Blau werd Ich nur, wenn Ich die Luft anhalte.

Der Wilde Westen. Der Held steht mit rauchendem Revolver vor der Leiche seines Gegenspielers. Er steckt langsam seine Waffe zurück in den Holster und bewegt sich zielsicher auf den Saloon zu. Stille um ihn herum. Die Spannung aller ist deutlich spürbar. Er bewegt sich zur Theke. Es ist still. Verdammt still. Dem Barkeeper steht der Schweiß im Gesicht, während sich der Mund des Helden öffnet und er zum ersten Mal spricht: „Eine Maracujasaftschorle, bitte.“    
So oder so ähnlich stelle ich es mir zumindest immer vor, wenn ich mit meinen Freunden auf einer Kaltgetränketour bin und sich neben Rüscherl, Goaßmass, Weißbier und Whiskey mein Spezi irgendwo dazwischen quetscht. Es will irgendwie nicht ganz zusammenpassen und ich kann es auch irgendwo verstehen. Denn trotz meiner niederbayerischen Abstammung, die wahrscheinlich durch Alkohol zu Stande kam, lebe ich nun seit mehreren Jahren alkohol- und drogenfrei. In Fachkreisen spricht man von Straight Edge. Was das ist, woher das kommt und wie ich dazu kam, erfahrt ihr hier.

Truth and Consequences

Straight Edge (Frei: Geradlinig) entstand Anfang der 80er Jahre als Hardcorebewegung in Washington DC, New York und Los Angeles und verbreitete sich für eine Subkultur sogar weltweit. Damals galt eigentlich aufgrund des Kalten Krieges unter Jugendlichen das Credo:No Future. Punks aus aller Welt feierten den Exzess und „lebten den Moment“. Doch zu deren Überraschung kam die Zukunft und sie sah fürs Erste gar nicht einmal so düster aus. In den Washington Undergroundclubs gab die Band Minor Threat einen 46 Sekunden langen Song zum Besten, der den Namen der Szene bestimmen sollte: Straight Edge. Generell bestimmte die Hardcore Musik, die radikaler, härter und schneller klang, als damaliger Heavy Metal oder Punk-Rock, die ganze Szene. Oft sind Songs nicht länger als eine Minute und bestehen aus einfachen eingängigen Riffs. Je einfacher umso besser, umso direkter. Es entstand eine extreme Gegenkultur zur „No-Future“-Bewegung, die sich der Idiotie der Lethargie entgegenstellte. Alkohol wurde mit Maracujasaftschorle ausgetauscht, Zigaretten mit Büchern und Drogen mit Tatendrang. Nichts, das mir und anderen schadet, soll mein Leben bestimmen und meine Entscheidungen benebeln. Jugendliche begannen, ihre bunten Haare abzurasieren und sich schwarze X-Symbole auf die Hände zu malen. Das X-ing up, was in den amerikanischen Clubs damals noch als Zeichen verwendet wurde, dass eine Person noch minderjährig war und keinen Alkohol konsumieren durfte, wurde zur Identifikationssymbolik. 

Dabei war und ist trotzdem nicht ganz klar, was Straight-Edge-Sein nun wirklich alles beinhaltet. Natürlich steht im Grunde das Entsagen von Drogen aller Art, zu denen auch Alkohol und Zigaretten zählen, und Medikamenten – wenn sie nicht unbedingt nötig sind – im Fokus. In der Regel (wie auch bei mir) wird dies in modernen Ausrichtungen noch durch Veganismus oder Vegetarismus erweitert. Manche Kreise meiden sogar den Konsum von Koffein oder den Geschlechtsverkehr ohne eine feste Bindung. Dass die Bewegung dadurch eine eher linke, konsumkritische Ideologie vertritt, ist wohl kaum ein Geheimnis.

It’s OK Not to Drink.

