„I Once Was Lost, But Now I’m Found“

Was Videospiele angeht, sei es auf Konsole oder Computer, bin ich in den letzten Jahren äußerst kritisch geworden, bei dem was ich spiele. Da ich neben vielerlei Verpflichtungen relativ wenig Zeit dafür habe, muss mich ein Spiel schon richtig packen, damit ich nicht nach wenigen Tagen das Interesse verliere. Es muss bestenfalls provozieren, mich mitreißen, emotional quälen und mich geistig an Grenzen bringen, sodass ich auch etwas in mein Leben mitnehmen kann. Das letzte Spiel, dass das in Gänze geschafft hat, ist Far Cry 5. Nun ein Jahr später und pünktlich zum Start der Fortsetzung Far Cry: New Dawn ist es Zeit über diesen umstrittenen Teil der Serie von Ubisoft zu sprechen. Was mich so begeistert, gequält und zum Nachdenken gebracht hat, lest ihr hier:

Welcome to Hell:

Die Welt von Far Cry 5 sieht sich vor große Probleme gestellt. Während politische und soziale Fragen das Land anspannen, errichtet eine Weltuntergangssekte unter dem Namen “Project at Edens Gate” im schönen Hope County, Montana (nachempfunden der Gegend um das wirkliche Great Falls, Montana) über Jahre hinweg eine Parallelgesellschaft unter der Führung der Seed Familie. Nachdem diese einen Großteil der Gegend aufgekauft und eine Vielzahl von Jüngern um sich geschart hat, geschehen seltsame Dinge: Menschen werden vermisst oder Opfer schlimmer Unfälle. Als durch Zufall belastende Informationen über Hope County bekannt werden, schreitet ein Spezialteam der Polizei ein, das versucht den „Vater“ der Sekte Joseph Seed festzunehmen. Doch der Einsatz scheitert gnadenlos und man sitzt als “Deputy” im Sektengebiet, mit dem Ziel seine Freunde wieder zu befreien, fest.

And I heard, as it were, the noise of thunder. One of the four beasts saying, ‚Come and see.‘ And I saw:

Ausschlaggebend für ein gutes Spiel, sind eben gute Bösewichte. Im  Fall von Far Cry 5 haben wir es gleich mit vier grandiosen Gegenspielern zu tun: Jacob, John, Faith und Joseph Seed – jeder mit einer grausamen Geschichte und einem anderen Grundsatz, der Project at Eden’s Gate ausmacht.

Help Me Faith:

Als “guter” Geist der Seed Familie, sowie der Anhänger von Project At Eden’s Gate, ist Faith Seed ein unglaublich interessanter Charakter. Wir müssen uns bei ihr die alles andere als kleine Frage stellen: Welchen Zweck haben wir im Leben? Die Antwort darauf hat sich innerhalb der letzten Jahrhunderte eben dramatisch gewandelt. Mit Darwins Evolutionstheorie, Freuds Psychoanalyse und dem Heliozentrischen Weltbild, begann der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt zu stehen und wurde in ein eher sinnbefreites Vakuum gezogen haben. Faiths Aufgabe ist es also, den Anhängern mit Hilfe der Droge “Bliss” die Antwort auf die große Sinnfrage zu geben. So entsteht in diesem Bliss eine perfekte Welt, die Ruhe und Geborgenheit ausstrahlt. Ein Paradies. Umso mehr Anhänger generiert die Sekte und umso größer wird die Sehnsucht nach dem Paradies im Bliss. Dass nun Drogen in der Welt von Sekten schon immer eine Große Rolle gespielt haben, ist durchaus bekannt, doch hat das Bliss und auch Faith in Far Cry 5 eine andere Bedeutung. Die Tatsache, dass man Faith nie wirklich physikalisch trifft und sie selbst, wenn man sie tötet, keine Leiche hinterlässt, lässt darauf rückschließen, dass sie bereits von Beginn an nie existiert hat. Faith, übersetzt ‘Glaube’, scheint ein Konstrukt, dass Joseph und seine Anhänger geschaffen haben. Besonders deutlich wird dies in Josephs Rede, nachdem Faith getötet wurde: “My Faith. She was not the first to carry that name, but she was the most devoted.” In den Wirren der Moderne gibt es so viele verschiedene Weltanschauungen, jedoch ist es Faith, die ihnen wirklich Sinn schafft. Sie ist die Antwort auf die Frage nach dem Zweck und mit dem Bliss auch fassbar.

