„Deutschland, Deutschland über allen“ – Erneute Kritik und Kontroverse um Rammstein

Wenn es um die Band Rammstein geht, geht es eigentlich schon automatisch um Provokation. Das reicht vom Bandnamen über die Texte hin zum brachialen Auftreten und und und. Nachdem die Band 2009 mit einem Video zum Song Pussy (Album Liebe ist für alle da) für Aufregung sorgte, das so explizit war, dass es nur auf Porno-Kanälen verbreitet werden konnte, machte sie nun wieder von sich reden: Die Könige der „Neuen Deutschen Härte“ veröffentlichten am 28.03.2019 das Musikvideo Deutschland. Das Interessante dabei: Der zuvor erschienene Teaser zum Video erregte mehr Aufmerksamkeit als das Video selbst. Die Welle der Empörung war nicht überraschend, denn schließlich zeigt der Teaser die Mitglieder der Band als KZ-Insassen auf dem Schafott. Ist es nun gerechtfertigt, mit einen Teaser wie diesem aus Marketinggründen zu provozieren? Waren die extremen Reaktionen angebracht? Was hat es mit dem Video auf sich? Mit diesen Fragen will ich mich hier auseinandersetzen.

Germania in goldener Rüstung – Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=NeQM1c-XCDc (01:28)

Das Video – Interpretationsansatz
Das Video selbst – 9 Minuten und 22 Sekunden lang – ist etwas komplexer als der kurze Trailer. Ich werde nicht Bild für Bild und Wort analysieren, das würde etwas zu lange dauern. Vielmehr nehme ich eine reduzierte Gesamtdeutung vor. Das Video lässt sich als eine Zeitreise durch Deutschland bzw. seine historischen Vorgänger verstehen. Alles beginnt in Germanien zur Römerzeit (wohl der Varusschlacht im Teutoburger Wald) und hangelt sich dann lose und eher assoziativ als historisch linear über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg: Man sieht mittelalterliche Szenerien, die BRD und DDR werden gegenübergestellt, Gestalten, die an die RAF erinnern, treten auf. Hinzu kommen futuristische Elemente wie z.B. Astronauten, die die Überreste von deutschpatriotischen Denkmälern und Statuen untersuchen. Immer wieder haben zudem die Nationalsozialisten prominente Auftritte. Alles in allem handelt es sich um eine Orgie von blutiger und roher Gewalt und als abstoßend inszenierter Dekadenz. Es wird Champagner getrunken, abgeschlachtet, Sauerkraut und Würste von einem Frauenkörper gegessen und dann wieder hingerichtet.
Im Zentrum des Videos stehen zum einen natürlich die Musiker, in verschiedenen Rollen, vor allem aber eine schwarze Frau. Diese trägt unterschiedliche Kleidung, zeigt sich unter anderem als fellgekleidete Keltin, später in strahlender goldener Rüstung (den deutschen Adler auf der Brust), in einem mondänen Outfit der 20er Jahre, einer Uniform der SS, sowie der DDR oder Sowjetunion, mit Goldketten und Patronengurten behängt (einige Schäferhunde an der Leine) und als eine Art mechanischer Engel, der Schäferhunde (?) zur Welt bringt. Zuletzt wird sie in einem futuristischen Glassarg ins All geschossen. Durch die Zeit zieht sich zudem ein roter Lichtstrahl, der alles miteinander zu verbinden scheint (oder vielleicht auch eine Art Laser ist, der die deutsche Geschichte „scannt“).

Die DDR mit Muikern und Germania (rechts) – Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=NeQM1c-XCDc (02:35)

Die deutsche Geschichte wird hier als kontinuierliche Entwicklung dargestellt. Es handelt sich um keine besonders ruhmreiche oder noble Geschichte: Die größte und bedeutsamste Konstante ist der gewaltsame Umbruch. Die schwarze Darstellerin verkörpert eine Art Geist der Nation – eine Germania – die immer als das auftritt, was dem Geist der Zeit entspricht: Als Kriegerin, Ritterin, Nazi oder Kommunistin. Sie scheint weniger die Geschichte zu bestimmen als vielmehr durch das Handeln der Deutschen in der jeweiligen Epoche geprägt zu sein (und in Zeiten der Spaltung eben auch gespalten). Am Wichtigsten: Wo sie auftaucht, herrscht Gewalt.

