Hassliebe Poetry Slam

Ich stehe auf einer Bühne. 700 Leute schauen mich erwartungsvoll an und meine Knie fangen bedenklich an zu zittern. Der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf geht, ist: “Scheiße, warum habe ich mir das nur angetan?”

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Irgendwie habe ich ein Talent für solche Situationen. Bei meinem ersten Poetry Slam in Passau wollte ich eigentlich im kleinen gemütlichen Scharfrichterhaus vor maximal 90 Leuten meinen Text vortragen. Dann kam das Hochwasser und der Slam fand im Hörsaal 5 statt, wo ich mich plötzlich vor 300 Leuten wiederfand. Und man sollte meinen, ich lerne aus meinen Fehlern, aber bei einem kostenlosen Poetry Slam im Rahmen des CampusFests war es vermutlich irgendwie zu erwarten, dass sehr viele Menschen kommen…aber so viele?

Menschen lassen sich ja immer gut in Kategorien einordnen. Da gibt es beispielsweise die Kategorie “Rampensau”. Zu dieser Kategorie gehöre ich nicht. Das mag widersprüchlich klingen, wenn man bedenkt, wie oft ich auf der Bühne stehe und dass mein Traumberuf nach wie vor Schauspielerin ist. Doch da gibt es zwei Arten von Menschen. Zum einen die Leute, die auf die Bühne gehen, um sich selbst zu inszenieren. Dazu gehöre ich definitiv nicht. Ich bin eine miserable Selbstdarstellerin. Das weiß ich spätestens seit meinem letzten Bewerbungsgespräch.
Und dann gibt es da noch die Leute, denen es um eine gute Geschichte geht. Zu denen gehöre ich. Wir sind diejenigen, die nicht auf die Bühne gehen, um den Slam zu gewinnen oder weitere Likes auf Facebook zu generieren. Uns geht es um das WAS wir zu sagen haben und nicht um das WIE. Wir sind diejenigen, die gar keine Chance haben, einen Poetry Slam zu gewinnen, weil unsere Texte nicht so lustig sind wie andere, nicht so pseudokritisch und nicht diesen typischen Poetry-Slam-Sprachduktus haben. Unsere einzige Hoffnung ist, dass vielleicht doch der ein oder andere etwas von unseren Texten mitnimmt, dass er nachdenklich wird und dass es ihn berührt.

Ich habe bei vielen Slam-Texten das Gefühl, dass ich gar nicht verstehe, worum es eigentlich geht, was der Slammer mir sagen will. Viele Texte hangeln sich nur von Lacher zu Lacher, von Pointe zu Pointe sodass sich mir der eigentliche Sinn hinter den Worten nie ganz erschließt. Das sind die Texte, die das Publikum zum Lachen bringen, denen sie zustimmen können und die hohe Punktzahlen bekommen, obwohl sich schon fünf Minuten später niemand mehr so richtig an den Text und dessen Inhalt erinnern kann.
Nicht falsch verstehen: Ich beneide solche Menschen. Menschen, die sich auf die Bühne stellen, eine geile Performance abliefern, die Leute zum Lachen und zum Klatschen bringen und es genießen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.
Alles was ich fühle, wenn ich im Scheinwerferlicht vor so vielen Menschen stehe ist Panik und Versagungsangst.

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Wenn du Theater spielst, hast du eine Rolle und einen Text, an denen du dich festhalten kannst. Aber beim Poetry Slam hast du keine Rolle, hinter der du dich verstecken kannst, die sich statt dir auf der Bühne blamieren kann. Wahrscheinlich der Grund, warum sich viele Slamer Künstlernamen geben und eine eigene Bühnenfigur erschaffen. Vermutlich das einzig Sinnvolle, das man machen kann. Auch ich bin diesmal nicht unter meinem eigenen Namen sondern unter meinem Spitznamen aufgetreten. Geholfen hatte es nicht. Meine Beine haben trotzdem die ganze Zeit gezittert.

Du hast zwar einen Text, an dem du dich festhalten kannst, aber das ist nicht der Text von Goethe oder Schiller, sondern dein eigener Text. Ein Text, für den du selbst geradestehen musst, ohne die Ausrede zu haben, der Autor sei halt einfach schlecht. Nachdem ich mich die letzten beiden Male immer bemüht hatte, meinen Text auswendig vorzusprechen, daran aber immer gescheitert bin, habe ich es diesmal gleich gelassen und ihn vorgelesen. Verhaspelt habe ich mich trotzdem. Wahrscheinlich muss man 20 oder 30 Mal bei einem Poetry Slam mitgemacht haben, um so etwas wirklich souverän zu meistern. Vielleicht ist es aber auch eine Typsache und Nicht-Rampensäue wie ich haben da einfach schlechtere Karten.

Das sind die Gründe, warum ich es hasse, bei Poetry Slams mitzumachen.
Aber natürlich ist nicht alles schlecht, sonst würde es mich nicht immer mal wieder auf die Bühne ziehen. Es gibt…Freigetränke. Und man lernt neue Leute kennen. Leute, die manchmal ein bisschen speziell sind und in ihrer eigenen Welt leben – aber das sind sowieso die besten. Und es ist eine super Angstbewältigung á la Ronja Räubertochter. Hast du vor etwas Angst, dann spring einfach mit Vollgas drauf zu. Und wenn man davor Angst hat, vor einer Menschenmenge zu stehen und kein Wort rauszubringen, weil man einfach nicht weiß, was man sagen soll, was ist dann besser, als sich vor 700 Leute hinzustellen und ein Gedicht vorzutragen?
Und dann gibt es da natürlich auch noch diese besonderen Momente, wenn Leute auf dich zukommen und sagen, wie schön sie deinen Text fanden, weil er so persönlich und authentisch war. Wenn deine Mutter 300 Mal auf dein Slam-Video auf Youtube klickt und es überall hinschickt, damit auch ja jeder merkt, wie stolz sie ist. Wenn es Menschen gibt, denen das gefällt was du da schreibst und deine Texte nicht in irgendwelchen Schubladen verstauben. Das sind dann die Momente, in denen ich es liebe bei Poetry Slams mitzumachen.

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Fotos: Julia Kronawitter vom „Fotoprojekt lichtgestalten

Julia Jung

Julia Jung

Juju ist 25 Jahre alt und studiert den Master Text- und Kultursemiotik in Passau. Ihre Leidenschaft zum Schreiben hat sie schon im Kindesalter entdeckt. Das Einzige, was ihr mehr Spaß macht als Texte zu schreiben, ist sie auf Bühnen selbst vorzutragen.

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