Macbeth: Aber wer hätte gedacht, dass der alte Mann noch so viel Blut in sich hätte?

Wer nach Sherlock immer noch Bock auf Theater hat, kann beruhigt aufatmen: unsere Kollegen von Spielsucht führen noch dreimal ihr Stück Macbeth auf.

ACHTUNG: Da ich davon ausgehe, dass man die Handlung von Macbeth kennt, ist dieser Artikel nicht spoilerfrei.

 

 

Da Macbeth zu meinen Lieblingsstücken gehört, war ich sehr gespannt, was meine Kollegen von Spielsucht aus diesem Werk machen. Dadurch, dass wir gemeinsam geprobt haben, habe ich schon einige Details mitbekommen, die meine Erwartungen weit nach oben geschraubt haben. Die sehr auffälligen Plakate taten ihr Übriges. Wer nun aber mit einem Bühnenbild rechnet, das ähnlich aufwändig wie die Plakate gestaltet wurde,  wird enttäuscht werden.  Drei schwarze Vorhänge, drei schwarze einzelne Bühnenteile in der Mitte des Raumes… das war’s. Nur zwei Banner der Familie Macbeth brechen das Schwarz. Und ich muss zugeben, das Ganze gefällt mir sehr.  Ich selbst bin immer ein Freund von viel und pompöser Kulisse, aber diese Schlichtheit erzeugt eine Atmosphäre, die das Wichtigste dieses Stückes sehr gut unterstützt: das Schauspiel.  Und das ist einfach genial. Nicht erst, wenn  Uli Gschwendtner  als Macbeth die Bühne betritt, hängt der ganze Saal an den Lippen der Schauspieler,  denn bereits Selina Retzer als Banquo schafft es, das Publikum in einen Zustand des gespannten Zuhörens zu versetzen, den an der Uni für gewöhnlich nur die Worte: „Und nun wichtige Informationen zur Klausur“ auslösen. Etwas schade ist hierbei nur, dass aufgrund der vorher angesprochenen minimalen Bühne die Sicht doch etwas leidet, ich würde euch von daher dringend die erste Reihe empfehlen.  Nicht nur um der besseren Sicht willen, sondern auch, weil man dort die Chance bekommt, direkt mit den Schauspielern zu interagieren. Vor allem Macbeth und dessen später auftretende Gattin Lady Macbeth, dargestellt von Sophia Heckmann, brechen immer wieder die vierte Wand, zerren Zuschauer von ihren Plätzen oder stellen ihnen die Fragen, die sie so quälen, direkt ins Gesicht. Dies geschieht meiner Meinung nach aber dann doch etwas zu oft. Während es die ersten Mal noch äußerst intensiv wirkt, flaut diese Wirkung ab und wenn Macbeth zum vierten Mal eine Person ins Gesicht fasst, wirkt es doch eher lustig als dramatisch.

Allgemein wurden einige Passagen des Stückes humorvoll inszeniert. Während Mordszenen läuft ein Far Cry-Song, zwischendurch wird sich fröhlich betrunken und ein paar Sexwitze dürfen bei Shakespeare (und Spielsucht) sowieso nicht fehlen. Ob dies das ganze Stück nun auflockert und angenehmer zu beobachten macht, oder ob es der so genial aufgebauten Atmosphäre ein paar Kratzer verpasst, hängt vom Geschmack ab. Fakt ist wohl, dass das Feeling und das Schauspiel alleine stark genug sind, die Zuschauenden durchs Stück zu tragen.  Daher stört es überhaupt nicht, dass die Kostüme eher schlicht und modern gehalten sind. Es ist nicht wichtig, ob Malcoms Anzugschuhe perfekt zu seiner Hose passen, wichtig ist, wer die Krone auf dem Kopf trägt. Andere mögen, was ebenfalls legitim ist, die Kostüme vielleicht als zu modern oder unharmonisch empfinden, ich bin aber nicht dieser Meinung.  Viel wichtiger als die Kostüme ist in diesem Stück die Handlung. Und diese wird quasi ausschließlich durch Sprache vorangetragen. Wer auf großen Requisiteneinsatz, sich verändernde Bühnenbilder und andere Theaterspielereien hofft, wartet hier größtenteils vergeblich.

