Niko tanzt – Eine Weihnachtsgeschichte

Niko tanzt – gelesen von Sebastian Ruppert

Es war stockfinster, als Niko erwachte. Der kleine Bär wusste nicht genau, was ihn geweckt hatte, doch er spürte eine unbekannte Vorfreude in sich, so, als sei es Zeit gewesen, jetzt aufzuwachen. Noch während er darüber nachdachte, warum es so dunkel in seinem Zimmer war, öffnete sich das Fenster und gleißendes Licht fiel herein, sodass der kleine Bär kurz seine Augen zusammenkneifen musste.
„Oh, ein Teddybär!“, rief eine kindliche Stimme und Niko blickte in das strahlende Gesicht eines kleinen braungelockten Jungen. Der Junge lächelte Niko an und Niko lächelte schüchtern zurück. Als das Gesicht aus seinem Blickfeld verschwunden war, konnte der Bär sich mit Erstaunen umsehen. Durch sein Fenster blickte er direkt in ein Kinderzimmer. Das Bett war mit Fußballbettzeug bezogen, auf dem Boden lag allerlei Spielzeug und in der Mitte des Zimmers standen die Eltern des kleinen Jungen und freuten sich über dessen kindliche Begeisterung.
„Max, du musst jetzt in die Schule.“, sagte der Vater mit tiefer Stimme, die Niko an die Stimme seines eigenen Vaters erinnerte. Sofort schlug das Lächeln des Jungen in eine Grimasse um. Offensichtlich mochte Max die Schule nicht. Niko wusste nicht genau, was er dort machte, an dieser Schule, aber es bedeutete, dass das Zimmer des Jungen lange Zeit leer war, und so begann auch Niko die Schule nicht zu mögen, denn so alleine war ihm furchtbar langweilig. Und so konnte sich Niko gerade noch einen Freudensprung verkneifen, als Max endlich wieder heimkam und das Zimmer mit dreckverschmierter Hose und einem Fußball unter dem Arm betrat.
Niko schaute ihm dabei zu, wie er an seinem Schreibtisch seine Hausaufgaben erledigte, kurz verschwand und in einem Schlafanzug mit kleinen Flugzeugen wiederkam, wie er in seinem Bett lag und las bis ihm die Augen zufielen. Erst, als die Mutter ins Zimmer kam, um das Licht zu löschen, schlief auch Niko endlich ein.
Am nächsten Morgen wurde Niko von Max‘ aufgeregter Stimme geweckt und sein schläfriger Blick sah gerade noch, wie Max‘ Hand ein weiteres Fenster neben ihm öffnete.
„Ein Schaukelpferd, wie schön.“, sagte die Mutter und Max nickte eifrig. Doch so sehr Niko sich auch verrenkte, er konnte lediglich das offene Nachbarfenster sehen, jedoch nicht den Bewohner des Zimmers. Als Max wieder zur Schule gegangen war und Niko gelangweilt in das leere Zimmer starrte, machte es neben ihm plötzlich „Pssst!“ und ein weißer Pferdekopf mit schwarzer Mähne streckte den Kopf aus dem Fenster nebenan. Niko lehnte sich ebenfalls aus dem Fenster, sodass der andere ihn sehen konnte.
„Hallo!“, sagte er erfreut. Das Pferdchen wieherte zur Begrüßung.
„Ich heiße Ludomir.“, sagte es stolz und wieherte noch einmal frech, bevor Niko sich ebenfalls vorstellte. Gerade, als er seinen Namen genannt hatte, ging plötzlich die Tür zum Zimmer auf, und Max‘ Mutter betrat den Raum. Im Bruchteil einer Sekunde zogen Niko und Ludomir ihre Köpfe wieder zurück und verharrten regungslos, bis die Mutter wieder verschwunden war. Niko stieß erleichtert die Luft aus. Das war knapp. Noch einmal steckte Ludomir seinen Kopf aus dem Fenster „Heute Nacht sind wir sicher.“. Mit diesen Worten zog er seinen Kopf wieder zurück.
Aufgeregt wartete Niko auf die Nacht, wartete, bis Max endlich schlief. Als alles dunkel war, und nur der Mond sanft durchs Fenster schien, streckte er vorsichtig seinen Kopf hinaus und sah gerade noch, wie Ludomir mit Anlauf aus dem Fenster sprang und trotz seiner an einer Schaukel befestigten Beine elegant auf Max Schreibtisch landete. Etwas ungeschickter kletterte Niko aus dem Fenster und ließ sich auf den Tisch fallen. Ludomir lachte wiehernd, als sich Niko den vom Sturz schmerzenden Hintern rieb, aber so leise, dass der Junge davon nicht erwachte.
