Aus alt mach neu (?) – Disneys Realverfilmungen

Nach dem Disney-Fiction-Fights kommt hier der nächste Beitrag zum Disney-Themenmonat.

Ich schaue sehr gerne Disney-Filme, vor allem die Klassiker, und liebe Disney-Lieder. Eigentlich hätte ich also allen Grund zur Freude, denn in den letzten Jahren hat Disney am laufenden Band Realverfilmungen (oder fotorealistisch animierte Versionen) seiner Klassiker produziert. Eine Liste aller veröffentlichten und geplanten Realverfilmungen findet ihr zum Beispiel hier. So ganz glücklich bin ich damit aber doch nicht, die Gründe erkläre ich euch im Folgenden. Vorsicht, es gibt ein paar wenige Spoiler.

2010 erschien mit Alice im Wunderland bereits die Realverfilmung eines Klassikers, spätestens Maleficent (2014) und Cinderella (2015) stießen jedoch die Remake-Welle richtig an. Allein dieses Jahr wurden Dumbo, Aladdin und König der Löwen neu aufgelegt und eine Vielzahl weiterer Filme sind entweder im Gespräch oder schon in Produktion. Es ist mittlerweile also eher eine Flut als nur eine Welle. Für Disney bietet das Ganze natürlich nur Vorteile: Auf bereits erfolgreiche und beliebte Filme zurückzugreifen sieht in ihren Augen sicherlich nach einer Erfolgsgarantie aus. Einerseits sprechen sie ein neues junges Publikum an, andererseits auch Erwachsene, die vielleicht nichts für Zeichentrickfilme übrig haben, sich aber von den Realverfilmungen angesprochen fühlen. Dazu kommen natürlich die Fans der alten Filme (denn unabhängig von ihrem Fazit tendieren Fans doch dazu, die Filme zumindest einmal anzuschauen). Gleichzeitig ist das ein zweischneidiges Schwert, Fans können nämlich auch sehr empfindlich sein. So traf beispielsweise das Casting der Afro-Amerikanerin Halle Bailey als Arielle auf erhebliche Kritik. Das ist nicht nur unpassend, da nicht einmal bekannt ist, wie nah der Film sich am Zeichentrickfilm orientiert, sondern zeigt vor allem eindeutige Rassismusprobleme auf. Hier wird das Thema vertieft. Ich persönlich bin zwar eher „puristisch“ bei Adaptionen und wenn sich ein Film nah am Original hält, bevorzuge ich auch einen ähnlichen Look, allerdings sehe ich in diesem Fall eher Potential für ein Update des Originals.

Das ist auch tatsächlich einer der positiven Aspekte, die ich beim neuen Remake-Trend sehe. Die originalen Disney-Klassiker sind mittlerweile schon etwas älter und die Realverfilmungen könnten durchaus frischen Wind in die Sache bringen und die Handlung bzw. die Charaktere etwas zeitgemäßer machen. Ich sage könnTen, denn meiner Ansicht nach hat Disney das bisher nur in wenigen Fällen ausreichend durchgezogen. Obwohl Emma Watson schon fast als eine der feministischen Ikonen unserer Zeit gilt, hat Belle etwa meiner Ansicht nach im Vergleich zur Zeichentrickversion von Die Schöne und das Biest nur wenig gewonnen:

Bildrechte: Disney

Bildrechte: Disney

Vergleicht ihr hier das gelbe Ballkleid aus dem Zeichentrickfilm mit Emma Watsons Kleid, gibt es natürlich kleine Unterschiede (was sich schon daraus ergibt, dass ein echtes Kleid deutlich detaillierter ist als es animierte damals waren). Aber der goldgelbe „Tortenlook“ bleibt erhalten und insgesamt, denke ich, kann man von einem hohen Wiedererkennungswert sprechen. Emma Watson wurde allerdings für ihren Einfluss auf das Kostümdesign gelobt, denn OMG, sie trägt kein Korsett!!! Der Designer sagt: „The dress was designed with easy, active moment in mind – Watson isn’t wearing a corset underneath.“ (Entertainment Weekly). Also so schön das mit dem Korsett auch ist, sieht dieses Kleid wirklich aus, als könnte man damit auf Abenteuer gehen? Hier lobt sich Emma Watson/Disney meiner Ansicht nach sehr großzügig. Es geht aber noch weiter, denn anscheinend reicht das neue Hobby „Erfinden“ schon, um dem ganzen Film einen „feminist twist“ zu verleihen. Ich kann hier keinen ganzen Artikel darüber schreiben, aber ich finde, Die Schöne und das Biest illustriert, wie Disney manchmal zwar ein paar nette Änderungen vollführt, diese aber unangemessen stark bewirbt. Ein neues Hobby (noch dazu erfindet sie ausgerechnet eine Waschmaschine) und ein Kleid, das zwar vielleicht kein Korsett hat, aber trotzdem sehr prinzessinnenhaft aussieht, reichen eben nicht für einen „feminist twist.“ Und das alles, obwohl die Original-Belle – trotz der problematischen Storyline mit Stockholm-Syndrom, wenn man so will – für ihre Zeit ohnehin eine relativ fortschrittliche Disney-Prinzessin war. Hier hätte man noch mehr rausholen können und vor allem mit den subtilen Änderungen nicht protzen müssen. Im Gegensatz dazu empfinde ich das „Update“ von Jasmin im neuen Aladdin, das bei weitem nicht so promoted wurde wie das von Belle, als gelungener. Jasmin dient nicht nur als love interest, sondern hat eigene Ziele und ist selbstbestimmter als die Zeichentrick-Jasmin (wobei ich die musikalische Umsetzung leider mangelhaft fand, „Speechless“ klingt wie ein schlechtes Frozen-Cover). Im Gegensatz zum Original wird außerdem Jasmin die neue Sultanin von Agrabah – das nenne ich mal einen „feminist twist“! Diese Art, das Original in Ehren zu halten und dennoch zeitgemäßer zu machen, wünsche ich mir für alle Realverfilmungen.

