Als ich einmal die anderen war

Wie ich hier ja schon mal erwähnt habe, spiele ich Tabletop. Ein Highlight meines Tabletop-Jahres ist das zweitägige Turnier in Bratislava. Auch dieses Jahr sind wir brav am Freitag, dem Tag vorher, angereist. Traditionell im VW aka Partybus, dieses Mal zu sechst. Allein diese Roadtrips stellen für mich ein Highlight des Hobbys dar. Diesen Trip habe ich bereits zum fünften Mal hinter mir. Das erste Jahr sind wir noch mit dem Zug angereist, aus Angst, dass uns das Auto geklaut wird. Im zweiten Jahr  haben wir das Auto genommen, aber extra für einen bewachten Parkplatz gezahlt. Und so ging es weiter. Dieses Jahr hatten wir für einen lächerlich geringen Preis (6 € pro Nacht) eine Wohnung in einer recht normalen Nachbarschaft gemietet, Parkplätze direkt vor der Tür. Die Parkplätze waren gut beleuchtet und außen herum standen auch durchaus teure Autos. Aufgrund dieser Tatsachen und unserer Unlust, die schweren Koffer, in denen wir unsere Armeen aufbewahren, zu schleppen, haben wir diese im Auto gelassen, sind essen gegangen und ins Bett.  

Vielleicht ahnt ihr schon, worauf ich hinauswill. Am nächsten Morgen waren die 6 Koffer mit den 6 Armeen weg. Stellt euch vor, ihr habt eure Masterarbeit fertig geschrieben, seid richtig stolz darauf und fahrt mit dem gesamten Material zu Freunden, um die Arbeit vorzustellen. Nicht nur, dass ihr die ganzen Bücher nochmal kaufen müsst (meine Figuren hatten einen Neuwert von circa 900€), viel schlimmer ist, dass ihr die ganze Arbeit (bei mir so circa 250 Stunden) nochmal machen müsst, genau das Gleiche nochmal, und dass das Endergebnis sicher auch noch schlechter ist als das Original. Yay. Zusätzlich könnt ihr jetzt, um beim Masterarbeit-Vergleich zu bleiben, nächstes Semester nicht ins Berufsleben einsteigen – oder in meinem Fall nicht bei der Weltmeisterschaft mitspielen -, wenn ihr euch diese ganze Arbeit nicht noch einmal antut.

Der Tatort

Entsprechend geschockt waren wir. Aber auch ratlos. Ich war noch nie in dieser Situation. Natürlich liest man davon, dass Touristen ständig beklaut werden, aber das passiert immer irgendwem anders, den ich nicht kenne und schön weit weg. Selbst zwei Stunden, nachdem wir unser Auto entdeckt hatten und die Polizei schon fast mit ihren Untersuchungen fertig war, war ich mir nicht ganz sicher, wie ich reagieren sollte. Einerseits war ich natürlich extrem traurig. Warum ich? Hätten sie nicht irgendwas Sinnvolles und weniger Wichtiges klauen können? Hätten sie mir einfach 1000 Euro vom Konto geklaut, wäre es mir wesentlich egaler gewesen. Allgemein war dieses Verbrechen wohl maximal sinnlos. Der Dieb kann ziemlich sicher nichts mit den Figuren anfangen und schmeißt sie wohl einfach weg.

Meine Lieblingsfigur

Andererseits  gilt vor allem in unserer Familie der Grundsatz: „Sind wir froh, dass es nicht schlimmer gekommen ist“. Das Auto stand 20 Meter von meinem offenen Schlafzimmerfenster weg. Genauso gut hätten sie bei uns einbrechen können.

