Ein anderes Wort für Familie – Zwischen Schottland, Cider und Peniswitzen

Ich bin nicht unbedingt das, was man unter einem Familienmenschen versteht. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Generell finde ich das Konzept von Familie eher seltsam und Familienabende und groß angelegte Feste, um die Feiertage herum, reihen sich für mich eher zu den unerfreulichen Dingen im Leben ein. Vom ein oder anderen dummen Seitenhieb, über alte Familienstories, die schon vor zehn Jahren toterzählt wurden, bis hin zu Meinungsverschiedenheiten, die im lautstarken Streit enden; das sind nur ein paar Dinge, die mir an einem eigentlich nett gemeinten Abend bereits während der Vorspeise die Suppe gehörig versalzen und keinen Spaß machen. Ich habe meine Familie oft sehr lieb, versteht mich nicht falsch, aber man kommt doch sehr oft ins Grübeln, was das Ganze eigentlich soll. Besonders, wenn ich unterwegs bin, tendieren die Gedanken über Gott, die Welt und eben auch Familie sich mit dem Asphalt oder der Häuserflucht zu vermischen. Im Urlaub oder bei Reisen dann umso intensiver. So war meine Reise mit zehn Freunden nach Schottland keine Ausnahme. Was ich so erlebt habe und was mir der Urlaub mit zehn anderen Chaoten über Familie beigebracht hat und warum ich vielleicht doch ein „Familienmensch“ bin, erfahrt ihr hier!

 

Macbethstreetboyz und LadyMacbabes

Macbeth war die beste Aufführung, die es in Passau je gegeben hat. Punkt. Wer hier arrogante Selbstbeweihräucherung erkennen wird – schließlich habe ich auch bei dieser Spiel.Sucht-Produktion Regie geführt – hätte recht, würde ich nicht erwähnen, dass es sich dabei um mein Empfinden handelt. Ich hatte in kaum einem Theatersemester soviel Spaß und Leidenschaft am Schauspiel gespürt wie zu diesem Zeitpunkt, was nicht unbedingt der Aufführung selbst, sondern den Menschen darum herum geschuldet ist. Der bunte Strauß an Charakteren, von der kleinen sensiblen SpuTe-Studentin über den draufgängerischen Mukler-Clan bis hin zur ambitionierten Jurastudentin, war von Anfang an mit Elan und Hingabe bei der Sache. Keiner nahm sich zu ernst und auch außerhalb der Proben und Aufführungen waren lange Unternehmungen nicht selten. Es fühlte sich nach mehr als nur einer befreundeten Theaterclique an und das schien allen, und ganz besonders mir, sehr gut zu tun. Dabei reden wir noch nicht einmal von den phantastischen Glanzleistungen auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Kurzum: Es handelt sich dabei um Menschen, mit denen ich Pferde in monddurchfluteten Nächten freilassen würde, Area 51 stürmen würde, Banken und Hermestransporter ausrauben würde, schwere Steine von Autobahnbrücken… ihr wisst, was ich meine. Ich würde sogar mit ihnen in den Urlaub fahren. Selbstbeweihräucherung so weit so gut, was als kleine Schnapsidee angefangen hatte und durchaus für die Dynamik der Gruppe spricht, wurde schnell Realität: Zu Ehren von Macbeth und unseren Einnahmen fahren wir nach Schottland.

    

Reise, Reise….

Mit mir in den Urlaub zu fahren ist ein eigenwilliges Ereignis. Auch wenn ich mich wahrscheinlich mehr als jeder andre freue, aus Niederbayern rauszukommen, bin ich jemand, der vor langen Reisen eher Angst hat. Genauer gesagt davor, wenn das Reisen sich komplett Murphy’s Gesetzen unterwirft und in jeglicher Hinsicht schief geht. Denn auch wenn ich es in meinem Alltag etwas lockerer halte, verliere ich ungern die Kontrolle über das, was mich umgibt. So tendiere ich dazu, meine Reise ins kleinste Detail zu planen und bereits Tage im Voraus zum Beispiel Routen auf Google Maps auswendig zu lernen, um mein Hostel oder meine Bleibe zu finden. Schottland sollte keine Ausnahme sein und so nahm ich unwissentlich die Rolle des Familienvaters an, der die Organisation übernahm.         
Und auch wenn mir dafür im Nachhinein sehr gedankt wurde, war das zum Teil eher dazu gedacht, damit ich selbst keinen Systemkollaps erleide. Nichts sollte schiefgehen. Doch, soviel vorweg, manches ging schief.          
Also saß ich gut 3 Tage und Nächte vor dem dämmrigen Licht meines PCs, um die 8 Tage im Land des schlechten Essens und der hübschen Röcke ordentlich erlebnisreich zu gestalten.      

