Der Elephant in den Porzellanscherben – Die dunklen Seiten von Disney

Die Walt Disney Company ist die wohl bekannteste und beliebteste – und mittlerweile auch größte – Filmproduktionsfirma der Welt. Seit bald 100 Jahren begeistert sie Kinder, Familien und Erwachsene zugleich und schuf uns Meisterwerke wie König der Löwen, Der Glöckner von Notre Dame sowie Aladdin. Ein Höhenflug, der sich bis heute in astronomischen Einnahmen (2018: 59,4 Milliarden US-Dollar) widerspiegelt. Doch mit Höhen kommen auch Tiefen und Disney ist – wie allseits bekannt – dabei keine Ausnahme. Wo ich die Tiefen sehe, erfahrt ihr hier:

„ I sell the things you need to be. I’m the smiling face on your T.V. I’m the Cult of Personality.” – Living Colour

Walt Disney ist wahrscheinlich die größte Lichtgestalt, die es in der Medienbranche je gegeben hat. Aus seiner Hand stammen die beliebten Charaktere von Mickey Mouse und Donald Duck. Seine Ideen und Filme wurden Welterfolge. Er wurde zur Ikone und zum Aushängeschild seiner Company. Doch im Laufe der letzten Jahre kamen eine Vielzahl von mutmaßlichen Erkenntnissen auf, die dem Stern am Filmhimmel langsam die Helligkeit nahmen.            
Zum einen war Disney politisch gesehen womöglich ein echter ‚Hardliner‘. Nicht nur war Disney ein überzeugtes Mitglied der republikanischen Partei, sondern auch Vizevorsitzender der MPAPAI – Motion Picture Alliance for the Preservation of American Ideals -, welche sich besonders als anti-kommunistisch und anti-faschistisch verstand. Besondere Mit-Mitglieder waren auch Ronald Reagan und John Wayne. Die Organisation geriet ins Auge der Öffentlichkeit, als sich führende Mitglieder offenkundig als Antisemiten äußerten. Disney selbst verließ die Organisation in den 50ern und wusste sich davon zu distanzieren. Allerdings blieb die Behauptung des Antisemitismus weiter bestehen.

Dafür sprachen zum einen diverse Cartoons, wie das Original von Die Drei kleinen Schweinchen und The Opry House, in denen offensichtlich überzeichnete Darstellungen von Juden (wie auch Muslimen) vorkamen. Hinzu kamen Aussagen von Arthur Babbitt, langjähriger Mitarbeiter in der Company und Schöpfer des Charakters Goofy, der Disney nicht nur Antisemitismus zuschrieb, sondern auch Kontakte zum radikalen German American Bund unterstellte. Diese Aussagen sind aber mit großer Vorsicht zu genießen, da Babbitt a) sich mit Disney über Jahrzente im Rechtsstreit befand, der sogar auf die persönliche Ebene rutschte, und b) nie Beweise dafür vorgelegt hat. Doch zum anderen ist es das Treffen mit Leni Riefenstahl, kurz nach den Novemberpogromen in Nazideutschland, das diesen Vorwurf anheizte. Während viele andere Filmemacher der Naziikone Riefenstahl, die ihren noch relativ unpolitischen Film Olympia in Amerika vorstellte, die Tore schlossen, traf Walt Disney sie. Laut Leni Riefenstahls eigenen Aussagen soll er ihre Arbeit, die durchaus für ihre Zeit revolutionär und gut war, gelobt haben. Riefenstahls politische Einstellung allerdings schien er nie zu kommentieren, zu kritisieren oder zu loben.           

(https://d23.com/about-walt-disney/)

