„Dis joint is based on some fo‘ real, fo‘ real sh*t“ – Spike Lees „BlacKkKlansman“

Wie sich erst am 11. August 2017 bei der Eskalation einer Neonazi-Demonstration in Charlottesville (USA, Virginia) wieder zeigte und wie es sich immer wieder aufs Neue erweist, haben die Vereinigten Staaten ein Rassismus-Problem. Eine Problematik, die alles andere als neu ist und die von den – schonend ausgedrückt – unkontrollierten Äußerungen Donald Trumps alles andere als verbessert wird. Der Mittelpunkt dieser Problematik ist der langanhaltende Konflikt zwischen der schwarzen bzw. afroamerikanischen Bevölkerung und Gruppen, die eine Überlegenheit der „weißen Rasse“ proklamieren, darunter auch der sogenannte Ku-Klux-Klan. Es handelt sich dabei um eine rechtsextreme, in den US-Südstaaten alteingesessene Gruppierung, die neben allem, was keine weiße Haut hat, auch alles ablehnt, was nicht heterosexuell, nicht christlich oder sonst irgendwie abweichend ist. Gerade in Zeiten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung prallten diese Gruppen immer wieder aufeinander. BlacKkKlansman, der neueste Film des Regisseurs Spike Lee (US-Premiere: 10.08.2018), greift eine (diesmal tatsächlich) wahre Geschichte der siebziger Jahre auf: Die Ermittlungen eines schwarzen Undercover-Cops im Ku-Klux-Klan.

Filmplakat – Bildquelle: http://thedmonline.com/blackkklansman/

„Dis joint is based on some fo‘ real, fo‘ real sh*t“ – Die Handlung
Die Handlung des Films ist auf den ersten Blick recht absurd, basiert aber tatsächlich auf dem autobiographischen Buch Black Klansman des US-amerikanischen Polizeibeamten Ron Stallworth: Der junge Afro-Amerikaner Ron Stallworth (John David Washington) entscheidet sich Anfang der 70er Jahre für eine Karriere als Polizist in Colorado Springs. Er ist damit der erste schwarze Polizist der Stadt und hat somit – durchaus auffällig mit seinem Afro-Look – keinen leichten Stand unter seinen Kollegen. Um nicht mehr deren rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sein zu müssen und wohl auch um seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, lässt er sich aus der Aktenkammer in die verdeckte Ermittlung versetzen. Hier soll er zunächst die Black-Power-Bewegung der Stadt infiltrieren, was ihn spätestens dann in einen Gewissenskonflikt stürzt, als er sich in Patrice Dumas (Laura Harrier), die Vorsitzende der schwarzen Studentenbewegung, verliebt. Als er eine Art  Kontakanzeige des Ku-Klux-Klans in der Zeitung entdeckt, entschließt er sich kurzerhand, den Spieß umzudrehen, und ruft die angegebene Nummer an. Er gibt vor, ein weißer Amerikaner mit tiefsitzendem Hass auf Schwarze, Juden, Mexikaner etc. zu sein. Im Folgenden passiert alles recht schnell: Stallworth schleust sich als Undercover-Agent in den Klan ein. Dummerweise unter richtigem Namen, was später noch einige Probleme bereitet. Natürlich kann er dort nur schwerlich persönlich auftreten, dementsprechend übernimmt sein Kollege Flip Zimmerman (Adam Driver) abseits des Telefons die Rolle des künftigen Klanmitglieds Ron Stallworth. Dass Zimmerman Jude ist, setzt der Absurdität der Situation die Krone auf. Der echte, schwarze Stallworth führt alle notwendigen Telefongespräche. Zwar ergeben sich immer wieder brenzlige Situationen, aber dennoch gelingt dem doppelten Stallworth ein rascher Aufstieg innerhalb der Organisation: Bald soll er Ortsgruppenvorsitzender werden, freundet sich sogar (telefonisch, versteht sich) mit David Duke (Topher Grace) dem Grand-Wizard (d.h. Leiter) des Klans an. Stallworth und Zimmerman können durch ihre Ermittlungen nicht nur die zeremoniellen Kreuz-Verbrennungen unterbinden, sondern sammeln auch wertvolle Informationen zu Mitgliedern und Verstrickungen des Klans. Doch letztlich eskaliert die Situation: Nicht nur baut Stallworth‘ Beziehung (also die des echten) zu Patrice Dumas mittlerweile auf Lügen auf, auch kündigt Duke seinen Besuch in Colorado Springs an und einige Mitglieder des Klans planen einen Sprengstoffanschlag auf eine Versammlung schwarzer Bürgerrechtler (hier mit Gaststar Harry Belafonte). Zu allem Überfluss soll Stallworth (der echte) als Personenschützer für Duke fungieren. Auf einer großen Klan-Versammlung sind nun also beide Versionen von Ron Stallworth anwesend. Letztlich löst sich die Situation in einem fulminanten Finale auf: Stallworth fliegt gerade so nicht auf, der Anschlag wird verhindert, die Beziehung zwischen Stallworth und Dumas endet, ebenso wie die verdeckten Ermittlungen im Klan eingestellt werden müssen. Nicht unbedingt ein Happy End: Der Klan existiert weiter und Rassismus bleibt ein Problem – bis heute, wie Spike Lee mit Bildern der Ereignisse in Charlottesville zeigt.  

