Der gemeine Student und die Livemusik

Oft ist es zuerst eine Treppe. Manchmal auch ein kleiner Gang. Nach dem Eingang kommt aber meistens erst einmal ein ziemlich leerer Raum. Mit einer Bühne.
Konzerträume zeichnen sich in der südostbayrischen Kleinstadt Passau stark durch viel freien Platz und eine große Anzahl bekannter Gesichter aus. Man müsste wohl fast Masken tragen, um in Passau auf einer Kulturveranstaltung nicht erkannt zu werden.

Bis die Band des Abends spielt, hat der Veranstalter ungefährLilabungalow im Scharfrichterhaus einen Kasten Bier verkauft. Den Künstlern bietet sich mit einem Blick auf die Tanzfläche ebenfalls ein trauriges Bild. Die knapp ein Dutzend Gäste sind Freunde des Veranstalters, Mitarbeiter des Hauses oder die Fachkräfte von der mittlerweile aussichtslosen Kassenschicht. Im Grunde lässt sich diese „erweiterte Bandprobe“ auf die gesamte Kulturlandschaft übertragen und kommt überall, immer mal wieder vor. Egal welchen Bereich der Kultur man betrachtet (Kunst, Kabarett, Museen, Theater, Musik, „Kneipenkultur“,…). In Passau fällt es aber besonders im Musikbereich auf.

In der niederbayerischen Kleinstadt wohnen gut 50.000 Einwohner und 12.000 Studenten. Dazu kommen viele Pendler und gut 3.300 Schüler, die an Gymnasium oder (Fach-/Berufs-) Oberschule auf eine Hochschulreife hinarbeiten. Insgesamt gibt es in Passau 13 weiterführende Schulen. Es wären eigentlich genügend Leute in der kulturrelevanten Zielgruppe vorhanden. Besonders im jugendlich-studentischen Bereich.

Angebot und Nachfrage in Passau

Wie stellt sich also die Kulturlandschaft in Passau auf?
Veranstalter gibt es hier zwar nicht wie Sand am Meer, aber es gibt ein überschaubares Angebot an Kabarett und Musik. Die relevanten Veranstaltungsstätten kann man, wenn man sich anstrengt, gerade so auf zwei Hände bringen. Davon sind aber auch die großen Hallen, Redoute, X-Point-Halle und Dreiländerhalle dabei. Dort finden Highlights statt, die auf das Publikum zugeschnitten sind. Volksmusik-Klassiker, wie die Kastelruther Spatzen oder der Musikantenstadl, werden mit regionalen Highlights wie LaBrassBanda, oder Claudia Koreck ergänzt.
Mit dem regelmäßigen Wochenbetrieb hat das allerdings wenig zu tun. Hier sind die Tabakfabrik und das konzerte in passauZeughaus für Rock und Rap zu nennen. Im freiraum kann man sich für politischen (Punk-)Rock begeistern. Vermehrt sieht man auch im Cafe Museum und im Scharfrichterhaus von Jazz bis Indie(tronic) interessante Projekte. Mitten auf dem Campus könnte man noch die KulturCafete dazu zählen, in der studentische Bands eine Möglichkeit für Auftritte haben. Einmal in der Woche kann man also mit einem Konzert in Passau rechnen. Informieren kann man sich darüber z.B. auf der Facebookseite Konzerte in Passau.

Alle diese Orte und ihre Veranstalter verbindet aber eine große Unsicherheit.
Im Gegensatz zu anderen Städten gibt es im niederbayerischen Idyll kein Konzertpublikum. Höchstens ein sehr kleines, das aus den oben genannten Kreisen besteht. Leider werden Veranstalter für ihren Mut oft enttäuscht und gehen mit einem Verlust nach Hause. Bei kleinen Bühnen mit Studentenbands wird das Minus sogar manchmal mit der Band geteilt. Dass den Veranstaltern der Mut noch nicht abhanden gekommen ist, sieht man jeden Monat. Gerade in so einer jugendlichen Stadt geht man automatisch von einer großen Nachfrage aus. Aber bei den geringen Zuschauerzahlen muss man sich fragen: Stimmt das überhaupt?

