Der Schneesturm – Eine Weihnachtsgeschichte

Im Wald herrschte Kälte. Eine angenehme, frische Kälte, die ihn in eine helle Klarheit hüllte. Der Schnee reflektierte das Sonnenlicht, das durch die gefrorenen Nadeln der Bäume schien und der ganze Wald erstrahlte.

Der Schal um Hannas Hals war verrutscht und ihre Handschuhe längst durchnässt. Doch Hanna fror nicht. Wer an einem Ort wohnte, an dem der Winter immer verweilte, gewöhnte sich schnell an die Kälte. In einer Woche war Weihnachten und in Hannas Dorf waren die Weihnachtsvorbereitungen in vollem Gange. Hanna genoss die Stille hier draußen. Ein Rotkehlchen ließ sich auf einem dürren Ast in ihrer Nähe nieder und das Geräusch, das der vom Ast fallende Schnee auf dem Boden verursachte, tönte beinahe schon unheimlich laut.

Wie friedlich es ist, dachte Hanna, und noch während sie das dachte, erbebte die Erde und die Bäume schwankten bedenklich hin und her. Von einer Sekunde auf die andere tobte ein Sturm mit entfesselter Wucht. Er riss Hanna von den Füßen und sie schaffte es geradeso, sich am Arm einer kleinen Tanne festzukrallen. Schneeflocken stoben kreuz und quer um sie herum, als fiele es ihnen schwer, sich zu entscheiden, in welche Richtung sie fallen sollten. Das Rotkehlchen fiepte entsetzt, doch Hanna konnte ihm im Moment nicht helfen. Sie musste sich festhalten, um nicht selbst durch die Luft geschleudert zu werden. Ein paar Meter von ihr entfernt riss der Sturm einen Baum samt Wurzel aus dem Boden. Er wurde knapp an ihr vorbeigeschleudert und ein kleiner Ast streifte unsanft ihr Gesicht. Hanna schloss die Augen und klammerte sich noch fester an die schmächtige Tanne, die sich robust gegen den Sturm wehrte.

Und dann verebbte der Sturm. Als wäre er nie dagewesen. Hanna öffnete vorsichtig die Augen wieder. Der Wind stand still und ein paar vereinzelte weiße Flocken tanzten sanft und unschuldig zu Boden. Einzig und allein die herumliegenden Äste und Tannennadeln bezeugten, dass ein Sturm gewütet hatte. Hanna holte tief Luft und erst da wurde ihr bewusst, dass sie sie angehalten hatte. In der Nähe konnte sie ein gedämpftes Fiepen hören und im nächsten Moment hatte sich das kleine Rotkehlchen aus einem Schneehaufen befreit und schüttelte wütend zwitschernd den Schnee ab.

Mit noch ein klein wenig zitternden Knien hastete Hanna nach Hause. Die Lust auf einen Winterspaziergang war ihr gründlich vergangen. Sie musste sehen, ob es im Dorf allen gutging. Atemlos rannte sie aus dem Wald und den kleinen Hügel hinauf, bis sie die ersten roten Dächer des Dorfes sehen konnte. Auch hier hatte der Sturm gewütet, kleinere Äste lagen auf dem Weg, aber der große Tannenbaum in der Mitte des Dorfes hatte dem Sturm widerstanden, keines der Häuser schien beschädigt und keiner der Bewohner verletzt zu sein.

 Zuhause angekommen erwartete sie ein ganz anderer Sturm.
„Wo bist du gewesen?“ Wenn sich ihre Mutter wegen irgendetwas beunruhigte, sie wütend oder besorgt war, dann konnte Hanna das an ihrer Stimme erkennen, sie wurde dann immer etwas lauter. Im Moment schrie Hannas Mutter fast.
„Ich war nur kurz draußen.“
„Ich habe dich nicht gesehen. Du weißt, dass du bei einem Schneesturm nicht draußen sein darfst, du …“ Das Auge ihrer Mutter fiel auf Hannas Gesicht.
Erst jetzt spürte Hanna das Brennen auf ihrer Wange, wo der Ast sie gestreift hatte. „Du warst im Wald“, sagte Hannas Mutter schlicht. Und klang dabei beängstigend ruhig. Hanna schaute zu Boden.
„Geh zu Maja und lass dich verarzten“, sagte ihre Mutter streng.
„Aber es ist doch nur ein Kratzer“, wehrte Hanna ab. Als sie den Blick ihrer Mutter sah, verließ sie schnell die kleine Hütte. Wenn ihre Mutter diesen Blick hatte, sollte man lieber tun, was sie sagte.