Und das ist auch gar nicht nötig. Die Schauspielenden tragen ihre Monologe und Gespräche so authentisch und intensiv vor, dass alles andere unnötig wird. Wie viel Fokus hier auf Sprache gelegt wird, zeigt die Tatsache, dass der meiner Meinung nach geniale Originaltext nicht groß verändert wurde, sondern ganz im Gegenteil von den Hexen sogar auf Englisch aus dem Original übernommen wurde. Dieser Fokus auf Sprache hat aber leider manchmal zur Folge, dass ein paar kleine Feinheiten des Plots nicht komplett verständlich sind. Oft wird einem erst im Laufe einer Szene klar, wo genau sich die Protagonisten nun befinden oder was exakt sie gerade antreibt. Dennoch ist der Kern des Stücks – Macbeths Furcht, seinen durch Mord erworbenen Thron wieder zu verlieren –  stets präsent, sodass man der Handlung immer folgen kann. Manchmal wird die Furcht subtiler ausgedrückt, zu anderen Zeitpunkten steht die nahende Bedrohung buchstäblich im Raum. Auch das viele Morden kann der Zuschauer selbst in den ruhigen Momenten, die Sophia Heckmann im Zusammenspiel mit Uli Gschwendtner liefert, nicht vergessen werden. Zu präsent ist das (Kunst)Blut. Am Ende des Stückes trieft nicht nur Macbeth vor Blut, sondern auch der Boden ist damit besudelt. So wird im Laufe des Stückes die reine, schlichte Bühne immer stärker zerrüttet, mit Blut beschmutzt und verfällt immer weiter, wie es auch mit dem Geist von Macbeth und seiner Frau geschieht.  Aber nicht nur auf diese beiden Schauspielenden sollte der Fokus gelegt werden. Der Cast, bestehend aus 10 Personen, kann auch ohne die Macbeths Geniales abliefern. Als Macduff (Valentin Brückner) vom Tod seiner Familie erfährt, ist die Spannung und das Mitleid im Zuschauerraum direkt greifbar. Der einzige, dem dieses Schicksal sichtlich egal ist, ist der leicht widerliche Malcolm (Oscar Blancke), der wie Macbeth den Thron Schottland über alles andere stellt. Und die drei Hexen (Sophia Heckmann, Cornelia Heckel und Anne Horn) würden es auch ohne Zaubersprüche schaffen, uns alle in ihren Bann zu ziehen.  Leider muss hier noch kurz angemerkt werden, dass die Doppelbesetzung mancher Schauspielende gepaart mit den schlichten Kostümen doch ein- oder zweimal dazu führt, dass man sich als Zuschauender nicht sofort sicher ist, wer diese Figur nun ist. Aber spätestens, wenn das Blut wieder in Strömen fließt (inklusive einem Bühnenkampf mit echten Schwertern), hat man dieses kleine Problem wieder vergessen.

Allen in allem hat Sebastian Meier hier ein Theaterstück auf die Beine gestellt, das zwar nicht mit leichter Unterhaltung dienen kann, aber dafür Faszination und Spannung auf meisterliche Weise erzeugt. Und das ist für mich der Kern des Theaters. Die Gänsehaut-Momente, die in diesem Werk sowohl durch Wut als auch durch Wahnsinn und durch die pure Intensität des Schauspiels ausgelöst werden, sind besser als jeder Drogenrausch.

Macbeth wird noch vom 7. bis zum 9. Februar im ITZ gezeigt.

 

 

Andreas

Andreas

Andi einen Text über sich selbst schreiben zu lassen, ist vermutlich nicht die beste Idee. Er würde nämlich nur erwähnen, wie toll, gutaussehend, schlau, höflich, verlässlich, kinderlieb und bescheiden er ist. Ist Andi nicht mit dem Schreiben von Texten, die nur er wirklich witzig findet, beschäftigt, geht er vermutlich einem seiner diversen Nerdhobbys nach: Entweder schiebt er kleine, selbstbemalte Zinnfiguren hin und her, beschäftigt sich mit vollkommen überteuerten Papprechtecken, auch bekannt als Magic, oder spielt absurd lange Brettspiele.

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