Die Philosophie der Comics

Bestimmt hat jeder schon einmal einen Comic gelesen, einen in der Hand gehabt, im Internet gesehen. Comics können einem gefallen oder nicht, man mag darüber denken wie man will, doch eines steht fest: Die Philosophie hat sich nie wirklich mit den Comics beschäftigt.

Wieso?

Man möchte argumentieren, Comics seien auf einem niederen kulturellen Stand. Die Zielgruppe waren früher zumeist Kinder, die zur Veranschaulichung viele Bilder brauchen. Aber seit den 80er Jahren sind Comics vor allem auch für Heranwachsende und Erwachsene geschrieben. Viele Graphic Novels sind hoch ausgezeichnet (wie in etwas MAUS – Bild siehe unten), von niederem kulturellen Wert kann hier nicht die Rede sein. Trotzdem wird der Graphic Novel nur als guter Comic bezeichnet und nicht etwa behandelt wie ein „Tarantino Meisterwerk“ oder ein Kunstwerk von Michelangelo.

Wieso?

Kurzlebigkeit und Vergänglichkeit wären weitere Argumente. Ein Comicstrip der nur für eine Zeitung geschrieben ist fällt wohl kaum unter die philosophische Ästhetik. Das war für diese Comicstrips in Zeitungen der 80er vielleicht ein Kriterium, jedoch nicht mehr zur heutigen Zeit, in der viele Comics sogar digitalisiert werden.
Außerdem ist der Comic eine Zwitterkunst, was Analysen erschweren könnte. Wieso Zwitter? Er ist eine Verbindung aus Bild und Literatur – doch das sollte den Comic als Kunstwerk doch noch attraktiver machen und nicht weniger? 

Abgesehen davon, gibt es keine einheitliche Definition von Comics, jede versuchte Definition (wie diese, auf den ersten gefühlten 50 Seiten des Buches: The Philosophy of Comics) ist schwammig und fasst oftmals zu wenig oder zu viel zusammen.

Bei schwammigen Definitionen wird sich dann oft durch die Abgrenzung weiter geholfen:

 

Was unterscheidet den Comic also von seinen Vorläufern wie Bilderzählungen der christlichen Ikonographie?
Laut Tristan Garcia – Philosoph und Autor von Faber. Der Zerstörer – zeigen beide ein räumliches und zeitliches nebeneinander. Wobei zum Beispiel christliche Kirchenbilder, die eine Geschichte erzählen, immer alle Teile einer Geschichte gleichzeitig zeigen. Bei einem Comic sind die Panels auf den verschiedenen Seiten zuerst verdeckt und müssen nacheinander aufgeklappt werden. Oder auch die ersten Comics in Zeitschriften, die jede Woche ein neues Panel rausbrachten.

Doch wenn man alle Seiten eines Comics rausreißt und nebeneinander aufbaut. Was unterscheidet den Comic dann noch von einem Kunstwerk?

Dem Comic fehlt eine gewisse ontologische Bürde, eine Figur genau so abzulichten, wie sie für immer dastehen soll. Der Comic kann eine Figur in verschiedenen Panels, in Bewegung zeigen, kann sie einer Entwicklung unterziehen, charakterlich, figürlich, in mehreren Einheiten. Die Philosophie befasst sich jedoch eher mit diesen Momentaufnahmen, in Kunstwerken. Eine Art „Blick der Malerei“, die bei den Comics fehlt. Bei einem guten Panel, soll der Blick sofort weiter führen auf das Nächste, nicht verweilend versuchen verschiedene Aspekte des jetzigen ausmachen.

Das spricht nicht gegen einen philosophischen Ansatz im Bereich der Kunst des Comics. Das alles spricht nicht gegen die Bezeichnung von Comics als eine Art eigene Kunst. Wieso wird er dann trotzdem immer mit Infantilität, Regression und Kindheit assoziiert?

Wieso?

Hier eine abschließende These zur philosophischen Einordnung von Comics von Tristan Garcia:

„Wenn der Comic eine Sache der Zerlegung ist, bei der Zeit und Raum mittels Panels und Seiten aufgeteilt werden müssen, dann weil er die gigantische Metapher von etwas ist, das sich am Ende des 19. Jahrhunderts abgespielt hat, nämlich die Neueinteilung der Lebensalter des Menschen.“

Überdies geht er auf die Schwellentheorie von Arnold von Genepp ein. Ein Umstandswechsel wird hier mit verschiedenen Räumen beschrieben, die übertreten werden müssen. Es gibt ein zeitliches vorher und nachher, welche in Räumen festgehalten werden. Zum Beispiel von der Kindheit zur Jugend. Ende des 19. Jahrhunderts verschwinden Initationsriten, die einen solchen Übergang darstellen sollen. An dieser Stelle tritt der Comic in Erscheinung. Seine These ist nun, dass der Comic den Heranwachsenden die Phasen den Lebens vor Augen halten solle.

Um das Leben zu verstehen, muss man sich selbst verstehen und sehen ­- in den verschiedenen Lebensphasen. Und man solle das auch im Ganzen sehen. Der Comic beruhigt das Kind und zeigt, dass die Zeit keine zerstörerische Kraft ist. (Seine ganze These erklärt hört man in der Arte Show „Philosophie – Wie verändert der Comic das Denken?“)

 

Viele Fragen habe ich gestellt, wenige beantwortet – wie es die Philosophen eben so tun. Richtig beantworten, wieso sich die Philosophie in der Vergangenheit nicht mit den Comics auseinander gesetzt hat, kann man wohl nicht eindeutig. Doch wichtiger als das, ist der Umstand, dass man sich jetzt langsam, nach und nach damit auseinander setzt. Eine These habe ich hier schon vorgestellt, weiterführend sind vor allem die Werke von Aaron Meskin zu empfehlen.

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Das Buch: The Philosophy of Comics von Aaron Meskin und Royt Cook, ist langwierig aber es lohnt sich. Falls man sich nicht sicher ist, gibt es von Meskin eine wissenschaftliche Arbeit zur kostenlosen Verwendung: https://www.academia.edu/820674/The_Philosophy_of_Comics

Hannah Madlener

Hannah Madlener

Aus dem schönen Schwoabaländle kam die Hannah nach Passau um irgendwas mit Medien zu studieren. In ihrer Freizeit schaut sie zu viele Serien und Filme, liest am liebsten alte Bücher und spielt leidenschaftlich gern Theater und Ukulele. Außerdem befasst sie sich hingebungsvoll mit Comics und versucht diese auch selbst zu zeichnen.

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