„Na Kind, was hast du wieder angestellt?“, fragte Maja gutmütig, als Hanna ihre kleine Hütte am Rande des Dorfes betrat. Maja war die Dorfälteste und damit diejenige, zu der die Menschen gingen, wenn sie einen Rat brauchten oder eine Kräutertinktur für einen kleinen Kratzer. Die Anzahl der Runzeln im Gesicht der weißhaarigen Frau entsprachen ihrem Alter – zumindest behauptete Hannas Mutter das immer. Im Hintergrund sah sie Tina und Ursula an einem kleinen Tischchen sitzen. Die drei Freundinnen hatten gerade eine Partie Karten gespielt, als Hanna sie unterbrochen hatte, und wenn Hanna sich nicht irrte, versuchte Tina gerade, eine Flasche Cognac vom Tisch verschwinden zu lassen.
Maja nahm Hannas Arm und bugsierte sie auf einen kleinen Holzschemel, während sie in einem Schränkchen nach der passenden Tinktur suchte.
„Warst wieder im Wald, hm?“, fragte Maja wie beiläufig. Hanna errötete schuldbewusst.
„Ist gefährlich, im Wald“, sagte Maja und warf Hanna einen prüfenden Blick zu.
„Es ist so still und friedlich dort, ich kann mir nicht vorstellen, dass es im Wald etwas Gefährliches gibt“, erwiderte Hanna ein wenig trotzig. Sie hasste es, dass die Erwachsenen sie immer bevormundeten.
„Nicht im Wald, dahinter“, sagte Ursula leise und Tina gab ihr einen Stoß mit dem Ellbogen. Hanna horchte auf.
„Was ist denn hinter dem Wald?“, fragte sie neugierig und Maja tupfte ihr mit einem getränkten Wattebausch so unsanft auf die Wange, dass sie aufschrie.
„Nichts ist dort“, sagte Maja und schaute Ursula vorwurfsvoll an.
„Natürlich ist etwas dort. Ihr wisst genau, dass dort etwas ist.“ Ursulas Augen waren glasig und ehe Tina sie durch einen erneuten Ellbogenstoß davon abhalten konnte, flüsterte sie Hanna vertraulich zu: „Dort ist das Ende der Welt und dahinter sind die Riesen, die die Schneestürme schicken.“ Tinas Stoß ließ Ursula beinahe von ihrem Hocker torkeln. Ursula rieb sich beleidigt die Seite und schwieg.
„Rede dem Kind keinen Unsinn ein, du hast zu viel getrunken“, sagte Maja scharf und Hanna erkannte, dass es keinen Sinn hatte, weiterzufragen.
„Danke für die Tinktur“, sagte sie artig.
„Gerne, mein Kind. Und vergiss, was Ursula gesagt hat. Sie wird alt und senil.“ Hanna nickte verständnisvoll und glaubte Maja kein Wort.

Als sie zu Hause ankam, gab es bereits Abendessen. Es verlief schweigend. Irgendwann hielt Hanna es nicht mehr aus.
„Was ist eigentlich hinter dem Wald?“, fragte sie. Ihre Mutter schaute sie erstaunt an. „Nichts, das weißt du doch. Warum fragst du?“
„Ursula sagt, hinter dem Wald kommt das Ende der Welt und dahinter leben die Riesen, die die Schneestürme schicken.“
„Ursula ist eine senile alte Frau“, erwiderte ihre Mutter nur. Genau das hatte Maja auch gesagt. Und doch hatte ihre Mutter gezögert, als wäre etwas dran an Ursulas Worten.
„Was, wenn es stimmt? Was wenn die Riesen wirklich die Schneestürme schicken und wir …“
„Du wirst nicht mehr in den Wald gehen und Ende!“, rief ihre Mutter harsch und das Gespräch war beendet. Wütend stocherte Hanna in ihrem Essen, ohne noch etwas zu sagen.

