„Jesus I am overjoyed to meet you face to face“ – „Jesus Christ Superstar“ am Landestheater Niederbayern

Eine kleine Einführung, die der eilige Leser gerne überspringen kann:

Wenn man selbst – wenn auch nur als Statist – in eine Theaterproduktion eingebunden ist, ist man bereits nach wenigen Proben überzeugt, die Abläufe des Stücks auswendig zu kennen. Man glaubt genau zu wissen, wie alles ineinandergreift und wie alles auf den Zuschauer wirken muss. Falsch gedacht! Selbst nach 11 Musiktheater-Produktionen, die ich am Landestheater Niederbayern hinter den Kulissen miterleben durfte, bin ich doch immer wieder überrascht von der Verschiebung des Blickwinkels zwischen Zuschauerraum und Bühne: Sobald man die paar Stufen zum Parkett hinab- oder zum Rang hinaufgestiegen ist und das was da auf der Bühne abläuft aus der Perspektive des Zuschauers sieht, ergibt sich ein Gesamtbild, das man als Soldat, Pirat (everything is better with pirates!) oder Diener auf der Bühne kaum einschätzen kann. Es handelt sich wohl um das, was man gemeinhin als „Theaterzauber“ oder nüchterner als „Bühnenillusion“ bezeichnet. Nichtsdestotrotz will ich hier versuchen, aus meiner Perspektive (eben der eines Soldaten, Piraten oder Dieners auf der Bühne) einen Eindruck von Produktionen zu vermitteln, an denen ich mitwirke. Vielleicht hilft dieser Eindruck, sich zu vergewissern ob es das Theaterticket denn wert sein würde – Zum Glück ist es das meistens!

– Ende der Einführung –

 

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Der „Superstar“ Jesus Christus (Andreas Schneider) inmitten seiner Fans – Foto: Peter Litvai

Der Heiland besucht Passau (Landshut und Straubing).

Nein Spaß beiseite: Bis zum 13.04 hat man die Möglichkeit, die erfolgreiche Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“ (Uraufführung 1971) auf der Bühne des Stadttheaters Passau zu erleben, die Andrew Lloyd Webber (Musik) und Tim Rice (Buch) zu nachhaltiger Popularität verhalf. Die Regie führte Stefan Tilch, Intendant des Landestheaters Niederbayern.

Von Intrige, Macht und Verrat – Die Handlung des Stücks

Was sich hier auf den ersten Blick liest wie eine Kurzzusammenfassung der HBO-Serie „Game of Thrones“  passt auch sehr gut auf diese Adaption einer biblischen Geschichte. Doch selbst wenn man mit religiösen bzw. christlichen Themen nicht viel am Hut hat, bietet das rockige Musical eine interessante Adaption der letzten sieben Tage des Sohns Gottes: Jesus Christus steigt der Ruhm als Erlöser immer mehr zu Kopf. Angesichts der Verehrung durch die Massen, die ihn zum „Superstar“ erheben, verliert er seine eigentlichen Ziele zunehmend aus dem Blick. So zumindest sieht das sein „right hand man“ Judas, der sich ein Ende des Starruhms und des exzessiven Kultes um seinen Freund und eine Rückkehr zur ursprünglichen Mission wünscht: „And all the good you’ve done/ Will soon get swept away/ You’ve begun to matter more/ Than the things you say.“

Zudem missbilligt er die Beziehung zu der Prosituierten Maria Magdalena, bei der Jesus Zuflucht sucht. Denn obwohl er seine Popularität anfangs zu genießen scheint, bricht er bald nahezu unter der Last der enormen Ansprüche zusammen, die seine „Fans“ und Verehrer an ihn stellen: Er soll ihre Wunden heilen, sie von ihrem Unglück erlösen und sie am besten auch noch alle vom Joch der Unterdrückung durch die Römer und die machtbesessenen jüdischen Hohepriester befreien. Letztere beobachten den Aufstieg des neuen „Superstars“ nicht ohne Furcht und Ärger. Eine Veränderung im religiösen Gefüge, ein neuer „König der Juden“, könnte sie Stellung und Einfluss kosten. Judas befürchtet nicht grundlos, dass die Situation bald in Gewalt eskalieren könnte und trifft einen folgenschweren Entschluss: Er verrät seinen ehemaligen Gefährten an die Hohepriester und versinkt angesichts dieser Kurzschlusshandlung fast unmittelbar in verzweifelte Schuldgefühle. Die Konsequenzen von Judas Verrat dürften bekannt sein: Der Verräter begeht letztlich Selbstmord, Jesus Starruhm verfliegt so schnell wie er gekommen ist und weicht dem Hass seiner ehemaligen Fans, denen er – in ihren Augen – nicht gerecht werden konnte. Selbst seine Jünger scheren sich letztlich nicht mehr um ihn und sind nur an ihrem eigenen späteren Ruhm interessiert: „When we retire we can write the gospels/So they’ll still talk about us when we’ve died.“