Entgegen der Vermutung, es handle sich dabei lediglich um körperliche Selbstoptimierung, ist Straight Edge vielmehr eine Kopfsache. Jugendliche mit viel Energie und Tatendrang folgten ab den 90ern der sogenannten PMA (Positive Mental Attitude). Diese, wenn man so will, New Wave of Straight Edge, setzte sich vor allem mit sozialen Ungerechtigkeiten auseinander. Tierschutz, Menschenrechte und Feminismus waren zentrale Botschaften nach außen. Doch auch geistige Gesundheit rückte immer mehr in den Fokus. Toby Morse, Sänger der Straight-Edge-Hardcore Band H2O, rief in den Vergangenen Jahren mit PMA und unter großem Erfolg ein eigenes Programm ins Leben, das nicht nur abhängigen und depressiven Menschen helfen soll, wieder Kraft zu schöpfen und ihr Leben zu meistern, sondern bei dem er auch Schülerinnen und Schüler als Keynote-Speaker über Drogen aufklären will. Es soll Mut machen, diverse Baustellen im eigenen Leben ohne Ausflüchte im Exzess anzugehen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, ohne dass die Umwelt und andere leiden müssen, und konkrete Entscheidungen treffen zu können, ohne in Ausflüchte zu geraten. Wichtig dabei ist, klar man selbst zu bleiben. Nicht das Martini-Ich, nicht das Ich-Hab-Anfangs-Nur-Auf-Parties-Geraucht-Gönn-Mir-Aber-Jetzt-Ne-Schachtel-Am-Tag-Ich. Energie und Glück, das man an andere weitergeben soll, durch einen konsequenten Lebensstil. Das ist, was meiner Meinung nach Straight Edge, neben der Musik, wirklich ausmacht und reizvoll macht.

The Divinity of Purpose

Nun mag so mancher der Bewegung schwerwiegenden Idealismus und zu neudeutsch „Ökoterrorismus“ vorwerfen, und er hätte auch in gewissem Maße recht, muss aber auch verstehen, dass so Straight Edge nun mal funktioniert. Nicht selten wird man auf Sätze wie „Straight Edge means I am better than you“ oder „Alcohol = Weakness“ stoßen. Es polarisiert, spielt mit Ironie und der modernen Empörungskultur. Ein Spiegel dem ausgestreckten Zeigefinger. Natürlich wird man auch hier Kotzkrücken finden. Doch geht es eher darum, maximale Aufmerksamkeit zu generieren, um (zurecht) den Umgang mit und den Verkauf von Drogen und Alkohol zu kritisieren, um (zurecht) den maßlosen Umgang mit Tieren zu kritisieren, und um (zurecht) soziale Inkompetenz zu kritisieren. Straight Edge ist direkt und muss ganz und gar nicht gefallen, aber es soll Denkanstöße geben.

„Ein Leopard II kracht da ganz schön rein.“ – Martin Sonneborn

Als ich zum ersten Mal von Straight Edge hörte, war ich 14. Eine Zeit, in der ich eingespannt war zwischen den ersten Partys mit Alkohol und Drogen, Mobbing und einer (damals noch sehr unreflektierten) extremen Meinung, was eine gute Gesellschaft sein sollte. Umgeben von einer Vielzahl an Menschen, die kaum konsequent waren, und anderen etwas vorheuchelten. Und wenn ich wirklich eines im Leben hasse, ist das Heuchelei. Man redete von „zamhoidn“ und zerfleischte sein Gegenüber, sobald sich die Gelegenheit bot. Sogar in der Metal-Szene, in der ich unterwegs war, war dies gang und gäbe. Kann man über Frauen und Minderheiten herziehen und gleichzeitig Fan von Machine Head sein? „Man muss auch Kompromisse mit sich machen.“ Wenn das ist, was Kompromisse ausmacht, seh‘ ich schwarz.
Ich habe nach etwas gesucht, das mir aus dem Sumpf heraushilft. Eine Person, die mich dazu inspiriert hat, mich mehr mit Straight Edge zu beschäftigen ist, Phil Brooks aka CM Punk. Er stand mit seiner „Straight Edge Intervention“ vor tausenden Menschen und sagte ihnen ins Gesicht, was er von ihren Exzessen und „Momenten“, in denen sie lebten, hielt. Er wurde natürlich ausgebuht, aber lächelte zufrieden. Diese Rede brannte sich fast in mein Hirn, als würde ein Panzer in mein Haus brechen. Ich versuchte, alles über Straight Edge zu erfahren und fand etwas, in dem ich aufgehen konnte. Und nachdem ich mich endgültig dazu entschieden hatte, so zu leben, war ich glücklich.