In der Nacht lag sie lange wach und dachte über Ursulas Worte nach. Seit Jahren kamen die Schneestürme und gingen genauso schnell wieder vorbei. Nie gab es vorher Anzeichen, sie kamen aus dem Nichts und hinterließen Dachschäden und wütende Dorfbewohner. Was, wenn es hinter dem Wald tatsächlich Riesen gab? Was, wenn man sie dazu bringen konnte, mit den Stürmen aufzuhören? Noch ehe ihr das richtig bewusst war, hatte Hanna den Entschluss gefasst, die Riesen zu suchen, und mit dieser Entscheidung schlief sie zufrieden ein.

„Ich treffe mich mit den anderen Kindern im Dorf. Wir wollen heute Schneemänner bauen“, erklärte Hanna ihrer Mutter am nächsten Morgen. Nach vielem hin und her hatte sie sich für diese Ausrede entschieden.
„Aber geh nicht in den Wald“, ermahnte ihre Mutter sie noch einmal.
„Natürlich nicht.“ Hanna brachte sogar ein kleines zuversichtliches Lächeln zustande und ihre Mutter nickte zufrieden. Als sie sich außer Sichtweite der Hütte befand, ging Hanna in den Wald. Sie würde einfach geradeaus gehen, so lange, bis sie einen Riesen sah, das war ihr Plan. Die Luft war angenehm und die Stille friedlich.

Die Stunden vergingen und noch immer nahm der Wald kein Ende. Die Kälte drang inzwischen durch Jacke und Schal und die Stille im Wald, die nur hin und wieder von Tiergeräuschen und einem leichten Windhauch unterbrochen wurde, hatte etwas Bedrückendes. Auf einmal vermisste sie das laute Treiben ihres Dorfes.

Und dann hörte der Wald auf, ganz abrupt. Vor ihr lag nur Schnee. Hanna ging weiter. Das Knirschen des Schnees unter ihren Schuhen klang laut. Und dann lief sie gegen eine Wand. Eine unsichtbare Wand, die sich vor ihr erstreckte. Hanna begann sie mit ihren Händen abzutasten. Die Wand ging bis zu ihren Füßen und war höher als sie selbst. Sie machte ein paar Schritte nach links und ein paar Schritte nach rechts, aber die Wand schien kein Ende zu nehmen. Das musste das Ende der Welt sein, wie Ursula gesagt hatte.

Hanna presste ihr Gesicht ganz nah an die Wand, um zu erkennen, was dahinterlag. Und dann sah sie ihn. Den Riesen. Er war noch größer, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Als Ursula von Riesen sprach, hatte Hanna große hässliche Monster erwartet, aber der Riese vor ihr sah im Grunde nicht viel anders aus als sie selbst. Nur dass er ein Junge und um ein vielfaches größer als sie selbst war. Der Riese schaute nicht zu ihr, hatte den Kopf leicht abgewandt. Er saß auf einem Riesenstuhl an einem Riesentisch und schien etwas zu schreiben. Hanna musste ihn auf sich aufmerksam machen.
„He! Hallo! Du da!“, rief sie und hämmerte mit ihren Händen gegen die Wand. Der Riese reagierte nicht. Sie schrie immer lauter und ihre Schläge auf die Wand wurden heftiger, bis sie Angst hatte, sie könnte einen Riss hineinschlagen. Und dann, als Hanna schon aufgeben wollte, schaute der Riese hoch. Er schaute nicht zu ihr, aber irgendetwas schien er zu bemerken. Die braunen Augen unter den kurzen braunen Haaren wirkten verwirrt.
„Hallo! Hier drüben!“, rief Hanna wieder und tatsächlich, der Riese schaute in ihre Richtung. Dann stand er langsam auf und kam auf sie zu. Hanna winkte. Der Riese rieb sich mit einer Hand über die Augen, während er näherkam. Hanna legte ihren Kopf in den Nacken und konnte nur mühsam seinen Kopf erkennen.
Sein riesiges Gesicht näherte sich der Wand.
„Äh, hallo?“, fragte das Gesicht und seine Stimme war so laut, dass Hanna sich die Ohren zuhalten musste, so sehr dröhnte sie.
„Oh, entschuldige!“, flüsterte der Riese und sein Flüstern hatte eine für Hanna angenehme Lautstärke.
„Hallo!“, rief sie und der Riese musste sein Ohr gegen die Wand pressen, um sie zu verstehen. Hanna konnte bis tief in den dunklen Gehörgang des Riesenohrs schauen.


„Ich bin Hanna!“, rief sie.
„Ich bin Michael“, flüsterte der Riese.
„Hör zu“, schrie Hanna „ich wohne in einem Dorf hinter dem Wald und dort herrschen immer furchtbare Schneestürme. Eine aus dem Dorf meint, dass ihr Riesen, ich meine …“, Hanna wusste nicht recht, wie sie ihr Anliegen formulieren sollte, ohne den Riesen zu beleidigen. Dieser sah sie einen Moment lang nachdenklich an, dann schien er sie zu verstehen.
„Oh, die Schneestürme. Ja, tut mir leid, das war wohl ich“, flüsterte er und wurde vor Verlegenheit rot. „Entschuldige, ich wusste ja nicht, nun ja, ich wusste ja nicht, dass das dein Dorf ist“, stammelte er, was ein bisschen süß war.
„Schon gut!“, rief Hanna und lächelte den netten Riesen an und Michael lächelte zurück.
„Aber du musst mir versprechen, dass du nie wieder einen Schneesturm machst!“, rief sie. Michael legte die Hand wie zum Schwur auf sein Herz und nickte eifrig.
„Ja, nun … deswegen bin ich gekommen“, Hanna räusperte sich etwas unschlüssig. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Unterredung mit dem Riesen so problemlos verlaufen würde. „Dann werde ich mich mal wieder auf den Heimweg machen.“ Mit diesen Worten wandte sie sich ab.
„Hanna?“
„Ja?“
„War nett, dich kennenzulernen“, flüsterte der Riese schüchtern.
„Ja, war auch nett, dich kennenzulernen“, grinste Hanna. Riesengroße weiße Zähne grinsten zurück. Sie winkte Michael noch einmal zu und machte sich auf den Heimweg.

Es dunkelte längst, als Hanna das Dorf erreichte. Als sie die Tür zu ihrem Haus öffnete, stürzte ihre Mutter mit tränenverschmiertem Gesicht auf sie zu und vergaß vor lauter Sorge mit ihr zu schimpfen. Hanna erzählte ihr alles und in Windeseile verbreitete sich die Nachricht im Dorf, dass Hanna bei den Riesen gewesen war und sie dazu überredet hatte, keine Schneestürme mehr zu schicken.

Und in der Tat, in der Woche darauf gab es keinen einzigen Sturm, nicht die kleinste Schneeflocke ließ sich sehen. Und dann war endlich Heiligabend. Den ganzen Tag lang hatte das Dorf damit verbracht, den großen Tannenbaum mit Kerzen und Strohsternen zu schmücken.
Die Lichter am Baum strahlten wie kleine bunte Sterne und auf einmal fing der Boden an zu schaukeln, nur ganz leicht, nur ganz sanft. Es schneite. Verspielte Schneeflocken fielen auf den Weihnachtsbaum und hüllten ihn in geheimnisvolles Weiß und von irgendwoher hörte Hanna eine Stimme flüstern: „Frohe Weihnachten, Hanna!“

Text: Julia Jung
Illustrationen: Margaretha Obermayr

Hier geht’s zur Weihnachtsgeschichte vom letzten Jahr.

Julia Jung

Julia Jung

Juju ist 25 Jahre alt und studiert den Master Text- und Kultursemiotik in Passau. Ihre Leidenschaft zum Schreiben hat sie schon im Kindesalter entdeckt. Das Einzige, was ihr mehr Spaß macht als Texte zu schreiben, ist sie auf Bühnen selbst vorzutragen.

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