Eine Leiche mit Reizhusten

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Foto: Ina Frank

Verstehen Sie mich nicht falsch: Theaterspielen ist für mich das Schönste auf der Welt. Aber Theaterspielen wenn man krank ist, ist so ziemlich das Schlimmste auf der Welt. Zum Beispiel beim „unsichtbaren Gastgeber“, da habe ich die Sylvia gespielt, korrupte Anwältin, Kettenraucherin, Miststück. Für alle, die den Gastgeber nicht gesehen haben (Der unsichtbare Gastgeber): Ein Wahnsinniger lädt acht Leute zu einer Party ein und erklärt Ihnen per Radio, dass sie vor dem Morgengrauen tot sein werden.

Jedenfalls hatte ich es geschafft, mir am Tag der Hauptprobe des Stückes die Grippe einzufangen. Nicht die normale Grippe, sondern diese neuartige, fiesere Form, die gerade rumgeht, bei der man die ganze Zeit nur schlafen will, jede Bewegung unfassbar langsam wird und man zu Fieber und Halsweh auch noch Kopfweh hat. Aber ich will nicht jammern und ich entschuldige mich jetzt schon dafür, falls mein Leidensbericht ausartet.

Nach der ersten Aufführung waren Fieber und Kopfweh zum Glück vorbei. Aber dieser Husten. Der blieb. Hartnäckig. Und es gibt wirklich nicht viel Schlimmeres, außer vielleicht Armut und Tod, als ständig diesen elenden Hustenreiz auf der Bühne zu verspüren, wenn man nichts weiter will, als eine seriöse, korrupte aber seriöse, Anwältin darzustellen, die zu allem Überfluss die ganze Zeit lächelt. Meine Rettung waren diverse Spirituosen, Flaschen gefüllt mit kaltem Tee, überall im Raum verteilt, die den Husten einen Moment lang erträglicher machten. Ganz ehrlich, wäre ich tatsächlich Sylvia gewesen und diese Flaschen tatsächlich mit Schnaps, Whisky und Ähnlichem gefüllt, ich wäre an diesem Abend so dicht gewesen, dass ich vermutlich irgendwann bewusstlos unter dem Tisch gelegen hätte. Oder betrunken gegen die stromgeladene Tür getorkelt und daran gestorben wäre. Von dem her hätte sich der Verlauf der Geschichte vermutlich nicht geändert. Aber ich hätte betrunken vermutlich mehr Spaß an meinem Ableben gehabt.

Denn danach ging der wirklich grausame Teil los, sowohl auf der Bühne als auch neben der immer noch stromgeladenen Tür, gegen die ich gerade gelaufen war. Das Stück ging noch über eine halbe Stunde. Ja, es war ein sehr, sehr langes Stück. Irgendjemand hatte da wohl in seinem Fernstudium gelernt, dass bei einem Filmdrehbuch eine Seite Drehbuch etwa einer Minute im Film entspricht. Ich weiß wirklich nicht, wer das gewesen sein könnte, aber kleiner Tipp am Rande: es haut nicht hin.
Also, wo war ich? Ach ja, das Stück ging noch etwa eine halbe Stunde. Und ich war eine Leiche. Mit Husten. Und kein Lutschbonbon der Welt konnte das verhindern. Zum Glück lag ich ein wenig abseits der Bühne neben der Tür, und so bekamen nur die Leute, die direkt neben mir saßen, meine Hustenanfälle mit. Die waren dafür mehr als irritiert. Ich hätte an diesem Abend den Ehrenoscar für die unauthentischste Leiche erhalten sollen. Was vielleicht auch mit ein Grund war, warum mich nach meinem Tod mehr Menschen als möglichen Mörder verdächtigten als davor.
Aber wahrscheinlich hat das Publikum es auch gar nicht gemerkt. Denn das ist ja auch das Schöne am Theater: Der Clown schminkt sich ein Lächeln ins Gesicht und niemand merkt, dass er geweint hat. Vermutlich dachten die meisten auch, die brennende Tischdecke gehörte zum Stück. Genauso wie die hustende Leiche.

Julia Jung

Julia Jung

Juju ist 25 Jahre alt und studiert den Master Text- und Kultursemiotik in Passau. Ihre Leidenschaft zum Schreiben hat sie schon im Kindesalter entdeckt. Das Einzige, was ihr mehr Spaß macht als Texte zu schreiben, ist sie auf Bühnen selbst vorzutragen.

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