Sind wir bald da?

Es ist 10 Uhr morgens und mir ist ein bisschen schlecht. Meine Hände zittern und ich habe das Gefühl nicht genügend Luft zu bekommen, was nicht daran liegt, dass ich zugenommen habe und mir meine Hose nicht mehr allzu gut passt. Das auch. Aber es ist die schlichte, einfache Panik, die einen überfällt, wenn man sich auf eine Bühne vor Menschen stellen soll. Die mit dem bitteren Beigeschmack, der einem das Gefühl gibt, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben. Dabei sind es noch fast zehn Stunden bis zur PULS-Lesereihe.

Aber als ich den Text für die Lesereihe geschrieben habe, klang das alles auch noch ganz einfach. Ich schreibe einen Text und schicke ihn dahin. Kein Problem. Den Text habe ich in einer halben Stunde geschrieben. Ich bekomme von meinem Freund, der meistens das Erstleserecht hat, den Kommentar “Joa…ganz nett”, die vermutlich schlimmste Kritik, die ich je für einen meiner Texte bekommen habe. Es ist also eindeutig, dass ich daran noch feilen muss. Doch dann ist er endlich fertig, alle sind zufrieden und ich bin beim nochmaligen Durchlesen ein kleines bisschen stolz. Also weg damit.

Dann die gute Nachricht: Der Text wurde genommen. Damit bin ich eine von 12 AutorInnen, die an der Lesereihe teilnehmen dürfen. Zum Glück auch noch in Passau, da spare ich mir den weiten Anreiseweg und das Hotel. Obwohl das sogar bezahlt werden würde. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich mir ein Hotelzimmer nehmen soll, verwerfe es aber wieder. Manchmal hasse ich es nett zu sein.

Und dann ist er da, der große Tag. Und mir geht ganz plötzlich auf, dass ich den Text ja auch vortragen muss. Und dass dieser auch im Radio übertragen wird, was bei einem Veranstalter wie PULS natürlich auch Sinn macht. Aber ich habe ja auch schon ein paar Poetry-Slams hinter mir und die Bühne im Zeughaus kenne ich auch von diversen Improtheater-Auftritten. Inzwischen sollte ich bei sowas ja abgehärtet sein. Sollte man zumindest meinen. Die Realität sieht allerdings so aus, dass ich es mit Müh und Not schaffe, eine Semmel zum Frühstück zu essen. Ich stopfe sie in mich hinein, denn mein Verstand sagt mir, dass man so etwas morgens tun sollte. Mein Magen hingegen ist kurz davor sie mir wieder vor die Füße zu kotzen.

Foto: Sebastian Ruppert

Foto: Sebastian Ruppert

Ich versuche mich zu beruhigen und das Ganze realistisch zu sehen. Mir geht auf, dass Realismus nicht immer die beste Methode ist, denn plötzlich wird mir klar, dass die Veranstaltung nicht nur im Radio läuft, sondern auch im Internet und ich erinnere mich an die 185 Zusagen auf Facebook für die Veranstaltung. Nicht gerade Baldrian für meine sowieso schon flatternden Nerven.

Da ist sie wieder, diese Frage, warum ich mir so etwas nur immer wieder antue. Warum ziehen mich diese blöden Bühnen nur immer wieder so an, warum sehe ich es nicht endlich ein, dass sie von unten zwar ganz nett aussehen, aber man auf den Anblick von oben verzichten sollte? Vermutlich weil ich den Kick brauche und ohne nicht klar komme. Und vermutlich auch weil ein Schreibworkshop in Leipzig in Aussicht steht. Aber warum muss es denn so etwas sein? Bei Improtheater kriege ich Panik, bei Poetry-Slams sterbe ich fast, aber das hier, das ist nochmal schlimmer.

Dabei ist das PULS-Team total nett, spendiert uns drei Autorinnen vor dem Auftritt noch ein Abendessen im Kreuzweiß und versucht uns die Anspannung zu nehmen. Klappt nicht. Immerhin bin ich nicht die einzige. Meine Nachbarin beim gemeinsamen Essen  bringt so gut wie keinen Bissen runter. Ja, das Gefühl kenne ich und es beruhigt mich ein wenig, nicht alleine zu sein.

