Das Spiel der Könige und Raufbolde – Hauptsache gegen die Bayern

Fußball. Ob gut oder schlecht, kein anderer Sport zieht weltweit so viel Aufmerksamkeit auf sich und keiner macht gleichzeitig so viele Schlagzeilen. Man mag ihn oder man hasst ihn. Dazwischen gibt es nur wenig Spielraum. Lange Zeit war ich Teil der letzteren Gruppe an Menschen. Fußball bereitete mir schwerwiegende Magenschmerzen und war für mich lange schlicht und einfach nicht interessant. Doch entgegen dieser Einstellung hat sich heute das Blatt gewendet und Fußball wurde ein bereichernder Teil in meinem Leben. Warum das so ist, warum es sich lohnt, über seinen Schatten zu springen und warum man trotzdem noch Kritik üben darf, lest ihr hier.

“Muss denn sowas wirklich sein? Ist das Leben nicht viel zu schön? Sich selber so wegzuschmeißen und zum FC Bayern zu gehen?” – Die Toten Hosen

Wenn man an das Spiel auf grünem Grund denkt, fallen einem oft alte verbitterte Säcke ein, die Leute, Spieler und  Mannschaften in ihrem unermesslichen Bierdunst beleidigen. Und das nicht zu selten. Wer hier in Bayern, vor allem in der Provinz, aufgewachsen ist, den hat es besonders hart getroffen. Nirgendwo anders wirst du auf mehr Wahnsinn und Klugscheißerei stoßen, als hier. Viel zu präsent ist Everybody’s Darling, der FC Bayern München. Doch nicht nur in den Wirtshäusern und Festzelten trifft man auf solche Gestalten. Als ich in der Schule war, nahm das schon abnormale Ausmaße an. Jeder wollte wie Manuel Neuer sein, ein jeder wollte der nächste Robben, Kroos und Schweinsteiger werden und ein jeder hatte so ein hässliches Trikot. Eine Klasse hatte sogar gut 200€, was an sich für Kinder eine abstruse Zahl ist, darin investiert, dass die Rückseite ihres Klassenzimmers in Rot, Blau und Weiß erstrahlt, verziert mit dem total tollen Spruch “Mia san Mia! FC Bayern Südkurve! Rekordmeister.” Sogar ein Lehrer “analysierte” in Bild-Zeitung-Manier viel lieber eine Stunde lang die letzten Bayern-Spiele. Ich wurde also nicht nur außerhalb, sondern auch in der Schule rund um die Uhr damit beschallt.

Dazu kam der Sport. Ich muss zugeben: Ich war schlecht in Sport. Ich war grauenvoll. Ich war sogar so grauenvoll, dass ich immer der Letzte war, der in ein Team gewählt wurde. Generell hat mich das Ganze aber auch nicht sonderlich interessiert. Während andere viele Tore schießen wollten, wollten meine Freunde und ich viel mehr darüber philosophieren, welcher Herr-der-Ringe-Charakter nun der Beste ist. Wir standen also oft nur rum, haben uns unterhalten und wurden, wenns tatsächlich mal zum Ballkontakt kam, einfach überrannt. Es war alles, nur nicht unser Element. Wer weiß, wie grausam Kinder sein können, weiß auch, dass wir durchaus dafür gemobbt wurden. Manchmal zurecht, sehr oft aber auch zu unrecht. Und so kommt es, dass sich, aufgrund einer weniger tollen Zeit im Sportunterricht und aufgrund des FC Bayern, der Fußball für mich zu etwas Hassenswertem entwickelt hat. Etwas Hassenswertem, dem ich eine letzte Chance geben wollte.

Man hat den Trend gehasst, bis man wutschnaubend erkennt: Den Trend zu hassen ist auch nur ein Trend” – Alligatoah

Alles hat angefangen vor gut zwei Jahren: Mit dem neusten FiFa, das ich mir eigentlich aus Jux gekauft habe, kam folglich der erste Sport-Streamingdienst in mein Haus. Von der spanischen LaLiga, über die italienische Serie A und bis hin natürlich zur Premier League bin ich in dieser Zeit Fußball nicht nur exzessiv auf die Spur gegangen, sondern habe angefangen, es zu lieben. Besonders der englische Fußball, allen voran der FC Liverpool mit seinem schnellen und aggressiven Spiel, hat es mir angetan. Anfangs stellte ich mir noch die Frage, ob ich, der jahrelang über Fußball gewettert hat, überhaupt in der Position bin, diesen Sport zu genießen, bis ich einfach über meinen Schatten gesprungen bin. Es macht einfach tierisch Spaß!

