Dieser Artikel lügt nicht: Die Netflix-Serie „13 Reasons Why“

13 Reasons Why (deutsch: Tote Mädchen Lügen Nicht) ist eine Netflix-Serie, die das gleichnamige Buch von Jay Asher umsetzt. Die Handlung dreht sich um die Folgen des Suizids der Schülerin Hannah Baker für ihre Mitschüler und deren Familien. Die Zuschauer erleben die Geschehnisse sowohl aus Hannahs Perspektive in der Vergangenheit, als auch aus der ihres Mitschülers Clay Jensen. Dieser erhält zu Beginn der Serie, zwei Wochen nach Hannahs Tod, sieben von Hannah aufgenommene Kassetten mit 13 Gründen für ihren Selbstmord. Jeder Grund entspricht einem ihrer Mitschüler, der/die mitverantwortlich für ihren Selbstmord war – zumindest in ihren Augen.

 

Im Folgenden haben sich Jakob und Maike, nachdem sie sich die Serie angeschaut haben, Gedanken zu 13 Reasons Why gemacht. Ihr solltet also nur dann weiterlesen, wenn ihr die Serie bereits gesehen habt oder es euch nicht stört, gespoilert zu werden!

Kathrine Langford und Dylan Minnette als Hannah Baker und Clay Jensen

Jakob

Ich ging recht enthusiastisch an diese „Thirteen Reasons Why“ heran: Nach sehr vielen Superhelden, Magie und Endzeit-Szenerie wünschte ich mir mal wieder eine Serie, die sich mit echtem menschlichen Drama, mit realen Problemen auseinandersetzt und das auch möglichst in meinem Jahrhundert. Nicht, dass ich Superhelden, Endzeit und Magie-Settings nicht mag, aber ich habe das Gefühl, dass es sich der ein oder andere Fantasy-Plot zu einfach macht: Die Konstruktion einer komplexen zwischenmenschlichen Story erfordert nun mal mehr Raffinesse, als die eines Effekt-basierten Spektakels in dem es eher darum geht coole Kämpfe zu inszenieren und stets neue Superlative zu schaffen. So finde ich auch manches Kammerspiel (wie z.B. „Breakfast Club“ oder „Der Gott des Gemetzels“) mitreißender als aufwändig produzierte Action-Streifen (z.B. der jüngst erschienene „Guardians of the Galaxy 2“).

Aber das ist ja eigentlich ein vollkommen anderes Kapitel, nun also zum eigentlichen Thema:

Ich kann einiges Gutes über „Thirteen Reasons Why“ sagen – der unsägliche deutsche Titel, der sich anhört wie ein drittklassiger Horror-Streifen oder ein Klischee-Thriller gehört nicht dazu. Die unkomplizierteren Dinge zuerst: Das Schauspiel war meines Erachtens nach sehr glaubhaft und es besteht ordentliches Identifikationspotential – wenn auch für mich eher in der Retrospektive, denn ich bin doch deutlich älter als die künftigen High-School-Absolventen, mit deren Problemen wir hier konfrontiert werden. Ich denke es war unter anderem auch die lebensechte Darstellung des Schul-Mikrokosmos, der mich bei der Stange gehalten hat. Vor allem jedoch ist die Handlung der Serie bis zum Ende packend und widmet sich vor allem einer ernsten Thematik, die sonst eher selten den Fernsehbildschirm streift. Ich finde es dabei nicht verfehlt, dass mit aller Drastik gezeigt wird, dass Selbstmord kein Vergnügen ist, sondern ein durchaus qualvoller Prozess sein kann. Faktisch war es die expliziteste Darstellung eines Selbstmordes, an die ich mich bisher erinnern kann. Vor allem wird aber auch gezeigt, dass die Schwere des Suizids verantwortungslos gegenüber dem eigenen Umfeld ist: Man zerstört nicht nur das eigene Leben, sondern unter Umständen auch das anderer. Während das eigene Leid also mit dem Aufschlitzen der Pulsadern ein Ende findet, beginnt das Leid der anderen erst und findet – z.B. im Falle der Eltern – nie ein Ende.

