„Star Wars“, quo vadis? – Gedanken zur Zukunft einer weit entfernten Galaxie

Als die ersten Schriftzüge von StarWars: Episode VII über die Leinwand liefen, war ich bis aufs Äußerste angespannt. Schließlich war eines meiner absoluten Lieblings-Franchises in die Tentakel der Medienkrake Disney geraten. Aber was soll ich sagen: Ich mochte den Film und Episode VIII gefiel mir sogar noch besser. Selbst den Lückenfüller Rogue One fand ich ziemlich solide. Ich will an dieser Stelle nicht detailliert die zahlreichen Argumente für und gegen Inhalt, Struktur und Darstellungsweise der neuen Filme aufdröseln und gegeneinander abwägen. Es soll um etwas anderes gehen: Irgendwann 2017 wurde bestätigt, dass der neue Film der Star Wars-Anthology Filme, also derjenigen Streifen, die nicht zur Haupt-Storyline gehören, Solo: A Star Wars-Story sein würde. Ab diesem Punkt trat etwas ein, was mir lange Zeit undenkbar schien: Es war mir egal. Vollkommen. Absolut schnurzpiepe. Weder fieberte ich auf den Film hin, noch interessierten mich die Trailer. Letztlich ging ich eher aus Pflichtgefühl als aus Interesse ins Kino – so wie man sich die letzte Staffel einer zunehmend lahmen Serie anschaut, nur damit man alles „komplett“ hat. Auch die neuen „großen“ Filme erwarte ich nur mit mäßiger Neugier. Aber was heißt das nun? Habe ich mit Jedi-Rittern, Sith-Lords, Wookies und Schmugglern abgeschlossen? Lohnt es sich überhaupt noch mitzuverfolgen, was die Zukunft bringt? Mit dieser Frage, mit der medialen Zukunft der weit entfernten Galaxis, will ich mich hier in ein paar Zeilen auseinandersetzen. Vorweg: Dieser Artikel ist vor allem eine spontane Gedankensammlung und ein aktuelles Stimmungsbild. Erwartet also keine ausgearbeitete Analyse.

 

Spätestens nach dieser Einleitung ist es kein Geheimnis, dass Star Wars eines meiner absoluten Lieblings-Franchises ist. Ich liebe die beiden George Lucas-Trilogien, sowohl die alte als auch – trotz unleugbarer Schwächen – die neue. Die meiste Zeit in diesem Universum, habe ich aber nicht in den Filmen, sondern in unzähligen Stunden Pen&Paper-Rollenspiel verbracht, an die ich mich immer wieder gerne zurückerinnere und die mich dieser Welt sehr nahe gebracht haben. Für mich, der ich immer eher der Fantasy als der Science-Fiction zugeneigt war, bietet das epische „Weltraum-Märchen“ die perfekte Mischung aus Fantastischem und Futuristischem. Kurz: Ich hing lange Zeit mit Leib und Seele an diesem Franchise, vielleicht mehr als an jedem anderen.

Ich bin kein Star Wars-Dogmatiker. Mir ist absolut klar, dass auch die Episoden IV bis VI große Schwächen haben. Es gibt Logiklücken, die Charaktere sind nicht immer dreidimensional und die Handlung folgt einem sehr simplen Gut-Gegen-Böse-Schema. Letztlich ist Star Wars eine Art Märchen, das nie besondere Komplexität für sich beanspruchen konnte. Das hat mich aber nie gestört: Die Schauplätze waren fantasievoll, die Charaktere sympathisch, schillernd und faszinierend (wenn auch nicht immer alles zusammen) und ich fand die Menge abgefahrener Aliens immer klasse. Außerdem muss eine Story nicht unbedingt komplex sein, um Spaß zu machen (zumindest wenn sonst vieles stimmt).