Regisseur Spike Lee (rechts) mit Topher Grace (als David Duke) und Adam Driver (als Flip Zimmerman) – Bildquelle: https://www.mdr.de/kultur/empfehlungen/blackkklansman-filmkritik-elstermann-100.html

Zu düster um lustig zu sein, zu lustig um düster zu sein – Das Genre
Bei BlacKkKlansman eine simple Einstufung als „Tragikomödie“ vorzunehmen, würde der Sache kaum gerecht werden, fehlt doch ein wenig der bittersüße, nicht selten tendenziell romantische Geschmack, den man klassischen Vertretern dieser Ausrichtung instinktiv zurechnet. Wenn Spike Lees Film witzig ist, so ist er dies auf eine stets etwas bittere, düstere Weise. Er möchte dahin zielen wo es weh tut: Auf den Rassismus in den USA. Der Großteil des Humors ist entweder der Komik der Situation geschuldet oder ergibt sich aus dem ungläubigen Lachen über die Beschränktheit und Engstirnigkeit des KKK, die gelungen enttarnt wird: Eine derart unkontrollierte Menge fanatischen Hasses, wie sie aus nahezu jedem Wort der Klansmänner trieft, wirkt teilweise unwillkürlich lächerlich. BlacKkKlansman scheint also eine Art schwarze Polit-Komödie sein zu wollen, die mit satirischem Ton politische und gesellschaftliche Missstände in den Staaten aufzeigt. Zuletzt zeigt der Film drastische Filmaufnahmen aus Charlottesville, das Statement Donald Trumps, in dem er keine Anstalten macht, die rechte Gewalt zu verurteilen und eine Erinnerung an das Todesopfer Heather Heyer. Das letzte Bild ist eine auf den Kopf gestellte amerikanische Flagge, die sich langsam zu schwarz und weiß verfärbt. Bereits zuvor in den „America first!“-Rufen der KKKler wird überdeutlich ein Bogen ins Heute geschlagen.

All dies soll nachdenklich machen, soll zur Reflexion über die Thematik anregen. Lee möchte darauf hinweisen, dass auch heute noch ein tiefer Graben durch die Bevölkerung der USA geht, der fast an einen Zwei-Fronten-Krieg „Schwarz gegen Weiß“ erinnert. Und sicherlich will er auch zum Kampf gegen Unrecht und Rassismus aufrufen. Gelingt dies? Naja. Ohne die zweifellos wichtige und richtige Botschaft des Films in Zweifel zu ziehen – Rassismus muss in all seinen Formen bekämpft werden – muss ich aus meiner Perspektive leider sagen, dass Lee mit diesem Film wohl die wenigsten, die nicht schon ohnehin dieser Meinung sind, überzeugen wird. Die Darstellung des Rassismus des KKK und insbesondere die Verknüpfung mit der heutigen Zeit erfolgt nicht geschickt oder suggestiv, schlägt den Zuschauer nicht wirklich in seinen Bann. Vielmehr erfolgt eine überdeutliche Moralkeule, die zumindest mich erst ein wenig eingeschüchtert und dann stirnrunzelnd zurückgelassen hat. Stirnrunzelnd allerdings weniger, weil ich schockiert gewesen wäre, sondern weil ich mich fragte, ob das jetzt gerade notwendig war. Hätte der Film einfach nur mit der – ohnehin schon plakativen – schwarz-weißen Flagge oder nur mit der Widmung an Heather Heyer geendet und auf die Bilder von Charlottesville oder Trumps Rede verzichtet, wäre er wohl wirkungsvoller gewesen. Häufig regen leisere Töne wesentlich effektiver zum Nachdenken an, als ein (bildlicher) Schlag ins Gesicht. Die dahingehende Inszenierung Lees kann nur als ungeschickt bezeichnet werden. Ein Motto, das sich leider durch den gesamten Film zieht.

Ron Stallworth in Aktion – Bildquelle: https://www.youtube.com/watch?v=Q2eL3YithTc (1:05)

Zuviel Hochglanz für Exploitation – Die Inszenierung
Ich kenne keinen anderen Film von Spike Lee, auch nicht den bekannten Malcolm X (1992). Allein der Tatsache, dass er bei knapp 30 Filmen Regie geführt hat, kann man aber entnehmen, dass er ein Regisseur mit nicht gerade geringer Erfahrung ist. Das merkt man bei BlacKkKlansman allerdings nicht unbedingt. Ich kann die Schärfe dieser Kritik dahingehend abmildern, dass der Film nicht schlecht inszeniert ist: Alles ist im Großen und Ganzen stimmig, alles ist an seinem richtigen Platz. Der Film ist sehr sauber und poliert und weist keine besonderen Mängel auf. Was mich jedoch störte, ist der Mangel an jedem Funken von Originalität bzw. die Tatsache, dass der Film in seinen kompletten 136 Minuten keinen eigenen Stil findet.