Auch das Thema Hoffnung hat mich sehr zerrüttet. Primär als Beschäftigungstherapie haben wir, während der Besitzer des Autos mit der Polizei sprach, die Gegend abgesucht, in der Hoffnung, die Diebe hätten die Koffer, nachdem sie deren Nutzlosigkeit erkannt hatten, in der nächsten Mülltonne deponiert. Natürlich war mir klar, dass wir das Zeug nicht finden würden. Andererseits konnte ich nicht einfach nur dasitzen, bestand doch die minimale Chance, hinter der nächsten Ecke die Figuren zu finden. Umso schlimmer war die Enttäuschung, als ich wieder einen vielversprechenden, in einem Hinterhof stehenden Baucontainer untersucht habe und doch wieder nichts von uns drin war. Sogar als wir Samstagnachmittag nach Hause gefahren sind, hatte ich das ungute Gefühlt, nur noch ein oder zwei Minuten suchen zu müssen, dann würde schon alles auftauchen.

Auch zu Hause war alles komisch. Viele meiner Bekannten haben einfach nicht verstanden, welchen extremen Verlust das für mich darstellte. Auch fiel es mir schwer, wirklich traurig zu sein. Zum einen, da es ja sowieso nichts bringen würde, da ich nichts an der Situation ändern konnte, zum anderen würde es allen den sowieso schon schweren Umgang mit der Situation noch unangenehmer machen. Und wie sollte es jetzt weitergehen? Sofort neue Figuren kaufen und die Armee wieder aufbauen? Warten, ob sie doch noch gefunden werden? Falls man wartet, wie lange? Ich hatte ja auch den zeitlichen Druck, die Figuren bis zur Weltmeisterschaft im September wieder gebaut und bemalt zu haben. Besonders fasziniert haben mich in dieser Situation die unterschiedlichen Einstellungen der Opfer zum Täter. Während manche von uns richtig sauer wurden, wäre ich dem Verantwortlichen einfach nur dankbar gewesen, wenn er/sie mir meine Puppen wiedergebracht hätte. Hätten die einen dem Dieb am liebsten die Hand gebrochen, hätte ich sogar gezahlt, um meine Puppen wiederzubekommen und hätte mich vermutlich auch noch bedankt.

Eins hatten wir aber alle gemeinsam: Seitdem sind wir nicht mehr so entspannt, wann immer wir Sachen unbeaufsichtigt lassen müssen. Vor allem in der Woche nach dem Diebstahl fühlte sich für mich alles unangenehm an. Fahrrad an der Uni abstellen? Nicht gut. Kurz auf’s Klo gehen und dein Zeug mit fremden Studenten im Raum lassen? Unangenehm. Das Haus verlassen und keine Alarmanlage haben? Gefährlich. Hier hat mir tatsächlich die Community sehr geholfen. Hier ein Link zu unserem Forum (ja wir benutzen sowas noch), in dem wir viel Zuspruch erhalten haben: http://forum.page5.de/4.1/index.php?thread/71818-fucked-up-in-bratislava-sechs-armeen-geklaut-six-armies-stolen/&pageNo=1

Und wie jede gute Geschichte gibt es am Ende noch ein Happy End und eine Moral: Die Polizei hat den Typ erwischt! Anscheinend hat der Dieb das Tablet, das in einem unserer Koffer lag, über eine Website verkauft und sich dabei sehr smart angestellt:

„Stuff i never use“ und die Warroom-App, die man zum Spielen unseres Tabletops benötigt, waren hilfreiche Tipps

 

Dieses Foto, auf dem sich eindeutig erkennen lässt, wem das Tablet gehört, war Teil der Artikelbeschreibung. Nachdem die Polizei über die Seite die Adresse des guten Herren fand, konnte sie in seiner Garage unsere Koffer sicherstellen. Wenn alles klappt, können wir die Sachen nächsten Freitag abholen.

Moral gibt es sogar ziemlich viel. Zum Beispiel, dass die Leute, die überall in der Innstadt nette Kommentare über die Polizei an die Wände geschmiert haben, Idioten sind. Oder dass man kein Zeug klauen sollte. Am wichtigsten ist mir persönlich aber, sich nicht das komplette Leben vermiesen zu lassen. Mittlerweile kann ich wieder sorgenfrei das Haus verlassen. Nicht nur weil mein Zeug wieder da ist, sondern weil es einfach nichts bringt, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Shit happens, trotzdem werde ich mir davon nicht mein Lebensglück verderben lassen.

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

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