Brett&Spiele #2 – Eldritch Horror

Azathoth, Cthulhu, Shub-Niggurath und Yog-Sothoth … Was ein wenig klingt wie die Auswahl in der Bettenabteilung eines schwedischen Möbelhauses sind in Wahrheit uralte, böse Wesen, die unsere Welt bedrohen. Zumindest im 2014 erschienenen Fantasy-Brettspiel Eldritch Horror von Corey Konieczka und Nikki Valens.

Aufmerksame KultLaute-Leser und/oder Genießer von Horrorliteratur allerdings könnten von den übelgelaunten Herrschaften bereits gehört haben. Eldritch Horror basiert nämlich auf den Mythosgeschichten des Horror-Autors H. P. Lovecraft. Für alle, die bisher nicht in den Genuss der Welt von Lovecraft kamen, hier die Ultrakurzzusammenfassung: Die großen Alten sind mächtige Wesen außerirdischer Herkunft, deren Kontakte mit der Menschheit meist entweder mit Wahnsinn oder Tentakeln einhergehen (beides nicht in der Packung enthalten). Eine große Rolle spielen dabei für gewöhnlich alte Schriften, okkulte Rituale oder Geheimgesellschaften. Eine unbedeutende Rolle hingegen die Menschen, die den Sternenwesen einfach nicht gewachsen sind.

Das für Lovecraft typische Gefühl des langsamen Abgleitens in den Wahnsinn kann das Spiel bereits vor Spielbeginn wunderbar erzeugen. Über 300 Karten, mehr als 200 Spielmarker, 12 auswählbare Charaktere (mit dazugehörigen Sonderfähigkeiten), ein überdimensionales Spielbrett, ein „Lexikon“ zum schnellen Nachschlagen der Spielregeln während des Spiels und ein (überraschend dünnes) Regelheft sorgen erstmal für die nötige Überforderung und Verzweiflung beim ersten Spielanlauf.

Kennt man niemanden, der das Spiel schon einmal gespielt hat (nicht in der Packung enthalten), so kann der Aufbau des Spielfeldes beim ersten Mal auch gut bis zu einer Stunde in Anspruch nehmen. Diverse Plättchen in der Größe einer 5-Cent-Münze wollen sortiert, gemischt, beiseitegelegt oder in undurchsichtige Behälter (nicht in der Packung enthalten) gesteckt werden, um sie bei Bedarf blind ziehen zu können. Außerdem gibt es diverse Karten mit verschiedensten Rückseiten, die – je nachdem für welches uralte Böse man sich als Gegner entscheidet – auch mal in der Schachtel bleiben können. Meist endet man aber mit mehr als 10 verschiedenen Stapeln an Karten in unterschiedlichen Größen.

Nachdem der Tisch (nicht in der Packung enthalten) ausgezogen ist, jeder der 1 bis 8 möglichen Spieler sich einen Charakter auserkoren hat, und das Spielmaterial vorbereitet ist, entfaltet Eldritch Horror erst seinen wahren Reiz. Man schlüpft in die Rolle eines sogenannten „Ermittlers“, der irgendwie dahintergekommen ist, dass der Welt Übles droht und nun versucht zu retten, was zu retten ist. Für jeden Charakter bekommen wir dabei einen (gar nicht mal so kurzen) Begleittext, der uns seine Hintergrundgeschichte und Motivation erläutert. Außerdem erhalten wir erste Ausrüstungsgegenstände, die mit dieser Geschichte verwoben sind. Wählen wir zum Beispiel den markigen Matrosen Silas Marsh, so erfahren wir zunächst etwas über seine Jugend in Innsmouth, seine Liebe zum Meer und wo wir ihn auf der Weltkarte, die als Spielbrett dient, starten lassen dürfen. Außerdem erhalten wir die Unterstützungkarte „Fischernetz“, die uns später im Kampf hilft und die Stärke aller Monster, die uns begegnen, verringert.

Das Spiel selbst gliedert sich dann in drei unterschiedliche Phasen. In der „Aktionsphase“ dürfen die Helden über die Karte reisen, sich ausruhen, um Lebenspunkte und geistige Gesundheit zu regenerieren, miteinander handeln oder Gegenstände und andere Unterstützungen kaufen. Dabei spielen die Eigenschaften der spielbaren Charaktere eine Rolle. Möchte man sich weitere Ausrüstung kaufen, so bestimmt der „Einfluss“-Wert unseres Charakters, wie viele Würfel wir werfen dürfen. Die Anzahl der Fünfen und Sechsen entspricht dann dem Wert der Gegenstände, die wir uns holen dürfen. Das oben genannte Fischernetz würde dann beispielsweise zwei Erfolge im Würfeln erfordern.

Weitere Werte wie Stärke, Wissen, Willenskraft und Wahrnehmung spielen in der Begegnungsphase eine Rolle. Hierbei erhält jeder Spieler reihum eine Karte mit einer kleinen Geschichte und einer Aufgabe, die er mit einem Wurf auf einen oder zwei seiner Werte lösen muss. Hat er mindestens einen Erfolg (sprich: eine Fünf oder Sechs), so gilt der Wurf als Erfolg und er hat die Begegnung abgeschlossen. Als Resultat hat er dann entweder ein Monster besiegt, erhält weitere Zauber- oder Unterstützungskarten oder schließt eines der unzähligen Portale, durch die neue Monster (in der Packung enthalten!) auf der Karte erscheinen und den Spielern den Tag versauen.