Meine Ansichten über Drogen sind relativ zweigleisig. Zum einen denke ich nicht, dass ich eine Verpflichtung dahingehend habe, euch zu bekehren und X-e in euch einzuritzen. Ich sehe nicht ein, warum die Einzelnen leiden müssen, während es die Gesellschaft ist, die zur Kasse gebeten werden sollte. Das ist auch die Aufgabe von Politikern. Auch ist Straight Edge zu leben eine Entscheidung, die ich für mich getroffen habe, und die jeder für sich treffen muss. Zwang würde nicht nur eine gewisse Exklusivität der Undergroundszene zerstören, sondern auch, was noch viel wichtiger ist, die Message dahinter beschmutzen. Dennoch finde ich trotz alledem den Verzehr von Fisch und Fleisch nach wie vor schwerwiegend falsch und auch der Konsum von Drogen ist für mich fragwürdig. Besonders das Rauchen von Zigaretten will sich mir nicht ganz erschließen. Sogar der Marlboro-Mann hat die Firma verklagt, weil er durch die Zigaretten krebskrank wurde. Allerdings finde ich auch, wenn schon Raucher  Horrorbildern hinnehmen müssen, sollte man auch auf Alkohol oder Produkten mit hohem Zuckergehalt solche Bilder drucken oder sie so hart besteuern, wie das in Skandinavien der Fall ist. Wenn wir uns allein die Zahlen ansehen wird deutlich, dass Alkohol und Zucker unser größtes Drogenproblem sind. Anhand der Zahlen, müssten wir ebenso im Umgang mit leichten Drogen endlich fortschreiten. Cannabis zB. kann nicht nur als Medizin verwendet werden, sondern wird bei einem ausgewachsenen Menschen erst ab extremen Mengen schädlich. Auch wenn ich kein Fan von bin, sind mir Leute, die sich einen Dübel reinziehen wesentlich lieber, als Leute, die dir nach der dritten Goaß in den Schoß reihern. Aber das ist nur meine Meinung.

Wenn ihr euch nun doch etwas für Straight Edge interessiert und vielleicht mehr in die Thematik eintauchen wollt, empfehle ich euch mal bei Hardcore-Bands wie H2O, Hatebreed und Parkway Drive reinzuhören. Musik und Straight Edge sind schwer trennbar. Auch die Dokumentation „Inside Straight Edge“ bietet ein paar nette Einblicke. Besucht vielleicht auch mal ein Konzert und unterhaltet euch mit Leuten. Die Geschichten, die sie zu erzählen haben, sind oft faszinierend und nachdenklich. Mir persönlich hat Straight Edge etwas gegeben, an das ich auch glauben kann. Würdet ihr es auch probieren? Lasst es mich wissen. Denkt daran: It’s OK not to drink!

Sebastian Meier

Sebastian Meier

Süß wie Zucker, scharf wie Pfeffer und bunt wie lauter schöne Sachen. So waren die Zutaten, aus denen der perfekte kleine Mann hergestellt werden sollte. Aber Professor Utonium fügte dem Gebräu aus Versehen noch etwas anderes hinzu: die Chemikalie X. Und so wurde Sebastian "Wastl" Meier geboren. Ein Mann, der irgendwo zwischen Lehramtsstudium, Existenzialismus und dem Theater steckt und dabei noch versucht, seinen Weg zu finden, wenn er nicht gerade vor Videospielen verzweifelt oder mit seinen treuen Gehilfen "Wrestling", "Netflix" und ""World of Warcraft" versucht, die Welt zu erobern!

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