   
Die ersten drei Tage sollten wir in Edinburgh verbringen. Die Hauptstadt Schottlands ist mit seinen rund 500.000 Einwohnern eine wahre Augenweide. Und auch wenn die kleine Stadt sich sehr im Umbruch befindet – viele Straßen werden erneuert und Gebäude neu saniert – bekommt man phantastische Impressionen, wenn man durch die kleinen Straßen wandert. Unser Castle Rock Hostel ließ dem nicht ab. Wunderbar eingerichtet und organisiert war es so zentral gelegen, dass uns jeden Morgen das imposante Edinburgh Castle wachgeküsst hat. Zu erleben gibt es in Edinburgh einiges. Sogar so viel, dass man Wochen brauchen würde, um alles zu sehen. Für uns kamen in unserem begrenzten Zeitraum also nur die wichtigsten Stationen in Frage. Neben dem Castle und altbekannten Museen ist das Parliament of Scotland einer der besten Hingucker. Es finden sich überall Stationen, bei denen man sich gut und gerne Zeit lassen kann. Für andere Menschen, die Fans der Harry-Potter-Reihe sind, lohnt der Besuch des Greyfriars Kirkyard Friedhofs und das Elephant House. Mein persönliches Highlight war unsere Wanderung auf den Arthur’s Seat. Ein Berg mitten „in“ der Stadt. Nicht nur kann man dort gut einen ganzen Tag zubringen, sondern kann ab sofort neben einer atemraubenden Aussicht auf Stadt und Meer auch ein Meisterwerk aus Stein unsererseits bestaunen.

Allerdings ist Edinburgh eine starke Touristenstadt, was auch nicht unbedingt schlimm ist. Doch wer einen wirklichen Eindruck davon bekommen will, was Schottland ausmacht, sollte für ein paar Tage die großen Städte meiden. So trieb es uns für drei weitere Tage in den hohen Norden nach Inverness. Wie sehr wir in den Norden, durch wunderschöne Gebirgszüge und Städtchen, gefahren sind, merkt man  daran, dass die Sonne erst gegen 00:30 Uhr untergeht und bereits um 3:00 Uhr wieder guten Tag spricht. Auch wenn Inverness vielleicht nicht die aktionsreichste Stadt ist, fühlt man sich hier sehr schnell heimelig. Ein Ausflug auf die malerischen Ness-Islands ist hier Pflicht. Und wo der Ness fließt, darf das Loch Ness mit seinem berühmten Bewohner natürlich nicht fehlen. Einen ganzen Tagesausflug, am besten mit einer Bootstour über das pechschwarze Wasser, sollte man unbedingt planen. Es lohnt sich! Inverness beheimatet auch mit dem Eden Court ein wunderbares Theater. Wir als beste Theatergruppe der Welt haben es uns natürlich nicht entgehen lassen eine Aufführung, hier Educating Rita von Willy Russel, anzusehen. Die Partyszene in der 70.000-Seelen-Stadt ist ebenso wenig zu verachten.

Und so ging unser Urlaub schon zu Ende. Den letzten Tag verbrachten wir noch einmal in der wunderschönen Stadt von Edinburgh, ehe es nach Hause ging.       
Wer nun aufgemerkt hat, stellt fest, dass wir von eigentlich 8 geplanten Tagen nur 7 in Schottland verbracht haben. Das liegt daran, dass für mich ein Supergau eingetreten ist: Unser Hinflug wurde gecancelt. 10 Minuten vor Abflug. In einer abenteuerlichen Nacht, voller Schimpf und Verzweiflung, schafften wir allerdings, dank unseres Ersparten und unserer Hartnäckigkeit, bereits am nächsten Morgen einen Ersatzflug bei einer anderen Airline zu bekommen. Die ursprüngliche Fluggesellschaft hat alle Kosten dafür übernommen. Auch wenn es meiner panischen Art einen ordentlichen Schlag verpasst hat, war es doch ein Erlebnis.

Generell möchte ich hier noch einmal groß meinen Dank an meine wunderbare Mitredakteurin Sophia aussprechen, die diese Reise nicht nur mit ihrer Erfahrung von Schottland bereicherte, sondern uns Lemminge auch als zweite Klassenlehrerin vor so manchem Todesfall bewahrt hat.

Welcome to the Alli!“ Ein Familienurlaub, der keiner ist.

