The Night They Drove Old Dixie Down – Martin McDoanghs neuer Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“

Mildred Hayes (Frances McDormand) vor ihren Billboards – Bildquelle: http://www.chattanoogapulse.com/screen/reviews/three-billboards-outside-ebbling-missouri/

Martin McDoangh ist kein Name, der mir etwas sagte, dabei steckt der Londoner Regisseur hinter einem meiner absoluten Lieblingsfilme, dem grandiosen „Brügge sehen… und sterben?“ (Originaltitel: „In Bruges“, 2008). Das ist zwar der einzige Film der überschaubaren Filmografie McDoangh’s, den ich gesehen habe, aber auf jeden Fall Grund genug, sich für sein neues Werk „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ durch die beißende Winterkälte zu kämpfen. Natürlich wollte ich mich auch überzeugen, ob der Film mit dem mehr als sperrigen Titel die überschwänglichen Kritiken und seine sieben Oscarnominierungen  (Bester Film, Bestes Originaldrehbuch, Beste Hauptdarstellerin – Frances McDormand, Bester Nebendarsteller – Sam Rockwell, Bester Nebendarsteller – Woody Harrelson, Beste Filmmusik, Bester Schnitt), die vier Golden Globes und die zahlreichen anderen Auszeichnungen verdient hat. Eins noch: Ich werde versuchen, mich in dieser Rezension einigermaßen spoilerfrei zu halten – also keine Angst.

„How come, Chief Willoughby?“ – Die Handlung

Die Handlung des Filmes ist relativ einfach zusammengefasst: Die Tochter der Protagonistin Mildred Hayes (Frances McDormand) wurde vergewaltigt und ermordet. Die Täter wurden nicht gefasst und die Polizei der Kleinstadt Ebbing Missouri ist – zumindest aus Mildreds Sicht der Dinge – mehr damit beschäftigt die afroamerikanische Bevölkerung zu diskriminieren, als der Tat nachzugehen. Somit nimmt sie das Geschehen in die eigenen Hände: Kurzerhand mietet sie drei Billboards (also Plakatwände) an einer Landstraße und lässt auf jede – fett in Schwarz auf Rot – einen Satz anbringen: „Raped While Dying“, „Still No Arrests?“ und „How come, Chief Willoughby?“ Mit diesem Versuch, die Polizei zum Handeln zu zwingen, macht sie sich im Ort nicht gerade beliebt, denn der genannte Chief Willoughby (Woody Harrelson) wird in der Gemeinde sehr geschätzt. Obwohl sie mehr und mehr zum Hassobjekt der Stadt wird, weigert sie sich, die Billboards abzunehmen. Ihr erbittertster Feind ist der Officer Jason Dixon (Sam Rockwell), ein geistig schwerfälliger und fast kindlicher Polizist mit Hang zu Rassismus und Gewalt. Da der Rest des Filmes nicht einfach zusammenzufassen ist und da ich auch nicht zu viel vorwegnehmen möchte, halte ich mich nun kurz: Die Situation spitzt sich zu. Mildred Hayes wird mehr und mehr zur Paria. Was sich jedoch letztlich abspielt folgt nicht wirklich dem klassischen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Schema, das man eigentlich erwartet. Am Ende der Geschichte steht etwas, das man – trotz seiner Ambivalenz und Offenheit – fast  als Happy End bezeichnen könnte … in einem sehr verqueren und düsteren Sinn, zugegeben.

Officer Jason Dixon (rechts: Sam Rockwell) hat es auf Hayes abgesehen, Chief Willoughby (mittig: Woody Harrelson) denkt sich seinen Teil – Bildquelle: http://cdn.collider.com/wp-content/uploads/2017/10/three-billboards-outside-ebbing-missouri-sam-rockwell-woody-harrelson.jpg

Tragödie, Komödie oder Charakterdrama – What’s the goddamn genre?

