Gastbeitrag: Fanfiction – was ist das eigentlich? oder Wie ich zur Fanfiction kam und dabei blieb

Demnächst wird es bei KultLaute einiges zum Thema Fanfictions geben. Jetzt mag es unter euch doch den ein oder anderen Nicht-Hardcore-Nerd geben, der mit diesem Begriff nicht allzu viel anzufangen weiß. Glücklicherweise hat sich KultLaute hierfür einen Experten ins Boot geholt. Jonathan Rose promoviert zur Zeit an der Uni Passau über Fanfiction und bietet pro Semester ein bis zwei Seminare zu diesem oder ähnlich interessanten Themen an, die ich nur äußerst empfehlen kann. Seine Liebe zu Fanfiction und was das Ganze ist, hat er auf Nachfrage von uns wie folgt erklärt:

Über Fanfiction habe ich viel zu sagen, aber heute fasse ich mich (relativ) kurz – keine Sorge. Ich schreibe Fanfiction in verschiedenen Fandoms[1], wie Harry Potter, Sherlock Holmes oder Herr der Ringe, und lese Geschichten aus allen möglichen Fandoms, auch solchen, von denen ich den Ursprungstext nicht kenne. Über die Jahre war ich in einigen Fanfiction-Archiven und Online Communities hinter den Kulissen und als Moderator aktiv. Momentan finde ich weniger Zeit zum Fanfictionschreiben, denn als Literatur- und Kulturwissenschaftler schreibe ich jetzt hauptsächlich über Fanfiction.

Meine eigene Fan(fiction)-Geschichte beginnt Anfang der 2000er. Viele von euch sind sicherlich mit Harry Potter aufgewachsen. Ich selbst bin erst später dazugekommen und in einem Alter, in dem man, wenn überhaupt, nur in der Abendschule eine Zaubereiausbildung machen kann. Weihnachten 1999 bekam ich den Philosopher’s Stone geschenkt. Und der Rest, wie andere Fans nun sagen könnten, ‚is history‘. Bis Anfang des nächsten Jahres hatte ich die beiden Folgebände gelesen. Der Goblet of Fire erschien im Sommer. Und ich wartete (erstaunlicherweise) geduldig bis 2003 auf den Order of the Phoenix. Dass ich ein Harry Potter-Fan war, war da schon lange kein Geheimnis mehr. Niemand wagte es, mich zu stören, bis ich das neue Buch in einem Rutsch durchgelesen hatte.

Aber was macht man als Fan in den frühen 2000ern, wenn es noch Jahre dauert, bis die Geschichte weitergeht? Richtig, man sucht im Internet (damals noch mit Modem und nach Minuten bezahlt) nach ‚Harry Potter‘. Und findet heraus, dass es Menschen gibt, die ihre eigenen Harry Potter-Geschichten schreiben. Und nicht wenige. Die Wartezeit war überbrückt. Und es tat sich eine ganze Welt auf.

Hier waren Menschen, die online miteinander über Harry Potter sprachen, darüber spekulierten, wie die Geschichte wohl weitergehen könnte, und sich zum Beispiel darüber austauschten, ob Snape nun einer der Guten oder ein Bösewicht ist. Hier waren Leute wie ich, denn obwohl es auch in meinem Offline-Leben viele Menschen gibt, die Harry Potter gelesen haben und mögen, sogar Leute, die mit mir zusammen verkleidet zur Mitternachtspremiere ins Kino gegangen sind, gab es niemanden, der so Harry Potter-verrückt war wie ich. Und auf einmal war ich mittendrin, in dieser Harry Potter-Fanwelt mit all ihren Theorien und Geschichten. Die Deathly Hallows habe ich in Australien auf dem Sofa eines Fanfiction-Autors gelesen, für den ich lange ‚beta reader‘[2] war und ohne den ich nie angefangen hätte, selbst Fanfiction zu schreiben.

Ich hatte also nun nicht nur die Bücher und viele Gleichgesinnte, mit denen ich über diese sprechen konnte, sondern auch Tausende andere Harry Potter-Geschichten, geschrieben von Fans für andere Fans[3]. Geschichten, die die Romane weitererzählten. Oder die von der Schulzeit der Marauders handelten und manchmal auch von der Beziehung zwischen Remus Lupin und Sirius Black. Geschichten, in denen es keine Magie gab und die in Australien spielten. Und all diese Geschichten wurden Teil meines Harry Potter-Erlebnisses.

