Tabletop – Das Nerdhobby für Fortgeschrittene

Freitag, 7 Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Was könnte einen Studenten wie mich an einem Freitag freiwillig zu dieser gottlosen Uhrzeit aus dem Bett holen?
Die Zweite Heimat verschenkt Burger? Elbenwald bietet 70 % auf alles? Nein, noch viel besser: Ich fahre nach Graz, um dort Tabletop zu spielen. 

Der gemeine Leser wird sich hier nun natürlich fragen: Tabletop? Was ist das denn?

Der Verfasser dieses Artikels beim Tabletop

Tabletop ist der große nerdige Bruder des Brettspiels. Man spielt mit Zinn- oder Plastikminiaturen (im Fachjargon gerne als „Puppen“ bezeichnet), die man selbst zusammenbaut und anmalt, auf einem Spielfeld, das oft mit Miniaturgelände, also Wäldern, Häusern usw. ausgestattet ist, Krieg.
Bei der Frage nach dem genauen Ablauf des Spiels adaptiere ich sehr gerne ein Zitat des Poeten Lukas Podolski: „Tabletop ist wie Schach, nur mit Würfel“.

Dies ist erstaunlich nah an der Wahrheit: Jede eingesetzte Figur besitzt einzigartige Fähigkeiten und Werte, die sie von den anderen Figuren unterscheidet. Auch versucht man mittels strategischer Platzierungen diese Figuren möglichst vorteilhaft abzutauschen. Viele Spielsysteme besitzen sogar das Äquivalent zum König, bei dessen Ableben man sofort zum zweiten Gewinner der Partie deklariert wird. Einen großen Unterschied zum Schach stellt aber das Spielfeld dar: Tabletop wird (oh Wunder) auf einem Tisch gespielt, auf dem sich jede Figur frei bewegen darf. Dies führt dazu, dass jede Figur beliebig platziert werden kann, was für mich einen der größten Reize des Spiels bietet, da einige Zentimeter zu weit vorn oder hinten über Sieg oder Niederlage entscheiden können.
Auch ist das „Schlagen“ von Figuren nicht garantiert, wie beim Schach, sondern hängt von den Eigenschaften der Figur ab. Mittels Würfeln werden Schadenswerte ermittelt, die die  einen Spielfiguren den anderen auf verschiedenste Weise zufügen können (Schlagen, Werfen, Schießen, Zaubern, bis der Gegner nicht mehr mitspielen will. Ein Werwolf mit einem riesigen Stärke-18-Schwert hat somit natürlich bessere Chancen, einen Roboter mit Rüstung 18 zu töten, als ein armer Fußsoldat mit seinem Stärke-11-Messer.

Ein Tabletop-Spielfeld während des ersten Zuges (Quelle: Facebook – Warmachine & Hordes WTC)

Nun aber wieder zurück zu mir. Der eine oder andere wird sich jetzt vermutlich fragen, warum ich mit einem großen Koffer voller Zinnfiguren in den besten Teil Bayerns fahre.
Warmachine, und Tabletop allgemein, ist für mich nicht nur wegen des Spiels an sich mein Lieblingshobby, sondern auch wegen des ganzen Drumherums. 
Am wichtigsten sind natürlich die Leute, die man dadurch kennenlernt: Der Typ, der mich damals, als ich 16 war, zum ersten Mal im Zeughaus zum Spielen empfangen hat, ist mittlerweile einer meiner besten Freunde.
Auch international knüpft man viele neue Bekanntschaften. Warmachine ist relativ kompetitiv ausgelegt, was dazu führt, dass viele Spieler häufig auf Turnieren rumgurken. Im Rahmen dieser Turniere war ich bereits in Berlin, Bratislava, Belgien, Polen, Tschechien und an vielen Orten mehr. Gleichzeitig gibt es aber nicht so viele Spieler, dass man sich nicht mit der Zeit kennen würde. So habe ich auch die Grazer und alle anderen Österreicher kennengelernt.

Angekommen in Graz wird nicht nur gezockt, sondern auch viel anderer Blödsinn gemacht. Mischa, mein Gastgeber, besitzt ein Lokal an der Grazer Uni, das wir als Spielort missbraucht haben.
Während also Mischas Mitarbeiter leicht verwirrt schauenden Studentinnen ihren Kaffee bringt, schieben wir Figuren rum, trinken Bier, führen ellenlange Diskussionen, ob nun Modell x gegen Krieger Y gewinnen kann, und planen die Strategie für unser gemeinsames Team bei der Weltmeisterschaft  im August.

Team Mozart bei der Weltmeisterschaft 2017.(Quelle: Facebook – Warmachine & Hordes WTC)

Tabletop ist also nicht nur ein Spiel, das ein paar verschwitzte Nerds im Keller spielen (ok, haben wir auch schon gemacht), sondern ein soziales Phänomen mit Community-Treffen, Foren, Chats, Teamevents, gemeinsamen Urlauben, ganz viel Grillen und vielem mehr.

Neben dem Spielen an sich und der Community muss natürlich das Malen und Basteln erwähnt werden. Als Tabletop-Spieler verbringt man den größten Teil der Zeit nicht am Spieltisch sondern am (meistens unglaublich dreckigen) Maltisch. Die erworbenen Figuren, von denen man immer viel mehr kauft, als man eigentlich braucht, wollen zusammengebaut, von Gussresten befreit und bemalt werden. Auch dieses Event ist oft geselliger als man meint: Viele treffen sich zum Malen oder telefonieren nebenbei per Headset mit den anderen Nerds und besprechen neueste Strategien oder quatschen einfach so.

Sieger des Malwettberwerbs bei einer Tabletop-Weltmeisterschaft (Quelle: Facebook – Warmachine & Hordes WTC)

Nun seid ihr vermutlich vollkommen verwirrt und habt von jedem Aspekt des Tabletops einen ganz kleinen Einblick, aber nichts wirklich ganz verstanden … sehr gut, Andi.

Seid ihr trotzdem neugierig geworden, sind die besten Ansprechpartner der Fantasy Spieleladen, das Zeughaus oder ich!

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

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