„I just wanna be Jekyll, but I’m always fighting Hyde“ – Das Theaterstück „Dr. Jekyll und Mrs. Hyde“ von KultLaute

KultLaute – also unsere Theatergruppe – entwickelt inzwischen eine gewisse Tradition darin, Stücke in einem viktorianischen Setting aufzuführen. Vor mittlerweile schon vier Jahren (2015) nahm dies mit Frankenstein – Die Geschichte eines Monsters (Regie: Sebastian Ruppert) seinen Anfang, darauf folgte dann 2018 Sherlock Holmes – Eine Studie in Scharlachrot (Regie: Andreas Höng). In diesem Sommersemester setzt sich dieser Trend mit Dr. Jekyll und Mrs. Hyde (Regie: Andreas Höng) fort. Obwohl ich als Teil von KultLaute natürlich befangen bin, versuche ich hier eine möglichst ehrliche Kritik zum Stück zu geben. 

 

I was hideous and handsome
And I held myself for ransom
Yes I was honest and I lied
That’s my Dr. Jekyll and Mr. Hyde
Ezra Furman – „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“

 

Wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich kein riesiger Fan des viktorianischen Settings – vielleicht habe ich mich durch meine exzessive Auseinandersetzung mit Frankenstein (in all seinen Facetten) auch einfach ein wenig daran sattgegessen. Das jedoch ist mehr persönliche Vorliebe und tut der Faszination der Geschichten keinen Abbruch, in denen sich häufig eine besondere Vermengung von Horror bzw. Grusel mit existenziellen philosophischen Fragen findet. Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson (ja, der mit der „Schatzinsel“) bildet hier alles andere als eine Ausnahme: Der hochmoralische Mediziner Dr. Jekyll entwickelt ein Mittel, mit dem er den „bösen“ Teil seines Wesens – der ihn Zeit seines Lebens auf düstere Weise faszinierte – von sich abspalten kann. Dieser zieht als brutales Monstrum Mr. Hyde durch London und begeht dort diverse Untaten. Soweit nur kurz zu einer Geschichte, die sicherlich den meisten mehr oder weniger bekannt ist – wer sie nicht kennt, kann sich ja das Stück ansehen. Die Dualität von Gut und Böse in einem Wesen, die sehr an das „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust“ aus Goethes Faust erinnert, der Kampf zwischen dem Willen zu Vergnügung und Triebhingabe auf der einen und moralischem Gewissen auf der anderen Seite ist eine Thematik, die sicher viele früher oder später einmal beschäftigt und sei es bei der Frage: „Sollte ich heute noch in die Kneipe gehen oder doch lieber für die Klausur lernen?“ Aber bevor ich hier ins Philosophieren abgleite – das kann jeder für sich selbst oder im Gespräch erledigen – wende ich mich dem eigentlich Wichtigen zu: Dem Stück, so wie Andi und sein Team es auf die Bühne gebracht haben.

 

There is a lunatic in everyone I know
Some live it out,
Some just refuse to drink the potion, baby
But we’re all monsters inside
Cause we act like Dr. Jekyll
But there ain’t no hiding Mr. Hyde
Jimmy Needham – „Jekyll & Hyde“

 

Wie ihr vielleicht bereits gemerkt habt: Es handelt sich um einen hochinteressanten Stoff und eine faszinierende Story. Es gibt nur zwei große Probleme, mit der Stücke dieser Art (bzw. Romanadaptionen aus dieser Zeit) immer zu kämpfen haben.

Erstens liegt die eigentliche Handlung eher in den Dialogen und Monologen der Charaktere, in denen sie das moralisch-philosophische Für und Wider ihrer Taten abwägen. Mehr als die Action steht der seelische Leidensprozess und die Abgründe des menschlichen Seins im Vordergrund. Das heißt nicht, dass man daraus kein spannendes Stück machen kann – es ist nur nicht ganz einfach. Hier muss ich Andi meine Hochachtung aussprechen. Eine komplette Novelle in Eigenarbeit in ein Stück umzuwandeln, ist ein großer Aufwand, vor allem wenn der – aus heutiger Perspektive – oft dröge Stil der Zeit zu einem lebendigen Bühnengeschehen werden soll. Ich finde, das ist in diesem Fall auch absolut geglückt. Natürlich darf man nach wie vor kein Actionspektakel erwarten. Das Stück ist und bleibt sehr dialoglastig und oft wird deutlich, dass die Gespräche der Charaktere nicht für die Bühne, sondern für Buchseiten geschrieben wurden. Dennoch bleibt es abwechslungsreich, ohne dabei die nachdenkliche Seite aus den Augen zu verlieren. Man kann sich also unterhalten lassen und auch noch Gesprächsstoff mitnehmen – welch ein Luxus.

