Mit dem Dobok ins Dojang – Meine Leidenschaft für Taekwondo

„Hiaaaa!“ Mit einem lauten Kampfschrei ziele ich auf das 2 cm dicke Brett. Ich trete kontrolliert, aber mit voller Kraft und es bricht genau in der Mitte in zwei Hälften. Bestanden notiert sich der Prüfer in der Kategorie Bruchtest. So wird hoffentlich in wenigen Wochen meine Gürtelprüfung ablaufen. Warum ich Taekwondo angefangen habe und was man da sonst noch macht, außer Bretter zu Brennholz verarbeiten, erfahrt ihr hier.

Wie fast jede asiatische Kampfsportart hat Taekwondo eine lange Geschichte und eine umfangreiche Philosophie. Der Sport kommt ursprünglich aus Südkorea und entstand dort bereits vor vielen Jahrhunderten. Es ist die Lehre von Fußtechniken (tae) wie Tritten und Sprüngen, Handtechniken (kwon) wie Blöcken und Schlägen, sowie dem geistigen Weg eines Kämpfers (do). Sie dient in erster Linie der Selbstverteidigung und Erhaltung oder Steigerung der körperlichen Fitness, aber auch der Persönlichkeitsbildung. Seit ich 2012 angefangen habe, hat sich mein Leben dadurch sehr positiv verändert. Ich bin nicht nur viel sportlicher, gelenkiger und selbstbewusster geworden, ich habe eine richtige Leidenschaft entwickelt und möchte am liebsten mein ganzes Umfeld damit anstecken. Kostprobe gefällig? Hier zeigen die Profis von Kukkiwon ihr Können:

 

Als Anfänger bekommt man zunächst das Basiswissen vermittelt. Jeder Taekwondoin trägt einen weißen Anzug, bestehend aus Hose, Oberteil und Gürtel, der Dobok/Tobok genannt wird. Trainiert wird fast immer barfuß. Man muss sich ziemlich viel verbeugen, was sich erst mal merkwürdig anfühlt. Die Verbeugung ist ein Zeichen von Respekt und Höflichkeit – typisch für Korea. Man macht sie zum Beispiel beim Betreten und Verlassen des Trainingsraumes (Dojang), zu Beginn des Trainings und vor jeder Übung. Sie dient auch der Konzentration. Die Gürtelfarbe gibt den Fortschrittsgrad des Schülers an. Das sind die Farben aufsteigend sortiert: weiß; weiß-gelb; gelb; gelb-grün; grün; grün-blau; blau; blau-rot; rot; rot-schwarz; schwarz. Einige Vereine ersetzen rot durch braun, die Bedeutung ist aber die gleiche. Entsprechend dieser Hierarchie erfolgt eine Aufstellung in der Halle. Die hohen Gürtel stehen vorne, die niedrigeren hinten, sodass sie bei den Übungen abschauen können. Die Kommandos werden auf Koreanisch gegeben, aber auch daran gewöhnt man sich.

Das erste Inhaltliche, das ich gelernt habe, war übrigens kein cooler Tritt, sondern das Notwehrrecht. Die Belehrung, das alles, was ich im Training lerne, niemals in der Realität angewendet werden darf, außer ich oder eine dritte Person sind in unmittelbarer Gefahr. Rücksicht bei Partnerübungen versteht sich von selbst, um Verletzungen zu vermeiden. Tatsächlich ist das Verletzungsrisiko im Taekwondo viel niedriger als beispielsweise beim Fußball oder Volleyball. Trotzdem habe ich es bei meiner allerersten Trainingsstunde geschafft mir den Zeh aufzukratzen und den schneeweißen Anzug meiner Trainerin mit Blut zu beschmieren… hoppla!

Das sind meine Freundin Lisa und ich bei unserer ersten Prüfung.

Aber was genau macht und lernt man da jetzt? Es gibt verschiedene Disziplinen in denen man trainiert und die bei den Gürtelprüfungen abgenommen werden.