Durch auffällige Bildkompositionen (telefonieren Stallworth und Duke miteinander, wird das Bild beispielsweise schräg geteilt) oder Parallelmontagen (so wird etwa zwischen einer KKK-Versammlung und einer Versammlung der Black-Power-Bewegung hin- und hergeschnitten) soll der Film in irgendeiner Weise schneller und kultiger wirken. Es soll ein bisschen an den zwar billig produzierten, aber rasanten Exploitation-Film der 70er-Jahre angeknüpft und generell ein bisschen mit der Ästhetik dieser Zeit gespielt werden. Hierfür ist BlacKkKlansman jedoch zu „sauber“. Die Hochglanz-Ästhetik, die der Film hat – und die Blockbustern und Comic-Verfilmungen sicher gut tut – verhindert jedoch jede dahingehende Atmosphäre. Der Zuschauer wird mit einer Szenerie konfrontiert, die eher wie ein Museum der 70er, als wie eine der Szene aus der Zeit wirkt, und dabei stets etwas oberflächlich und lieblos bleibt.
Es handelt sich ohne Zweifel um einen ordentlich gemachten Film, aber keinen, der durch eine besonders packende oder interessante Ästhetik besticht oder in dem sich instinktiv eine charakteristische Handschrift des Regisseurs erkennen ließe. Eher plätschert der Film voraussehbar vor sich hin und bietet überschaubare Spannung wie Abwechslung.

Adam Driver (links) und John David Washington als Flip Zimmerman und Ron Stallworth – Bildquelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/video-filmkritiken/blackkklansman-im-kino-ein-afroamerikaner-beim-ku-klux-klan-15749157.html

Just okay – Das Schauspiel
Das Schauspiel in BlacKkKlansman ist allgemein eher durchschnittlich. Zumindest in seiner ersten größeren Rolle kommt Ex-Footballer John David Washington, Sohn von Denzel Washington, nicht an das Talent seines Vaters heran. Er spielt die Rolle des schwarzen Cops zwar mitunter charmant, aber nicht besonders überzeugend – eher ein wenig langweilig. Einen Gewissenskonflikt oder besondere Charaktertiefe nimmt man ihm nicht ab. Auch der Rest der Charaktere bleibt relativ oberflächlich in Darstellung und Profil. Dass das Schauspiel schlecht wäre, kann man allerdings nie sagen – nein, so ziemlich jeder macht hier einen soliden Job. Am überzeugendsten sind wohl Ryan Eggold als Klans-Ortsgruppenleiter Walter Breachway und Jasper Pääkkönen als fanatischer und paranoider Rassist Felix Kendrickson. Adam Driver – alles in allem ein großartiger Schauspieler mit einer hoffentlich großen (bzw. noch größeren) Zukunft – spielt Stallworth‘ Kollegen Flip Zimmerman zwar ausgezeichnet, ist aber mit seiner Rolle eher unterfordert und kann nicht dieselbe Leistung wie in Paterson (USA, Jim Jarmusch, 2016), Logan Lucky (USA, Steven Soderbergh, 2017) oder in der neuen Star Wars-Trilogie entfalten. Alles in allem also ein Film, dessen Schauspiel zwar sehr gut erträglich ist, der aber nicht ansatzweise mit einem Oscar rechnen muss – aber was weiß ich schon.

Fazit
BlacKkKlansman ist ein Film, den ich wirklich gerne mögen wollte und dem ich mit großem Interesse entgegengesehen habe. Dennoch fällt mein Urteil leider ernüchternd aus: Der Film ist durchschnittlich bis uninteressant. Das ist schade, da die Story ohne Zweifel interessant ist und eine Menge Potential geboten hätte. Die Mischung aus durchschnittlichen Charakteren ohne übermäßiges Identifikationspotential und die allgemein nichtssagende Inszenierungsstrategie schaffen es für mich jedoch, das interessante und bedeutsame Thema etwas zu ersticken. Vielleicht lohnt es sich, das Buch des realen Ron Stallworth zu lesen, das die Vorlage geboten hat, um intensiver in den Fall einzutauchen. Bei der Verfilmung handelt es sich jedoch um ein wenig bemerkenswertes Werk, das – wenn ich mit meiner Einschätzung richtig liege – recht schnell in Vergessenheit geraten wird. Ein persönliches Versäumnis meinerseits war wohl, den Film in der deutschen Synchronisation zu sehen. Ich glaube, das Spiel mit dem Slang der Afroamerikaner und der Ausdrucksweise der Weißen kann hier erst zum Tragen kommen. Auf der bewährten Punkte-Skala liegt er für mich bei 5 von 10 Punkten.

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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