Ich glaube die Antwort darauf, warum ich zunehmend die Begeisterung für das Franchise verliere ist nicht einmal besonders schwierig. Zunächst einmal: Die Frage ist, wie ich sie hier stelle, eigentlich falsch. Nach dem Han Solo-Film, habe ich sogar wieder besonders große Lust auf Star Wars. Ich denke darüber nach, endlich einmal ein paar Romane zu lesen (auch wenn sie nicht mehr „Kanon“ sind), ich muss endlich mal die Clone Wars-Serie anfangen und möchte auf jeden Fall – lieber früher als später – wieder in eine Star Wars-Pen&Paper-Runde einsteigen. Das Universum finde ich immer noch unglaublich interessant. Das eigentliche Problem ist, dass die Identifikation mit dem Hauptfranchise zunehmend flöten geht. Das hängt nicht damit zusammen, dass Disney, so wenig ich diesen Konzern auch leiden kann, ausschließlich schlechte Filme produziert. Dem ist nicht so.

Auch Solo ist kein schlechter Film. Er ist nur absolut unspektakulär. Er ist einigermaßen unterhaltsam und hübsch gemacht. Was mich stört sind auch nicht die Mängel des Filmes, von denen es einige gibt: Alden Ehrenreich spielt seine Rolle unterdurchschnittlich und lässt jede Spur von Harrisons Ford Charisma vermissen. Auch eine Story ist nur rudimentär vorhanden und dient als Basis für ein paar okaye Gags und unterhaltsame Actionszenen. Dieser Film hat weder besonders viel Tiefe, noch besonders gute Charaktermomente. Es ist alles in allem ein unterhaltsamer, hübsch designter, aber seelenloser Unterhaltungs-Action-Film (5 von 10 Punkten).

Auch wenn es gewagt ist, würde ich den Filmen der Hauptstoryline (und auch Episode VIII) einen gewissen Tiefgang bescheinigen oder zumindest ein Maß an Charaktertiefe, das ausreicht um die Filme nicht wie eine Parade der Oberflächlichkeiten erscheinen zu lassen. Klar, Star Wars war nie Ibsen, aber die Filme haben mich emotional mitgerissen. Das ist bei Solo nicht mehr der Fall und traf auch bei Rogue One nur bedingt zu. Das Problem, dass ich mit Solo habe, ist, dass dieser Film absolut unnötig ist. Es gab absolut keinen Grund, einen Film über den jungen Han Solo zu machen. Erst einmal handelt es sich um eine Figur, die eng mit ihrem Schauspieler verknüpft ist: Es kann eigentlich keinen Han Solo ohne Harrison Ford geben. Nur das schiefe Lächeln und die flapsige Art des damals noch jungen Schauspielers und nicht unbedingt ein besonders tiefes Figurenkonzept machten die Rolle zu dem was sie war. Während es – im Fall von Rogue One – zumindest noch interessant war zu erfahren, wie das mit den Todesstern nun gelaufen ist, wussten wir über den größten Schmuggler der Galaxis immer genug: Er hat den Kessel-Run in weniger als zwölf Parsecs gemacht, den Millennium Falcon beim Glücksspiel gegen Lando Calrissian gewonnen, Chewbacca das Leben gerettet und zuerst geschossen. Mehr musste man nicht wissen. Den Rest konnte man sich denken.

Im Gegensatz zu Palpatine, Darth Vader oder Darth Maul war er nie eine besonders mysteriöse oder geheimnisumwitterte Gestalt, bei der es interessant gewesen wäre, was sie sonst noch in ihrem Leben getrieben hat. Solo: A Star Wars Story hat – so brutal das klingt – einfach keine Daseinsberechtigung, außer einer kommerziellen natürlich. Und genau hier setzt das eigentliche Problem an: Ich bin kein Träumer, der nicht kapiert, das hinter dem Star Wars-Franchise immer auch kommerzielle Interessen steckten. Das ist ja letztlich bei allen Franchises der Fall. George Lucas kaufte man aber irgendwie noch ab, dass es sich um sein Baby handelte, für das er eigene Visionen hatte, auch wenn diese Visionen für manche Fans eher Albträume waren. Disney mag zwar hochqualifizierte Mitarbeiter beschäftigen und hat im Laufe seiner Geschichte mehr als einen Film herausgebracht, der wirklich, wirklich gut ist, aber hier handelt es sich nun wirklich um einen Konzern, bei dem finanzielle Interessen jeglichen künstlerischen Interessen so gegenüberstehen wie David Goliath. (Nur dass David in diesem Fall keine Schleuder und zwei gebrochene Beine hat.)