Disneys Einstellung gegenüber Mitarbeitern und besonders Frauen scheint außerdem ebenso nie die beste gewesen zu sein. Neben Meryl Streep gab es viele weibliche Mitarbeiter, die ihm einen herrischen und misogynen Charakter vorwarfen. Von schlechten Arbeitsbedingungen und katastrophalen Verträgen ist noch heute, zum Beispiel bei den Schaustellenden in Disneyland, die Rede. Eine der bekanntesten Geschichten, die die Disney Company heimsuchen, ist die der Adriana Caselotti. Der wer? Adriana Caselotti war die wunderbare Stimme hinter dem Orginalfilm von Schneewittchen und die sieben Zwerge. Allerdings sollte sie zu Lebzeiten nie wirklich dafür bekannt werden. Sie wurde nie in den Credits des Films erwähnt (was zu Disneys Verteidigung bei Synchronsprechern bis in die späten 40er Jahre nie geschah) und soll angeblich dazu verpflichtet gewesen sein, ihre Identität und Stimme geheim zu halten. Als Sängerin fand Caselotti deshalb nur wenige Möglichkeiten, weiter zu arbeiten und kämpfte mit Armut. Auftritte in The Wizard of Oz und in Frank Capras It’s a Wonderful Life blieben die e Ausnahme. Disney soll selbst bei Anfragen geantwortet haben: „I’m sorry, but that voice can’t be used anywhere. I don’t want to spoil the illusion of Snow White.”
Ob nun Disney Sexist und Antisemit war oder nicht, lässt sich wohl nicht mehr nachweisen. Walt verstand das Business, in dem er arbeitete, und wusste, wann es Zeit war, sich schnell zurückzuziehen. Es ist allerdings wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, wer hinter der glücklichen Fassade wirklich steckt, und auch den äußerst präsenten Personenkult um Disney zu hinterfragen, und ob er nun wirklich der ist, der er vorgab, zu sein.

 

“Sexism is everywhere, bro. I don’t know if it’s ever not somewhere.” – Billie Ellish

Dass Disney ein Problem mit Rollenbildern, besonders Frauen, hatte, ist für uns alle kein Geheimnis. Arielle, die sich äußerlich so verändert, dass sie einem Mann gefällt, Belle, die nur durch ihre Sexualität das Biest rettet, bis hin zu Cinderella, die nur aufgrund ihres Aussehens gerettet wurde; Disney vertrat bis in die 90er Jahre ein altmodisches Bild von Frauen und Männern, was durchaus dem generellen sozialen Umfeld des 20. Jahrhunderts entsprach, es aber dadurch auch nicht besser machte. Frauen müssen schön und devot sein, Männer heldenhaft, maskulin und durch und durch attraktiv. Wenn man nun die Entwicklung der letzten Jahre allerdings betrachtet, fällt auf, dass Disney sich in Sachen Filmen gewandelt hat. Besonders das Frauenbild hat sich meiner Empfindung nach mit dem Start von Rapunzel – Neu verföhnt kontinuierlich gewandelt. Die Liebesgeschichte von Rapunzel und Flynn ist nicht rein auf ihre Sexualität beschränkt und beide stellen keine perfekten Stereotypen ihrer selbst dar. In, so wie ich finde, Disneys bestem Animationsfilm Frozen wird die einfältige und undurchdachte Beziehung sogar negativ konnotiert, während sich in Merida die gleichnamige Protagonistin einer Hochzeit sogar widersetzt. Disney hat hier gezielt mit dem alten Bild von Frauen gebrochen und einen dem Zeitgeist entsprechenden Konsens geschaffen. In den Filmen Captain Marvel und der Neuauflage von Star Wars sind die Protagonisten wichtig, stark und überpräsent, nicht obwohl sie Frauen sind, sondern einfach, weil sie existieren. Es wird nicht hinterfragt, warum ihre soziale Stellung die ist, die sie ist, sondern sie hat einfach ihre Daseinsberechtigung, indem sie existiert.

 

Das Bild von Frauen ist scheinbar im Jahr 2019 angekommen, aber dieser Artikel wäre nicht dieser Artikel, wenn ich nicht noch etwas Negatives anzukreiden hätte: Als jemand, der sich als Mann definiert, bin ich enttäuscht von dem Männerbild, dem Disney nach wie vor folgt. Es kann nicht sein, dass Flynn Rider der einzige weniger mit Stereotypen besetzte „Disneyprinz“ ist. Besonders bei Marvel-Filmen, die nun mal Disney zu verantworten hat und die unsere Kinoleinwände vollkleistern, werde ich das Gefühl nicht los, mit Sexismus überhäuft zu werden. Nein, ich bin nun mal kein muskelbepackter Pseudo-Patriot, dessen Ziel es ist, in schlechten Filmen zu spielen. Selbst Tony Stark entspricht, trotz seiner umfassenden Kenntnisse in Technologie und Robotik, einem Macho. Umso gruseliger ist es, wieviel Anklang und Gefallen diese Filme im Publikum finden, bis mir wieder einfällt, dass es auch Leute gibt, die Bounty Zartbitter mögen. Natürlich weiß ich, dass diese Filme auf Comics basieren, die genauso over the top sind, doch finde ich, dass moderne Filmkunst, die sich auf Adaptionen von Büchern, Comics etc. beschränkt, einen Spagat zwischen Nostalgie und Zeitgeist schaffen muss. Wir müssen als Gesellschaft und in der Kunst irgendwann einfach weiterkommen. Sonst bleiben wir im Sumpf unserer Vorfahren stecken.             

