Ein wirklich betrüblicher Artikel – Die Netflix-Serie „A Series of Unfortunate Events“

Ihr lest gerne erfreuliche Beiträge über angenehme Dinge – vielleicht über herrliche Blumenwiesen, Spaziergänge an lauen Frühlingstagen oder gemütliche Abende vor dem Kamin? Ihr würdet gerne mehr über glückliche Menschen, spannende Bücher oder tolle Filme erfahren? Dann tut es mir leid für euch! Das alles werdet ihr in diesem Artikel nicht finden. Tatsächlich ist er alles andere als erfreulich. Es geht hier um nicht mehr und nicht weniger als um eine „Reihe betrüblicher Ereignisse“, die euch – habt ihr euch einmal darauf eingelassen – das Blut in den Adern gefrieren lassen und euch zu bitteren Tränen der Verzweiflung rühren werden.  „Warum?“ werdet ihr mir mit bebender Stimme zurufen, „Warum hast du mich nicht gewarnt?“ Also will ich das an dieser Stelle tun: Noch habt ihr Gelegenheit! Hört auf zu lesen – um eures eigenen Glücks und frohen Mutes willen! Lest doch stattdessen nach, wie man schnell und unkompliziert Bananencookies machen kann, lauscht ein paar äußerst freundlich Menschen, wie sie sich über Bärte unterhalten oder seht euch Bilder von Tapiren an…macht einfach irgendetwas angenehmes. Noch habt ihr die Gelegenheit…

 

Ich meine es ernst, wirklich!

 

Bitte, tut euch das nicht an!

 

Nun gut, ihr habt es nicht anders gewollt:  

 

So oder so ähnlich würde wohl ein Artikel beginnen, wenn er aus der Feder von Lemony Snicket (bürgerlich: Daniel Handler) stammt. Snicket ist der Autor, auf dessen Buchreihe „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“ (bzw. „A Series of Unfortunate Events“), die gleichnamige Neflix Serie basiert, die Anfang dieses Jahres auf dem Video-on-demand-Anbieter anlief . Ich will aber vorab schon gleich eine Entwarnung geben: Auch wenn das Schicksal der Baudelaire Waisen sicherlich überaus unerfreulich ist, diese Serienadaption ist alles andere als ein Anlass zur Betrübnis.

Die Baudelaire-Waisen: Klaus (v.l.), Sunny und Violet (Quelle unten)

Violet, Klaus und Sunny Baudelaire – verkörpert von Malina Weissman, Louis Hynes und Presley Smith – müssen während eines Ausflugs zum Strand eine furchtbare Nachricht entgegennehmen: Der Bankangestellte Mr. Poe (K. Todd Freeman) teilt ihnen mit, dass ihre geliebten Eltern in einem furchtbaren Feuer ums Leben gekommen sind. Auch die Villa der überaus wohlhabenden Familie ist ein Raub der Flammen geworden. Aus den Baudelaire-Kindern sind die Baudelaire-Waisen geworden. Mr. Poe bringt die Kinder zu ihrem „nächsten“ Verwandten, dem glücklosen und untalentierten Schauspieler Graf Olaf (Neil Patrick Harris). Dieser wohnt in einem Haus, das fast so verkommen ist wie sein Charakter. Dass Olaf nur im räumlichen Sinne ihr nächster Verwandter ist, spielt für Poe erst einmal keine Rolle – er interessiert sich vor allem für seine eigene Karriere. Olafs Hauptinteresse gilt selbstverständlich nicht dem Wohlergehen der drei Waisen, sondern dem enormen Vermögen, dass die Baudelaires ihren Kindern hinterlassen haben. Dieses wird Violet erben, sobald sie volljährig ist. Doch seine Erwartungen auf ein leichtes Spiel mit den drei Waisen werden enttäuscht: Es handelt sich um außergewöhnliche Kinder! Violet, die älteste, ist eine talentierte Erfinderin. Klaus, der mittlere, ist ein ungeheuer belesener Bücherwurm, der zu fast allem etwas zu sagen hat und Sunny, das Baby,….nun Sunny hat ungeheuer scharfe Zähne, mit denen sie sich durch manche Situation durchbeißen kann. So müssen Olaf und seine skurrile „Schauspieltruppe“ (unter anderem ein Mann mit Hakenhänden und zwei uralte Zwillinge), immer wieder neue Pläne ersinnen um an das Vermögen der Kinder zu kommen. Autor Lemony Snicket (Patrick Warburton), der mit düsterem und fatalistischem Ton über das Schicksal der Baudelaires berichtet, das er aufgezeichnet hat, führt den Zuschauer durch die ersten vier Teile der Romanreihe „Der schreckliche Anfang“ (Folge 1 und 2), „Das Haus der Schlangen“ (Folge 3 und 4), „Der Seufzersee“ (Folge 5 und 6) und „Die unheimliche Mühle“ (Folge 7 und 8). Jede Doppelfolge zeichnet den – natürlich stets unerfreulichen – Aufenthalt der Waisen bei einem neuen Vormund nach. Dabei wird von Folge zu Folge deutlicher, dass hinter dem Schicksal der Baudelaires mehr steckt, als ein bloßer Unfall – alles scheint miteinander verbunden.