Das Fandom war für mich von Anfang an vor allen Dingen eine Gemeinschaft von Fans, die einander Geschichten erzählen. Von denen manche schreiben und andere ‚beta reader‘ sind. Fans, die lesen und mit den Autor_innen, die auch Fans sind, über ihre Geschichten sprechen. Was so entsteht, ist ein ständig wachsendes Archiv von Geschichten, die ihren Ursprungstext – hier die Harry Potter-Romanreihe sowie die dazugehörigen Filmadaptionen – erweitern, umschreiben, ergänzen oder auch als Sprungbrett nutzen, um Geschichten zu erzählen, die nur noch entfernt an Rowlings ‚wizarding world‘ erinnern, in denen aber immer noch die von Fans liebgewonnenen Figuren die Hauptrolle spielen.

Ein Teil dieses Archivs entsteht basierend auf einer Schenkkultur, die nicht nur darin besteht, eigene Geschichte mit anderen zu teilen, sondern auch beinhaltet, dass Geschichten gezielt nach Wünschen für andere geschrieben werden. So finden zum Beispiel im Dezember eine Reihe von Festen statt, wie das Harry Potter Mini Fest, bei dem seit 2009 jedes Jahr weihnachtliche Fanwerke verschenkt werden.

Ebenso ist eine spielerische Komponente von Bedeutung, wenn es darum geht, Geschichten zu schreiben, die auf bestimmten Vorgaben basieren. Dies kann ein Pairing sein, d.h. der Fokus auf die (romantische oder erotische) Beziehung zwischen bestimmten Figuren, z.B. Hermine Granger und Ginny Weasley, oder eine Einschränkung hinsichtlich der Länge der Geschichte. Manchmal ist es ein Wort oder ein Satz, manchmal ein Bild, das als Inspiration für Fanfiction dient. Bei den Remus/Sirius Games, zum Beispiel, treten zwei Teams gegeneinander an. Am Ende entscheiden die Leser_innen über das Gewinnerteam, indem sie die einzelnen Geschichten unter anderem danach bewerten, wie gut sie ihre Vorgaben umgesetzt haben.

Und dieses Archiv ist ein Wildwuchs, in dem jedes noch so abwegige Scenario seinen Platz finden kann und Widersprüche nebeneinander existieren dürfen. So wird nicht nur über Beziehungen oder Elemente geschrieben, die direkt oder indirekt aus dem Ursprungstext stammen: die Hochzeit von Harry Potter und Ginny Weasley oder das siebte Jahr in Hogwarts aus Neville Longbottoms Perspektive. Auch werden Elemente nach Belieben geändert oder neu verbunden: Remus Lupin erfreut sich dann am ruhigen Rentnerleben oder Albus Dumbledore und Minerva McGonagall sind seit Jahren glücklich verheiratet. Und all diese Geschichten existieren nebeneinander nicht als Widersprüche sondern als Möglichkeiten.

Fanfiction heißt, in einer Gemeinschaft lesen und schreiben. Fanfiction heißt, alles geht und nichts muss. Fanfiction ist eine Einladung, sich intensiv und aktiv, spielerisch oder auch kritisch mit einem Roman (oder einem Film, einer Fernsehserie oder einem Computerspiel) auseinanderzusetzen.

 

[1] Als Fandom bezeichnet man eine Fan-Gemeinschaft, die sich um ein Fanobjekt, z.B. einen Roman, einen Film oder eine Band, bildet.
[2] Ein ‚beta reader‘ ist ein_e Testleser_in für Fanfiction, der_die Feedback gibt und lektoriert.
[3] Dieser Aspekt des Schreibens und Lesens in einer Gemeinschaft wird zum Beispiel auch in der folgenden Definition von Fanfiction betont: „Fanfiction (fanfic, fic) is a work of fiction written by fans for other fans, taking a source text or a famous person as a point of departure. It is most commonly produced within the context of a fannish community” (https://fanlore.org/wiki/Fanfiction).

 

Ich möchte mich hier noch einmal allerherzlichst bei Jonathan Rose für diesen tollen Gastbeitrag und seine Arbeit an der Uni bedanken. Beide Seminare von ihm, die ich besucht habe, haben mir zwei tolle Stunden pro Semester beschert, die ich mit anderen Nerds verbringen und über Comics, Filme und Fanfictions diskutieren konnte. Diese Seminare haben mir nicht nur bewiesen, dass wissenschaftliches Arbeiten auch Spaß machen kann und mir viele faszinierende Hintergründe zu Comics und electronic literature aufgezeigt, zusätzlich schaffte Jonathan Rose  esauch noch, mein Interesse für Fanfiction und das ganze Drumherum zu verstärken und mich noch tiefer in diverse Fandoms zu verstricken. Hier findet ihr den Link zu seiner Dozenten-Seite, ich kann euch nur raten, eines seiner Seminare zu besuchen, auch als Gasthörer! 

Quelle: http://jdrobbfans.com/wp-content/uploads/2017/12/fanfiction.jpg

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .