KinoLaute: Ready Player One Vol. 2 (Die Buchkenner-Version)

Ready Player One (Buch: Ernest Cline, Film: Steven Spielberg) ist wohl das Franchise, mit dem wir uns auf KultLaute – wenn man einmal von Marvel-Filmen  absieht – bisher am ausführlichsten auseinandergesetzt haben: Im Jahr 2044 (im Film 2045) macht sich der junge Wade Watts in der OASIS – einer  enormen virtuellen Realität – auf die Jagd nach einem Easter Egg. Dem Finder dieses Objekts, das James Halliday, der Entwickler der OASIS, extrem gut versteckt hat, winkt nicht nur die absolute Herrschaft über das System, sondern vor allem Hallidays enormes Vermögen. Das bedeuet noch mehr, wenn man weiß, dass die reale Welt mittlerweile durch Hunger, Krieg und Umweltkatastrophen vor die Hunde geht und die OASIS der Zufluchtsort für den Großteil der Menschheit ist. Dabei muss sich Wade – zusammen mit den anderen Jägern – gegen den ultra-skrupellosen IOI-Konzern durchsetzen, der das Easter Egg ebenfalls um jeden Preis in die Finger bekommen will, um die Herrschaft über die OASIS an sich zu reißen und in ein reines Pay-to-Win-System zu verwandeln.
Basti, Sven und ich (Jakob) haben uns in einem Buchclub bereits ausführlich mit den Stärken und Schwächen des Buches auseinandergesetzt. Letzte Woche haben Andi, Juju und Sandra, die das Buch nicht gelesen haben, ihre Meinung zur Verfilmung kundgetan. Basti und ich sind zu dem Schluss gekommen, dass wir diesmal mehr zu sagen haben, als in ein normales „KinoLaute“ passt: also hier die (absolut verspoilerte) Meinung der Buchkenner zu Steven Spielbergs Version von Ready Player One. Nochmal: Spoilerwarnung!

 

Jakob (2 von 10 Punkten)

Ich bin mit einigen Erwartungen in Ready Player One gegangen, habe mir – zusätzlich zum 3D-Aufschlag – auch einen dieser extrateuren Spezialsitze gegönnt, die dich – passend zum Filmgeschehen – durchschütteln und …wurde mit einer der größten Kinoenttäuschungen der letzten Jahre konfrontiert. Wie im Buchclub hoffentlich herausgekommen ist, liebe ich dieses Buch, trotz – vielleicht eher auch gerade wegen – all seiner Schwächen und seines Trash-Charakters. Es ist eine ungeheuer spaßige Sache, ein extrem spannender Page-Turner und geht zudem noch erstaunlich liebevoll und einfühlsam mit den Charakteren um. Gerade weil ich den Roman so schätze, war Spielbergs Film ein Schlag in die Magengrube für mich und gerade deswegen folgt hier die vielleicht emotionalste Kritik, die ich bisher für KultLaute verfasst habe.  

Ich will vernünftig sein und versuchen Spielberg, der ja nun wirklich kein schlechter Regisseur ist, ein Zugeständnis zu machen: Es ist nicht leicht, diesen Roman zu verfilmen, falls es das überhaupt jemals bei Literaturverfilmungen ist. Ich war sicherlich nicht der einzige, der sich im Vorfeld gefragt hat, wie man eine endlos lange Partie Pack-Man oder Joust packend umsetzen möchte. Ich wusste auch nicht, wie einfach es ist, an die Rechte für Film-Klassiker wie Ritter der Kokosnuß oder auch den ganzen Rest Ernest Clines endloser popkultureller Referenzen zu kommen. Es gibt viele Dinge, die in der Romanvorlage eben nur funktionieren, weil es ein Roman ist. Aber ich bin mir sicher, es hätte Mittel und Wege gegeben, die Authentizität der Vorlage filmisch einzufangen – da gibt es wesentlich komplexere literarische Werke, die absolut gelungen verfilmt wurden. Es muss bei Literaturverfilmungen ja nicht einmal zwingend darum gehen, die Geschichte Schritt für Schritt nachzuerzählen. Ich möchte sogar so weit gehen und sagen, dass das der falsche Ansatz ist: Guten Literaturverfilmungen gelingt es, die Stimmung und Atmosphäre und im besten Fall auch die tieferen Gedanken oder philosophischen Ansätze der Vorlage (soweit vorhanden) einzufangen. So ist z. B. James Whales Bride of Frankenstein (1931) die beste Frankenstein-Verfilmung, die ich je gesehen habe, obwohl sie sich meilenweit von der Romanvorlage entfernt.
Dass das Ready Player One nicht einmal ansatzweise gelingt, hängt sicherlich auch mit dem Regisseur zusammen. Hier wäre ein jüngerer Regisseur aus Ernest Clines Generation wohl die bessere Wahl gewesen, als der Altmeister, der allgemein eher auf Emotionen und große Bilder als auf Detailverliebtheit und Charme setzt. Spielberg hat sich weit mehr als einmal als toller Regisseur erwiesen, aber eben nicht für Filme wie diesen.

