„A hard kick in the urethra“ – Das Netflix-Original „BoJack Horseman“

„For a lot of people, life is just one long hard kick in the urethra and sometimes when you get home from a long day of getting kicked in the urethra, you just wanna watch a show about good, likable people who love each other.“

Wer nach einer solchen Show sucht, wird sie in BoJack Horseman leider nicht finden. Wenn man sich diese Serie anschaut, fühlt sich das eher so an, als würde man in die oben erwähnte „urethra“ (= Harnröhre) getreten werden. Trotzdem ist sie für unsere Redaktionsmitglieder Andi und Jakob die wahrscheinlich beste Serie, die man auf Netflix finden kann.

 

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Auf den ersten Blick wirkt BoJack Horseman eher wie eine Kinder-Zeichentrickserie: Auf den bunt animierten Straßen Hollywoo(d)s tummeln sich – neben den überzeichneten Menschen und einer Menge Stars (u.a. Andrew Garfield, Margo Martindale, Daniel Radcilffe) – vor allem auf eher dubiose Weise vermenschlichte Tiere.

Doch gleich zu Beginn der ersten Folge, wenn Protagonist BoJack stockbetrunken ein Interview über seine Vergangenheit als Sitcom-Star gibt, wird klar: An Kinder richtet sich diese Show sicherlich nicht. Allein die Ausgangslage ist dafür zu deprimierend: BoJack ist ein abgehalfterter Serien-„Star“, der seinen einzigen großen Erfolg mit der 1987 erschienenen Family-Sitcom Horsin‘ Around feierte (den Vorspann kann man tatsächlich auf Netflix sehen). Im Jahr 2014, in dem BoJack Horseman beginnt, ist dieser Ruhm längst verblasst. BoJack erinnert in seinem Lebenswandel – Alkohol, Tabletten, One-Night-Stands – mittlerweile ein wenig an Charlie Sheen. Er schwankt zwischen Depressionen und Erinnerungen an bessere Zeiten und hält sich mit Interviews und Talk-Show-Auftritten über Wasser. Sein soziales Umfeld hat unter seinem unberechenbaren und narzisstischen Verhalten zu leiden, seine Freundin (die Katze Princess Carolyn) hat sich von ihm getrennt und selbst sein „bester Freund“ Todd, ist eigentlich nur ein unerwünschter Mitbewohner. Um an neues Geld zu kommen, aber auch, um wieder ans Licht der Öffentlichkeit zu gelangen, beschließt BoJack auf Drängen seiner Agentin (ebenfalls Princess Carolyn), seine Memoiren zu verfassen. Aus dieser Situation ergibt sich der weitere Verlauf der Serie: BoJack lernt die Ghostwriterin Diane Nguyen kennen, trifft auf alte Schauspielerkollegen (wie den unerträglich positiven Labrador Mr. Peanutbutter) und versucht immer wieder erfolglos, sein Leben auf die Reihe zu bekommen.

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Für wen das alles nicht wirklich nach spaßiger Unterhaltung klingt…der hat vollkommen Recht. Wenn man in jeder Folge aufs Neue miterleben muss, wie es BoJack gelingt, trotz seines eigentlichen Erfolgs und Aufstiegs alle zwischenmenschlichen Beziehungen und Errungenschaften zu ruinieren, macht einen das fast so depressiv wie BoJack selbst. Aber genau das macht diese Serie, zumindest unserer Meinung nach, so sehenswert. BoJack Horseman ragt aus dem Sumpf unterhaltsamer, aber weitgehend inhaltsloser „Feel-Good-Serien“ (auf die Horsin‘ Around eine Parodie ist) stark heraus. Nach einem Happy End sucht man hier vergeblich. Stattdessen kann man BoJack immer wieder beim Scheitern beobachten.

Während dies BoJack Horseman bereits zu einer erwähnenswerten Serie machen würde, ist es vor allem der ungeschönte Umgang mit Gesellschaftsproblematiken, der die Serie so großartig macht. Dabei setzt sich BoJack Horseman nicht nur mit „Standard-Themen“ wie familiären Problemen oder Beziehungsdramen, sondern auch mit zu selten angesprochenen Bereichen auseinander: Depressionen, Asexualität, gesellschaftlicher Leistungsdruck, die Abgründe der Medien- und Unterhaltungsbranche und vieles mehr. Obwohl die Serie natürlich mit satirischen Übertreibungen arbeitet – schließlich ist es immer noch Zeichentrick, in dem ein Pferd Sex mit einer Eule hat – ist der Umgang mit diesen, zum Teil sensiblen Bereichen, immer ernsthaft und respektvoll. So ist beispielsweise Todd an sich ein vollkommen lächerlicher und wenig ernstzunehmender Charakter. Wenn sich die Serie jedoch seiner Asexualität und den damit einhergehenden Problemen zuwendet, hat man nie das Gefühl, dies sei nicht ernst zu nehmen.