Zweitens – und das ist ein Problem, dem ich noch skeptischer gegenüberstehe – darf man bei viktorianischen Stoffen keine Kammerspiele erwarten, die mit einem knappen Figureninventar auskommen. Neben einer Hand voll Protagonisten gibt es Butler, Dienstboten, Passanten, Partygäste und so weiter. So kommt das Stück auf einen Cast von 13 Personen, die teilweise mehr als eine Rolle spielen. Ich persönlich würde es aus verschiedenen Gründen vorziehen, mit einem kleineren Cast zu spielen (und habe dies bei meiner einzigen Inszenierung – Henrik Ibsens Hedda Gabler – auch so gehalten). Weniger Rollen bedeuten, dass man sich – in der ohnehin knappen Zeit, die ein Theatersemester bietet – mit den vorhandenen Charakteren detailliert auseinandersetzen kann, sowohl was die Schauspielerei, als auch die Inszenierung (z.B. der Bewegungsabläufe) angeht. Auch bei vermehrten Proben ist das ab einer bestimmten Zahl von Schauspielern kaum noch möglich – irgendwann fehlt einfach die Energie. Das heißt also zwangsläufig, dass die Rollen in Stücken dieser Art ein klein wenig oberflächlich bleiben. Das ist auch bei Dr. Jekyll und Mrs. Hyde der Fall, ist aber nicht weiter schlimm: Letztlich sind die Charaktere hier weniger ausgeprägte Persönlichkeiten, sondern dienen als Träger der bereits erwähnten moralischen Dilemmata und diese werden absolut glaubhaft herausgearbeitet.

 

Better be scared, better be afraid
Now that the beast is out of her cage
Halestorm – „Mz Hyde“

 

Wenn ich von den Rollen spreche, bietet es sich an, mit dem Schauspiel fortzufahren: Sophie Gärtner als Dr. Jekyll und Miriam Cremer als Hyde verkörpern – in Weiß und Rot gekleidet – zwei Seiten desselben Charakters, Tugend/Reinheit vs. Moralischer Verfall/Verdorbenheit. (Wobei nicht außer Acht zu lassen ist, das Jekyll ihrer amoralischen Seite überhaupt erst das Tor geöffnet hat.) Miriam, meist leicht gebeugt, aggressiv auftretend und mit einem abfälligen, bösartigen Ton in der Stimme stellt die Rolle der Hyde sehr gelungen dar. Sophie bildet einen wunderbaren Gegensatz zu dieser „dunklen“ bzw. „wilden“ Seite. Sie ist ruhiger, aufrechter und driftet mehr und mehr in einen verzweifelten Wahnsinn ab. Beide könnten sich jedoch – trotz der hervorragenden Anlagen bzw. Ausgangspunkte – gerne noch etwas mehr trauen. Ebenso wie man sich von Jekyll noch ein fanatischeres Festhalten an der Moral und ihrer Wissenschaft wünschen würde, hätte es Hyde nicht geschadet, würde noch mehr Gewalt und Brutalität in ihrem Ausdruck liegen. Beides ist noch ein wenig zu brav. So mangelt es ab einem gewissen Punkt ein wenig an Abwechslung – auch wenn das Jammern auf hohem Niveau ist. Die Umwandlung von Männer- zu Frauenrollen sei hier nur kurz erwähnt. Wer allerdings häufiger zu Gast im Unitheater ist, dem wird dies kaum weiter auffallen, da es der Handlung und der Qualität des Stücks keinerlei Abbruch tut.

links: Miriam Cremer als Mrs. Hyde, rechts: Sophie Gärtner als Dr. Jekyll

Auch Oscar Blancke als Mr. Utterson (ein Freund Jekylls) ist als Schauspieler hervorzuheben. Die Dialoge zwischen Utterson und Gregson tragen das Stück, gewissermaßen als Rahmenhandlung, und werden – obwohl es sich um ausgedehnte Gespräche handelt – nie auch nur im Entferntesten langweilig. Sara Pretterhofer als Inspector Gregson (eine Polizeibeamte), aber auch insbesondere Darja Huggins als Danvers Carew (eine schwangere Passantin)  hätten sicherlich auch eine größere Rolle mit Leben füllen können. Vor allem die Danvers-Carew-Szene ist einer meiner persönlichen Lieblinge.