Um nach dieser überlangen Vorrede nun aber mal zum Eigentlichen zu kommen: Was stört mich konkret an diesem Film?

Das wichtigste Element der Vorlage – noch wichtiger als die eigentliche Handlung – ist die Fülle an Anspielungen auf die Popkultur der 80er-Jahre. Es hätte mich auch nicht gestört, wenn Spielberg sich statt den 80er-Jahren eher ein wenig der Neuzeit zugewendet hätte, um den Film für das aktuelle Publikum zugänglicher zu machen – auch wenn das natürlich einiges verkompliziert. Anspielungen sind allerdings etwas anderes, als einfach einen derartige Menge an Figuren aus diversen Filmen und Computerspielen auf die Leinwand zu knallen, dass man kaum noch weiß, wohin man schauen soll. Das ist nur bis zu einem bestimmten Punkt nett, danach wird es einfach zum Overkill. Während die Anspielungen im Roman ein zwar sehr, sehr reichhaltiges, aber einfallsreiches Menü sind, nachdem man pappsatt, aber glücklich ist, setzt uns Spielberg ein All-You-Can-Eat im Heart-Attack-Grill vor. Bei den ersten paar Bissen denkt man sich: „Verdammt, ist das lecker“, aber schon zehn Minuten später beginnt es weh zu tun. Der Charme der Vorlage geht hier vollkommen verloren.

Vergleicht man die Romanhandlung mit einem Haus, so reißt der Film das komplette Innenleben heraus und ersetzt es durch ein modernes, minimalistisches und uncharmantes Design, wie man es aus Tausenden Häusern kennt. Was bleibt ist die Jagd nach James Hallidays Easteregg. Wo sich Ernest Cline jedoch witzige Quests ausdachte, in denen die Jäger D&D-Dungeons durchqueren, Hallidays Lieblingsfilme nachspielen und Arcade-Games meistern müssen, platziert Spielberg leinwandwirksame Verfolgungsjagden und weitere Bausteine aus der Kiste der bewährten Actionfilm-Oberflächlichkeiten.

Hinzu kommt, dass die düster-dystopische Stimmung und die Gesellschaftskritik der Vorlage vollkommen abgefeilt werden: Wade lebt zwar noch in einem Trailer, dieser ist allerdings größer als so manche Studentenbude, in der mehr Leute leben. Der Trailerpark ist zwar chaotisch und ein bisschen abgefuckt, aber irgendwie auch farbenfroh und cool. Das hat nichts mit dem meth- und gewalttriefenden Moloch aus dem Roman zu tun, zu dessen Boden keine Sonnenstrahlen dringen und in dem man hinter jeder Ecke von einem verzweifelten Junkie abgestochen werden kann, der deine Organe verkaufen möchte. Auch IOI ist zwar ein skrupelloser Großkonzern, scheint aber letztlich einer – nach wie vor vorhandenen – Gerichtsbarkeit zu unterliegen, die es im Roman eben kaum noch gibt. Und ja natürlich: Der (vollkommen eindimensionale) Bösewicht kommt am Ende des Films hinter Gitter. Von diversen weiteren Ungereimtheiten möchte ich erst gar nicht anfangen.

