„I fly for you, my child, my son“ – Die Prime-Original-Serie „Carnival Row“

Netflix und Prime Video liefern sich schon seit Längerem einen erbitterten Produktions-Wettkampf, der durch das Hinzustoßen neuer Konkurrenten wie Disney+ sicherlich nicht entspannter geworden ist. Jeder der Anbieter versucht, Kunden mit großen Franchise-Produktionen zu ködern. Netflix hat The Witcher, Amazon hat Lord of the Rings und Disney hat Star Wars, Marvel und… naja, Disney eben. In diesem Klima des knallharten Wettbewerbs ist es fast etwas Besonderes, wenn die Anbieter mal wieder auf etwas setzen, das noch kein etabliertes Franchise ist. Das ist bei der Serie Carnival Row der Fall, die Ende August 2019 auf Prime Video erschien. Die Serie erhielt sehr durchmischte Kritiken (einen Metascore von 57). Mich hat die Welle an Skeptizismus, die der Serie entgegengeschlagen ist, ein wenig überrascht – warum das so ist, warum ich aber viel der Kritik auch verstehen kann und was ich allgemein selbst von Carnival Row halte, lest ihr hier. Bis auf oberflächliche Details werde ich auch nicht spoilern – also keine Angst!

Rycroft Philostrate (Orlando Bloom) und Vignette Stonemoss (Cara Delevingne) – Bildquelle: https://cdn1us.denofgeek.com/sites/denofgeekus/files/2019/08/carnival-row-creators-interview-worldbuilding-amazon.jpg

Ehrlich gesagt war ich überrascht, als ich online nach der Literatur- oder Film-Vorlage zu Carnival Row suchte und dabei rasch herausfand: Es gibt keine! In einer Zeit, in der gefühlt alles eine Literatur-Verfilmung oder das Remake eines Remakes ist, ist das schon etwas Besonderes. Die Story der Serie ist dabei zugegebenermaßen alles andere als unkonventionell: Eine Mordserie, ein Ermittler mit mysteriöser Vergangenheit, eine verbotene Liebesgeschichte, politische Intrigen und eine Menge Rassismus zwischen Einwanderern und Einheimischen. Tatsächlich könnte das auch Serien wie Ripper Street beschreiben, die im viktorianischen London spielen.

Das eigentlich Besondere und das, was Carnival Row sehenswert macht, ist, dass es sich eben nicht um das ganz normale viktorianische London handelt. Gewissermaßen ist Carnival Row eine Mischung aus der Welt von The Witcher mit dem viktorianischen London, wie wir es aus vielen Filmen und Serien kennen, hinzu kommt eine ordentliche Prise Steampunk: Der Stadtstaat „The Burgue“ befindet sich seit längerem im Krieg mit dem Staatenbund „The Pact“. Es handelt sich scheinbar um einen Kolonialkonflikt auf fremdem Territorium – sehr fremdem Territorium, denn diejenigen, die dort leben, sind keine Menschen. Die Welt der Serie wird bevölkert von Feen, Faunen, Trollen, Kobolden und anderen Fabelwesen, die wir aus der irisch-keltischen Mythologie kennen. Da „The Burgue“ scheinbar als Kolonisator und/oder Beschützer dieser Wesen auftrat, zog es viele von ihnen in die große Menschenstadt, wo sie sich in der „Carnival Row“ ansiedelten. In der Stadt, einem Moloch der aristokratischen Pracht und des Elends einer frühindustriellen Gesellschaft, leben sie seit Langem als Bürger zweiter Klasse. Sie dienen den Menschen häufig als Handlanger, Personal und Hausangestellte. Allerdings brachten sie auch viel ihrer Magie und ihrer uralten Kultur mit in die eher technokratische Menschen-Gesellschaft. Ja, auch Magie ist Teil der Welt, aber nicht in Richtung Blitze schleudern und Formeln sprechen, sondern eher auf okkult-schamanistische Art und Weise. Der schwelende Konflikt, in dem der „Pact“ mit seinen Luftschiffen und fortschrittlicheren Waffen „The Burgue“ weiter zurückdrängt, sorgt dafür, dass immer mehr Flüchtlinge in die Stadt strömen. Die Zustände in denen sie – selbst ehemals angesehene Mitglieder ihrer Gesellschaft – leben müssen, werden immer erbärmlicher, viele leben in Armut, manche müssen sich prostituieren, um zu überleben. Wie man es sich nur allzu gut vorstellen kann, sorgt dies für eine große Spaltung innerhalb der Gesellschaft. Die Unterstützer und Freunde der „Critch“, wie die Fabelwesen abfällig genannt werden, stehen denjenigen gegenüber, die in ihnen eine Bedrohung sehen und ihnen mit rassistischen Vorurteilen begegnen. Das hat zur Folge, dass sich auch innerhalb der Zuwanderer radikale Gruppen bilden, die der Verachtung der Einheimischen radikalen Stolz und religiösen Fanatismus entgegensetzen oder in den kriminellen Untergrund wandern. Hass gebiert Hass und auf der Straße wie im Parlament spitzt sich der Konflikt zu. Die Handlung führt uns dabei an beide Orte, zum einfachen Volk, wie in die hohe Politik.

