechniker. Ob Musik, Theater, Filme, Bücher oder Videospiele - er interessiert sich für alle Abgründe und Höhepunkte der (Pop-)Kultur.

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