„Die Herrschaft haben über ein Menschenschicksal.“ – KultLaute spielt „Hedda Gabler“

Ein neues Semester, ein neues Stück, ein neues Regieteam: Im Wintersemester 17/18 führt die Theatergruppe „KultLaute“ an der Uni Passau das Stück „Hedda Gabler“ (1890) des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen (1828-1906) auf.  Wer Lust hat, mitzumachen hat dazu noch Gelegenheit: Alle Informationen am Ende des Artikels.

Nach 6 erfolgreichen Theaterjahren hat der bisherige KultLaute-Theater-Regisseur Sebastian Ruppert den Staffelstab allerdings an mich (Jakob Kelsch) weitergegeben. Als Regieassistenzen stehen mir Sophia Heckmann, die seit drei Stücken Teil der Theater-Gruppe (und auch Redakteurin des Blogs) ist und Andreas Höng zur Seite, der die Gruppe bereits bei einigen Stücken tatkräftig unterstützt hat. So sind drei Leute versammelt die bereits – sowohl als Schauspieler und Regisseur – einiges an Theatererfahrung sammeln konnten und nun mit voller Motivation ein neues Projekt angehen.

Aber genug der Vorrede – Was ist dieses „Hedda Gabler“ und worum geht es da?  Hedda Gabler ist – wie eigentlich die meisten Stücke Ibsens – ein naturalistisches Drama. Was heißt das?  Während man, wenn man ans „klassische“ Theater denkt (z.B. Schiller, Goethe oder Lessing) immer sehr theatralische, hoch-dramatisierte Schicksale, wie ewige Liebe oder tiefste Feindschaft, denkt, die wenig mit mit Problemen des wirklichen Lebens zu tun haben, ist das im Naturalismus anders: Hier stehen – grob gesagt – sehr stark Einzelindividuen in ihrer persönlichen Lebenssituation im Vordergrund. Es geht um ganz reale soziale und gesellschaftliche Probleme: Gewalt, Alkoholismus, Armut und auch soziale Zwänge und Rollenmuster. Letzteres ist auch bei „Hedda Gabler“ der Fall:

Protagonistin des Stücks ist Hedda Gabler, die seit kurzem eigentlich Hedda Tesman heißt – doch anfreunden kann sie sich mit den ehelichen Banden nicht wirklich. Diese scheinen eher eine Kette, das neue Haus, in das sie und ihr Ehemann von der Hochzeitsreise heimkehren, eher ein Gefängnis zu sein. Tatsächlich wirkt die Verbindung zwischen ihr und dem Kulturwissenschaftler Jörgen Tesman wie ein Unfall, denn zusammen passen sie nicht: Tesman, gutherzig, aber vor allem naiv und unendlich spießig, findet größtes Gefallen an einem Paar alter Pantoffeln, das ihm seine mütterlichen Tanten einst schenkten. Die energische, selbstbewusste und auch etwas verführerische junge Frau dagegen beschäftigt sich am liebsten mit den von ihrem Vater ererbten Pistolen und schwelgt in den ungebundenen Liebschaften ihrer Vergangenheit. Machtlos gegenüber unverrückbaren gesellschaftlichen Konventionen steht sie der bedrückenden und öden Zukunft gegenüber, fortan an Tesmans Seite ein Leben voller ehelicher Pflichten führen, gar eine Familie mit ihm gründen zu müssen. Angesichts der beengenden Zukunftsaussichten und vor allem der eigenen Hilfslosigkeit, verfällt sie auf einen Gedanken, der sie nicht mehr loslässt: Wenn sie das eigene Schicksal schon nicht bestimmen kann, so möchte sie doch ein einziges Mal in ihrem Leben „die Herrschaft über ein Menschenschicksal“ haben. Besessen davon, die eigene Ohnmächtigkeit zu verarbeiten, beginnt sie ihren und Tesmans Freundes- und Bekanntenkreis willkürlich zu manipulieren, erprobt sich darin wie sie sie dazu bringen kann, ihren oft absurden Launen zu folgen: ein Spiel, das kein gutes Ende verspricht.

„Hedda Gabler“ ist ein ungeheuer interessantes und spannendes Charakterdrama, dessen Rollen schauspielerisch zwar einiges abverlangen, aber umso mehr bieten. Und obwohl sich die gesamte Szenerie deutlich düster liest – schließlich handelt es sich letztlich um eine Tragödie – versteht es Ibsen seinen Charaktere komische Eigenheiten mitzugeben und sie in absurde Situationen zu bringen, die das Stück immer  wieder auflockern. Wir behalten im Rahmen unserer Inszenierung den Original-Text (natürlich in deutscher Übersetzung) weitestgehend bei und haben ihn nur an wenigen Stellen behutsam aktualisiert, sodass eine Übertragung in die heutige Zeit möglich ist.

Wenn du Lust hast, Teil unseres Ensembles zu werden, oder auch einfach nur hinter der Bühne (Kostüm, Bühnenbild, Maske) mitzuhelfen, dann hast du dazu noch Gelegenheit: Wir casten am 24.10, ab 19:00 Uhr in der Kulturcafete im Nikolakloster (Uni Passau). Alles was du mitbringen musst ist jede Menge Lust auf Theater und ein kleines bisschen Text, den du auswendig kannst – ein Gedicht, einen Monolog, oder einfach nur „Alle meine Entchen“ – Hauptsache du musst beim Aufsagen nicht groß nachdenken. Wir freuen uns auf dich!

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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