Doch hier stößt man auch auf den größten Wehmutstropfen an „Thirteen Reasons Why“: Es fällt mir nicht leicht das treffend zu umschreiben, aber ich denke, ich habe ein Problem damit, dass der Zuschauer durch eine relativ unreflektierte Handlung geschleust wird. Ich finde es problematisch, dass vor allem – fast ausschließlich – Hannahs Umfeld die Schuld an ihrem Selbstmord zugewiesen wird. Es wird kaum reflektiert, dass Hannah sich bereits in einem Alter befindet, in dem man von einem Menschen ein gewisses Bewusstsein für die eigene Situation erwarten kann: Hannah hat de facto Freunde (sie hat zumindest Clay, der sie verdammt offensichtlich liebt), sie hat Eltern, die sie lieben und mit denen sie reden könnte und letztlich gibt es auch eine Polizei im Ort, die sie Aufsuchen könnte um die Vergewaltigung zu melden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass niemand ihr hier geholfen hätte. Sich umzubringen ist also auch ihre Entscheidung, die Konsequenz, die sie zieht. Ja, die Menschen um sie her, benehmen sich unentschuldbar, aber sie letztlich als – eigene Probleme hin und her – verschworenen, fast sektenartigen Kreis darzustellen, der ihr keinen anderen Ausweg lässt und im Nachhinein ein Lügengebäude, schießt ein wenig am Ziel vorbei – es ist eine weitere „Wir haben ein dunkles Geheimnis“-Story. Es wird durchaus Zeit darauf verwendet zu zeigen, dass im Leben der anderen High-School-Schüler durchaus auch einiges schiefläuft: Zukunftsängste, gewalttätige oder gefühllose Elternhäuser, Unsicherheiten über die eigene sexuelle Orientierung und natürlich Alkohol und Drogen als Ausweg aus dem Druck – Viele bekannte und ernsthafte Probleme dieser Altersphase.

Und hier sehe ich also das Problem: Die ganze Welt, die wir sehen scheint – bis auf sehr, sehr wenige Lichtblicke – äußerst düster, es gibt kaum einen Ausweg und es ist eigentlich nur konsequent, dass sich Hannah das Leben nimmt. Selbst der Vertrauenslehrer, der eigentlich die ganze Zeit als guter Typ dargestellt wird – es sein denn ich habe hier etwas verpasst -, wendet sich plötzlich gegen sie. Was fehlt ist der bittersüße Beigeschmack, der Hauch von Hoffnung, von Stories, die ähnliche Thematiken behandeln (wie z.B. der großartige „Coconut Hero“ von 2015). Einen Teenager, der diese Serie sieht, könnte das alles deutlich negativ beeinflussen, als ihn zum Nachdenken über seine Situation anzuregen, ihn vielleicht in eine ähnliche Richtung wie Hannah lotsen. Wenn man sich einer derart ernsthaften Thematik widmet und vielleicht eine Serie entwickeln will, die vor allem von der betroffenen Altersgruppe angesehen wird, wäre ein behutsamerer und reflektierter Umgang mit der Sache nötig – eine Story, die dem Zuschauer einen echten Ausweg liefert, eine Möglichkeit aufzeigt, wie es ihm möglich ist mit dem eigenen Kummer fertig zu werden oder auf den Kummer anderer aufmerksam zu werden. Denn es ist klar, dass sich „Thirteen Reasons Why“ eine Art moralischen Bildungsauftrag auf die Fahnen schreibt, dieser ist nur leider nicht ganz angemessen ausgearbeitet. Inwiefern die literarische Vorlage das besser oder schlechter macht kann ich hier nicht sagen. Ich sage nicht, dass man den Selbstmord nicht so drastisch darstellen sollte, wie er dargestellt wurde – ich finde sogar gut, dass hier nichts verklärt wird – ich fände nur, man hätte den Einzelschicksalen der Charaktere mehr Raum geben sollen. Die High-School als ausweglosen Abgrund darzustellen, dem man nur durch den Suizid entgehen kann ist sicherlich nicht der beste Weg.

Dennoch regt das Format zur Reflexion über diese Thematik und deren mediale Verarbeitung an, dementsprechend würde ich sie – trotz aller Mängel – empfehlen, jedoch weniger als Happen für Zwischendurch, sondern als Stoff zum Nachdenken.

 

Dylan Minnette und Kathrine Langford als Clay Jensen und Hannah Baker

Maike

Von 13 Reasons Why habe ich das erste Mal im Internet gelesen. Als ich sah, dass es eine Netflix Serie ist, ich im April ohnehin etwas freie Zeit hatte und das Konzept interessant klang, dachte ich: “Ich schau mir das mal an.” Das Buch habe ich nicht gelesen. Um es gleich vorweg zu nehmen: ich bin kein Fan der Serie.