„The Burgue“, Schauplatz des Geschehens – Bildquelle: https://carnival-row.fandom.com/wiki/The_Burgue?file=The_Burgue.png

Carnival Row stellt – wie man vielleicht gemerkt hat – eine Parallele auf die reale Welt dar, sei es auf historische Vorbilder oder auf die ganz aktuelle weltpolitische Lage, in der der Westen immer mehr zu spüren bekommt, was es bedeutet, wenn man Völkern erst mit der geballten Macht kolonialistischer Arroganz begegnet, nur um dann verwundert zu sein, wenn das Ganze zu Problemen in der Zukunft führt. Diese Parallele ist dabei mehr als gelungen, gerade weil sie die Problematik durch den offensichtlichen Unterschied zwischen Fabelwesen und Menschen visuell deutlich macht. Das trifft auch auf die gesamte bildliche und szenische Umsetzung zu. Sie ist vielleicht nicht das Beste, was wir derzeit auf dem Markt finden, aber auf jeden Fall bekommen die Zuschauer/innen ein sehr lebhaftes Bild des Schauplatzes, ebenso wie von dessen Bewohnern. Hinzu kommt ein teilweise sehr gelungener Soundtrack mit einigen Liedern, die die Sehnsucht der Einwanderer nach ihrer Heimat deutlich spürbar machen. Diese Wesen wollen nicht unter den Menschen leben. Es sind die Verheerungen des Krieges und die Hoffnung auf ein besseres Leben, die sie in diese fremde und feindliche Gesellschaft getrieben haben. Zuerst wurden sie unterworfen und zu Untertanen gemacht und nun werden sie wie Kriminelle behandelt. Vielleicht das bildlichste Beispiel: Den Feen wird das Fliegen verboten, das elementarer Teil ihres Wesens ist. Der Ruf „We’ve got a flyer“ ist der Aufruf an alle Polizisten, auf die betreffenden Abweichler zu schießen. Wie ihr vielleicht merkt, hat mich die düstere, aber auch ungeheuer fantasievolle Szenerie voll und ganz in Beschlag genommen. Dies ist auch der Fall, weil es immer wieder wunderschöne Szenen gibt, beispielsweise die Rückblende in die Soldatenzeit des Protagonisten in den Landen der Feen. Hier entspinnt sich eine Liebesbeziehung zwischen ihm und einer Fee, ein Handlungsstrang, den ich sehr gelungen fand. Alles in allem ist die Serie zwar durchaus düster, wird aber nie zu bedrückend oder deprimierend.

Der „Pact“ greift an – Bildquelle: https://static1.cbrimages.com/wordpress/wp-content/uploads/2019/09/the-pact-2.jpg

Bis hierher war alles wunderbar und die Welt alleine hätte ausgereicht, um die Serie zu einem der absoluten Hits des Jahres 2019 zu machen. Ich hätte mir sogar noch mehr World-Building gewünscht. Zwar habe ich absolut kein Problem damit, wenn an der ein oder anderen Stelle blinde Flecken gelassen werden, die die Zuschauer/innen mit ihrer eigenen Fantasie füllen können, aber dennoch hätte ich gerne mehr über den ein oder anderen Aspekt gewusst. Es ist sehr schwer, sich einen geographischen und historischen Überblick über die Welt zu verschaffen. Immer wieder werden Namen von Orten genannt, aber wie genau das alles aussieht und wer genau nun z. B. der „Pact“ ist – darüber wird man im Dunkeln gelassen. So ist man als Zuschauer/in ab und an doch ein wenig desorientiert. Wo genau kommen die Feen jetzt her? Was ist das für ein Land? Was ist die Ursache für diesen Konflikt? Dies wäre gerade deswegen wichtig, weil Politik hier eine durchaus große Rolle spielt. Ich hätte die Lage gerne besser nachvollziehen können, anstatt mir mein wackliges Bild aus Informationsfetzen zusammenzureimen. Zwar findet man online eine Karte der Welt, aber wie zuverlässig diese ist, ist fraglich. Zumal ich mich nicht erinnern kann, die Karte in der Serie gesehen zu haben Vielleicht hilft die zweite Staffel hier weiter.

