It’s the freakiest show – Spiel.Sucht spielt Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“

Who done it? Wer ist der Mörder? – Eine Frage, die die Handlungsgrundlage der meisten Krimis bildet. Nicht so bei Alfred Hitchcocks Kriminalfilm Cocktail für eine Leiche (USA, 1948 als Filmadaption von Patrick Hamiltons Stück Party für eine Leiche), mit dessen Theater-Umsetzung die Uni-Theatergruppe Spiel.Sucht am gestrigen Montag Premiere feierte. Hier stehen die Schuldigen von Beginn an fest – vermeintlich zumindest.  (Vorweg: Da ich den Film leider nur durch ein flüchtiges Überfliegen auf YouTube kenne, wird ein Vergleich hier ausbleiben. Alles was ich hier schreibe bezieht sich auf die Inszenierung. Und: Keine Angst, ich bleibe spoilerfrei)

Und so beginnt es: v.l. Hannah Direktor (Brandy Shaw), Jakob Teterycz (Kenneth Lawrence/ David Kentley) und Anné Murrer (Philadelphia Morgan) – Bilder: Kai Augustin

Zur Handlung: Protagonistinnen des Stücks sind die Studentinnen Brandy Shaw und Philadelphia Morgan. Brandy und Philadelphia, zynisch und etwas intellektueller als gut ist, sind besessen von Nietzsches Theorie des Übermenschen, die sie von ihrem ehemaligen Professor Rupert Cadell übernommen haben. Insbesondere Brandy scheint zu gleichen Teilen Cadell und seinen morbiden Ideen verfallen zu sein: Die irgendwie geartete Überlegenheit bestimmter Menschen dient dem Professor als zumindest theoretische Rechtfertigung des Mordens mit dem sich – seiner Ansicht nach – viele Probleme der Gesellschaft lösen ließen. Auf eigene Faust spinnen Brandy und Philadelphia diese Ideen weiter und beschließen den „perfekten Mord“ an ihrem Freund David Kentley zu begehen, den sie als unterlegen betrachten.
Vor allem für Brandy, die initiale Drahtzieherin der Aktion zu sein scheint, soll es mehr als ein gewöhnliches Verbrechen, soll es eine Art Kunstwerk, eine praktische Umsetzung philosophischer Ideale sein: Um die Perfektion ihrer Tat zu feiern lädt sie – gleich in Folge auf den Mord – zu einer Party. Als Tisch auf dem das Essen serviert wird, dient die Truhe in der beide die Leiche versteckt haben und auch andere Gegenstände, die mit dem Mord in Verbindung standen, bringt Brandy offen unter die Gäste.
Die Party, zu der unter anderem Rupert Cadell und auch Ellis Kentley, die Mutter des Ermordeten, eingeladen sind entwickelt sich zu einem morbiden Drahtseilakt. Der Abend wird dabei von philosophischen Gefechten zwischen Brandy und Rupert und dem zwanghaften Bestreben Brandys bestimmt, die Morbidität der Umstände auf die Spitze zu treiben. Besonders Philadelphia, von Anfang an nur halb von der Tat überzeugt und zudem überfordert mit Brandys intriganten Anwandlungen, bewegt sich dabei beständig am Rande des Abgrunds zur Hysterie – eine Tatsache, die sich mit steigendem Alkoholkonsum nicht bessert.
Wie geht die Sache nun aus? Wer ist der wahre Schuldige? Ist Philadelphia tatsächlich nur willige Mitläuferin? Nun um das zu beantworten müsst ihr euch das Stück ansehen!

Mitläuferin oder doch Schuldige? (Anné Murrer als Philadelphia Morgan) – Bilder: Kai Augustin

Und es lohnt sich: Der besondere Reiz dieses Kammerspiels, dessen Schauplatz Wohn- und Esszimmer der beiden Studentinnen sind, ergibt sich – typisch für diese Art von Stück – aus dem Aufeinandertreffen relativ gegensätzlicher, starker Charaktere und deren Überzeugungen. Besonders interessant an Cocktail für eine Leiche sind jedoch die moralisch-philosophischen Implikationen, die sich aus dem Mord ergeben: Kann eine philosophische Theorie, kann irgendeine Art von Überlegenheit, geistig, intellektuell oder physisch eine solche Tat rechtfertigen? Wer kann bzw. soll entscheiden wer, warum überlegen oder unterlegen ist? Und: Darf Mord – aus welchen Motiven auch immer – eine Option sein? Das Aufeinandertreffen dieser Aspekte und die – zumindest im Bewusstsein des Zuschauers – ständige Anwesenheit einer Leiche auf der Bühne, sorgen für eine morbide und oft schwarzhumorige Stimmung. Der ungewöhnliche Aufbau des Stücks, d.h. dass von Beginn an bekannt ist, wer die Täterinnen sind, gibt der Sache einen besonderen Reiz. Bis zum Finale bleiben viele Fragen offen: Wie wird die Sache ausgehen? Bleibt die Tat unentdeckt? Worauf läuft das alles hinaus?

Sollte die Handlung zwischendurch tatsächlich einmal langweilig werden, was bei einer sehr angenehmen Gesamtlänge von 90 Minuten eher unwahrscheinlich ist, reicht das liebevoll gestaltete Bühnenbild allein aus, um eine Zeit lang zu beschäftigen. Neben zahlreichen kleinen Details und Einrichtungsgegenständen, die – nahe am Publikum – den Zuschauer in eine Wohnzimmeratmosphäre einbinden, wird das Gesamtbild von  zahlreichen Gemälden Moritz Tostmanns (in der Uni-Theaterszene auch kein Unbekannter mehr) und einigen von Carla Schmutter extra für das Stück gestalteten Plakaten bereichert.

