Aus dem Leben einer Schreibsüchtigen

Ich kenne Leute, die unter der Dusche singen oder mathematische Probleme lösen. Ich erfinde Geschichten. Die Welt verurteilte mich als Hexe. Also kaufte ich mir einen Besen und flog los. Wenn das Wasser fließt, fließen auch meine kreativen Ideen. Sobald ich mich abtrockne sind sie meistens schon wieder weg. Es ist eine Art Zwang, alles was ich sehe in meinem Kopf in literarisch klingende Sätze zu verwandeln, mir einzelne Filmszenen vorzustellen und Handlungsabläufe zu skizzieren.

Wenn ich am Computer sitze und nichts sinnvolles mache, spiele ich meistens Spiele. Nichts anspruchsvolles, Kartenspiele oder 3-Gewinnt-Spiele, die langweiligste Art von Computerspielen eben. Aber das Gute an ihnen ist, dass man dabei nicht nachdenken muss, man kann seinen Geist einfach schweifen lassen. Und meiner bringt mich dazu laut – sofern niemand in der Nähe ist – irgendwelche Dialoge aus Szenen vor mich hinzubrabbeln. Ein Spiel ist so lange ein gutes Spiel, wie du die völlige Kontrolle darüber hast. Verlierst du die Kontrolle, verlierst du auch das Spiel. Im Normalfall höre ich mir dabei gar nicht zu, manchmal jedoch ist auch eine brauchbare Idee dabei, die notiert wird.

Ähnlich gut wie sinnlose Computerspiele eignen sich langweilige Statistikvorlesungen oder Züge zum Schreiben. Ich schreibe unfassbar gerne in Zügen. Man hat nichts Besseres zu tun, in der Regel keinen Handyempfang oder Internet, und die sich immer verändernde Landschaft, wenn man aus dem Fenster blickt, wirkt meditativ und kreativitätsfördernd. Es geht nur irgendwann ins Geld. Auch die Bib eignet sich ganz gut um zu schreiben. Der Deal mit mir selbst lautet: 50% Unikram, 50% Schreiben oder Geschichten entwickeln. Und die restlichen 50% vertrödel ich sinnlos die Zeit, wie das in Bibliotheken so üblich ist.

Zeichnung: Edda (nach Vorlagen)

Zeichnung: Edda (nach Vorlagen)

Ich gehe nach Hause, über den Exerzierplatz. Neben dem Stadtturm steigt ein Heißluftballon in die Höhe. Der Drache kam aus dem Nichts. Ein Flammenstoß versengte den Ballon bis auf das Gerüst und der Korb mit den beiden Reisenden raste aus unbarmherziger Höhe hinab. Eine ältere Dame kommt mir entgegen. Manchmal starre ich Menschen an. Nicht aus Unhöflichkeit oder aus Böswilligkeit, sondern weil mein Kopf viel zu sehr damit beschäftigt ist, Beschreibungen dieser Menschen zu erschaffen um auf meine Mimik zu achten. Das Alter hatte sich wie Schneeflocken in ihren Haaren abgesetzt. Ich gehe weiter, über die Marienbrücke nach Hause. Er sagte „Fick dich!“, zeigte der Welt den Mittelfinger und sprang.

Daheim angekommen setze ich mich vor meinen Laptop um an meiner Geschichte weiterzuschreiben. Nach einem ganzen Tag voll kreativer Ideen sollte das eigentlich kein Problem sein. Etwa 10 Minuten starre ich auf das leere Blatt. Dann öffne ich ein Computerspiel und brabble weiter vor mich hin.

 

Julia Jung

Julia Jung

Juju ist 25 Jahre alt und studiert den Master Text- und Kultursemiotik in Passau. Ihre Leidenschaft zum Schreiben hat sie schon im Kindesalter entdeckt. Das Einzige, was ihr mehr Spaß macht als Texte zu schreiben, ist sie auf Bühnen selbst vorzutragen.

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