„Ich kämpfe nicht gegen Mozart, ich kämpfe gegen Gott!“ – Amadeus von act!

Klausurenzeit bedeutet an der Uni Passau auch immer Theaterzeit. Fast schon traditionellerweise eröffnet diese Woche act! unter der Leitung von Franzisca Weny mit ihrer Interpretation des Dramas Amadeus von Peter Shaffer die Theatersaison. Was unser Redakteur Andi von dem Stück hielt, könnt ihr hier nachlesen. Und keine Sorge, es wird, so gut es geht, auf Spoiler verzichtet.

Hat man den Spielort von act! auf der IM-Wiese gefunden (was manchen doch recht schwer fällt), erlebt man eine freudige Überraschung. Während die Theaterbühnen an der Uni, auch aufgrund des beschränkten Platzes, meist eher schlicht gehalten sind, wurde hier der Raum wirklich exzellent genutzt. Keine simple quadratische Bühne empfängt den Zuschauer, sondern ein mehrstufiger, fast schon geschwungener Aufbau an Bühnenteilen. Auch was darauf steht, ist beeindruckend. Es empfängt einen ein riesiger Flügel und eine Loge samt Vorhang. Daneben stehen zwei Stühle auf dem Rasen. Allerdings ist die Loge etwas zu tief gebaut, sodass die Zuschauenden, die nicht direkt frontal sitzen, ein stark eingeschränktes Sichtfeld auf das darin Gezeigte haben. Dies lässt sich aber verschmerzen, da hier nicht wirklich Wichtiges passiert. Trotz dieses kleines Problems und der Tatsache, dass alles an sich mit relativ simplen Mitteln und einfachen Konstruktionen und Aufbauten geschaffen wurde, gehört dieses Bühnenbild und auch der kreative Aufbau der Bühne zum Besten, was ich an der Uni bisher gesehen habe. Ein großes Kompliment an Johannes Wenzel, der alles zusammengeschraubt hat.

Aber nicht nur die Bühne muss gelobt werden. Nach einem eher unnötigen, aber zumindest witzigen Intro vor dem eigentlichen Intro eröffnet der alte Antonio Salieri, gespielt von eben jenem Johannes Wenzel, das Stück. Aber wieso spreche ich vom „alten“ Salieri? Das liegt an der Erzählstruktur des Stückes. Die vorher erwähnten Stühle abseits der Bühne sind das Revier des ergrauten Protagonisten (oder ist es doch der Antagonist?), der verbittert auf sein Leben zurückblickt. Und was für ein Leben das war, voller Machtkämpfe, Intrigen, Religion und natürlich vor allem der Musik. Mit dieser Musik untrennbar verwoben ist der verhasste Konkurrent: Amadeus Mozart, porträtiert von Jonny Rockstuhl (ja, der heißt wirklich so). Und während der junge Salieri (Timo Hoffmann) versucht, Mozart bei Kaiser Joseph II. (Uli Gschwendtner) in Ungnaden zu bringen, greift der alte Salieri immer wieder in das Gezeigte ein, kommentiert, reflektiert sein Verhalten oder schlägt Brücken von Szene zu Szene. Dies wurde sehr geschickt inszeniert, nie wirkte das ganze forciert, sondern stets treibt es die Handlung auf eine angenehme Weise voran, die das doch sehr lange Stück (circa 3h) wesentlich kürzer wirken lassen. Warum es dann aber mit den Venticelli (David Kölbl und Valentin Brückner) nochmal zwei Personen gebraucht hat, die die Rahmenhandlung erzählen (oder eher schreien), verstehe ich nicht ganz. Auch waren die Interaktionen zwischen den beiden Salieris manchmal etwas unstrukturiert, wenn auf einmal der junge das Berichten übernahm, der Alte dann aber dann wieder die Szene beendete. Das ist aber Meckern auf sehr hohem Niveau, da die Art der Erzählung eine wirklich packende Stimmung schafft, die den Zuschauenden sofort in die Handlung zieht und hindurchführt, ohne das Ganze aber zu sehr an sich zu reißen, und so noch viel Raum für alles andere lässt.

So gibt es zum Beispiel mehr als ausreichend Platz für Herumgealber und Witze. Vor allem die erste Hälfte dieses Dramas könnte auch eine Komödie sein. Nicht nur der kindische Mozart, der herumtollt wie ein Dreijähriger, dabei aber immer liebenswert und sympathisch bleibt, sondern auch die beiden Salieris und der kaiserliche Hofstab (Aaron Prott, Frank Carcajal und Julius Klein), insbesondere aber der Kaiser selbst, unterhalten das Publikum königlich (oder kaiserlich…). Eher flache Fäkalwitze (trotzdem lustig) bilden zusammen mit Slapstick und Parodie ein wahrhaftes Feuerwerk an Comedy, das sogar mich oft zum lauten Lachen brachte. Ulis Figur ist eine meisterliche Karikatur des Wiener Kaisers, so gut, dass selbst Bully Herbig neidisch wäre, auch wenn unter der verstellten Stimme gelegentlich die Lautstärke litt. Geschickt liefert die Figur des Kaisers comic relief, wenn die Szenen zu ernst und dramatisch zu werden drohen, und lässt sich auf geschickte und unterhaltsame Weise von Salieri manipulieren, ohne aber zu stark überzogen dümmlich zu wirken. Leider gab es ein oder zwei Szenen, in denen die Witze (im Speziellen die, die auf Publikumsinteraktionen oder übertriebenes Herumgehüpfe aufbauten) zu sehr überzogen wirkten, dies ist aber auch Geschmackssache, entscheidet selbst. Schaden tut dies dem Stück auf alle Fälle nicht zu sehr, da das Skript wirklich sehr gut zwischen Drama und Komödie wechselt.