Es fällt mir nicht leicht, diesen Film einzuordnen oder zu kritisieren, weil es viele Punkte gäbe, an denen ich ansetzen könnte. Versuchen wir es also mal mit den guten alten Genre-Schubladen. „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“  bewegt sich in Sachen Genre recht nahe an „Brügge sehen… und sterben?“, irgendwo zwischen harter und düsterer Tragödie und skurriler Komödie, wobei sich die Handlung jedoch deutlicher als in „Brügge“ vom Bereich des Komischen entfernt. Und hier kann ich auch alle Versuche der Genre-Zuordnungen schon wieder aufgeben: Das was passiert hat skurrile und komische Momente, aber das ist ja auch für die härteste Tragödie durchaus nichts Ungewöhnliches. Die Stilistik des Filmes erinnert ein wenig an ein naturalistisches Drama (– wer jetzt denkt, ich würde mich hier von unserem letztsemestrigen Theaterprojekt „Hedda Gabler“ beeinflussen lassen, der hat Recht). Es wird geflucht (gottverdammt oft geflucht), geschrien, geflucht, aufeinander eingeprügelt und habe ich schon gesagt, dass viel geflucht wird? „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist ein harter Film, der kein Blatt vor den Mund nimmt und manchmal hat man fast das Gefühl, in einem von Südstaatenstimmung geschwängerten Revenge-Movie zu sein. Dennoch verliert sich McDoangh (von dem auch das Drehbuch stammt) keinesfalls in Klischees: Die Handlung nimmt unerwartete Wendungen, was in diesem Fall bedeutet, dass vor allem die Charaktere sich anders entwickeln, andere Konsequenzen aus dem Geschehen ziehen, als man es zunächst erwarten würde. Die Charaktere sind es auch, die diesen Film vor allem anderen auszeichnen. Keinesfalls handelt es sich um austauschbare Stereotypen, die zu Dienern eines dominanten Handlungsstranges degradiert werden, vielmehr könnte jede einzelne der prominenteren Figuren selbst Protagonist eines Romans sein und es wäre immer ein anderer Roman. Jeder Charakter weißt Eigenheiten und Ambivalenzen auf, besitzt die Fähigkeit sich zu entwickeln und somit die Handlung in eine unerwartete Richtung zu lenken. Diese Eigenheiten werden dabei nicht mit dem erzählerischen Vorschlaghammer präsentiert sondern erweisen sich in kleinen Gesten und subtilen Verhaltensweisen, die das vermeintlich offensichtliche und überzeichnete Stereotyp durchbrechen: Eine Figur hilft einem strampelnden Käfer auf die Beine, zeigt zum ersten Mal ein echtes Lächeln oder hört Musik, die man nicht von ihr erwarten würde. Diese Eigenheiten sind es auch, die – eben wie in einem naturalistischen Drama – den eigentlichen Humor des Film ausmachen: Menschliches Verhalten mutet, aus der Distanz betrachtet, oft skurril und komisch an, das arbeitet „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ heraus, ohne dabei jedoch spöttisch oder herablassend zu sein.

Ein Teil des Casts, v.l.: Peter Dinklage, Woody Harrelson, Sam Rockwell, Frances McDormand und Željko Ivanek – Bildquelle: https://www.empireonline.com/movies/three-billboards-outside-ebbing-missouri/three-billboards-outside-ebbing-missouri-cast-talk-london-film-festival/