Letztlich endet Jesus am Kreuz, ein Urteil, dem Pontius Pilatus widerwillig unter dem Druck der Massen nachgeben muss: „I wash my hands of your demolition/ Die if you want to, you innocent puppet.“ Mit der Kreuzigung und einem leise ausgestoßenen „father into your hands I command my spirit“ endet die Leidensgeschichte Jesu, was danach kommt und wie es vielleicht auf einer metaphysischen Ebene weitergeht wissen wir nicht, zumindest geben uns weder Rice noch Webber eine Antwort darauf.

 

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„Bloodmoney“ – Judas (Tobias Ulrich) und Hohepriester Kaiphas (Szymon Chojnacki) – Foto: Peter Litvai

„I’m sure that you can rock the cynics if you try“ – Gelungene Performance und rockiger Sound

Nicht nur durch aktualisierte Sprache befreit „Jesus Christ Superstar“ die biblische Geschichte vom Staub der Jahrhunderte. Jesus Christus ist weniger ein religiös überhöhter Heiland, sondern ein Mensch, der mit den Problemen kämpft, die das plötzliche Star-Dasein mit sich bringt. Ein Mensch, der zwar alles andere als „schlecht“ ist, aber doch Fehler und Schwächen hat. Andreas Schneider verkörpert die Titelrolle im Wechsel mit Jeffrey Nardone. Während Nardone – ausgebildeter Tenor und eigentlich Opernsänger – mit kraftvoller und tiefer Stimme aufwartet, sanft an der einen Stelle sein Leid klagt und an der anderen Stelle aufbrausend seine Ziele verfolgt, schlägt Schneider deutlich rockigere Töne an. Damit bewegt er sich zwar sehr nahe an der ersten Aufnahme des Musicals mit Deep-Purple Sänger Ian Gillan, dennoch scheint der dunkel-gefärbte Tenor Nardones an dieser Stelle passender, da er einen deutlichen Kontrast zu Tobias Ulrichs Judas-Darstellung darstellt. Dies ist allerdings eine Sache des persönlichen Geschmacks: Beide Sänger machen ihre Sache letztlich ausgezeichnet. Ulrich – ebenfalls sehr rockig und eher hoch im Gesang – verkörpert glaubhaft den zerrissenen Charakter des 12. Apostels, auch wenn sein Spiel ab und an ein wenig manieriert wirkt.