Warum nun gerade eine Schwarze als Germania? Ich habe dies eine ganze Weile reflektiert und komme zu keinem ganz befriedigendem Schluss. Es geht, so nehme ich an, am ehesten um Provokation. Den Geist der Nation nicht von einem blonden, blauäugigem Mädel verkörpern zu lassen, wie man es erwarten sollte, sondern vom optischen Gegenteil, ist ein Verfremdungsmechanismus, der die Aufmerksamkeit der Zuschauer/innen wecken soll. Eine schwarze Darstellerin zu wählen, setzt den Deutschnationalismus zudem in ein schlechtes Licht, macht sich gewissermaßen darüber lustig.

Hinzu kommt nun der Text:

Du  – Chor: du hast, du hast, du hast, du hast
Hast viel geweint – Chor: geweint, geweint, geweint, geweint
Im Geist getrennt – Chor: getrennt, getrennt, getrennt, getrennt
Im Herz vereint – Chor: vereint, vereint, vereint, vereint
Wir – Chor: wir sind, wir sind, wir sind, wir sind
Sind schon sehr lang zusammen – Chor: ihr seid, ihr seid, ihr seid, ihr seid
Dein Atem kalt – Chor : so kalt, so kalt, so kalt, so kalt
Das Herz in Flammen – Chor: so heiß, so heiß, so heiß, so heiß
Du – Chor: du kannst, du kannst, du kannst, du kannst
Ich – Chor: ich weiß, ich weiß, ich weiß, ich weiß
Wir – Chor: wir sind, wir sind, wir sind, wir sind
Ihr – Chor: ihr bleibt, ihr bleibt, ihr bleibt, ihr bleibt

Deutschland – mein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen
Deutschland – dein Atem kalt
So jung – und doch so alt
Deutschland!

Ich – Chor: du hast, du hast, du hast, du hast
Ich will dich nie verlassen – Chor: du weinst, du weinst, du weinst, du weinst
Man kann dich lieben – Chor: du liebst, du liebst, du liebst, du liebst
Und will dich hassen – Chor: du hasst, du hasst, du hasst, du hasst
Überheblich, überlegen
Übernehmen, übergeben
Überraschen, überfallen
Deutschland, Deutschland über allen

Deutschland – mein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen
Deutschland – dein Atem kalt
So jung – und doch so alt
Deutschland – deine Liebe
Ist Fluch und Segen
Deutschland – meine Liebe
Kann ich dir nicht geben
Deutschland!
Deutschland!

Chor: Du
Chor: Ich
Chor: Wir
Chor: Ihr
Chor: Du – Übermächtig, überflüssig
Chor: Ich – Übermenschen, überdrüssig
Chor: Wir – Wer hoch steigt, der wird tief fallen
Chor: Ihr – Deutschland, Deutschland über allen

Deutschland – dein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen
Deutschland – mein Atem kalt
So jung – und doch so alt
Deutschland – deine Liebe
Ist Fluch und Segen
Deutschland – meine Liebe
Kann ich dir nicht geben
Deutschland!

