„Gedankenspiele“ – Ein gelungenes Experiment?

Nicht nur am Ende des Semesters ist Theaterhochsaison an der Uni Passau, auch diese Woche wurde den regionalen Liebhabern der darstellenden Kunst einiges geboten. Gleich zwei Stücke wurden von studentischen Gruppen auf die Bühne gebracht: Let’s Play führte ihr selbstgeschriebenes Werk Gedankenspiele  auf und die Theaterschmiede zeigte Nora – oder ein Puppenheim.  Beides hat sich unser Redakteur Andi angesehen und tut euch hier zunächst seine Meinung zu Gedankenspiele  kund.

 

 

Das Stück Gedankenspiele unter der Leitung von Tobias Hansen und Arizona Payor setzt sich klar ab von den „üblichen“ Stücken, die an und um die Uni Passau gezeigt werden. Nicht nur der Aufführungstermin zu Beginn des Semesters sticht hervor, sondern auch, dass das Stück im Zauberberg aufgeführt wird, ist ungewöhnlich. Am erwähnenswertesten ist die Tatsache, dass das komplette Skript von Arizona Payor selbst verfasst wurde. Ob sich diese mutigen Entscheidungen gelohnt haben, möchte ich hier diskutieren.

Den ersten Eindruck eines Stückes macht meist die Bühne. Und diese passte sehr gut zum ganzen vorher angedeuteten Flair. Bereits das Plakat und die Beschreibungen in den sozialen Medien ließ erahnen, dass es sich  nicht um ein klassisches naturalistisches Stück handelt, sondern hier experimentiert wird. Daher war eine komplett von Malerfolie abgedeckte Bühne wohl weniger überraschend, als man annehmen würde. Hier muss wohl auch erwähnt werden, dass der Zauberberg, zumindest meiner Meinung nach, für Theaterstücke aufgrund seiner Bühnenstruktur einfach nicht gut geeignet ist. Bei meinem Besuch waren (leider) nicht extrem viele Leute zugegen, was es etwas leichter machte, trotzdem gab es einige Szenen, vor allem auf der rechten Nebenbühne, von denen ich fast nichts sah, trotz einem zentralen Platz in der vierten Reihe. Auch als das Tanztheater unter der Leitung von Anna Hechenrieder das Stück eröffnete, konnte ich das erste Drittel der Performance nicht erkennen, da diese im Liegen stattfand. Gemindert wurde dieser Umstand dadurch, dass ich mich während dieses Abschnittes einfach auf die wirklich sehr gute musikalische Begleitung durch Felix Danneil und Maria Schulz konzentrieren konnte. Sobald das Tanztheater sichtbar wurde, konnte es mich auch sehr überzeugen.Nach drei Minuten war die Performance, die meiner Interpretation nach sehr viel über Gefühle, Sünde und den Verfall des Menschen zeigte, vorbei und die Bühne wurde im Dunkeln umgebaut. Hier hätte ich mir vielleicht eine andere Strukturierung gewünscht. Nicht nur wirkte das Tanztheater ohne Kontext etwas fehl am Platze, da es auch in den anschließenden Szenen nie thematisiert wurde, sondern man hatte sogar fast den Eindruck einen Vorfilm gesehen zu haben, da erst nach einer längeren Pause das tatsächliche Stück begann. Hätte man das Ganze direkt vor der Pause angesetzt, hätte man die sehr gute Performance besser integriert und so auch das Problem der Umbauphase gelöst. Der nun folgende Einstieg dagegen hat mir sehr gefallen, denn eigentlich ist das Setting an sich doch eher kompliziert: Wir befinden uns im Gerichtssaal des Jüngsten Gerichts, mit Gott als Richter. Diverse tote Sünder werden diesem Gericht vorgeführt, um zu entscheiden, ob sie ihre Ewigkeit vielleicht doch im Himmel verbringen dürfen. Durch kurzen Dialog wird aber all das angedeutet, ohne dem Zuschauenden stumpf alles ins Gesicht zu drücken, wie ich es eben getan habe. Der auf der Bühne angedeutete Gerichtssaal wirkte auch sehr stimmig. Ebenso wurde die Haupthandlung  gut und logisch etabliert: Praktikantin Kinnon (Marlene Wetzl) hat es endlich geschafft, einer echten Gerichtsverhandlung beizuwohnen und hofft nun auf weiteren Aufstieg in den Rängen des jüngsten Gerichts, und darauf, womöglich sogar einmal ein eigenes Urteil fällen zu dürfen. Ermöglicht wurde dieser Aufstieg nicht nur durch ihr wirklich sehr gutes Schauspiel, sondern auch durch ihren vorbildlichen moralischen Kompasses und das christliche Leben, das sie geführt hatte.