Ausnahmslos Oscarreif – Das Schauspiel

Dass die genannten Charaktere die Handlung überhaupt in dieser Weise tragen können, ist natürlich vor allem den Schauspielern zu verdanken, von denen keiner – auch in den Nebenrollen – schlechter als ausgezeichnet spielt. Jedem der Schauspieler ist die Rolle auf den Leib geschrieben und es ist McDonagh hoch anzurechnen, dass jede Rolle einen kurzen Moment hat, in dem sie voll zur Geltung kommt. Besonders positiv möchte ich Woody Harrelson und Peter Dinklage hervorheben. Harrelson, seit  „Zombieland“ und der ersten Staffel „True Detective“ einer meiner Lieblingsschauspieler, verkörpert mit dem Sheriff eine Rolle, die nicht neu für ihn ist (sogar ziemlich deckungsgleich mit seinem Part in „True Detective“): Der harte, doch schicksalsgebeutelte Kerl mit dem weichen Herzen. Doch diese Rolle meistert er akzentuiert und glaubhaft. Peter Dinklage hat bei mir ohnehin einen Stein im Brett – ja ich gebe es zu, ich bin ein Tyrion Lannister-Fanboy. Als städtischer „Zwerg“ James spielt er zwar nur eine Nebenrolle, diese aber mit äußerst viel Gefühl und überzeugender Tragik, die nur hoffen lassen, ihn in Zukunft auch mal in Hauptrollen zu sehen.
Stars dieses Films sind jedoch Frances McDormand und Sam Rockwell. In beiden Fällen handelt es sich um Schauspieler, die ich ehrlichgesagt nie bewusst wahrgenommen hatte. McDormand, die ich nur aus der Hauptrolle von „Fargo“ (1996) kannte und dementsprechend nicht wiedererkannte, spielt die Protagonistin Mildred Hayes schlicht brillant: Eine Frau, die sich von einem gewalttätigen Ehemann befreit hat, seit dem Tod ihrer Tochter von tiefen Schuldgefühlen geplagt wird und von ihrem Sohn und der ganzen Stadt für ihr Handeln verachtet wird. Mildred Hayes ist eine harte, eigenständige Figur, die kompromisslos ihre Ziele durchsetzt und dabei jedoch stets nachvollziehbar und menschlich bleibt und nicht zum Rache-Engel mutiert, wie es vielleicht in einem Tarantino-Streifen der Fall wäre. Eine bis ins letzte Detail gekonnte Darstellung.
Rockwell ist ein Schauspieler dessen Gesicht mir bekannt vorkam, dessen Namen ich mir aber bisher nicht merken konnte (was zugegebenermaßen nicht viel heißt) und den ich bisher als Antagonisten Justin Hammer aus „Iron Man 2“, in Nebenrollen aus „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ und „The Green Mile“, und – wohl am prominentesten – als Zaphod Beeblebrox aus der 2005er Verfilmung von „Per Anhalter durch die Galaxis“ kannte. Seine Darstellung des Police-Officers Dixon gehört zu dem besten was ich an Ausdruck und Körpersprache seit langem gesehen habe: Ein mehr als einfach gestrickter Kerl, dessen eigentlich kindlich-gute Motivation unter unreflektiertem, nachgeplappertem Rassismus, einem Minderwertigkeitskomplex und tiefer Verunsicherung begraben liegt, der es jedoch schafft eine erstaunliche Entwicklung durchzumachen. Rockwell lebt seine Rolle bis ins letzte Detail und ist somit McDormand absolut ebenbürtig. Beide hätten einen Oscar für ihre Rollen mehr als verdient.

Regisseur Martin McDonagh – Bidlquelle: http://www.goldderby.com/article/2018/oscar-snub-martin-mcdonagh-three-billboards/

Wie in einem Roman – Die zeitlose Atmosphäre

Die Atmosphäre, die Handlung und Charaktere einschließt erinnert mich – obwohl sie eine ganz andere ist – gewissermaßen wiederum an „Brügge sehen…und sterben?“: Seit ich diesen Film gesehen habe, wollte ich immer einmal nach Brügge fahren. Seit ich „Three Billboards“ gesehen habe, denke ich darüber nach, ein Flugticket nach Missouri zu buchen (obwohl das genannte Ebbing nur fiktiv ist): Die Lichtstimmungen und Landschaftsaufnahmen (vor allem weite, grün bewaldete Hügel und wilde, steinige Flüsse) sorgen, gemischt mit den leicht heruntergekommen und fast trostlosen Gebäuden der Kleinstadt, für eine ganz spezifische Ästhetik. Alle Schauplätze scheinen nur halb real, sind selbst Teil einer bewusst zeitlosen Erzählung, die sich in dieser Form genauso heute wie vor fünfzig Jahren hätte abspielen können. Jede Kameraaufnahme, jeder Aspekt der bildlichen Inszenierung ist wohl überlegt ohne dabei unangenehm konstruiert zu wirken. Gerade die Eröffnungssequenz und die spätere Entdeckung der Billboards durch Officer Dixon, entfalten eine großartige Wirkung und man merkt, dass McDonagh auch als Theater-Dramatiker tätig ist. Auch Carter Burwells Filmmusik, trägt zu diesem Gesamteindruck bei: Schwermütige Eigenkompositionen, die fast an Ennio Morricone erinnern, mischen sich mit (Country-)Songs und einigen klassischen Stücken. Alles in allem findet man sich in einer atmosphärisch dichten und schnörkellosen Erzählung wieder, bei der aller überflüssiger Pathos oder Kitsch außen vor bleibt. Die Charaktere sind fast ausnahmslos aggressiv (latent und offen), gewaltbereit, stets darauf aus, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen und über allem liegt eine wehmütige Aura des Verfalls – der Einsatz des Songs „The night they drove old dixie down“ (im Film in der Interpretation von Joan Baez), der von der Niederlage der Südstaaten erzählt, wirkt wie ein Motto für den gesamten Film – typisches Südstaaten-Flair (obwohl Missouri nur noch gerade so zu den Südstaaten zählt). „Three Billboards“ könnte so auch ein Roman eines der großen amerikanischen Erzähler sein – es handelt sich um perfektes Storytelling.

