Brothers – The Best Tale There Is

Oft habe ich Brothers – A Tale of Two Sons schon erwähnt: im Daddelgebrabbel oder in meinem Artikel über das zweitbeste Game, das ich kenne. Aber nun wird es endlich Zeit, dem besten Spiel aller Zeiten seinen eigenen Artikel zu widmen. Der Artikel wird ausschließlich Screenshots und Inhalte aus den ersten 15 Minuten des Spiels verwenden und ansonsten spoilerfrei bleiben. Zwar macht dies einige Aussagen etwas schwammiger, ich könnte es mir aber nicht verzeihen, euch auch nur ein kleines bisschen der Erfahrungen und Gefühle, die ihr während dieses Spiels haben werdet, vorwegzunehmen.

In Brothers – A Tale of Two Sons geht es, wenig überraschend, um die Geschichte zweier Brüder. Der Vater der beiden wird krank und da die Mutter vor kurzem ertrunken ist, müssen die beiden nun losziehen, um Wasser aus einer magischen Heilquelle zu suchen und so ihren Vater zu retten. Für wen dies wie ein Märchen klingt, der hat vollkommen Recht: Brothers ist in seinem Kern ein klassisches Märchen mit allem, was dazugehört. Was das Spiel aber nun zu einem solch einzigartigen Erlebnis macht, ist nicht die erzählte Geschichte an sich, sondern WIE sie erzählt wird. Dies beginnt bereits mit der /nicht) verwendeten Sprache. Während man bei einem Märchen Voice-Over eines Erzählers und gesprochene oder geschriebene Dialoge erwarten würde, geht Brothers einen komplett anderen Weg. Zwar gibt es einige sehr kurze Dialoge zwischen den Charakteren, die Figuren unterhalten sich aber in einer vollkommen erfundenen, nicht übersetzbaren Sprache. Somit wird alles durch Gesten, Körperhaltung oder andere Kommunikationsformen wie Tonfall, Lachen oder Weinen transportiert. Auch die Präsentation der Märchenwelt treibt die Story voran: sei es die Kameraführung oder an welchem Ort die Figuren platziert sind, wie sie aussehen und welchen Tätigkeiten sie nachgehen. Und trotz der Einschränkungen, die das Fehlen von Sprache eigentlich mit sich bringen sollte, fühlt man sich nie überfordert oder schlecht informiert und versteht immer, was gerade in den Charakteren vor sich geht und was als nächstes zu tun ist. Dies allein ist schon eine unglaubliche Leistung. Wäre Brothers nur das, ein wunderbares Märchen, das ohne Worte erzählt wird, wäre es bereits eines meiner Lieblingsspiele. Aber dieses Meisterwerk schafft noch so viel mehr.

Während das Storytelling bereits einen sehr immersiven Effekt hat, ist es die Steuerung des Spiels, die einen komplett in dessen Bann zieht. Ja, die Steuerung. Die Entwickler von Brothers haben endlich verstanden, dass der PC (und andere Konsolen) nicht nur ein etwas interaktiverer Fernseher ist, sondern ein völlig neues Medium, dass auch völlig neue Möglichkeiten des Erzählens eröffnet. Zum Spielen von Brothers ist ein Controller dringend notwendig, denn der typische Aufbau dieses Eingabegeräts ist essentiell für das Spiel. Der linke Stick steuert den großen Bruder, der rechte den kleinen. LB1 bewirkt, dass der große Bruder mit seiner Umwelt interagiert, der rechte tut das Gleiche für den kleinen. Simpel, aber genial. Durch diese Steuerungsmethode fühlt man sich als Teil der Geschichte, da man nicht wie bei anderen PC-Spielen mit mehreren Charakteren pausiert oder abstrakte Befehle gibt, sondern direkt teil des Geschehens ist.

Mit Hilfe dieser Steuerung gilt es nun, diverse Rätsel zu lösen und Hindernisse zu überwinden, bei denen die beiden Brüder zusammenarbeiten müssen und ihre jeweiligen Fähigkeiten zum Einsatz kommen. Der ältere Bruder ist stärker, dafür kann der kleinere sich durch Engpässe zwängen und so weiter. Diese Zusammenarbeit ist nicht nur instinktiv, sondern auch unglaublich süß und wunderschön. Durch die einen involvierende Steuerung hat mich bereits eine einfache Räuberleiter zum Grinsen gebracht.

Die zu meisternden Rätsel haben immer den perfekten Schwierigkeitsgrad. Nie fühlt man sich komplett hilflos, aber zu leicht wird es auch nicht. Dies liegt auch daran, dass man sich ständig daran erinnern muss, welche Finger nun welchen Bruder steuern und oft um die Ecke denken muss, wenn der große Bruder auf einmal in der rechten Hälfte des Bildschirms einer Aufgabe nachgehen muss. Zudem schafft es das Spiel jederzeit, die nächsten Schritte aufzuzeigen, ohne auf eine Karte, Questmarker oder sonstige Tooltips zurückzugreifen. Vor allem möchte ich hier diverse Kletterpartien hervorheben. Einerseits ist man permanent angespannt und hat Angst, in den Tod zu stürzen. Und obwohl dies nur zur Folge hat, dass man  2 Minuten Spielfortschritt verliert, fühlte sich für mich jeder Absturz katastrophal an, da mir Gedanken über die Zukunft meines Vaters oder meines Bruders durch den Kopf schossen, die ich nun im Stich gelassen hatte. Andererseits möchte man, wenn man sich an Felsvorsprüngen entlang hangelt, am liebsten innehalten und die wunderbare Aussicht genießen.