Embrace the Power of YES!

Wie schwer es ist seine Vergangenheit zu vergessen und sich rein zu waschen von so genannter Sünde, zeigt mein unangefochten persönlicher Lieblingscharakter, der charismatische John Seed. Wie dem biblischen Namensgeber gleich ist John für die Taufe und Reinwaschung der Mitglieder von Eden’s Gate verantwortlich. Die Taufe oder der Akt des Eintritts in eine andere Glaubensrichtung hat in jeder Religion einen hohen Stellenwert. Nicht nur soll man einen neuen Lebensweg einschlagen, sondern bietet es die Möglichkeit seine Vergangenheit, seine Fehler und seine Sünden hinter sich zu lassen. Dieser Grundgedanke hat in Johns fanatischer Vorstellung von Erlösung die größte Bedeutung. Dementsprechend muss für ihn diese auch so fordernd und einschneidend sein, dass eine Rückkehr zum Vergangenen nicht möglich ist. Während im Christentum nur Wasser über das Gesicht geträufelt wird, tätowiert John die Namen der Sünden in die blanke Haut derjeniger, die vor ihn treten, schneidet sie mit dem Messer aus und präsentiert diese sobald man sich davon gelöst hat. Doch ist dieses brutale Vorgehen nicht nur zurückzuführen auf eine vermeintlich masochistische Art in John selbst, vielmehr ist er der Überzeugung, man könne nur auf diesem Weg glücklich werden. Habe man es erst einmal akzeptiert, dass man gesündigt hat und bereit sei durch einen Ozean der Schmerzen zu schwimmen (“You will cross through an Ocean of Pain”), werde das neue Leben umso erfüllter und man selbst umso glücklicher sein. Alles was man dafür tun müsse, ist Yes zu sagen. Yes zu seinen Fehlern, zur Erlösung und zu einem besseren Leben. Er selbst spricht davon, dass die Schmerzen und die Akzeptanz dieser Schmerzen ihn befreit haben. Johns Kontakt mit dem Spieler ist deshalb geprägt von unglaublicher Verzweiflung. Während John noch anfangs davon überzeugt ist, dass er uns bekehren und von inneren Schmerzen heilen kann, bricht seine gewalttätige Vergangenheit aufgrund unseres Widerstandes erneut aus ihm heraus. Der charismatische Täufer wird von Zorn und Versagensängsten geleitet. Alles was übrig bleibt, ist ein gebrochener Mann, dem das Glück verwehrt blieb und der eigentlich „helfen“ wollte.

Only You, Can make the Darkness bright:

Der animalische Wille und Instinkt zu überleben führt beim Menschen dazu, dass er sich in Gruppen wiederfindet. Gemeinschaften haben eine höhere Überlebenschance als Einzelpersonen. Der Grund warum sich die Sekte überhaupt formiert hat, ist eben dieser Glaube, dass ein großer “Kollaps” bevorsteht. Es werden Vorbereitungen in der Form von gewaltigen Bunkeranlagen, Getreidesilos und auch Ausbildungen in Überlebenstechniken getroffen. Diese Aufgabe zur Ausbildung der Mitglieder obliegt Jacob Seed. Da aber nur eine begrenzte Zahl in den Bunkern eine Chance hat zu überleben und die Zeit drängt, ist des Rotschopfs Aufgabe “die Herde auszudünnen”.  In brutaler Weise werden alle Mitglieder in Eden’s Gate dazu abgerichtet sich zu dem Song Only You gegenseitig umzubringen, sodass nur die Stärksten überleben. Alle anderen dienen als Futter und Zielscheiben. Diese künstlich beschleunigte Form des natürlichen Darwinismus, ist allerdings keine Seltenheit. Bei Beobachtungen von Mikrogemeinschaften, sei es auf Inseln, im Regenwald oder Savannen, stellt man schnell fest, dass Alte, Kranke und Schwache oft ausgegrenzt oder ausgelöscht werden, um das Überleben der Gruppe zu sichern. Jacob kennt bei der Ausdünnung ebenso keine Gnade. Wenn man seine Aufgabe erledigt hat und nicht essentiell für das vorankommen der Gruppe ist, wird man eliminiert. Laut den Büchern um Far Cry 5 sind etwa 3.000 Menschen teil der Sekte und nur ein Bruchteil kann gerettet werden. Aus Jacobs Sicht sollten dies die Überlebensfähigsten sein.