“Disneyland will never be completed. It will continue to grow as long as there is imagination left in the world.” – Walt Disney

Die Business-Welt ist ein Haifischbecken. Es gibt immer einen größeren Fisch und die Walt Disney Company ist wohl der größte im Wasser. Neben den bekannten Firmen, wie Pixar und den Disney Studios, sowie Disney Parks, zählen seit wenigen Jahren nun auch die Marvel Studios mit (fast) allen ihren Helden, 20th Century Fox mit den Simpsons, Lucasfilms mit Star Wars und Indiana Jones, National Geographic mit Sendern und Zeitschriften, ESPN  mit Live-Sport-Übertragungen, der Fernsehsender ABC und das Jugendmagazin Vice sowie der Streamingdienst Hulu zu Disney. Das Medienimperium Disney besitzt circa 475 Firmen, darunter Musikstudios und sogar ein Bauunternehmen. 2018 waren ca. 201.000 Mitarbeiter für die Company tätig. Zum Vergleich, in Passau leben ca. 52.000 Menschen.  Mit solch einer Größe kommt sehr große Verantwortung. Diese hat Disney in den letzten Jahren, seit dem Kauf von Marvel und Lucasfilms, meiner Meinung nach äußerst schleifen lassen. Mit den Rechten an Superhelden und Star-Wars-Filmen, denen bewusst eine große Verbundenheit zu den Orginalteilen einfach fehlt, erhielt Disney die Lizenz zum Gelddrucken. Ich mochte die neuen Star-Wars-Teile großteils sogar, genauso wie die Spinoffs von Solo und Rogue One, allerdings fehlt oft die Liebe, die George Lucas hineinsteckte. Ein bestimmter Kanon, der sich erklärt, in sich verknüpft und stimmig ist. Disney hat dem bewusst den Rücken gekehrt. Es wirkt so, als würden solche Filme gemacht, damit sie Geld bringen und nicht, weil sie einem am Herzen liegen. Seither läuft die Marketingmaschine rund, sodass in den kommenden Jahren nicht nur wahrscheinlich mit Star Wars Episode XI zu rechnen ist, sondern auch die Fanmerch-Industrie explodieren wird. Die Kuh wird gemolken, bis sie umfällt, sehr zum Leidwesen der Qualität.

 

 

Jeder muss selber wissen, was er von Disney hält. Mir persönlich hat Disney eine Vielzahl von wunderbaren Erinnerungen bereitet und ich sehe mir noch heute, wenn mich auch manche Dinge sehr stören, viele der Filme und Serien an. Von den Songs ganz zu schweigen. Aber dennoch finde ich wichtig zu sehen, dass ausgerechnet die größte Company im Mediengeschäft auch ihre Schattenseiten hat, die alles andere als nichtig sind. Gesellschaftlich ist Disney auf einem guten Weg und lässt die Zeiten von Walt Disney hinter sich, obwohl auch hier mehr wünschenswert wäre. Was die Kunst angeht, bleibt zu sehen, was auf uns zukommt.

Sebastian Meier

Sebastian Meier

Süß wie Zucker, scharf wie Pfeffer und bunt wie lauter schöne Sachen. So waren die Zutaten, aus denen der perfekte kleine Mann hergestellt werden sollte. Aber Professor Utonium fügte dem Gebräu aus Versehen noch etwas anderes hinzu: die Chemikalie X. Und so wurde Sebastian "Wastl" Meier geboren. Ein Mann, der irgendwo zwischen Lehramtsstudium, Existenzialismus und dem Theater steckt und dabei noch versucht, seinen Weg zu finden, wenn er nicht gerade vor Videospielen verzweifelt oder mit seinen treuen Gehilfen "Wrestling", "Netflix" und ""World of Warcraft" versucht, die Welt zu erobern!

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