Die Preise für Konzertveranstaltungen liegen in Passau normalerweise zwischen 5€ und 15€. Ausnahmen nach oben, oder unten, gibt es, aber selten. Ein Preis also, der im Budget eines Studenten zumindest einmal im Monat drin sein sollte. Trotzdem sieht man oft leere Hallen. Selbst das bewährte Mittel der Clubkonzerte funktioniert nicht immer. Die Zuschauer da abholen wo sie sowieso sind (im Club), ihnen Musik zu geben, die sie sowieso hören (Drum’n’Bass), nur in der Live-Version von einer Band, ist eigentlich eine schöne Idee. Hat nur, z.B. letzten Mittwoch, bei „Transmitter live in der Camera“ keine Gäste angezogen. Selbst solche Aktionen bringen das Publikum also nicht zu den Künstlern.

Haben die Jugendlichen in Passau vielleicht einfach keine Lust auf Konzerte?

Das Gegenteil ist der Fall. blub
Beispiele gibt es in den letzten zwei Jahren zu genüge. Gerade um das verheerende Hochwasser gab es Benefizkonzerte, die nicht mehr Besucher aufnehmen hätten können. Das große Hochwasser Benefizfest der Stadt Passau lockte mit einem Dutzend Bühnen viele Gäste in die Dreiflüssestadt. Aber auch viele Jugendliche und Studenten waren vor den Bühnen und haben bei unterschiedlichsten Musikrichtungen gefeiert. Als Moop Mama nach dem Hochwasser auf dem Kirchenplatz in der Innstadt spielte, gab es keinen freien Zentimeter mehr. Sogar auf den Dächern standen die Zuhörer. Auch beim CampusFest, das 2014 zum ersten Mal in Passau stattfand, suchte man vergeblich nach einem freien Platz. Von der Bühne am Mensavorplatz bis zum WiWi-Gebäude standen über 4000 Leute und erfreuten sich am Konzert von Jamaram.

Die Lust ist also da!

Nur haben alle diese Beispiele eines gemeinsam: sie waren alle kostenlos. Der Eintritt war frei und damit auch die Hemmschwelle sehr sehr niedrig sich auf Musik einzulassen. Das Einlassen auf fremde Musik wird immer offensichtlicher ein Problem der aktuellen Studentengeneration. Bevor die Konzertkarte gekauft wird, hört man sich zuerst auf youtube, oder spotify die letzten drei Alben der Band durch. Dass die Band davon natürlich nichts verdient (Portishead hat z.B. mit 34 Mio. Streams 2500€ verdient), aber mit der Konzertkarte 10€ im Tourbus mit nach Hause nehmen könnte, ist wahrscheinlich jedem Studenten auch ohne Mathematikübung klar. So versteht man aber auch den Boom, den in den letzten Monaten die 90er Partys erlebt haben. Nahezu jede Woche findet man ein Plakat für eine neue Party rund um das Boygroup-Jahrzehnt. Für 4€ Eintritt feiert man dann einen DJ, der 3 Stunden lang bei den Erzeugnissen der Künstler dieser Zeit auf „Play“ drückt. Seine Arbeit ist das Auswählen und Sortieren. Das kreative Erschaffen ist jedoch die Arbeit der Bands und Künstler. Altbewährtes, wie 90er, schlägt dann im konservativen Passau bei den Studenten doch noch die neue Musik von aktuellen Bands aus der Region.