Gesangseinlage: Carla Schmutter als Mrs. Wilson – Bilder: Kai Augustin

Bezüglich des Schauspiels überzeugt besonders Anné Murrer als Philadelphia. Bis zuletzt ist unklar, ob nicht mehr hinter der scheinbaren Mitläuferin steckt. Stets ist sie hin- und hergerissen zwischen ihrer Unsicherheit und einer Neigung zur Gewalt, die unter der Oberfläche zu schlummern scheint. Auch Robert Hickmann macht als autoritärer und selbstverliebter Rupert Cadell eine sehr gute Figur. Hier bleibt die Frage offen inwiefern die großspurigen Ideen des Mannes intellektuelle Profilierung oder tatsächlicher Ernst sind.
Hannah Direktor als Brandy Shaw gerät gegenüber ihren zwei Mitspielern, trotz ihrer eigentlich dominanten Rollen–Persönlichkeit, fast ein wenig in den Schatten. Trotzdem verkörpert sie den Charakter – zwischen durchgeistigter Idealistin und kalt-zynischer Mörderin – glaubhaft.
Carla Schmutter bereichert nicht nur als überbesorgte Haushälterin Mrs. Wilson das Stück, auch eine Gesangseinlage stellt einen gelungenen Beitrag zum Stück dar.
Zwischen Jakob Teterycz, der nach seinem kurzen Auftritt als Mordopfer als Student Kenneth Lawrence wiederkehrt, und seiner ehemaligen Geliebten Janet Walker (gespielt von Sevinc Sahin) entwickelt sich eine stimmige Nebenhandlung, die sehr zur Gesamtstimmung des Stück beiträgt.
Sophia Heckmann meistert ihre Rolle als altbackene und bibliophile Mutter des Ermordeten, Dr. Ellis Kentley ohne Probleme und Zoe Thurau als ihre von Astrologie und Wahrsagerei begeisterte Schwägerin Anita Atwater bildet einen willkommen Comic Relief.
So kann das Schauspiel in der Gesamtschau überzeugen, wenn man sich vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle noch ein bisschen mehr Arbeit an den Eigenheiten der Figuren gewünscht hätte. Nicht immer ist jede Überzeugung ganz klar, nicht immer jeder Charakterzug konsequent. Dem Unterhaltungswert des Stücks tut das aber keinen Abbruch.

Schülerin und Professor: Hannah Direktor (Brandy Shaw) und Robert Hickmann (Prof. Dr. Rupert Cadell) – Bilder: Kai Augustin

Regisseur Sebastian Meier, der im WS 17/18 mit einer sehr überzeugenden Inszenierung von Bertolt Brechts Baal sein Regiedebüt feierte, setzt seine Karriere – mit Hilfe von Regieassistenz von Carla Schmutter – mit einem sicherlich gefälligeren, aber dafür – passend zu den wärmeren Tagen – wesentlich kurzweiligeren Stück fort. Die Inszenierung hält sich – soweit ich dies mit meiner geringen Kenntnis des Films beurteilen kann – relativ eng an Hitchcocks Vorlage. Dass das Geschlecht einiger Charaktere geändert wurde ist dabei völlig unproblematisch. Äußerst stimmungsvoll und passend zum philosophischen Gedanken wird das Stück von einigen Zeilen aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ eingerahmt. Dadurch, dass jeder Zuschauer auf einem Zettel ankreuzen kann, wen er für die/ den Schuldige/n hält, wird zudem bewusst dazu eingeladen, bewusst über das Stück nachzudenken, dass – trotzt des Unterhaltungscharakters – einen bereichernden Raum zu Diskussion lässt. Auch darüber hinaus runden dezente Anspielungen und die Details des Bühnenbilds den Gesamteindruck des Stücks gelungen ab und hinterlassen einen Eindruck, der Sebastians aus „Baal“ bekannte Handschrift durchaus erkennen lassen. Wir können bereits jetzt darauf gespannt sein, was uns Spiel.Sucht in der Zukunft bescheren wird, sie haben sich auf jeden Fall ihren Platz in der bunten Theaterlandschaft unserer Universität mehr als verdient.

Der Cast: v.l. obere Reihe: Carla Schmutter (Mrs. Wilson), Hannah Direktor (Brandy Shaw), Robert Hickmann (Prof. Dr. Rupert Cadell), Anné Murrer (Philadelphia Morgan).
Untere Reihe: Zoe Thurau (Anita Atwater), Sevinc Sahin (Janet Walker), Jakob Teterycz (Kenneth Lawrence/ David Kentley), Sophia Heckmann (Dr. Ellis Kentley) – Bilder: Kai Augustin

Wer sich also am Abend für anderthalb Stunden unterhalten lassen möchte und einen Sinn für den morbiden Humor des Großmeisters der Suspense hat sollte sich Cocktail für eine Leiche auf keinen Fall entgehen lassen. Aufführungen finden noch am Donnerstag 05.06, Freitag 06.06 und am Samstag 06.07 statt. Karten kosten 7€ an der Abendkasse und sind für jeden Abend noch erhältlich.

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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