 

Die Buchreihe (Quelle unten)

Ich persönlich habe nur die ersten drei Romane der Reihe gelesen und dann bald – nach ein paar Hörbüchern – den Überblick verloren. Die Veröffentlichung der Reihe fiel in einen Zeitraum, in dem ich langsam aber sicher zu alt für die Stories um die Baudelaire-Kinder wurde. Diese zielen klar auf ein jugendliches Publikum im Alter von schätzungsweise 9 bis 14 Jahren ab. Dennoch hatte ich noch eine recht lebhafte Erinnerung an Snickets verschroben-fatalistischen Stil, mit dem er die fast überdreht-skurrile Welt beschreibt, in der sich die Waisen zurechtfinden müssen: Manche Erwachsene sind wohlmeinend, die meisten allerdings nicht, ganz im Gegenteil. Stets sind sie jedoch auf schmerzhafte Weise unfähig und engstirnig, eingefahren in neurotische Denkmuster. Die Kinder werden fast grundsätzlich für dumm oder unzulänglich gehalten. Violet, Klaus und Sunny schaffen es durch Zusammenhalt, Kreativität und Intelligenz ihren Weg aus den furchtbarsten Situationen zu finden. Diese Grundidee finde ich nach wie vor gut und originell: Kinder oder junge Menschen werden dazu ermutigt, selbst tätig zu werden, selbst nachzudenken und sich nicht auf eingefahrene Denkmuster einzulassen. Außerdem finden sich in Violet und Sunny – auch wenn Kind bzw. Baby – zwei unabhängige und starke Frauenrollen, die sich nicht an vorgegebenen Rollenbildern orientieren. Obwohl die Geschichten sehr düster sind und nicht mit einem Happy End aufwarten können, bleiben sie dennoch der Zielgruppe treu: Drastische Gewaltakte werden – auch in der Serie – nicht direkt dargestellt, sondern ausgespart. Man sieht kein Blut, keine Wunden, keine grausamen Morde – all das wird eher impliziert oder geschieht ohne, dass man es zu sehen bekommt, wenn es nicht von den Waisen verhindert wird.

 

Das Filmplakat des 2004er Filmes (Quelle unten)

Das Netflix-Original ist nicht der erste Versuch, die Bücher filmisch umzusetzen: 2004 erschien mit „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ bereits eine gelungene Umsetzung der ersten drei Bände, auch wenn diese von der Handlung abwich und in sich abgeschlossen war. Der Film wurde mit einem Oscar in der Kategorie „Make Up“ ausgezeichnet und war u.a. mit Meryl Streep, Jude Law, Dustin Hoffman und vor allem Jim Carrey als Graf Olaf sehr prominent besetzt. Netflix hält sich nun enger an die Vorlage und man kann sagen, dass das durchaus gelingt: Die Handlung wird akkurat – und soweit ich das noch im Kopf habe – sehr eng an den Büchern umgesetzt. Dialoge und auch Snickets Erzähltexte sind nahe an, wenn nicht sogar identisch mit der literarischen Vorlage. Das kann nicht verwundern, denn schließlich ist Daniel Handler, der reale Autor, selbst eng mit in die Produktion eingebunden. Alles in allem ist die originelle düster-verschrobene Atmosphäre äußerst gut getroffen. Dazu tragen vor allem auch die liebevoll gestaltete Szenerie sowie Kostüm und Maske bei, die sich optisch irgendwo zwischen den 50er und 70er Jahren bewegen und in ihrer plakativen Gestaltung etwas von einem Comic oder einem Bühnenbild haben. Es erschließt sich mir lediglich nicht, dass an manchen Stellen offensichtlich moderne Elemente wie Smartphones Verwendung finden, die wohl einen Anschluss an die heutige Welt geben und die Serie aktualisieren sollen, aber letztlich nur die Stimmung sprengen und stören. Auch das Schauspiel ist gelungen bis ausgezeichnet: Malina Weissman, Louis Hynes und Presley Smith spielen die außergewöhnlichen Geschwister äußerst glaubhaft und überzeugend – zwar meiner Meinung nicht mit derselben Bravour wie die Kinderdarsteller aus „Stranger Things“, aber gut, das ist auch ein ganz anderes Pflaster. Auch K. Todd Freeman spielt als verklemmter und unsensibler Banker Mr. Poe eine bedeutete Rolle und verkörpert diese absolut treffend. Patrick Warburton als Lemony Snicket ist mir persönlich zu sehr maskuliner, nonchalanter Gentlemen, wo ich mir einen vom Schicksal gezeichneten, charaktervolleren Darsteller gewünscht hätte. Manchmal mag man ihm den Fatalismus nicht abnehmen, aber dies ist wohl letztlich reine Geschmackssache. Auch der Rest des Casts macht seine Sache gut. Da es sich meist um sehr überzeichnete Rollen handelt, die sich gut für Overacting anbieten wird es manchmal etwas zu viel. Aber auch dies ist letztlich etwas, das Buch und Adaption gemeinsam haben.