Positive Gegenbeispiele sind aber die Konzerte des Zeughaus Passau.
Dort spielen vermehrt auch national bekannte Bands, wie Wanda oder Donots, bei denen die Tickets schon im Vorverkauf weg sind. Die Stimmung bei diesen Konzerten ist unglaublich und lässt nur umso mehr den Eindruck zu, dass die Lust auf Konzerte auch heute noch ungebrochen ist. Es kommt aber der Eindruck auf, um ein einigermaßen gut besuchtes Konzert zu veranstalten, das die Kosten trägt, muss man wohl eine Band einkaufen, die auch bei Spotify gute Klicks hat. Weil die Studenten von den Angeboten nicht immer angesprochen werden, kommen die Initiativen für Veranstaltungen vermehrt von ihnen selbst. CampusFest, Transmitter-Clubkonzert, v.a. auch viele Live-Events und Bootspartys im elektronischen Genre werden von Studenten organisiert. Leider eben aber auch mit durchwachsenem Erfolg.

Wie lange viele Veranstalter diesen Ritt auf der Rasierklinge noch mitmachen, bei dem sie mit Mut und großer Unsicherheit Veranstaltungen planen, bleibt abzuwarten. Die Studenten sollten sich aber auch fragen ob nur die Veranstalter an der Situation Schuld sind. Eine Konzertkultur muss ein Geben und Nehmen sein. Nur wer zu den Konzerten der unbekannten Bands geht, hat einerseits die Möglichkeit neue aufstrebende Musik (abseits des Mainstreams) kennen zu lernen, sowie andererseits den lilabungalow im ScharfrichterhausVeranstaltern finanziellen Spielraum und Mut zu geben, auch risikoreichere Veranstaltungen mit erfolgreichen Bands zu organisieren. Von einem Konzertpublikum wie in München, Hamburg oder selbst im nahen Wien ist man in Passau natürlich weit entfernt. Es würde aber schon ausreichen wenn die kleinen Konzerthäuser kostendeckend arbeiten könnten. Das Angebot und besonders der Wille ist da.

Das ist, zugegeben, nur an der Oberfläche gekratzt.
Zu einer Entscheidung für eine Universität gehört im Gesamtpaket natürlich auch die Stadt. Also bleibt die Frage, wie in Passau nicht nur der schöne Campus, die Innpromenade und das gute Bier Argumente liefern, sondern auch die kulturelle Vielfalt von bayerisch Venedig. Es muss ja nicht gleich ein Maskenball sein. Aber vielleicht ein Konzert.

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2 Antworten

  1. Avatar Liz sagt:

    Sehr guter Beitrag zur (studentischen) Passauer Kulturszene. Die hier beschriebene Situation setzt sich leider mehr oder weniger 1:1 in der, dem Schulbetrieb entwachsenen Schicht fort, und das durch beinah alle Genres. Das Erlebnis von Livemusik suchen in Passau nur wenige und in der Tat, dann immer die gleichen, man kennt sich. In der Klassik und auch im Jazz ist es besonders schwierig, dem Künstler eine halbwegs sinnvolle Konzertsituation zu bieten. Ein künstlerischer Akt sucht immer auch den Dialog und der findet sich nicht im Gegenüber von leeren Rängen.

    Besucher über „Eintritt frei“ die Hemmschwelle, die meines Erachtens gar nicht vorhanden ist, zu nehmen, in der Hoffnung, sie dann auch für kostenpflichtige Veranstaltungen zu gewinnen, greift nicht. Und es ist das falsche Signal, denn der Wert einer künstlerischen Leistung und seiner Protagonisten wird herabgesetzt.
    Hier müssen die Künstler auch noch dazulernen, für sich und ihre Zunft mehr einzustehen. Keiner käme auf die Idee, bei freiem Eintritt zum Konzert auch nix für’s Bier zu bezahlen.

    Eine Stadt sollte den Boden für kulturelle Vielfalt bereiten, jeder Einzelne muss es aber auch wollen, schätzen und vor allem HINGEHEN und ERLEBEN.

  2. Ja – der Artikel trifft genau ins Schwarze.
    Und genau aus diesen Gründen haben viele kleine Veranstalter schon das Handtuch geworfen.
    Denn auch im Zeughaus funktionieren sehr häufig eben nur bekannte Namen.

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