Mit all dem hätte ich vielleicht noch irgendwie leben können, was mich nun aber besonders stört, ist der Umgang des Films mit den Charakteren. Wade Watts, der picklige übergewichtige Underdog, der unter notorischem Geldmangel leidet, wird zu einem jungen Mann, der keine übermäßigen Schwierigkeiten damit hat, Kohle zu verdienen und den man nun wirklich nur nach Hollywood-Standards als nicht ganz so hübsch bezeichnen kann. Seine Mitstreiter Daito und Shoto werden zu – ebenfalls durchaus gutaussehenden – Figuren, die nur über rudimentärste Charakterzüge verfügen und aus irgendeinem Grund nicht in Japan, sondern in den USA leben, damit man die Handlung straffen kann.
Was nun aber wirklich eine Ohrfeige ins Gesicht des Lesers ist, ist die Darstellung von Aech und Art3mis: Aech, eine junge, homosexuelle Afroamerikanerin, nimmt im Buch die Gestalt eines weißen, muskulösen Mannes an, da sie weiß, dass sie es auf diese Weise leichter haben wird. Sie ist ein zwar witziger und sympathischer, aber auch durchaus ein mehrdimensionaler und nie lächerlicher Charakter, an dessen Beispiel die Rassismus-Thematik glaubhaft verhandelt wird. In Spielbergs Werk wird sie zur witzigen, leicht dümmlichen Schwarzen, ein Klischee, das man aus unzähligen Vorlagen kennt. Im Spiel hat sie die Gestalt eines Ogers oder Orks … und da zieht sie hin, die Rassismus-Kritik.
Art3mis, ist im Roman eine ganz besondere Gestalt: eine junge Frau, die sich von allen anderen weiblichen Charakteren in der OASIS dadurch abhebt, dass sie eben keine perfekte Wespentaille und übergroße Brüste, sondern eine – wortwörtliche – „Rubensfigur“ und enorme Komplexe wegen eines großen Feuermals im Gesicht hat. Im Film handelt es sich bei Art3mis um eine Figur, die (vor allem im Spiel) genau den unrealistischen Standards entspricht, die im Roman bewusst zurückgewiesen werden. Bei der realen Art3emis (Olivia Cooke) musste man sich dann doch sehr bemühen, sie dann nicht ganz so gut aussehen zu lassen. Ach ja, und das Feuermal sieht man in den meisten Lichteinstellungen kaum.
Ich möchte nicht behaupten, dass Ready Player One ein Charakterroman ist, der unvergleichliche Figuren schafft. Aber dennoch gelingt es Cline nachvollziehbare und liebenswerte Charaktere mit hohem Identifikationspotential zu schaffen und sich aktiv und äußerst glaubhaft gegen rassistische und sexistische Stereotype einzusetzen. Der gute Spielberg springt nun voll auf den Stereotypen-Zug auf und schafft einen Film, der zwar nicht explizit rassistisch und sexistisch ist, aber dementsprechende Klischees durchaus zementiert.

Das einzige, was man dem Film zugutehalten kann, ist, dass sein 3D nicht stört und dass er grafisch absolut bombastisch ist. Mit tollem CGI können heute nun aber derartig viele Filme aufwarten, dass dies nur ein zweifelhaftes Qualitäts-Merkmal ist, dafür kann ich keinen Punktebonus geben.
Das Schauspiel tut zwar niemandem weh, man erinnert sich aber auch nicht daran.

Ich könnte hier wahrscheinlich noch endlos weiterschreiben, aber da ich an dieser Stelle schon die erträgliche Länge sehr ausgereizt habe und diese Kritik ja nicht alleine bestreite, möchte ich mein Urteil noch einmal zusammenfassen: Steven Spielbergs Ready Player One versucht aus einem tollen Buch um jeden Preis Blockbuster-Material zu machen, vor allem ohne Rücksicht auf den Charme des Originals, ohne Rücksicht auf tiefere Botschaft, auf Gesellschafts- und Sozialkritik. Wenn dieser Film irgendetwas ist, dann eine Anleitung dafür, wie man eine Literaturverfilmung nicht angehen sollte. Eine geringere Punktzahl erhält er nur deswegen nicht, weil ich weiß, dass es aus allgemeiner Perspektive Filme gibt, die wesentlich schlechter sind. Zudem muss ich – im Sinne der Objektivität – zugeben, dass ich den Film sicherlich besser bewertet hätte, wenn ich das Buch nicht kennen würde. Meine Wertung bezieht sich also explizit auf den Film in seiner Eigenschaft als Literaturverfilmung und nicht als eigenständiges Werk. Allen Lesern des Buches kann ich aber nur raten: Lasst die Finger von diesem Film, er wird euch die Stimmung vermiesen – der Abend war für mich auf jeden Fall gelaufen. Hoffentlich gerät Spielbergs Ready Player One schnell wieder in Vergessenheit, er hat die besten Voraussetzungen dafür.