„Komm, steig auf!“, rief Ludomir dem Bären zu und gemeinsam tollten sie durch den Raum, bis sie beide erschöpft waren und der Morgen graute. Da sprang Ludomir mit dem Bären auf seinem Rücken zurück auf den Schreibtisch. Niko blickte nach oben und sah zum ersten Mal seine Wohnung von außen. Er sah das gemalte Fachwerkhaus auf dem verschneiten Hügel, sah das Fenster zu seinem kleinen Zimmer und direkt daneben das offene Fenster, aus dem Ludomir gesprungen war. Er zählte noch 21 weitere Fenster, die noch verschlossen waren und eine große Haustür. Was wohl hinter dieser Tür stecken mochte? In diesem Moment hörte Niko ein lautes Gähnen aus dem Bett neben dem Schreibtisch und machte sich eilig daran, mit Ludomirs Hilfe in seine Wohnung zurückzukehren.
Von diesem Tage an, öffnete Max jeden Morgen ein weiteres Fenster und für Niko bedeutete das nachts einen weiteren Spielgefährten. Da gab es Dolly, die eingebildete Puppe, Stu, das aufgeregte Kaninchen, Ramin, den steifen Zinnsoldaten, Claire, die hübsche Ballerina, ein stummes Lebkuchenherz, das lieber für sich blieb und noch viele weitere. Doch mit keinem von ihnen verband Niko eine so enge Freundschaft, wie mit Ludomir, auf dessen Rücken er am liebsten die Nächte verbrachte.
Dann, eines Tages, waren alle Fenster geöffnet und als Max in der Schule war, erfüllte lautes, unruhiges Geschnatter das Zimmer, sodass Niko sich die Ruhe zurückwünschte, die er in den ersten Tagen genossen hatte. Nur die große Eingangstür war noch immer verschlossen und mit jedem Tag, der verstrichen war, wuchs Nikos Neugier auf das, was dahinter lag. In dieser Nacht konnte sich Niko nicht recht an den Spielen der anderen erfreuen, sein Blick fiel immer wieder auf die verschlossene Türe. Als der nächste Morgen graute, war Niko schon vor allen anderen wach und wartete ungeduldig darauf, dass auch Max erwachte. Endlich näherte sich seine Hand der Eingangstür des Fachwerkhauses und Niko beobachtete aufgeregt, wie Max sie behutsam öffnete.
„Oh“, sagte Max und schaute bewundernd auf das Türchen, doch so sehr Niko auch seinen Hals verrenkte, er konnte nicht erkennen, wer oder was dahinter war. Er würde sich wohl oder übel bis zur Nacht gedulden müssen. Noch nie war Niko die Zeit, die Max in der Schule war, so lang vorgekommen, nie hatte er sich so gewünscht, der Junge würde schneller einschlafen. Dann, endlich war es soweit, vom Bett waren nur tiefe Atemzüge zu hören und außer dem Mond war niemand wach. Nach und nach sprang ein Bewohner nach dem anderen aus ihren Fenstern auf den Schreibtisch, und schließlich, als letzter, auch Niko. Sofort nachdem er wie immer unsanft gelandet war, drehte er sich um und schaute zu dem Haus hoch. Da stand sie, in der Türe, das schönste Mädchen, dass Niko je gesehen hatte, von einem goldenen Glanz umgeben so atemberaubend, dass er wie alle anderen nur staunend dastand und nach oben starrte. Dann breitete das Mädchen ihre weißen Flügel aus und schwebte sanft zu den anderen hinunter.
„Hallo, ich bin Elia.“, sagte sie mit einer Stimme, die leicht wie eine Daunenfeder war. Die anderen begrüßten sie freudig und schon bald war ihr Erstaunen dem nächtlichen Herumtollen gewichen. Nur Niko stand noch immer wie erstarrt da und konnte seine Augen nicht von ihr wenden. Ludomir und ein paar weitere Bewohner bildeten einen Chor und sangen „Oh du Fröhliche!“. Der kleine Bär nahm all seinen Mut zusammen und ging auf Elia zu, die am Rande stand und nur mit den Augen dem lustigen Treiben folgte.
„Würdest du vielleicht mit mir tanzen?“, fragte er verlegen. Elia lächelte nur ein Lächeln, das den Raum wie ein Weihnachtsstern erstrahlen ließ. Der kleine Bär wusste nicht, was ihn am nächsten Tag erwarten würde, doch es konnte nicht besserwerden. Denn in dieser Nacht tanzte Niko mit einem Engel.

 

Text: Julia Jung
Illustrationen: Margaretha Obermayr

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1 Antwort

  1. 24. Dezember 2017

    […] Hier geht’s zur Weihnachtsgeschichte vom letzten Jahr. […]

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