„Bunches and bunches of adventures“ – Die tbs-Serie „Final Space“

Habt ihr schon einmal von der Zeichentrick-Serie Final Space gehört? Nein? Das solltet ihr aber, denn die Weltraum-Abenteuer des Möchtegern-Helden Gary und seiner zusammengewürfelten Crew gehören bestimmt zum Besten, das Netflix momentan zu bieten hat.

Warum dies so ist, möchten euch Andi und Jakob hier darlegen und damit vielleicht ein bisschen dazu beitragen, dieser Serie ihre verdiente Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Und keine Angst: Wer diesen Artikel liest, kann Final Space immer noch in vollen Zügen genießen, wir verzichten auf Spoiler über die erste Folge hinaus.

Mooncake und Gary – Bildquelle: https://www.thecrimson.com/article/2018/3/7/final-space-review/#gallery

 

„Traps are just open casting calls for heroes.“ – Gary

Bereits zu Beginn wird klar: Protagonist Gary ist kein so großer Held wie er es von sich selbst glaubt. Er ist nicht Kapitän des Gefängnis-Schiffes „Galaxy One“ – auch wenn er das immer wieder gerne behauptet – sondern der einzige Gefangene und der einzige Mensch an Bord. Lediglich H.U.E., die KI des Schiffs, der „Deep Space Insanity Avoidance Companion“ KVN und eine Vielzahl an Roboterwachen leisten ihm Gesellschaft. Die Langeweile vertreibt er sich mit täglichen Video-Logs, die er an seinen Schwarm Quinn Airgon, eine hochrangige Offizierin der Infinity Guard, sendet. Diese Monotonie findet ein jähes Ende, als ihm ein kleines grünes Alien in die Arme fliegt, das er Mooncake tauft. Kurz darauf folgt eine Gruppe von Kopfgeldjägern, unter ihnen die humanoide Katze Avocato. Anscheinend möchte der sogenannte „Lord Commander“ – wenig überraschend der unglaublich böse und unglaublich mächtige Antagonist der Serie – Mooncake für seine finsteren Zwecke gefangen nehmen. Avocato scheitert jedoch und wird zunächst zu Garys Gefangenem, später zu seinem Freund. So entbrennt eine wilde Jagd, voller Action, Drama und Cookies, quer durch das Universum, das es schließlich vor dem mysteriösen „Final Space“ zu retten gilt.

 

„Gary, you’re never gonna be able to grow one of these. A thick, rich, luscious mustache. Oh, it feels so gooooood!“ – Amazing Mustache Gary

Aus dieser Beschreibung lässt sich bereits erahnen, dass Final Space einen sehr schrägen Humor auffährt. Während viele Zeichentrickserien allerdings jegliche Ernsthaftigkeit zu Gunsten flacher Witze oder vollkommen überspitzten Humors fallen lassen, schafft diese Serie den perfekten Spagat zwischen abstrusen Witzen und wirklich bewegenden Momenten. Die Hintergrundgeschichte von eigentlich lächerlichen Charakteren wie dem Katzen-Kopfgeldjäger Avocato geht zu Herzen und selbst der gnadenlos nervige KVN kann mit ernsthaften Momenten aufwarten. Die Serie versteht es exzellent, Witze genau so zu platzieren, dass die Dramatik der Szene erhalten bleibt, das Ganze aber auch nicht zu verkrampft oder übertrieben episch wirkt. Man kann sagen, dass die Serie genau deswegen nicht ins Lächerliche abgleitet, da sie zu ihrer Lächerlichkeit steht.  

Garys Crew, v.l.: Quinn, Tribore, Mooncake, Gary, KVN, little Cato – Bildquelle „Final Space“ I/10, ca. 1:20

 

„I’m afraid, Gary, there is no foreseeable outcome where you survive.“ – H.U.E.

Von dieser Attitüde könnten sich einige große Franchises eine Scheibe abschneiden – ebenso wie von dem kreativen Storytelling. Jede Folge beginnt mit Gary, der allein in seinem Raumanzug durch den Weltraum treibt, um ihn her die Einzelteile von Raumschiffen, Menschen und Robotern, im Hintergrund ein leises, aber beständiges Warnsignal. Mit jeder Folge schwindet sein Sauerstoff und sein – wie HUE betont – unvermeidbarer Tod rückt je eine Minute näher. Nach diesem Intro wird der Zuschauer direkt in die Action geworfen. Die Serie hält sich nicht mit einem Erzähler oder unnötigen Expositionen auf. Vieles ist dem Zuschauer zu Beginn unklar. Final Space schafft es jedoch meisterlich, diese Wissenslücken nach und nach auf natürliche Weise zu schließen und somit die Spannung permanent aufrechtzuerhalten. Ganz nach dem Prinzip „Show, don‘t tell“ werden essentielle Informationen nicht sofort mit dem Einführen der Figuren oder Handlungsstränge mitgeliefert, sondern im Verlauf der Geschichte stückchenweise offenbart. Dies ermöglicht eine sehr natürliche Entwicklung der Charaktere. Auch die Tatsache, dass alle Beteiligten genug Aufmerksamkeit erhalten, kreiert lebensnahe und nachvollziehbare Figuren. Vor allem Gary wirkt am Anfang wie ein vollkommener Idiot. Im Verlauf der Serie erfährt man aber immer mehr über ihn, das nicht nur ein neues Licht auf sein Verhalten wirft, sondern ihn sogar fast sympathisch macht.

 

Gary allein im Weltraum – Bildquelle: „Final Space“ I/1, ca. 0:40

 

„As excited as I am about today, I’m even more excited for tomorrow.“ – Avocato

Okay – witzige Show, coole Story, aber wenn das niemand kennt, ist wohl sonst kaum Aufwand in die Produktion geflossen, oder? Weit daneben: Final Space kann sich, was die Sorgfalt der Inszenierung angeht, mit anderen weit populäreren Serien messen. Der Stil der Animation ist äußerst sorgfältig und kreativ. Die individuell und liebevoll gestalteten Figuren bleiben somit im Gedächtnis. Vor allem jedoch gelingt es der Serie immer wieder, wunderschöne Bilder unbekannter Planeten, seltsamer Kreaturen und vor allem des endlosen Weltraums zu schaffen, die man sich fast eins zu eins als Poster an die Wand hängen könnte. Auch auf rein visueller Ebene ist die Serie somit eine Wucht. Diese Bilder werden mit einem bemerkenswerten Soundtrack unterlegt, der zwischen epischen Stücken und melancholischen Pop-Balladen wechselt, die einen gelungenen Kontrast zu dem überdrehten Momenten der Serie bilden. Wem das noch nicht genügt: Der Lord Commander wird von David Tennant – Doctor Who himself – synchronisiert.

 

„Chookity-Pok“ – Mooncake

Alles zusammengenommen ist Final Space vielleicht manchmal etwas pubertär oder überdreht und (auch wegen der guten Prise Gewalt) nichts für Freunde des ruhigeren Humors. Für jeden jedoch, der etwas mit Zeichentrick und epischer Science Fiction am Hut hat, für den ist die erste Staffel (10 Folgen à ca. 20min.) eine absolute Empfehlung. Bald soll zudem schon eine zweite Staffel erscheinen. Wem das alles noch nicht genug ist: Das quietschende grüne Alien Mooncake ist wahrscheinlich eine der niedlichsten Figuren, die je einen Bildschirm bevölkert haben. Also los geht’s: Ab vor den Bildschirm und seht zu, wie Gary mit seiner Crew die Erde rettet…oder besser das Universum, das klingt cooler.

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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