Deutschland, so zeichnet es auch der Text, ist ein Konzept, das Herzen „entflammen“ kann und somit im Laufe seiner Geschichte viel Leid und Schmerz mit sich brachte. Das „entflammte Herz“, d.h. die Begeisterung für das Konzept Deutschland, steht im Wiederspruch zum „kalten Atem“. Die Begeisterung für eine Nation – hier verkörpert durch die schwarze Germania –, der Wunsch, Deutschland über alles zu stellen (selbstverständlich eine Anspielung auf die erste Strophe des „Lieds der Deutschen“), bringen nur Gewalt und Zerstörung mit sich. Aus dem Blickwinkel des Sprechers handelt es sich beim Nationalismus um ein ambivalentes Konzept, das er ebenso lieben wie hassen will, dem er aber seine Liebe letztlich nicht geben kann, da die negativen Aspekte bzw. Konsequenzen überwiegen.
Zusammenfassend zeigt das Video weniger einen Streifzug durch die deutsche Geschichte – wäre das so, könnte man ihm Einseitigkeit vorwerfen – als vielmehr die historischen Ergebnisse eines Deutschnationalismus. Es handelt sich um eine klare Distanzierung von selbigem: Ja, der Wunsch eine Verbundenheit mit der Nation zu empfinden, patriotisch für das Land einzustehen, ist vorhanden und ist reizvoll – denn schließlich handelt es sich um etwas, für das man sich schnell und einfach begeistern kann. Aufgrund einer mehr als problematischen Geschichte, die vor allem unsägliches Leid mit sich brachte, ist eine solche Liebe, ein solcher Patriotismus – besonders  wenn es sich um eine extreme und rücksichtslose Begeisterung handelt – nicht rechtfertigbar. Wiederum ist dies also ein Bekenntnis Rammsteins gegen das rechte Gedankengut (, wie z.B. auch in dem Song Links 2 3 4), das man ihnen seit langem vorwirft, vor allem aber jedoch eine Positionierung gegen wachsenden Nationalismus. Alles in allem vermittelt Deutschland also eine Botschaft, hinter die ich mich stellen kann.

Germania im All – Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=NeQM1c-XCDc (6:46)

Was es nun bedeutet, wenn Rammstein – in der Kleidung futuristischer Forscher oder Astronauten – Germania ins All schießen ist fraglich: Bedeutet dies einfach, dass sie den Nationalismus nach Jahrtausenden seiner destruktiven Auswirkungen bildlich ins All schießen? Bedeutet es, dass der Nationalismus kein Ende findet, sondern – nachdem wir die Erde zerstört haben – andernorts weiterlebt, wo Menschen sind?
Ganz allgemein ist Deutschland komplexer, als ich nach dem ersten Sehen vermutet hätte. Das Wirrwarr an detailreichen Bildern in Verbindung mit dem Rammstein-typischen einsilbig-offenen Text eröffnet eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten, die keinesfalls alle offensichtlich sind. Ich habe hier nur die meines Erachtens nach naheliegendste herausgegriffen. De facto ist das Video so komplex und detailverliebt, dass ich mich noch wesentlich umfassender damit auseinandersetzen könnte – eben Bild für Bild (hier ein Video, das noch etwas detaillierter darauf eingeht). Diese Komplexität ist durchaus problematisch, denn nicht jede/r wird in der Lage sein, hinter den „Deutschland, Deutschland über allen“-Wiederholungen mehr als stumpfen Nationalismus zu erkennen.

Abschließender Schriftzug des Teasers – Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=pB2g_XsoLDg (00:30) – Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=q36Zon01v5k (00:30)

Der Teaser und die Provokation
So sehr ich dem Video in seiner Grundaussage zustimmen kann, so problematisch finde ich den Trailer, der ihm als Werbung vorausging: Mit zerschundenen Gesichtern stehen vier der Musiker auf einem Schafott, den Galgenstrick um den Hals. Sie tragen die gestreiften Uniformen, die man von den Häftlingen der Konzentrationslager kennt, den gelben Stern auf der Brust. Ein dumpfes Dröhnen untermalt das Video, dann erscheinen das Bandlogo und darunter der Schriftzug „Deutschland XXVIII.III.MMXIX“, der auf das Veröffentlichungsdatum des vollen Videos hinweist.
Ganz klar: Dieser Clip will provozieren. Und mehr als diese 35 Sekunden, die am Ende des Gesamtvideos stehen, brauchte es auch nicht, um einen Sturm der Empörung zu provozieren. Von allen Seiten wurde der Band vorgeworfen, das unsägliche Leid, das Millionen Menschen in den KZs der Nationalsozialisten erdulden mussten, zu Marketing-Zwecken zu missbrauchen. Eine Kritik, in der natürlich auch immer das implizite Urteil des Antisemitismus mitschwingt, das gut zu dem lange anhaltenden Vorwurf passt, bei Rammstein handle es sich um eine rechte Band.