I Once was Lost, But Now I am Found:

Auch wenn es sich mit den Federn der Religion schmückt, setzt sich Far Cry 5 mit dieser wenig auseinander. Das Wort Gott kommt so wenig vor, dass man es an einer Hand abzählen könnte und gleichzeitig sind religiöse Anspielungen, sowie Passagen aus der Bibel (vor allem der Offenbarung des Johannes) zwar vorhanden, aber nicht ausschlaggebend. Diese sind eher ein Stilmittel. Vielmehr ist Joseph Seed’s Project at Eden’s Gate eine Parallelgesellschaft. Ein Sammelpunkt für Gebrochene, Ausgenutzte und Unglückliche. Allein die Geschichten der vier Hauptcharaktere Faith, John, Jacob und Joseph, die nur so von Gewalt, Missbrauch, Dunkelheit und Leid triefen, lassen darauf schließen, warum sie sich zusammengetan haben: Um eine bessere Welt zu schaffen, in der sie leben, lieben und hoffen können. Sie kämpfen für ein vermeintlich größeres Wohl, indem sie die alte Gesellschaft ausradieren wollen. Sie bereiten einen Neuanfang. Einen Neuanfang um jeden Preis.

He was right:

Es wäre eine Sache gewesen, das Spiel mit dem Tod von Joseph und seinem Gefolge enden zu lassen. Ich hätte kurz darüber geschmunzelt und hätte dann das Spiel weggelegt. Doch es kam anders als gedacht: Joseph hatte recht. Zum Ende des Spiels kommt der große Kollaps und die Welt bricht unter Atompilzen zusammen. Doch das Gravierendste dabei scheinen unsere Taten zu sein. Nicht nur haben wir alle Bunker gesprengt, sondern auch die Überlebenschancen aller Menschen, die wir retten wollten, auf Null gesetzt. “Die Welt steht in Flammen und du bist schuld.” Das Spiel hat mich  fasziniert, da es das Konzept von Gut und Böse so massiv stört. Wir waren es, die den Großteil der Menschen in Hope County dem Tod ausgeliefert haben und es waren auch wir, die Menschen eher geistig und emotional gebrochen haben, als ihnen zu helfen. Ab wann bin ich erlöst von meinen “Sünden”? Gibt es ein größeres Wohl für das es sich zu kämpfen lohnt? Wie weit darf ich dabei gehen? War ich Teil der “Bösen”? Die Charaktere wie Stories waren so lebendig und so stimmig, dass ich immer noch sehr darüber nachdenken muss, auf welcher Seite ich eigentlich stehe. Zudem war der Soundtrack ein Machtwerk.
Werde ich mich jetzt also der Religion zuwenden? Wohl kaum. Einer Gruppe von Aussteigern im Mittleren Westen Amerikas? Schon eher.

Sebastian Meier

Sebastian Meier

Süß wie Zucker, scharf wie Pfeffer und bunt wie lauter schöne Sachen. So waren die Zutaten, aus denen der perfekte kleine Mann hergestellt werden sollte. Aber Professor Utonium fügte dem Gebräu aus Versehen noch etwas anderes hinzu: die Chemikalie X. Und so wurde Sebastian "Wastl" Meier geboren. Ein Mann, der irgendwo zwischen Lehramtsstudium, Existenzialismus und dem Theater steckt und dabei noch versucht, seinen Weg zu finden, wenn er nicht gerade vor Videospielen verzweifelt oder mit seinen treuen Gehilfen "Wrestling", "Netflix" und ""World of Warcraft" versucht, die Welt zu erobern!

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