Die bereits gelobte erste Hälfte muss hier noch einmal angesprochen werden. Obwohl auch ernste Themen wie Religion und sexueller Missbrauch behandelt werden, ist das Werk nie zu schwer, aber auch nicht zu leicht. Nachdenkliche oder sogar ekelhafte Szenen wechseln sich mit unterhaltsamen ab, dem Zuschauer wird nie langweilig. Nur in einer Szene wirkt die Motivation der Handelnden etwas unglaubwürdig, da sie zu schnell zwischen extremen Wünschen und Ablehnungen hin und herspringen. Dennoch war die erste Hälfte ganz großes Theater. Auch die zweite Hälfte muss sich nicht verstecken. Hier werden aber leider einige wichtige Plotpunkte meiner Meinung nach zu schnell abgefrühstückt, hier hätte ich mir mehr Zeit für die Reaktionen und die Entwicklung der Charaktere gewünscht.

Dies liegt vermutlich auch daran, dass der Musik viel Zeit zugestanden wird. Versteht mich nicht falsch, die Musik in diesem Stück war wirklich gut. Die Szene, in der Salieri das erste Mal ein Werk von Mozart hört und darüber philosophiert, während die Musik sanft im Hintergrund spielt, ist einer der schönsten Momente, die ich jemals auf einer Bühne sah und hat mich wirklich mitgerissen. Auch wie Mozart spontan einen Marsch von Salieri verbessert war sowohl musikalisch als auch inszenatorisch brillant umgesetzt. Auch die Live-Musik mit Maria Schulz am Klavier und Gesang von Katharina Kalbfleisch ist qualitativ auf sehr hohem Niveau, das einige kleiner Verspieler vollkommen vergessen lässt. Allerdings nehmen diese Lieder wertvolle Zeit aus dem Stück, vor allem da keine Werke von Mozart, sondern moderne Stücke gespielt wurden. Anstatt dramatische Szenen nach kurzer Zeit mit einem Musikstück zu beenden, hätte ich lieber mehr Reaktion der Figuren gesehen.

Dieser Wunsch begründet sich darin, dass das Schauspiel aller Beteiligten auf einem extrem hohen Niveau war. Die Hauptrollen waren alle perfekt besetzt und man hätte sich keine glaubhafteren Darstellungen wünschen können. Dies beginnt bereits bei den beiden Salieris. Johannes Wenzel spielt verbittert, aber auch voller Leidenschaft und Ausdruck, seine Motivation wirkt so überzeugend, dass jeder mit ihm fühlt. Timo Hoffman harmonierte wunderbar mit ihm. Auf den ersten Blick wirkte es so, dass er gegen sein älteres Ich und auch Mozart verblasste, im Lauf des Stückes wird aber klar, dass dies ganz bewusst so sein sollte, da Salieris Problem eben war, dass Mozart ihn übertrumpfte. War er aber ohne diese beiden auf der Bühne, riss er sofort die ganze Szene an sich, obwohl dies wirklich schwer war. Denn auch die von ihm begehrte Constanze Weber (Olga Tomkoviak), Mozarts Frau, wurde meisterhaft gespielt. Olga Tomkoviak variierte brillant zwischen verliebt, zerbrechlich und gebrochen und blieb dabei trotz dieser extremen Gefühle stets natürlich und nahbar. Hoffentlich gibt es noch sehr viele weitere Stücke mit ihr. Last but not least muss natürlich noch Johnny Rockstuhl (dieser Name!) erwähnt werden. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden gesehen, der so perfekt auf eine Rolle gepasst hat. Er porträtierte perfekt die kindliche Begeisterung Mozarts und seine Liebe zur Musik. Auch schaffte er es, sich vor Kaiser und Hof lächerlich und unhöflich zu benehmen, ohne dabei auch nur eine Sekunde die Zuneigung des kompletten Publikums zu verlieren. Aber auch die dunklen Seiten Mozarts, seine Armut und sein drohender Wahnsinn kamen nicht zu kurz. Obwohl Johnny derart fröhlich wirkt, kauft man ihm auch das Leid, das Mozart nur durch seine Musik besänftigen kann, sofort ab.

Alles in allem war Amadeus, passend zu Mozarts Stücken, ein Meisterwerk. Ja es war etwas lang, vor allem zum Ende hin und die zweite Hälfte war etwas schwächer, dies waren aber nur kleine Wermutstropfen. Die Bühne, die Comedy, das Skript, die Musik und am allermeisten das Schauspiel machen dieses Theaterstück von Regisseurin Franzisca Weny und ihre Assistenz Florian Eisen zu etwas ganz Besonderem, das man auf keinen Fall verpassen sollte. Also zögert nicht, am 11., 12. oder 13.07 dieses Stück zu besuchen.

 

 

 

 

 

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

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