Das eigentliche Problem der Serie ist aber bereits kurz angeklungen: Die Handlung. Der „The Burgue“-Ex-Soldat Rycroft „Philo“ Philostrate (Orlando Bloom) ermittelt als Polizeinspektor in einer Reihe mysteriöser und extrem-brutaler Mordfälle, die in der „Carinval Row“ stattgefunden haben und stattfinden. Diese Ermittlungen werden zu einer Reise in seine Vergangenheit und zu einer Suche nach seiner eigenen Identität. Zudem trifft er seine ehemalige Geliebte, die Fee Vignette Stonemoss (Cara Delevingne) wieder, die aus ihrer Heimat in die Stadt geflüchtet ist. Vignette muss in der Stadt zurechtkommen und dabei mitansehen, wie Menschen ihresgleichen unterwerfen und ihre Kultur zur Kuriosität verkommt. Hinzu kommen ein Handlungsstrang in der hohen Gesellschaft – ein Puck zieht in der besten Wohngegend neben einem reichen Ehepaar ein und verursacht somit einen kleinen Skandal – und ein politischer Plot um die Familie des Kanzlers der Republik „The Burgue“, also des Staatsoberhaupts. Daneben gibt es noch einige kleinere Handlungsstränge, die durchaus liebenswert und interessant sind und die Welt sehr bereichern. Alles in allem ist das sehr geschickt gemacht, da wir jeden Teil der Gesellschaft von der Unter- zur Oberschicht zu sehen bekommen. Dennoch wirkt die Handlung in Teilen ein wenig uninspiriert und hölzern. Mittlerweile kennt man Ermittler-Geschichten zur Genüge und Carnival Row erfindet hier das Rad nicht neu. Die politische Intrige, der Blick auf die Unterwelt der Stadt, ebenso wie den Rückblick auf Philos Zeit als Soldat sind fast interessanter als dessen Ermittlungen. Man soll mich hier nicht missverstehen: Die Handlung ist nicht schlecht. Auch, dass sie teilweise etwas behäbig ist und keine rasende Geschwindigkeit entwickelt, macht mir nichts aus. Sie ist eben nur sehr konventionell. Zudem empfinde ich das Ende – keine Angst, KEIN Spoiler – als sehr unbefriedigend. Alles endet mit einem Cliffhanger, der absolut nach einer zweiten Staffel schreit – das ist mir persönlich zu wenig subtil.
Die Charaktere sind ebenfalls altbekannt: Die Rebellin, der gute Cop, der sich gegen ein korruptes System zur Wehr setzen muss, die weltfremde Aristokratin, der abgehobene Politiker und dessen verwöhnter Sohn. Was Carnival Row also hinsichtlich des Weltbildes aufbaut, geht in Handlung und Charakterzeichnung ein wenig verloren, wenn auch bei weitem nicht vollkommen. Das Schauspiel ist durchgehend solide, wenn auch nicht überragend. Sehr überzeugen konnte mich Orlando Bloom in der Rolle des Protagonisten. Er verkörpert Philo durchaus facettenreich und einfühlsam, während Cara Delevingne zwar nicht schlecht spielt, aber doch etwas an Dynamik und Charakter vermissen lässt.

Mr. Agreus (David Gyasi) sorgt mit seinem Einzug in der Nachbarschaft für Aufsehen besonders bei der wohlhabenden Imogen Spurnrose (Tamzin Merchant) – Bildquelle:
https://boygeniusreport.files.wordpress.com/2019/09/carnival-row-2.jpg?quality=98&strip=all&w=834

Zieht man nun einen Strich unter die Serie, so kann ich – trotz der Handlungs- und Charakterproblematik – eine klare Empfehlung aussprechen. Die fantasievolle und vielseitige Welt schlug mich von der ersten bis zur letzten Episode in ihren Bann, ebenso wie die mutige Grundthematik des Kolonialismus und Rassismus. Allein deswegen lohnt es sich, die Serie anzusehen. Nachdem der Grundstein nun gelegt ist, hoffe ich, dass die Handlung in der bereits angekündigten zweiten Staffel etwas interessanter wird, zumindest hat sie das Potential dazu. Auf jeden Fall wünsche ich mir aber noch mehr über die Welt und deren Hintergründe zu erfahren. Auf der bewährten Skala von 1 bis 10 würde ich Carnival Row 7,5 Punkte geben – allein dadurch, dass es sich nicht um die Xte-Fantasy-Verfilmung handelt, hat sie sich bereits jetzt einen Platz in meinem Serien-Herzen verdient.

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.