In der letzten Phase, der sogenannten Mythosphase, sind die Spieler dann dem Wirken der großen Alten ausgeliefert. Hier können neue Portale und/oder Monster erscheinen, Hinweise auf die Karte gelegt werden, die bei der Bekämpfung der Übel dienlich sind, und neue Spielmechaniken eintreten. Besonders nett ist der mögliche „Rache“-Effekt. Tritt dieser ein, so müssen alle Karten oder Monster, die ein entsprechendes Symbol aufweisen, aktiviert werden. Hat man vorher Schulden aufgenommen, um sich eine bestimmte Unterstützungskarte zu kaufen, obwohl man nicht genug Erfolge gewürfelt hat, so kann es sein, dass jetzt Schuldeneintreiber kommen und einem die Beine brechen (und das ist noch ein harmloserer Fall).

Ziel des Spiels ist es, kooperativ drei Mysterien zu lösen, die – je nachdem welchen Alten man sich als Gegner erwählt hat – von „besiege dieses extrem starke Monster!“ über „sammle genügend Hinweise!“ bis hin zu „löse vier von diesen besonders komplizierten Sonderbegegnungen!“ reichen können. Das Spiel skaliert dabei für gewöhnlich den Schwierigkeitsgrad je nach Anzahl der Spieler. Während man mit vier Spielern zum Beispiel vier Hinweise sammeln muss, genügt im Alleingang dann schon ein einzelner Hinweis.

Allerdings sollte man sich vorher überlegen, mit wie vielen Ermittlern man sich gemeinsam gegen den außerirdischen Kegelverein stellt. Spielt man alleine, so entfaltet das Spiel nicht sein volles Potential an gemeinsamer Planung und gemeinsamen Scheitern, zieht man zu acht los, so kann es zu sehr langen Wartephasen kommen. Bei meinem ersten Testspiel mit fünf Anfängern und einer halbwegs erfahrenen Spielerin dauerte es teilweise bis zu 45 Minuten, bis ich wieder dran war (um dann in 14 Sekunden meinen kompletten Zug zu spielen). Allerdings war das wohl ein absoluter Extremfall und bessert sich mit zunehmender Erfahrung.

Und von Erfahrung profitiert Eldritch Horror ungemein. Hat man sich erstmal eingespielt, vergeht die Zeit wie im Fluge. Die Stunden (in den Testspielen bis zu fünf) verbringt man mit dem leidenschaftlichen Planen der nächsten Spielrunde und den ebenso leidenschaftlichen Wutausbrüchen, weil in der Mythosphase alles wieder zunichtegemacht wurde. Der Spielaufbau geht von Mal zu Mal schneller und einfacher von der Hand und wenn man dem großen Alten dann zum ersten Mal die Suppe so richtig versalzt, ist die Euphorie alle Mühe wert gewesen (zumindest hoffe ich, dass es so ist, wenn wir irgendwann endlich aus Cthulhu Fischsuppe machen …)

Eldritch Horror ist ein Spiel für Genießer und Gruppen, die häufiger in der gleichen oder ähnlichen Konstellation miteinander spielen. Der Wiederspielwert ist durch den angenehm hohen Schwierigkeitsgrad, die verschiedenen Charaktere und die unterschiedlichen Widersacher enorm hoch und nach einigen Runden, die man zum Einspielen braucht, gibt es kaum ein Spiel, das mehr Koop-Spaß bietet als Eldritch Horror. Und wem das alles nicht reicht, der bekommt mit den diversen kleinen und großen Erweiterungen zum Spiel nochmal mehr Gegenstände, mehr große Alte, mehr Regeln und mehr Begegnungen. Einfach mehr von allem. Und wenn sie nicht wahnsinnig geworden sind, dann sortieren sie noch heute …

 

Die harten Fakten:
Name: Eldritch Horror
Entwickler: Corey Konieczka und Nikki Valens
Preis: ca. 50 Euro für das Grundspiel; 25 Euro für „kleine“ Erweiterungen, 45 Euro für „große“ Erweiterungen

Bewertung: 8/10

 

Sebastian Ruppert

Sebastian Ruppert, Jahrgang 1988, macht viel Kultur und studiert nebenbei irgendwas mit Lehramt. Aktiv ist er als Musiker, Regisseur, Schauspieler und Bühnentechniker. Ob Musik, Theater, Filme, Bücher oder Videospiele - er interessiert sich für alle Abgründe und Höhepunkte der (Pop-)Kultur.

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1 Antwort

  1. 15. März 2017

    […] Mit einem Klick reist ihr direkt und ohne Zwischenstopp in die finstere Horrorwelt! Aber keine Sorge: Reiseleiter Sebastian gibt schon auf euch Acht ;). […]

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