Familienurlaube enden immer im Chaos. Gleich Klassenfahrten gibt es irgendwann immer Grund zum Streiten und man kann sich spätestens nach Tag 4 nicht mehr sehen. Dies ist auch einer der Gründe, warum ich sehr gerne alleine reise. Auf unserem Weg zum Flughafen haben wir anfangs noch darüber gescherzt, dass das wie die Förderschulklassenfahrt der 10c oder Urlaub bei den Wollnys wird. Doch seltsamerweise, auch wenn wir das Gefühl eines Familienurlaubs nicht losgeworden sind, verlief der Urlaub unter uns harmonisch. Fast schon zu harmonisch. Faszinierend besonders dabei war, dass selbst wenn die Dinge nicht so gelaufen sind, wie sie sollten, beispielsweise als der Flug gecancelt wurde, etwas Verspätung hatte oder als jemand wegen Lebensmittelvergiftung in die Notaufnahme musste, die Begeisterung für den Urlaub nicht schwand, sondern eher mit Humor wuchs. Generell fühlte es sich zwar nach Familienurlaub an, aber waren die Leute erwachsen genug, um auch eigenständig Dinge zu erleben und sich, wenn nötig, zu organisieren, auch wenn wir doch abhängig von einander waren. Auch die Stimmung war nie im Eimer. Und auch wenn uns die Mädels nach gefühlt 7 Tagen durchgehenden Fäkalhumors, schlechten Witzen und lebensmüden Aktionen fast umgebracht hätten, konnten wir selbst auf der Zugfahrt zurück über und miteinander lachen. Keiner nahm sich zu wichtig. Keiner war ein Arschloch. Natürlich gab es kurz auch unnötiges Drama, aber rückte das spätestens im Bierdunst der Pubs schnell in den Hintergrund. Wir konnten uns aufeinander verlassen und machten unseren Urlaub unvergesslich. Vom Sieg in einem internationalen Bierpongtunier, über zwei ausgiebig gefeierte Geburtstage, bis hin zu Gordon P. Wallace (Second Earl of the Alli), den wir liebevoll in unsere Reihen aufgenommen haben. Es war einfach alles dabei. Wir waren beste Freunde und auch eine sehr seltsam zusammengewürfelte Familie. Scheinbar können Familienurlaube doch Spaß machen.

Und jetzt die moralische Aussage…

Familie ist nicht immer das, was einem gegeben ist. Familie kann viel weiter sowie größer sein und man kann sie sich natürlich aussuchen. Familie ist nicht der Erzeuger, der einem Geld, das man während der Ausbildung mühsam zusammenkratzt, klaut, um seine Schulden zu zahlen, auch nicht der Erzeuger, der sich Sachen von einem leiht, um sie dann auf Ebay zu verprassen, oder der Erzeuger, der einen wegen seines Aussehens verurteilt (Tatsächliche Geschehnisse aus meinem Freundeskreis). Blut und Gene sind Eigenschaften, die nur auf Papier etwas bedeuten. Ein jeder kann entscheiden, wer Teil seiner Familie ist, ob es Freunde, sogar Haustiere oder nun doch Verwandte sind. Das wer und was ist egal. Die Hauptsache ist, dass dieser besondere Teil in deinem Leben dich über alle Maße glücklich stimmt und bestenfalls auch noch Spaß macht. Wer dir nicht gut tut, sollte es auch nicht wert sein, deine Familie genannt zu werden. Wir schulden unserem Genpool im Grunde nichts.
Vielleicht brauchen wir einfach nur ein neues Wort für Familie, das nicht so negativ geprägt ist und was den Bogen etwas weiter spannt. „Framilie“ vielleicht; oder „Ansammlung cooler Kids mit denen ich gern am Nachmittag hinter der Turnhalle versacke“. Vorschläge?

 

Sebastian Meier

Sebastian Meier

Süß wie Zucker, scharf wie Pfeffer und bunt wie lauter schöne Sachen. So waren die Zutaten, aus denen der perfekte kleine Mann hergestellt werden sollte. Aber Professor Utonium fügte dem Gebräu aus Versehen noch etwas anderes hinzu: die Chemikalie X. Und so wurde Sebastian "Wastl" Meier geboren. Ein Mann, der irgendwo zwischen Lehramtsstudium, Existenzialismus und dem Theater steckt und dabei noch versucht, seinen Weg zu finden, wenn er nicht gerade vor Videospielen verzweifelt oder mit seinen treuen Gehilfen "Wrestling", "Netflix" und ""World of Warcraft" versucht, die Welt zu erobern!

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