KinoLaute – „The Shape of Water“

Fantastische, märchenhafte Storys, stets mit einem ernsten Unterton und Horror-Anklängen, sind – seit „Pans Labyrinth“ (2006) und den beiden „Hellboy“-Filmen (2004 und 2008) – das Markenzeichen des mexikanischen Regisseurs Guillermo del Toro. Auch sein neuestes Werk „The Shape of Water“ folgt diesem Weg: Elisa, eine alleinstehende, stumme Frau, arbeitet als Reinigungskraft in einem geheimen US-Labor. Sie ist fasziniert von einem Fund, den die Wissenschaftler im Amazonas machten: eine Art Amphibienmensch, der dort von den Eingeborenen als Gott verehrt wurde. Sukzessive entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die bald über bloße Freundschaft hinauswächst. Nur ist – wie immer – leider alles nicht so einfach: Der sadistische Sicherheitschef hat nicht nur ein Auge auf Elisa geworfen, er foltert auch das Wesen und will es am liebsten sezieren. Zudem sind auch andere Fraktionen hinter der rätselhaften Kreatur her. Viele Hindernisse müssen überwunden werden, damit Elsa und das Wesen endgültig zueinander finden können … wenn es denn gelingt. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen konnte del Toro für „The Shape of Water“ gleich zwei Oscars (Bester Film, Beste Regie) entgegennehmen. Zwei weitere erhielt der Film für die beste Filmmusik und das beste Szenenbild. Ob wir die Flut an Auszeichnungen gerechtfertigt finden und was wir sonst noch über den Film denken, erfahrt ihr hier.

Der Beginn einer Liebe (Sally Hawkins als Elisa und Doug Jones als Amphibienmensch) – Bildquelle: http://fm4.orf.at/stories/2892780/

Sandra: 9/10

„The Shape of Water“ ist ein ästhetischer, magischer und märchenhafter Film – und als Märchen wird er auch inszeniert. So einfach lässt uns Guillermo del Toro dann aber auch wieder nicht davonkommen und baut ein paar unerwartete, wirklich eklige Szenen ein – meines Erachtens völlig überflüssig, aber ich nehme an, es soll der Träumerei ein bisschen harte Realität entgegensetzen. Davon abgesehen hat mich der Film sehr verzaubert. Sally Hawkins spielt die Rolle der stummen Elisa einfach großartig und besonders hervorheben möchte ich auch die Filmmusik, die wesentlich zur Atmosphäre beiträgt und für die Alexandre Desplat völlig zurecht einen Oscar bekommen hat. Damit kommen wir natürlich auch zur entscheidenden Frage: Hat der Film den Oscar als „Best Picture“ verdient? Meiner Meinung nach: ja. Ich muss zugeben, dass ich von den nominierten Filmen nur zwei andere gesehen habe, aber ich fand ihn auf jeden Fall oscarwürdiger als diese beiden und auch für sich alleine gesehen finde ich, er hat ihn verdient. Ja, es gibt Logiklücken, aber das interessiert mich selten (vielleicht hängt das mit meinem mangelnden Interesse für Physik zusammen). Klar, es ist nicht realistisch, dass man ein ganzes Badezimmer unter Wasser setzen kann. Aber der Film versucht ja auch nicht, realistisch zu sein, er soll fantastisch und märchenhaft sein, und bei Märchen finde ich die Logik zweitrangig. Natürlich ist das Ganze auch keine komplett neue Idee, aber auch eine alte Faszination kann es wert sein, wieder umgesetzt zu werden, und die Art und Weise, wie dies gemacht wurde, finde ich persönlich fantastisch. Ich könnte noch viel mehr schreiben, aber die anderen sollen ja auch noch zu Wort kommen 😉

Sophia: 5/10
So richtig gepackt hat mich “The Shape of Water” leider nicht. Die nostalgische Grundstimmung und Ästhetik ist zwar wundervoll gelungen, dafür hatte mir der Film aber einfach zu viele Ungereimtheiten.
Dass der Amazonas ein Süß- und kein Salzwasserfluss ist, ergibt eine zweiminütige Google-Suche (ich habe das gerade getestet – Fun Fact: An seiner 100 Kilometer breiten Mündung strömt so viel Süßwasser in den Atlantik, dass das Salzwasser bis zu 200 Kilometer weit in die See hinaus gedrängt wird), aber dennoch ist der Film durchzogen von derartigen Recherche- und Physikfehlern, die ich trotz aller nostalgisch-romantischen Atmosphäre einfach nicht übersehen konnte. Und auch der Bösewicht des Films bleibt leider extrem zweidimensional. Nachdem er in seinen ersten fünf Minuten auf der Leinwand ausgiebig klargemacht hat, dass er hier der Allerböseste von den Oberbösen ist, ändert sich an seinem Charakter den ganzen Film über so gut wie nichts mehr. Selbst das kleine bisschen angedeuteter Tiefgang, das ihm seine düstere Schwärmerei für Elisa geben könnte, wird einfach übergangen. Sally Hawkins als Elisa war für mich ein Lichtblick, denn auch ohne Worte gelingt es ihr, den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Wer also das lästige kleine Logikteufelchen abschalten kann, der wird hier zwei nette Stunden mit dem “Erwachsenenmärchen” verbringen – den Oscar hätte ich dafür aber nicht rausgerückt.