 

Neil Patrick Harris als Count Olaf (Quelle unten)

Zu einem der Mitglieder des Casts habe ich bisher noch nichts gesagt: Neil Patrick Harris. Der Schauspieler, der den meisten wahrscheinlich aus seiner legen – wait for it – dären Rolle als rücksichtsloser Womanizer Barney Stinson aus „How I Met Your Mother“ bekannt ist und stets der Hauptgrund war, die Endlossitcom anzuschauen, spielt seine Rolle…nicht schlecht. Es ist nicht so, dass ich stets Barney vor Augen gehabt hätte, aber leider ist es nicht der Graf Olaf, den ich mir vorgestellt habe bzw. den ich gerne gesehen hätte. Harris, ansonsten stets elegant, witzig, irgendwie unbeholfen und auf eine spezielle Art und Weise liebenswert mag so gar nicht zu der Rolle des Erzschurken Graf Olaf passen. Dieser ist zwar ebenfalls exzentrisch, aber eben auch bösartig, grausam, widerwärtig, skrupellos und alles Weitere, was man sich unter „Erzschurke“ vorstellt. All das versucht Harris zu sein und man kann nicht per se sagen, dass er an der Rolle scheitert, aber dennoch vermag er es nicht sie auszufüllen. Es fehlt schlicht die Präsenz, die Carrey dieser Rolle – die ihm zugegebenermaßen auf den Leib geschrieben war – verleihen konnte. Dies ist für mich der größte Wermutstropfen an „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“: Durch einen Mangel an einem überzeugenden Antagonisten geht hier letztlich viel Potential und Atmosphäre wieder verloren. Aber gut: Ohne Harris als Produzent wäre diese Umsetzung vielleicht nicht möglich gewesen, es handelt sich also um eine bittere Pille, die man schlucken muss.

Fasst man das alles aber noch einmal zusammen muss ich sagen, dass Netflix hier – wieder einmal – einen wirklich guten Job gemacht hat. Auch wenn ich wieder merke, dass ich der Zielgruppe vielleicht ein klitzekleines bisschen entwachsen bin – die Aussparung der Gewalt und so manche verschrobene Überzeichnung wirkt kindlich auf mich – ist es doch eine sehr überzeugende und atmosphärisch gelungene Adaption der Vorlage. Vor allem handelt es sich um ein äußerst originelles Format (auch dies der Vorlage geschuldet), das man so sicher nicht alle Tage sieht und das auf bemerkenswerte Weise von einem einheitlichen Stil, den viele Formate teilen, abweicht. Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich „Einer Reihe betrüblicher Ereignisse“ 7 Punkte geben.

 

Hier noch ein Trailer:

 

Bildquellen:

Beitragsbild: http://screenrant.com/series-unfortunate-events-netflix-trailer-teaser/

Die Baudelaire Kinder: http://www.digitalspy.com/tv/ustv/review/a818619/lemony-snicket-netflix-review-a-series-of-unfortunate-events-neil-patrick-harris/?zoomable

Die Buchreihe: http://www.neogaf.com/forum/showthread.php?t=809512&page=1

Das Filmplakat des 2004er Filmes: http://movies.wikia.com/wiki/Lemony_Snicket’s_A_Series_of_Unfortunate_Events

Neil Patrick Harris als Count Olaf: http://www.upi.com/Entertainment_News/TV/2016/11/17/Neil-Patrick-Harris-stars-as-Count-Olaf-in-new-Series-of-Unfortunate-Events-trailer/4501479400779/

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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