Dies führt mich zum nächsten Aspekt von Brothers, den ich unbedingt anpreisen möchte: Die Welt und deren Schönheit! Die Grafik ist zeitlos und fängt den Zauber eines Märchens wunderbar ein. Die Regionen, durch die einen die Suche nach dem Heilwasser führt, sind alle so einzigartig, dass ich selbst jetzt, 5 Jahre, nachdem ich das Spiel das erste Mal gespielt habe, oft an diese zurückdenke und Inspiration daraus ziehe. Auch das Spiel ist sich dieses Faktors bewusst und hält immer wieder dazu an, innezuhalten und einfach nur die Landschaft auf sich wirken zu lassen. Für diesen Zweck wurden extra an besonders schönen Orten Bänke platziert. Deren einzige Funktion ist es, hier zu verweilen und sich umzublicken. Und obwohl man hier keine Belohnung im Spiel erhält, keinen Erfahrungspunkte-Bonus, kein Achievement, sind diese Bänke eines meiner großen Highlights des Spiels. In der heutigen Zeit, in der alles immer schneller wird, auch die Spiele, mit denen wir versuchen, dieser Hektik zu entkommen, ist es wunderschön, dass man von einem Spiel angehalten wird, einfach nur dazusitzen und seine Umgebung zu genießen.

Aber nicht nur diese Bänke lassen die Welt von Brothers zum Leben erwachen. Überall gibt es kleine, eigentlich sinnlose, aber wunderschöne Tätigkeiten, die auch noch immer eine kleine Geschichte erzählen. Wenn wir ein Mädchen mit einer Katze am Wegesrand treffen, stellen wir fest, dass Tiere dem älteren Bruder wesentlich weniger zu vertrauen scheinen als dem jüngeren. Dafür weiß er aber viel besser, wie man dem alten Gärtner mit seinem Rosengarten helfen kann. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto fantastischer werden diese Begegnungen und Interaktionen. Während man am Anfang noch mit gewöhnlichen Dorfbewohnern und Alltagsgegenständen konfrontiert wird, werden die Begegnungen später immer fantastischer und faszinierender. Eine dieser Nebengeschichten eines Bewohners der Welt von Brothers hat mich so berührt, dass ich, als ich realisiert habe, was ihm und seiner Familie widerfahren sein musste, in Tränen ausbrach. Und bedenkt, diese Tragödie wurde ganz ohne Worte, Videos oder Rückblenden erzählt.

Sogar die Musik ist in diesem Spiel perfekt. Das Main Theme setzt sich wundervoll aus wortlosem Gesang und Streichern zusammen und wird mir für immer im Ohr bleiben. Es weckt Gedanken an wunderschöne Landschaften. Aber auch die grusligen und spannenden Momente, die es in jedem Märchen geben muss, sind perfekt untermalt und bereits ein einfacher Wolf wirkt in diesem Spiel durch die Kombination aus dessen Darstellung, der Umgebung, Musik und der Hilflosigkeit, die einem die Steuerung vermittelt, wie eine Kreatur direkt aus einem Albtraum.

 

Und eben diese Emotionen sind es, die Brothers zu einer einzigartigen Erfahrung machen. Für mich ist es bei allen Medien, egal ob Film, Buch oder Computerspiel, am wichtigsten, dass ich durch sie berührt werde, dass das Erzählte in mir Emotionen und Erinnerungen weckt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemals wieder etwas schafft, mich derart mit Freude, Angst, Faszination und Trauer zu erfüllen, wie es dieses Spiel tat. Es gab so viele Punkte auf dieser magischen Reise, in denen ich fasziniert innegehalten habe angesichts der Welt und der wunderschönen Momente. Genauso oft bin ich aber vor Angst erstarrt, mit rasendem Herz, fassungslos, welche Gefahren wir gerade überlebt haben. Und zweimal brach ich in Tränen aus. Ein Moment am Ende des Spiels hatte all diese verschiedenen Gefühle und Emotionen in sich vereint und ich kann mit voller Überzeugung behaupten, dass dieses Erlebnis, dieses Gefühl, einer der intensivsten Momente meines Lebens war.

Von daher bleibt mir hier nur noch eines zu sagen: Spielt dieses Spiel. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, es wird euer Leben verändern. Dieses Erlebnis dauert nur 3 Stunden, aber es werden die besten 3 Stunden sein, die man mit einem Videospiel haben kann. Von daher genießt diese Zeit! Schaltet euer Handy aus, nehmt euch nichts mehr vor für den Abend und erlebt diese Geschichte.

Brothers ist an sich ein extrem simples Spiel. Es gibt keinen Onlinemodus, keinen Aspekt, der optimiert werden kann, keine Guides, die man lesen muss, um Highscores zu erreichen. Und genau diese Einfachheit macht dieses Spiel in dieser komplizierten, hektischen Zeit so wunderbar. Wer sich die einfache Welt seiner Kindheit zurückwünscht, in der man sich komplett in einer Geschichte verlieren konnte und keine drohende Gedanken über anstehende Deadlines oder Zukunftsängste hatte, kann sich mit Brothers – A Tale of Two Sons für eine kurze, unendlich süße Zeit in diese Welt zurückversetzen und dabei viele bezaubernde Erinnerungen sammeln.

 

 

 

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

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