Besonders hervorzuheben und mein persönlicher Favorit ist Peter Tilch, der die komplexe Figur des Pontius Pilatus mit Bravour meistert. Obgleich aufbrausend und autoritär sperrt sich Pilatus zunächst gegen die Kreuzigung Jesu – er hatte einen Traum, der ihm verhieß Jesus nicht hinzurichten. Getrieben von der Masse und vor allem in Angst um sein Amt und seine Autorität muss er schließlich vor dem Mob klein beigeben und Jesus kreuzigen lassen. Tilch schwankt zwischen leiser Verwirrung, Verzweiflung und Wutanfällen und gibt dabei alle Stimmungslagen, sei es durch leisen Bariton oder durch fast gekreischte schrille Partien sehr glaubhaft und mitreißend wieder. Auch der Rest des Ensembles leistet einen sehr gelungenen gesanglichen Beitrag: Nadine Germann als sanfte Maria Magdalena, voller Zweifel über ihre Liebe zu Jesus, bildet einen Ruhepol in dem ansonsten sehr schnellen und kurzweiligen Stück. Szymon Chojnacki (Kaiphas) und Mathew Habib (Annas) schaffen als finstere jüdische Hohepriester eine angemessen bedrohliche Atmosphäre, und auch Oscar Imhoff liefert als tanzender Herodes inmitten seiner Showgirls und -boys, eine Revue-Nummer ab, die wohl die schmissigste des gesamten Stücks ist. Den Eindruck eines modernen und zeitgemäßen Werkes unterstreichen auch die eingängigen Melodien, die häufig weniger an Musical- sondern eher an Rock-Songs erinnern. Auch wenn der Sound im Parkett, selbst für einen erfahrenen Metal-Konzert-Besucher wie mich, manchmal fast zu laut ist und an manchen Stellen nicht komplett akkurat erscheint, spielt die Band um General-Musikdirektor Basil Coleman am Piano das Musical doch im Großen und Ganzen sehr mitreißend ein.

 

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Jesus Christus (Andreas Schneider) nebst der Apostel beim letzten Abendmal – Foto: Peter Litvai

Ein Abendmahl wie von Da Vinci – Bühnenbild und Kostüm

Das Bühnenbild von Karlheinz Beer setzt auf großflächige Kontraste. Absenkbare Wände passen die Bühne an die Szenen an und eine aufsteigende Treppe erzeugt einen Eindruck von Tiefe, der der Passauer Bühne, die sicherlich keine sehr große ist, nur zugutekommt. Durch das eher schlichte Bühnenbild ist es möglich, die Charaktere in aller Breite in Szene zu setzen – damit fügt es sich perfekt in den Gesamteindruck eines Stückes ein, dass ja gerade die Affekte und Sorgen der Handelnden in den Mittelpunkt stellt.

Die Kostüme von Dorothee Schumacher bilden eine unaufdringliche und gelungene Mischung aus Alt und Neu. So trägt Herodes Lorbeerkranz und Toga, die Priester schwarze altertümliche Gewänder und Hüte, während die Händler im Tempel an moderne Geschäftsmänner und Pilatus, in einem purpurfarbenen Anzug mit Schärpe, an einen modernen Despoten oder Diktator erinnert.

 

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„Father, into your hands I commend my spirit“ – Jesus (Jeffrey Nardone) am Kreuz – Foto: Peter Litvai

„Keine Götter und Könige, nur Menschen“ – Resümee

Zusammenfassend kann man sagen, dass Tilchs Inszenierung des Rock-Oper-Klassikers sicherlich gelungen ist, nicht nur reißen die packend gespielten Songs mit und bleiben lange im Ohr (- seit Wochen singe ich Herod’s Song vor mich hin), auch hat man das Gefühl aus dem Stück etwas mitzunehmen: Nachhaltig regt das Drama um menschliche Verfehlungen, Machthunger und Massenhysterie zum Nachdenken an. Nicht nur, weil man einen neuen Blickwinkel auf eine Geschichte gewinnt, die man eigentlich zu kennen glaubte. Ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu erheben, den man in Verbindung mit der Bibel doch in der Regel erwartet, wirft Tim Rice einen sehr überzeugenden Blick auf die Fehlbarkeit des Menschen. Es wird klar, dass es so etwas wie absolute Perfektion nicht gibt. Auch Jesus Christus – in Webbers und Rices Werk der Archetyp des Prominenten – ist letztlich „nur“ ein Mensch, der lieber weiterleben würde, als die Rolle des Erlösers und Märtyrers einzunehmen. Als „Superstar“ wird er jedoch zum Spielball der Massen, die von ihm eine totale Aufopferung für seine Fans erwarten. Alles in allem ist „Jesus Christ Superstar“ also auf jeden Fall einen Besuch (und eine anschließende Diskussion bei einem Bier) wert: Aber Beeilung, wer weiß wie lange es noch Restkarten gibt.

Einen ersten Eindruck kann man hier im Video auf dem YouTube-Kanal des Landestheaters gewinnen:

 

Weitere Informationen auf der Seite des Landestheaters unter: http://www.landestheater-niederbayern.de/events/182

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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