Ein wenig Kritik

Ein kleiner Wermutstropfen bleibt dennoch: Ich kann jedem nur empfehlen sich den Film – so möglich – im englischen Originalton (evtl. mit Untertiteln) anzusehen. Die deutsche Synchronisation ist zwar recht gut, nimmt den Dialogen aber doch ihre Authentizität. Vor allem das häufige Fluchen wirkt hier unpassend und gestellt, da es in dieser Form einfach kein Teil der deutschen Umgangssprache ist: Wenn Sheriff Willoughby ein raues „goddamn“ hinrotzt, kommt das deutsche „gottverdammt“ einfach nicht dagegen an, ebenso wie man den exzessiven Einsatz von „fuck“, „damn“ etc. einfach nicht stilecht ins Deutsche übertragen kann. Ebenso bleibt der breite amerikanische Slang natürlich auf der Strecke. Deswegen fällt es mir schwer, hier ein ganz abschließendes Urteil zu fällen ohne den Film ein zweites Mal im Orginalton gesehen zu haben. Aus meiner aktuellen Sicht kann ich nur sagen, dass ab und an ein wenig mehr Zurückhaltung bei der Figureninszenierung angebracht gewesen wäre, um die Spuren von unnötiger Überspitzung und der Künstlichkeit, die ab und an aufblitzen, zu beseitigen.
Es handelt sich zudem um einen Film, der nicht glatt runtergeht sondern zwischendurch immer wieder Widerhaken hat, an denen man hängenbleibt und sich durchaus mal denkt „Hä, was soll der Mist?“ bis sich alles in einen Kontext einordnet. Das ist eher Lob als Kritik, dennoch bleibt die ein oder andere Szene auch im Nachhinein irritierend und scheint etwas ungeschickt in die Gesamthandlung eingeordnet, die Handlung hätte hie und da also noch einen kleinen Schliff vertragen können. Dies ist jedoch nur eine sehr relative Kritik, die sich vielleicht beim zweiten Ansehen in Wohlgefallen auflöst.

Frances McDormand und Peter Dinklage in ihren Rollen – Bildquelle: https://theplaylist.net/three-billboards-sag-awards-win-20180121/

9 von 10 Punkten – Fazit

All das liest sich nun stellenweise etwas zu euphorisch, dennoch ist es im ewigen Einheitsbrei der Blockbuster-Produktionen eine Erleichterung zu sehen, dass noch richtig gute Filme gemacht werden, die eigene Akzente setzen und bewusst irritieren. „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist einer von ihnen und hätte jeden Oscar verdient, für den er nominiert ist. Zusammenfassend würde ich ihm entweder 9 von 10 Punkten oder – in Schulnoten – eine glatte 1 geben, die 10 Punkte bzw. die 1+ nur deswegen nicht, weil er für mich nicht ganz an „Brügge sehen… und sterben?“ herankommt. Auf jeden Fall eine große Empfehlung: Seht euch diesen Film an!

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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