 

Basti (3 von 10 Punkten)

Als ich erfahren habe, dass Ready Player One verfilmt werden soll, ist mir doch direkt mein Xbox-Controller in die Chipstüte gefallen und ein Schwall Red Bull ergoss sich über meine He-Man-Actionfiguren. Die Nerdbibel schlechthin mit einer schier unzählbaren Menge an Anspielungen auf die 80er und einer Liebe für Videospiele, Musik und Filme, die sich so komprimiert sonst nur in den feuchten Träumen adipöser Mittdreißiger wiederfindet!! Und dann auch noch von Steven Spielberg, der die 80er so sehr geprägt hat (E.T. – Der Außerirdische, Die Farbe Lila, alle relevanten Indiana Jones-Teile), dass sein Gesicht eigentlich als Titelbild auf Anoraks Almanach prangen sollte!!!

Und dann habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe mich hypen lassen. Bombastische Trailer mit so vielen Easter Eggs, dass man beinahe jedes einzelne Bild analysieren muss, um wirklich nichts zu verpassen, die Stacks (genauso, wie ich sie mir vorgestellt habe!!!), der DeLorean und die wahnsinnig geile Inszenierung des (Auto-)Rennens … Moment … Rennen? Ich habe das Buch sechs Mal gehört … da gab es doch gar kein Rennen! Und wer ist diese elfengleiche Tussi, die da neben dem geleckten Schönling steht?? Und von was für einem „Widerstand“ sprechen die da???

Und trotzdem hab ich mich gefreut, dass MEIN LIEBLINGSBUCH (erst seit Kurzem, aber ok …) verfilmt wird. Bis ich den Film gesehen habe. Und ich habe geweint … Und hier ist warum:

Hauptakteur der Geschichte ist Wade Watts, ein dicklicher, schmieriger Nerd mit Brille und Pickeln, der nach eigenen Angaben schon bei der geringsten Anstrengung außer Puste gerät und sich erst im hinteren Teil des Buches mit einem (Zwangs-)Fitnessprogramm halbwegs in Form bringt. Kann man sich soweit gut vorstellen, oder? Ein Klischee-Gamer eben. Gespielt wird dieser aber von Hollywood-Emporkömmling und Model Tye Sheridan. Mit Brille und Schlabbershirt wird er schnell noch ein bisschen auf Normalo gebürstet und das war’s dann auch. Da die Charaktere den Großteil ihrer Zeit in einer virtuellen Realität verbringen, in der sie durch ihre Avatare ersetzt werden, könnte man bei Parzival vielleicht darüber hinwegsehen, aber Art3mis …

Art3mis ist da ein ganz anderes Kapitel. Im Buch kennen wir ihr wahres Äußeres zunächst nicht und Parzival trifft erstmal nur ihren Avatar. Da man sich in der virtuellen Realität sein Aussehen selbst wählen darf, ist die OASIS voll von Supermodels mit wallenden Brüsten oder blondierten Schönheiten mit absurden Wespentaillen. Art3mis Avatar sticht hier heraus, weil sie ganz normal aussieht, ja sogar eine (Zitat:) „Rubensfigur“ (für alle Kunsthochschulabbrecher: Sie ist dick!) besitzt. Das ist der Grund, weswegen sich Parzival in sie verliebt. Sie ist natürlich und damit anders als alle anderen Millionen Menschen in der OASIS. Und was wurde im Film aus Art3mis? Na ja … Achtet mal auf die dürre Elfe in dem hautengen Motorradanzug, die von der ersten Minute an um Parzival rumschleicht!

Hollywood kann einfach nicht anders, als immer weiter ausgetretenen Pfaden zu folgen und Hässlichkeit ist einfach kein Teil der Traumfabrik.

Aech darf kein Progamer (= professioneller kompetitiver Videospiele-Spieler) sein, sondern wird grundlos zum Mechaniker. Da muss man sich als gemeiner Popcornfreund keine neuen Fremdwörter merken … Außerdem verliert er für den Film so viele IQ-Punkte, dass er vom coolen Kumpel zum trotteligen Sidekick kastriert wird, um in potentiell interessanten Szenen durch „lustiges“ Verhalten die Geschichte schön seicht zu halten.

Warum Nolan Sorrento vom Sicherheitschef zum Firmenchef von IOI befördert wird, kann ich nur erahnen. Warum man mit i-R0k einen weiteren sinn- und hirnlosen Antagonist entworfen hat, entzieht sich völlig meinem Verständnis! Und warum Shoto … Na ja … Ich muss ja nicht alles spoilern … Ninjas spoilern nicht!

Aber genug von den Charakteren und hin zur Story. Ready Player One ist eine Geschichte über Loser. Weder Wade noch Parzival verfügen über irgendwelchen nennenswerten Besitz. Parzival sitzt seit Ewigkeiten in seiner Schule fest, weil er kein Geld hat, um sich irgendwo anders hinzuteleportieren. Er trägt Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Die Standardklamotten eines neuen Avatars. Also zumindest im Buch … Auftritt Parzival (Film): Lässig springt er aus einem Portal und entscheidet sich erstmal für eine neue schicke Frisur aus dem Menü. Als die Kamera hinter ihm ist, sehen wir seine personalisierte Jeansjacke mit dem goldenen Emblem eines Ritterschwerts. Puh …

Da die Charaktere sich jederzeit überall hinteleportieren können und niemand Probleme mit Geld hat, wirkt die OASIS sofort wesentlich kleiner. Keine unüberwindbaren Entfernungen und Abenteuer außerhalb Parzivals Reichweite, die erst im Laufe der Handlung für ihn greifbar werden. Die „Handlung“ in der realen Welt erfährt auch einige Änderungen, aber da diese im Buch auch schon wie ein Fremdkörper wirkt (siehe Buchclub), sei das hier nur am Rande erwähnt.

Das eigentliche Problem der Verfilmung und der wohl größte Unterschied zwischen Buch und Film ist aber die Jagd nach dem Easter Egg selbst. In beiden Versionen gilt es, drei Schlüssel zu drei Toren zu finden. Nur wer alle drei Schlüssel sein Eigen nennt, kann die Weltherrschaft bzw. Macht über die OASIS an sich nehmen. Im Buch entspinnt sich ein spannendes Rätsel, das sich durch die Highlights und Abgründe der Popkultur der 80er-Jahre schlängelt. Einen Schlüssel bekommt man erst, wenn man sein Rätsel gelöst hat und das Tor kann man nur freischalten, indem man seine Prüfung besteht. Meist bestehen diese aus dem Zitieren von Filmen, Spielen von Videospielen oder obskurem Serienwissen. Der Film wischt all dies beiseite. Es gibt ein Autorennen, dass herzlich wenig mit den 80ern zu tun hat und an einer Stelle wird sogar auf einem Atari 2600 gezockt, aber all das ist nicht zentraler Bestandteil, sondern nur schmückendes Beiwerk. Eigentlich geht es bei allen Schlüsseln um das verkorkste Leben von OASIS-Entwickler James Halliday und die von ihm gemachten Fehler. Im Film hat er die Jagd nach dem Easter Egg scheinbar nicht aufgrund seiner Liebe zu Videospielen und Musik ins Leben gerufen, sondern aus dem Bedauern heraus, sein Leben nicht anders gelebt zu haben.

Das Buch ist also eine Ode an die Popkultur, der Film ist ein Standard-Hollywood-„Mach nicht die gleichen Fehler, die ich gemacht habe“-Streifen mit viel Bunt drumherum. Selbst die holprige erste Jugendliebe aus dem Buch muss im Film einer dummen und austauschbaren Lovestory weichen.

Ich hatte damit gerechnet, dass der Film Abstriche machen muss. Ein dicker Roman lässt sich einfach nicht verlustfrei in 90 Minuten Film packen. Aber hier ist es beim Kürzen leider nicht geblieben. Ich muss mich damit abfinden, dass ich nicht die Zielgruppe des Films bin. Ich weiß nicht genau, wer überhaupt Zielgruppe sein soll. Für die meisten Kinogänger wird er zu nerdig sein, für Buchfans ist er zu seicht, nur für Nerds und 13-jährige Call of Duty-Kiddies bietet er vielleicht wenigstens noch etwas Schauwert.

Wenn ihr mich also sucht, ich bin hier hinten bei meinen He-Man-Actionfiguren und dem Xbox-Controller. Ich esse Chips, trinke Red Bull und höre das Hörbuch zum siebten Mal. Und ich warte auf die Blu-Ray zu Ready Player One. Weil ich ein Nerd bin … und verliebt … da tut man dumme Dinge …

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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