Grundschule
Absolute Basics. Hier erlernt man die korrekte Ausführung von Techniken, die man in allen anderen Bereichen braucht. Dazu gehören Blöcke gegen Faustangriffe oder Tritte, Handkantenschläge, Angriffe mit der Faust oder dem Ellenbogen und natürlich eine Menge Tritte! Taekwondo hat seine Stärke definitiv in den Kicks. Die gibt es gesprungen, gedreht und auf Kopfhöhe. Zunächst führt man sie aber ganz gemütlich auf Brusthöhe aus und lernt, wie man sein Standbein ausdrehen muss, damit man sich nicht selbst blockiert und möglichst hoch treten kann. In der Praxis sieht das so aus: alle stehen nach Gürtelgraden sortiert in ordentlichen Reihen in der Halle. Der Trainer steht vorn, zeigt und erklärt eine Technik und gibt dann Kommandos. Meistens sind das „hana“ (eins) und „dul“ (zwei). Die Sportler laufen ihre Bahnen und üben für sich. Gerade am Anfang ist es wichtig, die Bewegungsabläufe zu verstehen. Beispielsweise beansprucht jede Handtechnik immer beide Arme. Ein Arm greift an, während der anderen beim Ausholen „zieht“, also eine Gegenbewegung ausführt, die mehr Kraft erzeugt. Bei den Tritten ist es wichtig zu wissen mit welchem Teil des Fußes getroffen wird (Spann, Ferse, Fußballen), um sich später nicht zu verletzen. Nicht unerheblich ist auch die richtige Stellung. Manchmal ist es vorteilhaft das Gewicht auf dem hinteren Bein zu haben, manchmal nicht. Hat man die Grundtechniken drauf, geht es weiter zum…

Formenlauf
Hier werden die Techniken zu einer Art Choreographie zusammengesetzt. Es gibt insgesamt 17 Formen (Poomsae), 8 davon sind Schülerformen. Sie sind eine feste Abfolge von Tritten, Schlägen, Drehungen und Konzentrationsübungen, die weltweit identisch sind und auswendig gelernt werden. Ausgehend von einem Startpunkt, der auch Endpunkt ist, „besiegt“ man 4 imaginäre Gegner, die vor, hinter und neben einem stehen. Man könnte auch sagen es handelt sich um Schattenboxen. Entsprechend der Philosophie haben die Formen selbstverständlich Namen, ein zugeordnetes Symbol und eine Bedeutung. Beispiel: die erste Form heißt Taeguk Il-Chang, bedeutet „Himmel“ und steht für die Schöpfung oder den Anfang. Im Formenlauf werden auch Wettkämpfe ausgetragen. Es kommt unter anderem darauf an die Techniken kraftvoll zu zeigen, aber nicht roboterhaft zu verkrampfen, sondern locker zu bleiben. Wichtig sind natürlich auch der korrekte Ablauf, sowie exakte Schrittlänge/Trefferhöhe/Ausholbewegung und ein lauter Kampfschrei an der richtigen Stelle. Hier ein Beispiel:

Was man in der Form auswendig kann, lässt sich leider nur eingeschränkt im realen Leben anwenden. Daher gibt es…

Selbstverteidigung
Damit man sich im Falle eines Angriffs mit Taekwondo auch wirklich wehren kann, gibt es die Disziplin der realistischen Selbstverteidigung. Man beginnt mit einfachen Übungen wie dem Befreien aus einer Umklammerung des Handgelenks, und arbeitet sich über die Befreiung aus Würgegriffen am Boden bis zur Abwehr von Angriffen mit Stock und Messer. Es geht hier nicht um besonders ausgefallene Techniken, sondern um die schnelle und effektive Ausschaltung eines Angreifers. Sein Knie in den Schritt des Gegners zu rammen ist also okay (natürlich nicht im Training). Ich habe gelernt, dass man zunächst versuchen sollte deeskalierend zu wirken, aber im Zweifelsfall Kampfbereitschaft zeigen muss. Also, den Gegner anschreien, ihn schocken (z.B. kräftig auf den Fuß treten) und ihn so aus dem Konzept bringen. Dann kann man die erlernten Hebel- und Wurftechniken am besten anwenden. Um sich effektiv zu verteidigen, lernt man auch die Anatomie des Menschen besser kennen. Welche Körperteile sind besonders schmerzempfindlich? Wie kann ich ein Gelenk überstrecken oder überdrehen, um den Gegner bewegungsunfähig zu machen? Wie bringe ich den Gegner zu Fall und halte ihn am Boden? Aber nie vergessen: All dieses Wissen darf nur im Notfall und zur Verteidigung gebraucht werden.

