Loving you was like loving the dead – Spielsucht spielt „Baal“

Die Theatersaison an der Uni Passau neigt sich – genau wie das Semester selbst – dem Ende entgegen und so ist es an Spielsucht, als letzte studentische Theatergruppe ihr Semesterprojekt in den Ring zu werfen.
Gegeben wird mit „Baal“ ein Frühwerk des deutschen Dramatikers Bertolt Brecht. Wer bei diesem Namen nun Flashbacks aus der Schulzeit erleidet und vor lauter Vorfreude auf „episches Theater“ schon Nasenbluten bekommt, dem sei dieser Zahn allerdings schon von vornherein gezogen. Brecht schrieb dieses Stück knapp 10 Jahre bevor sich das epische Theater entwickeln konnte und so lässt sich nur erahnen, wofür Brecht später berühmt werden wird. Aber nun erstmal zur Handlung …

Baal ist Lyriker, Verführer, Lebemann und Arschloch (nicht unbedingt in der Reihenfolge). Bei einer Lesung vor der Abendgesellschaft eines reichen Gönners wird er von allen Seiten für seine Kunst bewundert, zeigt daran allerdings kein Interesse, benimmt sich rüpelhaft und wird hinausgeworfen. Aus Dank nimmt er sich die Ehefrau des Mäzens zur Geliebten und zieht sie mit sich in den Abgrund, bis er ihr letztlich überdrüssig wird und sie verstößt. In weiteren Episoden wiederholt Baal dieses Schema und bindet mit nahezu übermenschlicher Leichtigkeit eine Frau nach der anderen an sich, nur um sie in ihr Verderben zu stoßen. Schließlich zieht er mit seinem Freund Eckart in die Welt hinaus, bis ihn sein selbstsüchtiger Lebenswandel letztendlich einholt …

Moritz Tostmann als selbstsüchtiger Lyriker Baal – Bild: Ruppert

Das Wichtigste für Baal ist Baal und das Wichtigste in „Baal“ ist auch Baal. Und eben dieser Baal wird gespielt von Moritz Tostmann (bekannt unter anderem aus „Amphitryon“), der hier herausragend abliefert und mit seiner Stimme und der beinahe spielerischen Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn die Zuschauer über zweieinhalb Stunden in seinen Bann zieht. Selbst die vom Weltschmerz und der Uneinsichtigkeit Baals geprägten ellenlangen Monologe weiß er kunstvoll zu inszenieren.

Leider lässt das Stück neben Baal nicht mehr viel Platz für den restlichen Cast, der sich die meiste Zeit darauf beschränken muss, als Objekt der Begierde oder Stichwortgeber für das nächste Mosaiksteinchen zu dienen, das zusammengesetzt das Bild von Baals dunkler Seele zeichnet. Dabei wäre es die schauspielerische Leistung durchaus Wert gewesen mehr davon zu zeigen. Cornelia Heckel, erfahreneren Theatergängern bereits aus zahlreichen anderen Produktionen bekannt, gibt zum Beispiel einen beinahe faustischen Eckart, der sich mit Baal darum streiten muss, wer hier wen auf die dunkle Seite zieht. Auch mit Anné Murrer und Robert Hickmann stehen zwei Schauspieler auf der Bühne, die sich in Passau bereits zurecht einen Namen gemacht haben. Gerade Hickmann glänzt hier als blinder Wahnsinniger, an dessen Philosophie sich selbst Baal die Zähne ausbeißt. Florence Dejardin, die im letzten Semester noch als Hauptrolle in den Räuberinnen zu sehen war, leidet diesmal leider etwas an der Eindimensionalität ihrer Rolle(n).

Mit Florian Tilscher, Dana Wessel, Carla Schmutter, Nura Majid und Anne Maurer wird der Cast um einige Schauspieler ergänzt, die (an der Uni) zwar erst in ihrer ersten oder zweiten Produktion stecken, aber durchaus Lust auf mehr machen und von denen wir in Zukunft hoffentlich noch einiges sehen werden.

Robert Hickmann als wahnsinniger Blinder – Bild: Ruppert

Hervorheben möchte ich hier die Leistung von Regisseur Sebastian Meier, der mit seinem Regiedebut gleich eine Marke setzt, an der er sich künftig wird messen lassen müssen, und Regieassistent Florian Tilscher. Die Entscheidung, eine Bühne im Arenastil zu nutzen und das Publikum in 360° um die Bühne herum zu platzieren, sorgt zwar dafür, dass die Schauspieler zu fast jeder Zeit mindestens der Hälfte des Publikums das Hinterteil zuwenden, lässt aber auch Freiraum für Interaktion mit den Zuschauern, die zu jederzeit nah am Geschehen sind und jede Schweißperle mitkriegen können, die Baal auf seinen Opfern verteilt.

Ansonsten kommt Meier nahezu ohne Bühnenbild aus. Nur einige Flaschen stehen herum, von denen die Figuren auch ordentlich Gebrauch machen. Trotz dieser Schlichtheit wirkt die Bühne zu keinem Zeitpunkt leer, sondern wird von Meier mit Licht und den Schauspielern mit Präsenz gefüllt.

Florian Tilscher als Mjurk – Bild: Ruppert

Trotz allem darf das Stück selbst durchaus kritisch betrachtet werden. Durch die bereits erwähnten Ansätze des epischen Theaters kommt es immer wieder zu Widersprüchen im zeitlichen Ablauf, den Dialogen und der Handlung. Gerade die zweite Hälfte des Stücks dürfte bei vielen Besuchern zu Stirnrunzeln führen. Dieses Problem verstärkt sich hier leider durch den begrenzten Cast. Wenn der gleiche Schauspieler zum dritten Mal in nur leicht verändertem Kostüm die Bühne betritt und eine Rolle spielt, die von seiner Rolle zu Beginn des Abends praktisch nicht unterscheidbar ist, wird es für das Publikum schwer, der Handlung zu folgen. Hier muss man sich eben schweren Herzens der Pragmatik beugen, die das Unitheater von Brecht einfordert.

Wirklich bewegt hat mich allerdings die musikalische Begleitung des Stücks. Immer wieder schallen klassische Pop- und Rocksongs durch die Lautsprecher und geben Einblick in das Seelenleben der Figuren, die teilweise selbst zu den Instrumenten greifen. Ohne zu viel verraten zu wollen hat Spielsucht hier an einer Stelle mein persönliches Theaterhighlight des Semesters kreiert.

Eigenwillige Charaktere pflastern Baals Weg (im Bild: Dana Wessel) – Bild: Ruppert

Wer „Romeo und Julia“ von act! und/oder „Hedda Gabler“ von KultLaute bereits gesehen hat, der findet mit „Baal“ dieses Semester noch einen dritten, unvergleichlichen Stil!

Weitere Aufführungen finden am 6.2. (bereits ausverkauft), 8.2., 9.2. und 10.2. jeweils um 20.15 Uhr im Raum ITZ 017 an der Uni Passau statt.

Kartenreservierungen sind möglich (und empfehlenswert!) über die Facebookseite von Spielsucht

Sebastian Ruppert

Sebastian Ruppert, Jahrgang 1988, macht viel Kultur und studiert nebenbei irgendwas mit Lehramt. Aktiv ist er als Musiker, Regisseur, Schauspieler und Bühnentechniker. Ob Musik, Theater, Filme, Bücher oder Videospiele - er interessiert sich für alle Abgründe und Höhepunkte der (Pop-)Kultur.

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