Ich hingegen habe inzwischen sogar Hunger. Es geht zurück zum Zeughaus. Ich bin satt und ein bisschen müde und plötzlich ist meine größte Sorge, auf der Bühne einzuschlafen. Eine Sorge, die erst wieder verschwindet, als der Moderator des Abends meinen Namen aufruft. Da ist sie wieder, die Panik, die sich ein wenig legt, als ich die Bühne betrete. Der Moderator stellt mir Fragen und ich nehme an, dass ich darauf antworte, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Und dann lese ich meinen Text. Auf der Bühne im Licht der Scheinwerfer und der kleinen Schreibtischlampe, die dem Geschehen den Anstrich einer professionellen Lesung geben, ist alles andere egal und im Nachhinein sehr verschwommen. Als ich fertig bin, bekomme ich Applaus und Mine, die musikalische Begleitung des Abends, kommt auf die Bühne und braucht einen Moment um sich zu sammeln, weil der Text sie emotional so mitgenommen hat. Das ist nicht das einzige, aber wohl das schönste Kompliment, das ich an diesem Abend bekommen werde.

Mine spielt und schon beim ersten Lied bin ich ein Fan der Mainzer Singer-Songwriterin mit ihrer schönen Stimme und ihren schönen Texten. Ich lehne mich ein wenig zurück und genieße die beiden anderen Vorträge und die Musik. Ich mag die Atmosphäre, die die Veranstaltung hat, ich mag die Texte, die trotz des gemeinsamen Mottos “Sind wir bald da?” komplett unterschiedlich sind. Es folgt eine Pause, in der das Publikum nach dem 3-2-1-Verfahren seinen Liebling wählen kann und dann spielt Mine noch ein paar Songs um die Zeit bis zur Siegerehrung zu überbrücken. Und dann ganz plötzlich ist die Anspannung wieder da, als Mine ihr letztes Lied gespielt hat und wir Autorinnen wieder auf die Bühne zur Ergebnisverkündung gehen.

Foto: Anna Rössler

Jeder kennt das Gefühl, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, und das Gefühl habe ich immer, wenn ich verliere. Es ist dieser Schlag in die Magengrube wenn du feststellst, dass es wieder nicht gereicht hat. Und ich hasse es, auf der Bühne zu stehen, wenn dieser Moment kommt. Wenn deine ganze Konzentration dafür drauf geht, deine Mimik und deine Hände unter Kontrolle zu halten, wenn du hoffst, dass niemand sieht, wie enttäuscht du in diesem Moment bist, weil du dir insgeheim doch zu viele Hoffnungen gemacht hast. Wenn du lächelst, obwohl dir zum Heulen zumute ist, weil Leute dich anschauen, Leute sagen, dass sie deinen Text gut, sogar am Besten fanden. Ich solle unbedingt versuchen möglichst viele Votes auf das Video für eine Wildcard ins Finale zu bekommen.

Ich lächle und sage, dass es Spaß gemacht hat und dass es ein sehr schöner Abend war und je öfter ich es sage, desto mehr glaube ich daran. Und schließlich und endlich finde ich zu meiner alten “Scheiß drauf”-Haltung zurück. Ja, ich bin enttäuscht, denn ja, ich wäre verdammt gerne nach Leipzig zu diesem Schreibworkshop gefahren, aber ja, es war auch ein verdammt schöner Abend mit vielen Leuten, die mich unterstützt und umarmt haben.

Weitere Infos und Berichte zur diesjährigen PULS-Lesereihe gibt es übrigens auch auf Kultürlich und auf der Puls-Seite, wo ihr auch die vorgetragenen Texte findet.

Julia Jung

Julia Jung

Juju ist 25 Jahre alt und studiert den Master Text- und Kultursemiotik in Passau. Ihre Leidenschaft zum Schreiben hat sie schon im Kindesalter entdeckt. Das Einzige, was ihr mehr Spaß macht als Texte zu schreiben, ist sie auf Bühnen selbst vorzutragen.

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