Zum einen war für mich ein großes Problem, dass ich kaum keinen der Charaktere als realistisch empfand. Hannah wurde widersprüchlich als gleichzeitig beliebt und als Außenseiterin dargestellt. Je nachdem wie es die Handlung verlangte. Dazu kommt, dass sie sich ihren Klassenkameraden gegenüber nicht besonders freundlich verhält und sich dennoch wundert, warum sie immer wieder aneckt. Hannah ist das, was man im Young Adult Genre gerne als Manic Pixie Dream Girl (siehe hier oder hier) bezeichnet bzw. verflucht. Bis zur letzten Folge hoffte ich auf eine verständlichere Hinführung zu ihrem Selbstmord. Diese kam aber nicht bei mir an. Natürlich werden Hannah schreckliche Dinge angetan. Aber nicht alle ihrer 13 Gründe/Personen wirken auf mich gerechtfertigt bzw. sind nicht alle von ihnen gleich schlimm.

Ich habe prinzipiell nichts gegen Serien/Bücher, in denen mir die Hauptrolle unsympathisch ist. Dennoch sehe ich es als sehr kritisch, dass in diesem Fall diese Person jemand ist der sich umgebracht hat. Natürlich betrifft Selbstmordgefahr nicht nur sympathische Menschen. Aber es erschreckte mich selbst, wie kalt mich Hannahs Selbstmord am Ende der Serie lies. Und immerhin spreche ich hier von einem jungen Mädchen das im Laufe der Serie Mobbing und einer Vergewaltigung ausgesetzt wurde. Vielleicht wären manche ihrer unverständlich wirkenden Reaktionen nachvollziehbarer gewesen, wenn man Hannah als depressiv etabliert hätte. Allgemein sind Geisteskrankheiten und selbstverletzendes Verhalten Themen, die meiner Meinung nach in der Serie nicht optimal behandelt werden.

Mobbing in der Schule muss nicht das Ende des Lebens sein. Dass vergewaltigt zu werden eines der schrecklichsten Dinge ist, die jemandem zustoßen können, muss ich wohl kaum sagen. Aber Hannah selbst klagt eine Klassenkameradin, die vor ihren Augen vergewaltigt wurde an, mitschuldig an ihrem Selbstmord zu sein. Und das, nachdem Hannah dasselbe durchleben musste. Clay, der ihr nach allem was wir zu sehen bekommen, ein guter Freund war, zwingt sie grausamerweise sich schuldig an ihrem Tod zu fühlen, obwohl er das nicht ist. Sagt zu ihrem Schulpsychologen, Clay würde sie hassen, auch wenn sie dafür keinerlei Grund hat. Es wird Clay an mindestens einer Stelle von einem Freund (wenn auch nicht von Hannah) explizit gesagt: Du bist schuld. Wir alle sind schuld. Und das ist einfach nicht wahr. Es ist eine schreckliche Message für die Charaktere in der Serie und die Zuschauer. Wie soll sich jemand fühlen, in dessen Freundeskreis sich jemand umgebracht hat, obwohl er versucht hat für die Person da zu sein? Und um noch einmal zum Schulpsychologen zurück zu kommen: Hannah tut das, was jedem Schüler, der gemobbt oder auf andere Art verletzt wird, geraten wird: “Such Hilfe bei Erwachsenen!”. Doch hier wird durch den unfähig wirkenden Mr. Porter nur das schlechteste Beispiel gezeigt. Und ja, das mag in vielen Fällen leider sogar stimmen. Aber auch hier frage ich mich: Welche Message sendet das an die Zuschauer, die sich in einer ähnlichen Situation befinden?

13 Reasons Why ist filmtechnisch und schauspielerisch an sich keine schlechte Serie. Aber viele der Inhalte, die vermittelt werden halte ich, so wie sie dargestellt werden, für bedenklich. Nicht, weil ich finde, dass die Themen, welche angesprochen werden nicht angesprochen werden sollen. Sondern vielmehr aufgrund der Art und Weise, wie sie behandelt werden und der Aussage die mir vermittelt wurde.

Katherine Langford als Hannah Baker

Bildquellen

Beitragsbild: http://www.imdb.com/title/tt1837492/mediaviewer/rm1778594816
Dylan Minnette und Kathrine Langford: http://www.imdb.com/title/tt1837492/mediaviewer/rm2523085824
Kathrine Langford und Dylan Minnette Plakat: http://www.imdb.com/title/tt1837492/mediaviewer/rm2372547584
Katherine Langford als Hannah Baker: http://www.imdb.com/title/tt1837492/mediaviewer/rm2506308608

Maike Kölpin

Maike Kölpin

Maike (26) hat im Master Staatswissenschaften und Internationale Beziehungen studiert. Neben dem Studium begeistert sie sich für alles was mit Gesang, Musik, Schauspiel oder Superhelden zu tun hat und lässt andere gerne an ihrer Begeisterung teilhaben.

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