Aladdin ist überhaupt meiner Ansicht nach eines der besseren Disney-Remakes. Ich bin mit niedrigen Erwartungen in den Film gegangen und das erste Viertel war ich auch nicht ganz überzeugt, dann wurde es aber immer besser und am Ende bin ich mit außergewöhnlich guter Laune und vielen Ohrwürmern heimgegangen. Bei Aladdin kam hinzu, dass wirklich bildgewaltige Spektakel entstanden sind, was für mich persönlich zumindest partiell eine „Daseinsberechtigung“ für eine Realverfilmung darstellt. Nicht immer ist das Ergebnis jedoch so gelungen. König der Löwen gehört meiner Meinung nach etwa zu den schlechteren Realverfilmungen – es ist einfach zu realistisch. Irgendwie ironisch, da es ja zu einem Großteil animiert ist. Dennoch hat der Film teilweise regelrecht Doku-Flair und verliert durch die realistische Darstellung viel von dem Charme, der das Original auszeichnet.

Das größte Problem, das ich bei diesem neuen Trend zu Realverfilmungen sehe, ist der Eindruck von fehlender Kreativität, den sie mir vermitteln. Irgendwie ist so ein Remake doch ein easy way out. Statt neue coole Filme zu machen (und möglicherweise ist das Einbildung, aber gefühlt gibt es mittlerweile weniger „klassische“ Disney-Filme), verpassen sie einfach einem alten erfolgreichen Film ein Makeover und dann verkauft sich das Ganze schon. Allerdings ist das zur Zeit ein allgegenwärtiges Thema in der Kinowelt: Es wimmelt nur so von Fortsetzungen, Franchises und Remakes. Statt Risiken einzugehen und neuen, kreativen Ideen eine Chance zu geben, geht man den sicheren Weg und verlässt sich auf Altbewährtes. Schon ein bisschen traurig. König der Löwen war fast schon eine 1:1-Umsetzung des Klassikers. Auch Die Schöne und das Biest war nach meinem Geschmack zu nah am Original, um kreativ zu sein – die wenigen Storylines, die dazu erfunden wurden, waren teilweise richtig schlecht (wtf soll dieses Zeitreise-Buch???) und der versprochene schwule Charakter war dann sehr subtil (ähnlich wie Belle also nicht ganz so progressiv wie erhofft). Für mich stellt sich in solchen Fällen die Frage: Wo ist der Mehrwert? Können sie dann nicht einfach noch einmal das Original im Kino zeigen?

Ein viel interessanterer Ansatz ist es, wenn Disney alte Klassiker als Inspiration nimmt, ihnen aber einen Twist verpasst oder sie aus einer neuen Perspektive erzählt. Maleficent fand ich zum Beispiel richtig gut. Man kennt die Figur und man denkt, man kennt die Geschichte, sie wird aber neu erzählt. Das ist für mich viel kreativer als ein einfaches Remake. Eine Alternative sind zum Beispiel Prequels, wie es anscheinend der angekündigte Cruella-Film werden soll. Auch hier besteht irgendwo mehr „Bedarf“, da eine neue Geschichte erzählt wird. Übrigens stammt auch die meiner Ansicht nach hierzulande unterschätzte Serie Once Upon a Time von Disney, in der altbekannte Disney-Charaktere in der realen Welt aufeinandertreffen und ihre Hintergrundgeschichte erzählt wird, die manchmal näher, manchmal weniger nah am Original ist. Realverfilmungen, die sich an Klassikern orientieren, aber eine neue Handlung oder einen Twist aufweisen, schaue ich mir jederzeit gern im Kino an.

Disney-Realverfilmungen sind für mich also ein bittersüßes Thema. Manche sind kreativ (Maleficent, Alice im Wunderland). Manche sind zeitgemäßer als das Original (Aladdin). Manche sind kaum erinnerungswürdig (wer denkt überhaupt noch an Cinderella?) Manche sind zwar nett, aber irgendwie unnötig (Die Schöne und das Biest). Manchen tut die Realverfilmung nicht gut (König der Löwen). Es kann also gut laufen, aber alles in allem ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ich lieber einfach noch einmal das Original gesehen hätte. Aber dadurch, dass es auch gelungenere/kreativere Verfilmungen gibt, hege ich doch immer noch Hoffnungen. Ich bin etwa sehr gespannt auf Arielle, dessen Protagonistin zumindest frischen Wind in den Film bringt, aber auch auf Mulan, das deutlich erwachsener wirkt als das Original, wenn man sich auf den Teaser-Trailer verlassen kann.

Manchmal habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen. Ich laufe sozusagen offenen Auges in mein Verderben und  trage zur Perpetuierung dieses Trends bei, den ich eigentlich kritisch sehe. Denn solange genügend Leute dafür ins Kino gehen, so lange wird Disney auch diese Art von Filmen drehen.

 

Wie seht ihr das Ganze? Gibt es Disney-Realverfilmungen, die euch gefallen haben oder auf die ihr euch freut? Oder boykottiert ihr die Filme vielleicht?

Sandra

Sandra

Sandra liebt Sprachen und arbeitet gerne mit Kindern, deshalb studiert sie Lehramt Gymnasium mit den Fächern Englisch und Französisch. Ihre Liebe zum Schauspielern hat sie schon in der 5. Klasse entdeckt und die hat sie auch zur KultLaute-Theatergruppe gebracht. Für KultLaute opfert sie besonders gerne ihre Freizeit.

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