Tatsächlich ist die Marketing-Aktion in dieser Form mehr als kritisch zu betrachten: Es ist notwendig und richtig, dass sich eine Band wie Rammstein immer wieder von einschlägigem Gedankengut distanziert, gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme und nationalistische Parteien wie die AfD – nicht nur in Deutschland – wieder auf dem aufsteigenden Ast sind. Es ist wichtig zu betonen, dass unreflektierte Vaterlandsliebe blind macht und nur zu negativen Konsequenzen führen kann. Und in diesem Zug muss auch das Dritte Reich, müssen Konzentrationslager thematisiert werden. Kunst und Kultur müssen sich damit auseinandersetzen und auch Bands wie Rammstein haben das Recht dazu. Es wäre auch vollkommen in Ordnung gewesen, hätten sie das Video gleich in voller Länge veröffentlicht. Denn das Video selbst ist absolut gelungen, das zeigt sich allein darin, dass es zum intensiven und kritischen Nachdenken über die Thematik anregt.

So wie es jedoch hier geschehen ist, werden die Opfer des Dritten Reiches für Werbung instrumentalisiert. An dieser Stelle muss ich den kritischen Stimmen Recht geben. Rammstein sind zwar weder rechts noch antisemitisch, aber diese Werbestrategie ist illegitim und geschmacklos. Dennoch fällt es mir schwer, mich den Kritikern vollumfänglich anzuschließen. Zum einen hat man einmal wieder das Gefühl, dass viele, die spontan mit Kritik herausplatzen, keine besondere Kenntnis des Werks der Band und somit kein tatsächliches Verständnis für den Fall haben. Zum anderen ist die Art und Weise, auf die die Kritik geübt wurde, ungeschickt und aktionistisch. Rammstein hat einen Stock hingeworfen und die Kritiker/innen haben sich, ohne zu überlegen, darauf gestürzt wie die Kettenhunde. Das ist einfältig: Es ist durchaus sinnvoll, hier Kritik zu üben, dies hätte allerdings reflektiert geschehen müssen und am besten mit Abstand zur Veröffentlichung des Teasers, sonst wird man nur Teil der Strategie und wird von den eingefleischten Fans verlacht: „Hahaha, ihr seid drauf reingefallen.“ Überlegtes Handeln in einer Zeit unbedingt-unmittelbarer Berichterstattung zu erwarten, ist aber vielleicht auch ein wenig blauäugig.

KZ-Szene – Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=NeQM1c-XCDc (4:03)

Fazit
Selbstverständlich lässt es sich die Strategie der Band auch anders verstehen, als Versuch, die Thematik ins Bewusstsein der Gesellschaft und auch ins Bewusstsein der Hörer/innen zu rufen. Aber ich tue mich schwer damit zu glauben, dass es hier in erster Linie um etwas anderes als um Vermarktungsstrategien geht.
Welche Intention Rammstein nun auch immer hatte, auf jeden Fall ist es ihnen ein weiteres Mal gelungen, zu provozieren und damit gekonnt die Vermarktung ihres neuen Albums anzukurbeln. War es das wert? Nun, finanziell sicher. Letztlich erwartet man von Rammstein auch nichts anderes als einen Bombeneinschlag, auch wenn der Trailer ein wenig wie der Versuch einer gealterten Band wirkt, mit allen Mitteln wieder in das Rampenlicht der Öffentlichkeit zu treten. Wenn ich das Video Deutschland in seiner Aussage unterstütze, es sogar für überaus beachtlich halte, so betrachte ich die Vermarktungsstrategie auf moralischer Ebene als verwerflich. Keine Band und vor allem keine deutsche Band sollte die Gräueltaten des Dritten Reiches jemals als Verkaufsstrategie instrumentalisieren.

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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