Fußball kann ein einfacher Sport sein, er kann aber auch Kunst sein. Von weiten aber präzisen Pässen, über blitzschnelle Konter und von Bällen, deren Geschwindigkeit, Präzision und Flugbahn nicht von dieser Welt zu stammen scheinen, bis hin zu actiongeladenen Zweikämpfen: Fußball kombiniert das phantastische und athletische in einem und holt es in die Wirklichkeit, was wohl auch der Grund seiner Beliebtheit ist. Selbst das Coaching, das mittlerweile so schwer scheint wie Atomphysik, dreht die Spannungskurve weit nach oben. Es ist das Theater für die Massen, was durchaus nichts Schlechtes ist. Es ist einfach zu konsumieren, macht, egal ob Niederlage oder Sieg, oft glücklich und entführt einen für kurze Zeit in eine andere Welt, weit weg von Arbeit, Steuern und Verpflichtungen. Es gibt oft nichts Schöneres als gemeinsam mit Chips und Dip vor dem TV zu fiebern, während der Grill in der Sonne den Grillkäse verbrutzelt. Es macht einfach glücklich.

Auch der Spruch “Fußball verbindet” ist nicht wirklich weit hergeholt. Ich bin nach wie vor fasziniert davon, wie bunt und weit gefächert ein Großteil der Mannschaften und Ligen mittlerweile aufgestellt ist. Ein Senegalese spielt zusammen mit einem Ägypter und in der Mitte steht ein Brasilianer, und sie werden wiederum unterstützt von Briten, Schweizern, Niederländern und mehr. Ein schöneres Zeichen für internationale Zusammenarbeit gibt es trotz unserer globalisierten Welt wohl noch nicht. Auch wenn ich, aus mangelndem Patriotismus, Europa- und Weltmeisterschaften, von Nations League gar nicht zu sprechen, als langweilig bis unnötig empfinde, reicht auch hier ein Blick in diverse Mannschaften, um festzustellen, dass Integration funktioniert. Theoretisch könnte man vielleicht sogar sagen, dass Fußball einen daran erinnert, dass man auch noch “zu Deutschland gehört” und es nicht nur rechten Kotzkrücken überlassen sollte.

“Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein.” – Bertolt Brecht

Gegenüber all der Lobpreisung muss man auch sagen, dass der Fußball mehr als ein großes Problem hat. Selbst wenn wir von den großen Unsympathen, wie Neymar Jr., Christiano Ronaldo, Sepp Blatter, Uli-Ich-Verlange-Von-Spielern-Respekt-Beleidige-Aber-Alle-lol-Hoeneß oder wie sie alle heißen, mal absieht, bleiben trotzdem viele Baustellen, an denen gearbeitet werden muss. Die größten Probleme reichen von den Korruptionsskandalen, an der der Deutsche Fußball Bund mehr als beteiligt war, bis hin zu der Austragung und Vergabe diverser Pokalfinale oder Weltmeisterschaften in Ländern, die Menschenrechte mit Füßen treten und sogar manchen Spielern die Einreise aufgrund ihres Glaubens verbieten: Die Fédération Internationale de Football Association ist ein toxisches Haifischbecken, auf der Jagd nach dem großen Geld. Transfergelder für Spieler, die ins Lächerliche steigen, Ausstrahlungsrechte mit astronomischen Kosten, die an hundert verschiedene Dienste vergeben werden, Firmen die sich in Vereine einkaufen können, damit Dietrich Mateschitz seine Hauptrolle im Zirkus hat, und vieles vieles mehr. Es sind nicht unbedingt immer die katastrophalen Fans, die einem mit rassistischen und mehr als sexistischen Aussagen den Fußball kaputt machen – was auch eine andere Baustelle ist. Es ist das Geld, das ihn kaputt macht.

Gönn dir, wenn dir Spaß macht!

Auch wenn ich nach wie vor den FC Bayern hasse, habe ich eine neue Leidenschaft im Fußball entdeckt. Man sollte, wenn man wie ich schlechte Erfahrungen damit gemacht hat, einfach über seinen Schatten springen und es einmal probieren. Wenn es einem Spaß macht, sollte man sich dem nicht verwehren. Auch sollte man sich nicht zu ernst bei der Sache nehmen. Nicht nur sind Ultras und “Traditionsfans” mehr als peinlich, sondern auch einer der Aspekte, warum diese Sportart so unbeliebt ist. Also: Gut Kick!

Sebastian Meier

Sebastian Meier

Süß wie Zucker, scharf wie Pfeffer und bunt wie lauter schöne Sachen. So waren die Zutaten, aus denen der perfekte kleine Mann hergestellt werden sollte. Aber Professor Utonium fügte dem Gebräu aus Versehen noch etwas anderes hinzu: die Chemikalie X. Und so wurde Sebastian "Wastl" Meier geboren. Ein Mann, der irgendwo zwischen Lehramtsstudium, Existenzialismus und dem Theater steckt und dabei noch versucht, seinen Weg zu finden, wenn er nicht gerade vor Videospielen verzweifelt oder mit seinen treuen Gehilfen "Wrestling", "Netflix" und ""World of Warcraft" versucht, die Welt zu erobern!

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.