Während sich selbst die Durchschnittsfolge der mittlerweile fünf Staffeln (61 Folgen) stilistisch und inhaltlich mit jedem Spielfilm messen kann, gibt es einige Episoden, die besonders herausstechen. Dies ist gerade deswegen der Fall, weil BoJack immer wieder große Wagnisse eingeht, die man sonst in kaum einer Serie finden würde:
In „Fish Out of Water“ (Season 3/ Episode 4) reist BoJack zum „Pacific Ocean Filmfestival“, dass in einer Stadt unter Wasser stattfindet. Das Besondere dabei ist, dass ab dem Intro kein (verständliches) Wort mehr gesprochen wird, da BoJack mit keinem der Unterwasser-Tiere kommunizieren kann. Trotzdem gelingt es den Drehbuchautoren Elijah Aron und Jordan Young, eine märchenhafte und berührende Geschichte zu erzählen.

Die gleichen Autoren sind für die Folge „That’s Too Much, Man!“ (Season 3/ Episode 11) verantwortlich, die – wenn auch ganz anders – ebenso genial ist. Hier kann man einen Drogentrip BoJacks und der ehemaligen Kinderdarstellerin Sarah Lynn erleben. Diese glitt nach dem Ende von Horsin‘ Around in Alkohol und Drogen ab und suchte in BoJack erfolglos eine Vaterfigur. Nicht nur, dass der Trip an sich mehr als überzeugend dargestellt wird, das Ende dieser Folge hat uns beide fast zum Weinen gebracht.

Auch die aktuelle fünfte Staffel hat mit „Free Churro“ (Drehbuch: Raphael Bob-Waksberg) einen der Höhepunkte der Serie zu bieten. Welche andere Serie würde es sich trauen, den Protagonisten einfach nur 26 Minuten – ohne Schnitte oder Überblendungen – am Sarg seiner Mutter monologisieren zu lassen? Und dieser Monolog ist dabei auch noch verdammt gut geschrieben und wird an keiner Stelle langweilig.

Wir wissen jetzt nicht, ob wir es geschafft haben, diese Serie wirklich als sehenswert darzustellen. Zugegebenermaßen muss man sich durch die erste Staffel ein bisschen durchbeißen. Aber wenn man das einmal geschafft hat, fesselt einen die Serie dermaßen, dass man sie – obwohl es immer ein wenig depressiv macht – nicht mehr loslassen will und sie einen immer wieder aufs Neue begeistert.

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Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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2 Antworten

  1. Joana sagt:

    Im Gegensatz zu den Autoren musste ich mich nicht durch die erste Staffel beißen, sondern war von der ersten Folge an absolut süchtig!
    Ich bin ganz eurer Meinung, dass Bojack Horseman eine der absolut besten Serien auf Netflix ist und bin jedes mal wieder fasziniert davon, wie realistisch und sensibel die Macher Themen wie psychische Krankheit, Einsamkeit, Leistungsdruck und zwischenmenschliche Beziehungen beleuchten. Die bunte Welt voll tierischer und menschlicher Figuren ist dafür der perfekte Nährboden und wird oft so nebensächlich und mühelos mit intelligenten Witzen gefüllt, dass einem einge Andeutungen und Eastereggs erst nach mehrmaligem Sehen auffallen und jeder Frame durch die liebevolle Gestaltung der Figuren und Kulissen schon als Standbild eine ganze Geschichte erzählt.

    Auf Youtube gibt es ein interessantes Video, in dem die Zeichnerin ihren Zugang zur Kunst erklärt:
    https://youtu.be/f6F_CF7Yvo0

    • Jakob Kelsch Jakob Kelsch sagt:

      Das mit der der ersten Staffel ist wohl Geschmackssache. Ich brauchte ne Weile um reinzukommen und kenne auch noch andere Leute, denen es ähnlich ging.
      Du hast absolut Recht: Der Witz der Serie wirkt nie gewollt oder konstruiert, sondern passt immer großartig und auch die Bildkomposition ist klasse. Zudem ist es immer wieder erstaunlich und anrührend, wie gut und respektvoll der Umgang mit ersten Themen ist – ich war mehr als einmal den Tränen nahe. Wir beide vergöttern diese Serie und hätten sicher noch mehr schreiben können, haben uns aber beschlossen nicht zu sehr zu eskalieren :D. Danke für den Videotipp, ich schau gleich mal rein.

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