Wettkampf
Das ist die olympische Disziplin des Taekwondo. Auf einer 12×12 Meter großen Kampffläche treten zwei Kämpfer der gleich Wettkampfklasse (Geschlecht, Gewicht, Alter) gegeneinander an. In drei Runden à zwei Minuten versuchen sie, so viele Punkte wie möglich zu erzielen. Trefferflächen sind die Schutzweste und der Kopf des Gegners, gesprungene oder gedrehte Treffer bringen einen Bonus. Bei großen Turnieren werden die Punkte elektronisch erfasst und nur gewertet, wenn mit einer gewissen Kraft getroffen wurde. Verboten sind Faustschläge zum Kopf, Tritte in den Rücken, Umklammern oder Festhalten und unsportliches Verhalten wie Schubsen oder Beleidigung. Zur eigenen Sicherheit ist die Schutzausrüstung recht umfangreich: Schutzweste, Kopfschutz, Zahnschutz, Unterarm- und Schienbeinschoner, Handschuhe, Tiefschutz und Fußschutz sind Pflicht. Meiner Erfahrung nach ist Wettkampf das Anstrengendste, was es im Taekwondo gibt. Man springt de facto die ganze Zeit unter höchster Anspannung und Konzentration vor seinem Gegner hin und her, versucht jeden Angriff vorherzusehen und wartet auf die kleine Lücke in der Verteidigung des anderen, um dann selbst anzugreifen.

 

1-Schritt-Kampf
Während in der Selbstverteidigung und im Wettkampf alles drunter und drüber geht, hat man beim 1-Schritt-Kampf die Gelegenheit seine Techniken schön zu präsentieren, denn es handelt sich um eine Art abgesprochenen Kampf. Man steht einem Partner gegenüber und greift abwechselnd an, beziehungsweise verteidigt. Dabei geht der Angreifer immer einen Schritt zurück und signalisiert durch Kampfschrei, dass er bereit ist. Sobald der Verteidiger den Kampfschrei erwidert, macht der Angreifer einen Schritt nach vorn und greift an. Der Verteidiger führt nun eine vorbereitete Kombination aus, wobei er den Angreifer niemals treffen darf, aber seine Techniken erst so knapp wie möglich vorm Partner stoppt. Es geht darum zu zeigen wie viel Kontrolle man über die Techniken hat. Am Ende jeder Kombination ist wieder ein Kampfschrei angebracht. 


Bruchtest

Um zu überprüfen, ob der Taekwondoin Kraft, Zielgenauigkeit und Abstandseinschätzung wirklich beherrscht, muss bei der Gürtelprüfung ab dem blauen Gürtel ein Bruchtest absolviert werden. Die Brettstärke richtet sich nach Alter, Geschlecht und Gewicht des Sportlers. Ich, als 21 Jahre alte Frau mit normalem Gewicht, bekomme ein 2 cm dickes Brett. Die Schwierigkeit des Bruchtests nimmt mit den Gürteln zu. Zur Schwarzgurtprüfung muss man 3 Bretter zertreten, 2 davon in Kombination, auch gesprungene Tritte sind möglich.

Theorie
Zu guter Letzt muss man sich auch die ganzen koreanischen Begriffe merken. Jeder Tritt, jeder Block, jeder Schlag, jede Stellung und jedes Kommando hat eine koranische Bezeichnung. Der Fersendrehschlag heißt zum Beispiel „pandedollyo“, der Fauststoß „momtong chirugi“. Man muss wissen, mit welchem Körperteil wohin gezielt wird und wie die Ausholbewegung geht. Der Notwehrparagraph und die Wettkampfregeln gehören ebenfalls zum theoretischen Wissen, genauso wie die philosophischen Hintergründe des Taekwondo.

Ansonsten zählt auch das Gesamtbild, das man vermittelt. Ein selbstbewusstes, sicheres Auftreten, faires Verhalten und ein gepflegtes Erscheinungsbild gehören zu einem guten Taekwondoin genauso dazu wie sauber ausgeführte Techniken.

Mir persönlich macht der Sport sehr viel Spaß, auch wenn es mir manchmal zu perfektionistisch ist und ich mir mehr Action wünsche. Ich denke, in einer echten Notsituation könnte ich angemessen reagieren und mich verteidigen, auch wenn ich hoffe, dass es nie soweit kommt. Vielleicht habe ich ja eines Tages den schwarzen Gürtel und einen Trainerschein. Dann kann ich mein Wissen und meine Begeisterung weitergeben.

Wer jetzt Lust hat auf ein Probetraining in Passau, kann hier vorbeischauen: http://www.taekwondo-passau.de/news

 

Anni Exner

Anni Exner

Die Anni kam für den Bachelor Kulturwirtschaft nach Passau - nur um dann zu merken, dass sie Wirtschaft langweilig findet. Jetzt studiert sie Staatswissenschaften und strebt eine Karriere als revolutionäre Politikerin an. Nebenbei spielt sie leidenschaftlich gern Theater, macht Kampfsport und unterhält ihr Umfeld mit dem "Anni-Faktor".

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