Ist dies alles schon fesselnd, setzt der erste Auftritt von Gott (im Stück „Herr im Anzug“ genannt, gespielt von Melanie Lachmann), dem Ganzen die Krone auf. Die Präsenz dieser Figur ist gewaltig und das Schauspiel kann quasi nicht kritisiert werden. Die  Anwältin Aidan fungiert als interessante und witzige Partnerin ist wird von Madeline Haacke auch hervorragend dargestellt. Im weiteren Verlauf treten nun 3 Sünder vor dieses Gericht. Heinrich Hönker, (Ragon Ebker), der eine Kollegin vergewaltigt hatte, als Kind aber dasselbe durchmachen musste, Nathalie Sing (Maria Schulz), die aufgrund von Verzweiflung selbst eine Abtreibung an sich  durchführte und die Ärztin Elizabeth Bolden (Lena Grillmeier), die einem seit langer Zeit im Koma liegenden Patienten seine Organe entnahm, um damit drei andere Leben zu retten.  Vor allem der erste Fall regte noch wenig zum Nachdenken und Diskutieren an,das Urteil „schuldig“ wurde sofort auf der Bühne verkündet. Außerdem gab es hier noch einen kurzen Auftritt des Tanztheaters mit zwei Plastikmündern und 9 Plastikaugen, dessen Bedeutung leider weder ich noch die anderen 10 Leute die ich danach gefragt habe, verstanden haben. Die beiden anderen Fälle dagegen waren komplexer und gut inszeniert. Im Falle der Abtreibung wurde auch das Gedankenspiel eines nierenkranken Geigers von Judith Thomson aufgebracht, das wohl als Inspiration für das ganze Stück diente. Ich persönlich fand diesen Vergleich forciert, dennoch gab es auch viel Gutes in dieser Szene. Das Schauspiel der Beteiligten war passend und gut, vor allem beim Geständnis von Maria Schulz, inklusive einer detaillierten Beschreibung des Abtreibungsprozesses, war die Atmosphäre im Saal sehr erdrückend. Auch der Text an sich muss wirklich gelobt werden. Zwar gab es die ein oder andere Stelle, an der die Sprache eher schlicht und einen Tick zu modern war, unterm Strich waren aber alle Dialoge sehr gut geschrieben und die Wortwahl gefiel mir besonders. Mein persönliches Highlight stellte der dritte Fall, der der Ärztin da. Endlich wurden viele verschiedene philosophische Ansätze diskutiert, das verwendete Gedankenspiel war passend und logisch und auch das Schauspiel blieb auf dem gleichen sehr hohen Niveau. Der kurze Auftritt einer anderen Ärztin, gespielt von Biondina Metbala, konnte hier sogar noch einmal eins drauf  setzen. Nach diesen drei Fällen endet die erste Hälfte doch recht abrupt mit dem für mich leider nicht besonders gut inszenierten Selbstmord von Gott, der der machthungrigen Kinnon zuvor kam, die immer stärker nach der Position des höchsten Richters trachtete.

Die zweite Hälfte konzentriert sich nun auf die Folgen dieses Machtwechsels. Und diese sind wohl zu erst einmal nicht vorhanden. Alles läuft so weiter wie bisher, die Anwälte und Angeklagten bemerken nicht einmal, dass der oberste Richter jemand anders ist, lediglich einen neuen Praktikanten müsse man einstellen. Kinnon nutzt diese Situation, um ihr eigenes Urteil über die vorher vorgestellten Fälle zu verkünden. Dies geschieht dann allerdings gar nicht, was ich persönlich gut fand, da so die moralische Frage offener bleibt und man zur Diskussion angeregt wird. Stattdessen stellt sie den drei Zeugen die gleiche Frage, deren richtige Beantwortung ihr ihren Praktikumsplatz sicherte: „Ihr seid mit einem Boot verunglückt und könnt eine Person retten. Helft ihr dem Kind, der schwangeren Frau, dem Rentner oder dem jungen Mann mit Krebs?“ Und obwohl die drei Sünder die gleiche Antwort wie Kinnon geben, (erst das Kind retten, dann in Reihenfolge Schwangere, Mann, Rentner) bestehen sie den Test nicht, da man laut Kinnon niemals Leben miteinander vergleiche dürfe. Dies ist offenbar die Moral des ganzen Stücks. Und obwohl ich mit der Aussage übereinstimme und das Setup gut gelungen ist, hätte man hier, vor allem angesichts der vorherigen Uneindeutigkeiten vielleicht etwas subtiler sein können. Nachdem alle drei in die Hölle verbannt wurden, versucht Kinnon, das Gericht weiterzuführen, was ihr nicht wirklich gut gelingt.  Die Erkenntnis dass es mehrere Iterationen der beiden Anwälte gibt, die sie und ihren Schreibtisch in einer wirklich wunderbaren Szene mit unzähligen Akten und neuen Fällen im wahrsten Sinne des Wortes überhäufen, lässt das Ganze schließlich soweit eskalieren, dass Gott eingreifen muss. Wenig überraschend ist dieser nämlich nicht wirklich tot und beendet mit einem Schlussmonolog das Stück. Ich muss gestehen, dass ich dem Gespräch hier nicht mehr wirklich folgen konnte,da ich geistig ziemlich erschöpft war, trotzdem fand ich ihn aber sehr gut. Klingt widersprüchlich, aber bei diesem Stück ist das wohl möglich. 

Abschließend muss ich sagen, dass ich freudig überrascht war. Die vorher schon angesprochene Bewerbung des Stückes hatten mich befürchten lassen, dass das Stück sehr abgehoben wird. Und obwohl es einige Elemente gab, die in diese Richtung gingen, war der Gesamteindruck positiv.  Zunächst möchte ich hier noch einmal das Skript loben: die Sprache war überzeugend und auf hohem Level und trotz dem komplexen Setting konnte man der Handlung gut folgen. Auch die Requisiten und Kostüme waren stimmig. Zwar gab es mehrere Umbaupausen, die trotz wunderbarer live gespielter Cello-Musik (ich bin sehr neidisch!) den Flow etwas störten, das machte die Optik aber wieder wett. Während die Handlung etwas Zeit brauchte, um richtig Fahrt aufzunehmen, war das Schauspiel durchgehend auf einem hohem Niveau und stellt für mich definitiv das Highlight des Stückes dar. Besonders möchte ich hier noch einmal Melanie Lachmann hervorheben, merkt euch diesen Namen.
Alles in allem war Gedankenspiele von Let’s Play ein gelungenes Experiment und ich bin froh, dabei gewesen zu sein!

 

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

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