Jakob (7/10)
Ich bin mit enormen Erwartungen in diesen Film gegangen und war so gehyped wie schon lange nicht mehr. Tja, das war ein Fehler. Ich hatte mir einen etwas düsteren Film mit deutlicheren cthuloiden bzw. lovecraftschen Elementen gewünscht (del Toro ist ja großer Lovecraft-Fan) und was ich bekam war eine eher märchenhafte Lovestory, die den düsteren Charme von „Pans Labyrinth“ leider nicht ganz wiedergeben konnte. Auch die beiden Hellboy-Streifen finde ich letztlich gelungener, trotz (oder eher wegen) des Trash-Faktors. Man verstehe mich nicht falsch: Der Film ist okay, in weiten Teilen sogar gut. Mit Sally Hawkins und Doug Jones (den Namen sollte man hier auch mal erwähnen!) haben wir zwei ausgezeichnete Hauptdarsteller mit großem schauspielerischem bzw. darstellerischem Talent. Auch Octavia Spencer macht in ihrer Nebenrolle eine gute Figur. Der märchenhafte Charakter der Story ist angenehm, oft packend und baut stellenweise durchaus eine schöne Atmosphäre auf und der Amphibienmensch ist wirklich toll gemacht: Ich habe mich nie gelangweilt.
Aber dann kommen die Logiklücken. In der Regel bin ich der Letzte, der sich wegen Logikbrüchen aufregt, und stelle alles unter die Maxime: Hauptsache, die Story passt! Aber der Film strotzt an vielen Stellen vor vermeidbaren logischen Fehlern, die mich irritiert und aus dem Fluss gerissen haben (Sophia spricht ja schon von der Salzwasser-Sache). Hinzu kommt die teilweise ungelenke Charakterzeichnung: Viele Szenen sind nur da, um den zu 90 % sehr austauschbaren Charakteren etwas mehr Farbe zu verleihen, passen aber nicht wirklich in das Gesamtgefüge des Films. Alles wirkt dadurch einfach zu sehr wie aus einem Lehrbuch für Drehbuchschreiber: Okay, hier haben wir einen archetypischen Bösewicht, lasst uns ihm noch zwei Merkmale geben, die ihn zu etwas „Besonderem“ machen. Obwohl del Toro in Pans Labyrinth nach einem ähnlichen Schema vorgeht und es dort wunderbar funktioniert, ist das hier leider nicht der Fall. Zudem werden öfter Aspekte und Handlungsstränge aufgegriffen, die künstlich angeleimt wirken und nicht wie tatsächliche Bestandteile des Films.
Vieles bliebe noch zu sagen und abzuwägen, aber ich kann zusammenfassen, dass sich bei „The Shape of Water“ wieder einmal zeigt, dass man die Oscars nicht wirklich als Kriterium dafür anbringen kann, ob ein Film wirklich gut ist oder nicht. Der Film ist unterhaltsam und hat durchaus einen gewissen Charme, etwas Besonderes ist er aber nicht. Andere Kandidaten, wie der tolle „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (mehr habe ich von den prämierten auch nicht gesehen), hätten den Film- und Drehbuch-Oscar wesentlich mehr verdient als del Toros neuestes Werk. Was zu hoffen bleibt: Vielleicht hat er sich damit endlich genug Publicity und Rückenwind geholt, um sein Langzeitprojekt „At the Mountains of Madness“ (die Verfilmung der gleichnamigen Story von H.P. Lovecraft) endlich in die Tat umzusetzen.

Basti (7/10)

Sie haben aus gutem Grund Hausverbot im örtlichen Aquarium? Beim Anblick eines Goldfischglases empfinden Sie sexuelle Erregung? Dann gibt es jetzt endlich einen Film für Sie!

Nach allen Empörungen im Vorfeld über billigen Fischsex und gar-nicht-so-billige Spielzeuge für den feuchten Traum in den eigenen vier Wänden war ich einigermaßen gespannt auf Guillermo del Toros neuestes Machwerk. Doch leider musste ich gar nicht bis zur Szene mit dem feuchten Badezimmerfußboden warten, bis meine Stirn begann, aktiv Fragezeichen zu formen. Warum haben Putzfrauen in einer geheimen Hochsicherheitseinrichtung der Regierung jederzeit alleine Zutritt zu allen Laboren? Warum müssen die Putzfrauen (es sind in diesem Fall nunmal ausschließlich Frauen …) alle nachts arbeiten, wenn in der Einrichtung dann trotzdem Hochbetrieb herrscht? Ist nicht der Sinn von nächtlichen Putzarbeiten der, dass dann eben sonst niemand arbeitet? Wieso stirbt ein Fischmensch aus dem Amazonas (die größte Süßwasseransammlung der Welt), wenn sein Wasser nicht genug Salz enthält? Okokok… ich höre jetzt schon wieder die Stimmen der Hater: „Aber Basti! Das ist voll die tolle Liebesgeschichte! Da sind doch solche Details egal! Da geht es um Liebe und Opferbereitschaft!“

Ok … dann eben anders.

Die Liebesgeschichte ist holprig und nicht nachvollziehbar. Echt jetzt! Bei der ersten Begegnung zwischen den zukünftigen Liebenden, erschrickt sie sich noch enorm vor dem Kiemenatmer und in der nächsten Szene teilt sie ihr Frühstück (… Mitternachtssnack? Ach, egal …) mit ihm.

Warum der Film trotzdem keine Vollkatastrophe ist? Wegen allem anderen … Die schauspielerische Leistung ist wirklich bemerkenswert. Von Hauptdarstellerin Sally Hawkins angefangen bis hin zu den kleineren Nebenrollen macht es echt Spaß, den Leuten zuzusehen. Und auch Kamera- und Regiearbeit sind durchaus bemerkenswert. Jede einzelne Kameraeinstellung zieht mich mit sich und spätestens beim Finale in strömendem Regen ist es um mich geschehen.

Der Film ist viel mehr als ein Fischporno! Ob es der beste Film des Jahres ist und seine vier Oscars verdient hat, wage ich zu bezweifeln, aber angucken lohnt sich allemal.

Hat jetzt außer mir noch jemand Lust auf Fischstäbchen?

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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