Sofar Sounds Passau – Die WG-Party unter den Geheimkonzerten

Es ist Sonntagabend und ich sitze mit einem Pappteller, auf dem sich drei verschiedene Sorten Nudelsalat auftürmen, auf dem Boden einer WG kurz hinter Passau. Vor mir wurde eine kleine „Bühne“ aufgebaut. Zumindest markiert ein Teppich zwischen zwei Lautsprecherboxen und ein Mikrofon, dass hier demnächst jemand singen und Gitarre spielen wird. Um mich herum sind noch ca. 30 weitere Menschen, die sich unterhalten und auf irgendetwas zu warten scheinen. Ich kenne keinen von ihnen, noch weiß ich, wer in dieser WG wohnt. Und trotzdem bin ich eingeladen – stehe sogar auf der Gästeliste.

Mich erwartet ein Geheimkonzert. So geheim, dass ich bis gestern nicht wusste, wo es stattfindet und vor 5 Minuten erst erfahren habe, wer überhaupt spielt. Auf Din A4 Zetteln an der Wand stehen die Namen der Künstler: „Hanno“, „Sleepwalker´s Station“ und „Joe Marson“. Ich kenne keinen von ihnen und vertiefe mich wieder in die Penne auf meinem Pappteller.

Eine junge, rothaarige Frau betritt die Bühne vor mir. Ihr Name ist Lilly und sie hat das Konzept aus London, wo sie es vor drei Jahren kennen gelernt hat, mit nach Passau gebracht, als sie im Sommersemester zum Studieren hergekommen ist. „Sofar Sounds“ nennt sich das Ganze und verfolgt ein bestimmtes Ziel. „Jeder hat [bei Konzerten] nur noch sein Handy in der Hand, man sieht nichts, man bekommt nichts mit. Das ist auch respektlos gegenüber den Musikern […].“, sagt Lilly. Da hat sie recht, denke ich mir und lege mein Handy aus der Hand. „Es steckt viel Arbeit und Leidenschaft dahinter und Sofar Sounds wollte das wieder in den Vordergrund rücken.“ Zwei junge Londoner haben vor 7 Jahren deswegen damit angefangen, in ihrer WG kleine Privatkonzerte zu veranstalten, die die Musik wieder ins Zentrum stellen. Mittlerweile gibt es diese Art von Veranstaltung in 385 Städten auf der ganzen Welt und seit neuestem eben auch in Passau.

Ich selbst hatte mich vor einigen Wochen auf einer Website für diesen Abend beworben. Eine Woche vorher wurde ich dann per Mail informiert, dass ich es auf die Gästeliste geschafft habe und gestern bekam ich die Adresse mitgeteilt. Das ist die einzige Möglichkeit von den Konzerten Wind zu bekommen. Es gibt keine Werbung und Facebookveranstaltung, weder Vorverkauf noch Abendkasse (das Konzert ist kostenlos) und trotzdem ist die Wohnung mehr als gut gefüllt.

Nach den einführenden Worten steht der erste Künstler auf der Bühne. Hanno kommt aus Passau und begeistert (wie alle Künstler des heutigen Abends) mit Gitarre und Gesang. Nach 30 Minuten ist der Gig vorbei und es gibt eine kurze Umbaupause. Da auf meinem Teller nur noch ein kleiner Rest Pesto übriggeblieben ist, schlendere ich in die Küche und hole mir ein Bier. In der Küche stehen zwei extrem nette Damen und bewachen das Buffet an dem man sich gegen einen kleinen Unkostenbeitrag bedienen kann. An der Wand hängt ein Putzplan mit Wäscheklammern, die markieren, wer als nächstes das Bad putzen muss. Es gibt selbstgemachtes Chili, selbstgemachte Pizzaschnecken, selbstgemachten Dip und eben dreierlei Sorten selbstgemachten Nudelsalat.

Und genau hier liegt der Charme der Veranstaltung. „Selbstgemacht“! Die Musiker spielen fast ausschließlich selbstgeschriebene Songs, das Konzert wird organisiert von dem kleinen Team um Lilly, als „Garderobe“ dient ein aussortierter Kleiderschrank (der übrigens zum Verkauf steht) und wenn man das Haus betritt muss man seine Schuhe ausziehen. Mehrfach überkommt mich das Gefühl, eher auf einer WG Party als auf einem Konzert zu sein. Allerdings ohne betrunkene Idioten, vollgekotzte Toiletten oder langweilige Gespräche und dafür mit richtig guter Musik.

Als nächstes steht Daniel von „Sleepwalker´s Station“ auf der Bühne. Er spielt regelmäßig Sofar Sounds Gigs und kommt gerade aus Amsterdam. Lilly erzählt mir hinterher, dass viele Musiker Sofar Sounds nutzen, um freie Tage auf einer Tour sinnvoll zu füllen oder um einfach mal in anderen Städten zu spielen, auch wenn man dort sonst nicht Halt machen würde.

 

Die Umbaupause verbringe ich wieder in der Küche und helfe den netten Buffetwächterinnen dabei eine Flasche Wein zu öffnen, bei der der Korken festsitzt. Sofar Sounds Konzerte erlauben meist zwischen 30 und 150 Besucher und können in WGs, Wohnzimmern, aber auch kleinen Cafés stattfinden. Hauptsache es hat eine heimelige Atmosphäre und ist für das freiwillig arbeitende Team erschwinglich.

Das letzte Set des Abends spielt Joe Marson. Ursprünglich aus Los Angeles tourt er mittlerweile durch ganz Europa und sorgt unfreiwillig für mein Highlight des Abends, als er mir seine neue CD an den Kopf wirft, die eigentlich für jemanden in der zweiten Reihe gedacht war.

Als der Schmerz nachlässt steht fest, dass ich mich verliebt habe: In Sofar Sounds, in Lilly und ihre WG und ein bisschen in den Nudelsalat mit Pesto.

 

Wer sich näher für das Konzept interessiert und vielleicht selbst einmal eines dieser streng geheimen Konzerte besuchen möchte, findet alle näheren Infos auf der Sofar Sounds Website.

Fotos: Sofar Sounds Passau

Sebastian Ruppert

Sebastian Ruppert, Jahrgang 1988, macht viel Kultur und studiert nebenbei irgendwas mit Lehramt. Aktiv ist er als Musiker, Regisseur, Schauspieler und Bühnentechniker. Ob Musik, Theater, Filme, Bücher oder Videospiele – er interessiert sich für alle Abgründe und Höhepunkte der (Pop-)Kultur.

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