Auch Alexandra Kalhofer – von allen Schauspielern am längsten bei KultLaute – als Ms. Enfield, eine Anwältin und Freundin Uttersons, stellt ihre Rolle – zwischen moralischer Festigung und verletzlicher Emotionalität – äußerst glaubhaft dar. Auch sie würde man sich in einer Hauptrolle wünschen. Ebenso verkörpert Philipp Hammerich Jekylls Jugendfreund Dr. Lanyon (ebenfalls ein Mediziner) sehr gelungen und mit der angemessenen Menge moralischem Pathos. Cornelia Heckel als Jekylls Butler Poole ist ebenfalls eine meiner persönlichen Favoritinnen – jedes Stück kann durch einen zynischen Butler nur besser werden.

Von der auflockernden Einlage des Tanztheaters unter Leitung von Anna Hechenrieder profitiert das Stück sehr – Schade nur, dass es hier noch nicht dunkel war, das hätte sicherlich noch eindrucksvoller gewirkt. Alle anderen Schauspieler in Nebenrollen, die das Stück auf unverzichtbare Weise tragen, machen einen wunderbaren Job – hier ist nichts fehl am Platz. Alles in allem hat KultLaute also wieder einmal einen talentierten und qualifizierten Cast auf die Beine gestellt, der das Stück zu einer tollen Erfahrung werden lässt. Ab und an hätte man zwar tatsächlich ein wenig mehr über die Stränge schlagen und sich mehr trauen können, aber auch dies ist eher eine milde Kritik.

Albtraumszene mit Tanztheater

 

I have a secret that I let nobody see
An evil shadow that’s been hanging over me
My alter ego that I try to hold at bay
But despite my good intentions he can always get away
Petra – „Jekyll & Hyde“

 

Nun zur Inszenierung an sich:

In unserer Gruppe hat sich irgendwann das Verb „kultlauten“ eingebürgert. Das hat mit dem Unsichtbaren Gastgeber angefangen, bei dem wir ein komplett eingerichtetes Wohnzimmer auf die Bühne stellten und fand z.B. in Frankenstein einen Höhepunkt, wo wir es auf der Bühne regnen ließen. Danach war die Devise klar: Es muss groß sein, die Bühne muss Platz bieten und wenn eine Idee übertrieben erscheint, ist sie gerade richtig. Auch im Falle von Dr. Jekyll und Mrs. Hyde wurde nach allen Regeln der Kunst „gekultlautet“. Natürlich muss es zunächst einmal wieder ein Open-Air sein, anders wäre der gigantische Aufbau auch nicht unterzubringen gewesen. Zwar mangelt es an der Universität eklatant an einem Raum mit vernünftiger Bühne – andere Dinge sind bei einem auf ökonomische Effizienz ausgerichteten Führungsstil sicher drängender – aber die Vorteile eines Raumes, sei er auch suboptimal, sind doch eindeutig. Open-Airs bringen immer das Problem mit sich, dass man – will man nicht erst um 22 Uhr anfangen – zu Beginn des Stücks immer Probleme mit der Beleuchtung und einer dahingehend angemessenen Inszenierung hat. Lichteffekte, die vieles hervorheben und die Atmosphäre verstärken würden, kann man in den ersten beiden Stunden des Stücks fast vollkommen vergessen.

Dafür ist die Bühne von Jekyll & Hyde grandios: Der dynamische Aufbau mit einer Rückbühne, einer Vertiefung in der Mitte und einer Vorderbühne (eher ein Steg) erlaubt es, vier Schauplätze – Jekylls Zimmer, Hydes Zimmer, einen Garten und eine Straße (bzw. wechselnde Schauplätze)– in Einklang zu bringen. In Verbindung mit einem liebevollen und detailverliebten Bühnenbild gehört diese Konstruktion sicherlich zu dem Aufwändigsten und Fantasievollsten, was die Uni bisher gesehen hat und steigert schon durch sich die Qualität des Stücks. Auch auf der Bühne wird zudem das Weiß-Rot-Thema des Plakats und der Kostüme von Jekyll und Hyde weitergetragen. Man achte hier auf den kleinen Fetzen roter Tapete auf Jekylls Seite der Bühne – eine Idee, die ich persönlich genial fand.

