Der ruinöse Rückblick – Ein kurzes Nachwort zur Netflix-Serie „A Series of Unfortunate Events“

Etwas weniger als zwei Jahre ist es her, dass ich euch – die Finger zitternd über die Tastatur huschend – warnte, innezuhalten und euch mit erfreulichen Dingen zu beschäftigen. Ich kann euch an dieser Stelle nur erneut beknien: Es wird nicht besser! Lest lieber etwas unterhaltsames, wie Sandras Beitrag zu zehn Werken rund um „Sherlock Holmes“, besucht unser aktuelles Theaterstück oder die „Macbeth“-Adaption unserer Freunde von „Spielsucht“. Selbst Shakespeares Tragödie verblasst vor dem, was ich hier zu berichten habe zur seichten Komödie. Kurz: Tut irgendetwas anderes, aber

lest

nicht

weiter!

In Ordnung, dieses Mal will ich es nicht übertreiben: Wie ihr bereits am Titel gemerkt habt, möchte ich in diesem Beitrag einen Rückblick auf die Serie A Series of Unfortunate Events geben, die im Januar 2017 auf Netflix ihren Anfang nahm und vor kurzem mit einer dritten Staffel beendet wurde. Wer sich eine ausführliche Besprechung wünscht, den kann ich auf meinen ersten Artikel zur Serie verweisen. Dies hier soll nur eine Nachbemerkung zum Gesamtwerk sein. Und keine Angst: Ich komme ohne Spoiler aus.

Teile des Casts – Bildqeulle: https://www.imdb.com/title/tt4834206/

Die Serie A Series of Unfortunate Events hat ihre Ecken, Kanten und kleinen Fehler. In der Gesamtschau jedoch handelt es sich um ein wirklich bemerkenswertes Kleinod. Dies beginnt beim Schauspiel, das sich im Verlauf der Serie noch deutlich gesteigert hat. Während sich die Schauspieler, allen voran Neil Patrick Harris, noch ein wenig in ihren Rollen zurechtfinden mussten, ist davon bereits in der zweiten Staffel kaum noch etwas zu bemerken. Vor allem im Fall von Harris hatte ich zu Beginn gezweifelt, ob er an Jim Carrey, der die Rolle des Erzschurken Count Olaf vor ihm gespielt hatte, heranreichen könnte. Das kann ich immer noch nicht abschließend beantworten und bewahre mir die Frage ob er tatsächlich die beste Besetzung für die Rolle war. Vor allem in der  der letzten Staffel jedoch, in der der Charakter an seinen eigenen Plänen zunehmend scheitert, gelingt es ihm unerwartete Nuancen einzubringen, die fast Sympathie zu dem eigentlich widerlichen Mann wecken. Harris füllt die Rolle also durchaus gelungen aus. Ob das Schauspiel im Allgemeinen immer perfekt ist, ist auf aufgrund der überzeichneten Charaktere schwer zu beurteilen. Es erfüllt aber genau die Funktion die es haben soll: Es zeigt wie enervierend, engstirnig und ausweglos die Welt ist, durch die sich die Baudelaires schlagen müssen. Besonders Lucy Punch als Count Olafs Love-Interest Esmé Squalor und Kitana Turnbull als großartig entnervende Carmelita Spats sind hier besonders hervorzuheben.

 

Der Caligari-Carnival (Staffel II/ Folge 9, ca. 0:06:00)

Ebenso kann die Serie bis zur letzten Folge mit einer besonderen Ästhetik aufwarten: Die Kostüme, das Makeup und vor allem die Filmsets sind großartig und bringen  die Welt der Bücher nahezu perfekt auf den Bildschirm. Ja, alles wirkt ein wenig künstlich und so wie in einem Studio gedreht (was ja auch der Fall ist), aber genau das trifft das Ambiente der Geschichte. Alles, was die Baudelaires (drei Waisenkinder und Protagonisten der Serie) durchleben müssen ist falsch, bizarr, seltsam und düster. Sie leben in einer Welt voller extremer Charaktere und entsprechend  extremer Orte, sei es das Haus, das nur auf einigen Stelzen am Rande einer Klippe thront, ein schmutzig-heruntergekommenes Krankenhaus, wie aus einem Horrorfilm, einem U-Boot, das deutlich an Kapitän Nemos Nautilus erinnert oder ein gigantisches Grand-Hotel. Alles ist mit großer Sorgfalt und Liebe zum Detail entworfen und vermittelt eine Atmosphäre, die man in dieser Form kaum noch einmal findet – am ehesten vielleicht noch in Filmen Tim Burtons.

Bemerkenswert ist damit einhergehend auch die große Buchtreue der Serie. Ich habe die Bücher seinerzeit nur bis zum zehnten Band gelesen (und aus irgendeinem Grund sind die deutschen Übersetzungen zumindest ab den späteren Bänden kaum noch erhältlich). Soweit ich es aber nachvollziehen kann, wird die 13-bändige Romanvorlage in 25 Episoden sehr werkgetreu umgesetzt, was – zieht man den charakteristischen Stil des Autors Daniel Handler (alias Lemony Snicket) heran – sicherlich nur ein Gewinn für die Serie sein kann. Man muss als Fan der Bücher also keine bedauerlichen Aussparungen oder Überdehnungen fürchten. Ein weiterer Pluspunkt, den ich bereits im letzten Artikel angemerkt habe und der leider keine Selbstverständlichkeit ist: Die Serie bietet – auf Seiten der Bösen wie der Guten – bemerkenswert starke Frauenrollen, die eigenständig und nicht in Abhängigkeit von ihren männlichen Gegenparts handeln.

Der Operationssaal des Heimlich Hospital (Staffel II/ Folge 8, ca. 0:21:00)

An dieser Stelle möchte ich auch schon zum „erstaunlichen Ende“ (so der Titel der letzten Episode) kommen – wirklich erstaunlich, wenn man die übliche Länge meiner Beiträge bedenkt. Habe ich A Series of Unfortunate Events bei meiner ersten Kritik 7 Punkte gegeben, so fällt meine Kritik mittlerweile etwas euphorischer aus. In der Regel scheue ich mich zwar diese Punktzahl zu verleihen, aber die Serie hat durchaus die 10 von 10 Punkten verdient – mit einer Tendenz zu immer noch großartigen 9 Punkten. Allerdings mit einem kleinen Zusatz: Die Art und Weise wie hier erzählt wird, ebenso wie die Geschichte an sich mögen den Geschmack vieler Zuschauer*innen nicht treffen und selbst mir war alles an der ein oder anderen Stelle etwas zu viel. Sich über den Wermutstropfen eines ab und an vielleicht nicht perfekten Schauspiels zu beklagen, hieße Jammern auf hohem Niveau und ist keinen Punktabzug wert. In dem was sie erreichen will – eine sehr eigene Geschichte mit einer sehr spezifischen Atmosphäre zu erzählen – bewegt sich A Series of Unfortunate Events nahe an der Perfektion.

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.