Kickstarter: Fluch oder Segen für den Brettspielmarkt?

Kickstarter dürfte mittlerweile jedem ein Begriff sein. Was als Plattform für ambitionierte Garagenbastler oder Hilfsorganisationen anfing, ist mittlerweile eine Standard-Plattform für jeden Entwickler. Ob Möbel, Musik-Alben oder eben Brettspiele, viele Firmen benutzen Kickstarter permanent für ihr neues Projekt. Doch ist das wirklich gut?

Bei erster Betrachtung ist Kickstarter ein reiner Segen für jeden Brettspiel-Macher und -Liebhaber. Ohne dieses Tool wäre zum Beispiel das geniale „Exploding Kittens“ nie auf den Markt gekommen. Die dahintersteckenden Entwickler hatten zwar alle Berufserfahrung (Marvel-Designer zum Beispiel), aber nicht genug Geld, um eine eigene Firma zu gründen, geschweige denn, um sich großes Marketing für ein neues Produkt leisten zu können. Hier ist Kickstarter ein purer Segen. Man stellt seine Idee dar und jeder, der diese Idee verwirklicht haben will, gibt etwas Geld ab und bekommt dann im Gegenzug, je nach Ausgaben aka „Pledgelevel“, ein Dankeschön, meistens eine Kopie des Spiels mit fancy Bonus. 

Hier sollten allerdings schon die ersten Warnglocken läuten: Früher bekam man tatsächlich einfach nur ein Dankeschön für seine Unterstützung. Als ich damals den zweiten Teil von Iron Sky mitgekickstartet (tolles Wort) habe, gab es für meine 10 Euro „nur“ einen Digital Download des ersten Films. Aber das war mir egal, es ging ja darum, das Projekt mit zu ermöglichen. Mittlerweile ist Kickstarter aber einfach nur eine dubiose Art des Preoderns, eine Praxis, die jedem PC-Spieler die Haare zu Berge stehen lassen sollte. Allerdings ist es hier wohl noch schlimmer.

Zunächst einmal ist es von keiner Seite her garantiert, dass ich, wenn ich bei Kickstarter ein Brettspiel mit 100€ unterstütze, dann auch nur einen einzigen Würfel erhalte, auch wenn mir laut Kickstarterseite das komplette Brettspiel zugesichert ist. Dies liegt an der Grundidee von Kickstarter: Der Ersteller des Kickstarters legt zu Beginn der Kampagne einen Geldwert fest. Bei Brettspielen liegt dieser erfahrungsgemäß immer zwischen 10.000€ für kleine einfache Spiele (Exploding Kittens) und 50.000€ für die großen aufwendigen Spiele (Rebellion, Dark Souls). Diese Summe muss erreicht werden. Bekommt die Kampagne insgesamt nicht mindestens diese Summe durch Unterstützer (sogenannte Backer) zusammen, bekommt jeder sein komplettes Geld zurück. Soweit, so gut. Wird dieser Wert nun erreicht, ist die Firma hinter dem Projekt nun verpflichtet, mit diesem Geld zu versuchen, das Projekt zu verwirklichen. Das Schlüsselwort hier ist versuchen. Haben sie sich überschätzt, kommen unerwartete Kosten auf oder geht sonst etwas schief (das Auslaufen von Lizenzen ist z.B. ein häufiges Problem), bekommt der Backer gar nichts und hat keine Möglichkeit, sein Geld einzuklagen oder ähnliches.

Noch schlimmer wirkt sich Kickstarter aber auf den Einzelhändler aus. Nicht nur, dass Kickstarter offensichtlich den Weg über den Einzelhändler umgeht, da die Produkte dann direkt an den Kunden geliefert werden. Auch der spätere Verkauf dieser Spiele wird für die Läden verkompliziert. Dies liegt an den so genanten Stretchgoals und dem Zwang, Hype zu erzeugen. Stretchgoals sind Zwischenziele, die der Produzent des Spiels ab einer gewissen erreichten Gesamtmenge an Geld zusätzlich anbietet. Dazu ist er aufgrund von Werbung und Erzeugung von Hype mehr oder weniger gezwungen. Je mehr Stretchgoals, desto lohnenswerter ist es, relativ viel Geld in einen Kickstarter zu stecken, da man meist zwischen einer „normalen“ Edition und einer mit allen Boni wählen kann, auch hier wieder ähnlich wie bei PC-Spielen.

Mindestpledge für Lords of Hellas

Dies führt dazu, dass sich Läden zwischen zwei problematischen Optionen entscheiden müssen. Sollte das Spiel auch später außerhalb von Kickstarter verfügbar sein, können sie sich entweder die normale Edition mit den Erweiterungen einzeln dazu oder gleich die Komplettedition ins Regal stellen. Nun haben Erweiterungen vor allem bei Brettspielen das Problem, dass nicht jeder sie kaufen will. Stellt man das Spiel und die Erweiterung jeweils dreimal zur Verfügung, kann es sehr gut sein, dass die Erweiterung nur einmal verkauft wird. Die andere Variante ist dann wieder so teuer, dass Kunden abgeschreckt werden könnten. Zusätzlich muss mittlerweile jedes Brettspiel, das auf Kickstarter online geht, sich irgendwie von der immer größer werdenden Masse absetzen, was durch immer aufwendigere Figuren, Designs und aufwendige Spielkomponenten erreicht wird. Diese Komponenten erhöhen den Preis eines Brettspiels neben den Stretchgoals noch weiter, so dass man am Ende zwar ein ultrafancy Produkt kaufen könnte, dies aber nicht möglich ist, da das Ganze viel zu aufgeblasen und teuer geworden ist. 

Der All-in Pledge mit diversen Erweiterungen

Am allerironischsten finde ich aber, dass durch diese ganzen Praxen die kleinen Spieleentwickler, die einfach nur eine Idee haben und diese umsetzen wollen, vollkommen im Hype um das neue große Ding untergehen. Große Firmen wie CoolMiniOrNot stellen gefühlt jeden zweite Monat ein riesiges Projekt auf Kickstarter. Dadurch, dass diese Firma bereits bekannt und reich ist, verdrängt deren Werbung und ihre groß angepriesenen Stretchgoals mit metergroßen (zugegebenermaßen megacoolen) Spielkomponenten die kleinen unbekannten Leute komplett von der Plattform. 

Was lernen wir also daraus: Vielleicht doch noch das eine oder andere Spiel beim lokalen Händler kaufen oder, wenn es unbedingt Kickstarter sein muss, genügt vielleicht doch die Standardedition. Würden mehr Leute diese kaufen, würde sich vielleicht nicht jede Firma gezwungen fühlen, diverse Stretchcodes anzubieten.

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

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