Hinzu kommen einige kleine fantasievoll gestaltete Buden zum Verkauf von Getränken, gebrannten Mandeln und einer Stück-Zeitung (mit Hintergründen zum Stück etc.), die die Atmosphäre verdichten. Selbst eine Wahrsagerin hat sich hier unters Volk gemischt – man fühlt sich ins London des 19. Jahrhunderts versetzt. Ein überaus gelungener und detailverliebter Aufbau also, in den Unmengen an Energie und Zeit geflossen sind (auch wenn meine persönliche Vorliebe eher in die Richtung geht, mehr Energie in die Inszenierung und die Arbeit mit den Schauspielern zu investieren).

Auch eine gute Idee war es, diverse Songs – vor allem Rock und Metal – in das Stück einzubauen, aus denen auch die Zwischenzitate in diesem Artikel stammen (der Titel stammt aus „Jekyll and Hyde“ von Five Finger Death Punch). Der eher „zivilisierte“ Stoff wird dadurch immer wieder aufgebrochen. Das brachiale Wesen Mrs. Hydes findet also immer wieder seinen Weg an die Oberfläche des Stücks. Außerdem macht Metal, meiner bescheidenen Meinung nach, so ziemlich jedes Stück besser.

 

But now I curse what’s in my head
Because I can’t stop seeing red
I’m seeing red
The doctor is dead
I bid thee farewell
Fuck my fate
Just save a seat for me in hell
Ice Nine Kills – „Me, Myself & Hyde“

 

Langer Rede kurzer Sinn: Dr. Jekyll und Mrs. Hyde hat sicher mit der ein oder anderen kleineren Schwierigkeit zu kämpfen, aber das tut jedes Unitheater-Stück und bisher – wie auch dieses Mal – ist es immer noch gelungen, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Jedem, der sich also für einen Abend von der schaurig-melancholischen Atmosphäre Londons im Jahre 1889 mitreißen lassen möchte und jedem, der die – zu Recht – weltbekannte Geschichte einmal auf der Bühne sehen möchte, dem ist ein Besuch nur zu empfehlen und auch jedem anderen. Etwas Kultur hat noch niemandem geschadet und Netflix gibt es auch morgen noch: Seid für einen Abend einmal so moralisch wie Jekyll und hört nicht auf euren Hyde.

Ein allerletztes Wort zum Schluss: Das Unitheater ist immer etwas Faszinierendes und Großartiges: Allen Widrigkeiten und universitär-bürokratischen Hindernissen zum Trotz, gelingt es KultLaute und auch allen anderen Theatergruppen (!) immer wieder, großartige Stücke auf die Bühne zu bringen. In jedem Winkel steckt Engagement und Liebe zum Detail und mit wachsender Erfahrung der Kunstschaffenden steigt auch die Professionalität auf einen beachtlichen Grad. Man mag mich an dieser Stelle einen Kretin nennen, aber ich muss sagen, dass es professionellen Bühnen, die nicht selten in einem Muff aus Abgestumpftheit, scheinbar „modernen“ Ideen und halbgaren Provokationsversuchen ersticken, nicht schaden würde, sich etwas vom Enthusiasmus und der Kreativität abzuschneiden, wie sie in Stücken wie Dr. Jekyll und Mrs. Hyde steckt. Was hier gemacht wird, ist großartig und findet sobald kein Ende.

Aufgeführt wird noch am heutigen Abend (Mittwoch 17.07), am 18.07, 19.07 und 20.07. Bei gutem Wetter (kein Regen) auf der IM-Wiese, bei schlechtem Wetter im ITZ. Im Falle von schlechtem Wetter muss die Vorstellung am Mittwoch leider entfallen, Karten gelten dann für alle anderen Tage. Karten gibt es noch für alle Vorstellungen für 7€ an der Abendkasse. Nehmt euch am besten Sitzgelegenheiten und eventuell Decken mit (es kann etwas kühl werden).

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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