Wir haben eine Ära der finanziellen Ausschlachtung betreten, die sehr deutliche negative Effekte hat: Durch die aggressive Vermarktung verliert das Franchise, sehr ähnlich wie die aktuellen Marvel-Filme, allmählich den Reiz des Besonderen. Früher musste man eine ganze Weile auf neue Filme warten. Die Hintergründe der Figuren musste man mit der eigenen Fantasie und den eigenen Spekulationen ausfüllen oder sich „mühsam“ durch die Lektüre von Büchern oder das Zocken von PC-Spielen erarbeiten. Sich die Lücken einer Erzählung durch die eigene Fantasie zu schließen ist einer tatsächlichen medialen Darstellung sogar oft an Reiz überlegen. Disney, an maximalem Umsatz interessiert, wirft nun einen Film nach dem anderen auf den Markt und füllt – durch die Lückenbüßer-Filme der A Star Wars-Story-Reihe – alle Abgründe und Ungewissheiten mit dem Beton narrativer Trivialität. Star Wars ist einfach nichts Besonderes mehr. Es wurde zu einem Franchise wie jedes andere und die Spuren einer ersten Übersättigung stellen sich bereits jetzt ein.

Überdies scheint es in der aktuellen Hollywood-Politik Gang und Gäbe zu sein, Regisseure am laufenden Band auszutauschen, wenn einem deren Ideen oder deren Stil nicht mehr passt. Während Episode I bis VI zumindest noch aus einem Guss waren, wechseln sich aktuell die Regisseure bereits innerhalb eines Filmes mehrmals ab. Es ist also – wiederum ähnlich wie beide Marvel-Filmen – zu erwarten, dass hier eine Menge Köche den Brei eher verderben, als ihn besser zu machen. Was herauskommen könnte, man möchte es nicht hoffen, ist eine Reihe wenig runder und ungeschickt-erzählter Filme, deren Regisseure verzweifelt versuchen, Ansätze und Storybögen vorheriger Werke umzubiegen, um damit ihren eigenen Ansätzen und Ideen gerecht zu werden.

Es ist also eine Mischung verschiedener Aspekte, die dafür gesorgt hat, dass ich dem offiziellen Star Wars-Franchise mittlerweile mit teilnahmsloser Indifferenz gegenüberstehe: Übersättigung, langweilige Inhalte, unschöne Firmenpolitik. Vielleicht wird der dritte Teil der aktuellen Trilogie eine Offenbarung, vielleicht reißt Disney das Steuer noch einmal herum, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht daran. Star Wars ist kein Einzelfall in der langen Geschichte an fiktiven Universen, die ihren Zenit überschritten haben und danach als ausgeschlachteter Markenname eine wenig rühmliche Existenz führen. Es handelt sich hier nur um ein Universum, das mir besonders nahe steht.

Aber ehrlich gesagt bin ich nicht einmal besonders traurig. Warum auch? Es tut mir fast leid, dass dieser Artikel so versöhnlich und so wenig aufregend endet, aber irgendwie scheint die Zeit vergangen, in denen ich mich fanatisch an irgendein Franchise hänge. Zudem ist es ja nicht einmal das Franchise, von dem ich mich entfernt habe, sondern lediglich das, was Disney aktuell daraus macht. Da gibt es noch mehr als genug, was ich liebhaben kann. Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe und habe eine Menge toller Sachen noch nicht einmal ausgekostet, habe z.B. noch keine einzigen Roman gelesen und auch die PC-Spiele nur ansatzweise gespielt. Wenn ich also Sehnsucht nach Star Wars habe, kann ich mir zum hundertsten Mal die alten Filme anschauen, die Spiele spielen und – endlich einmal – ein paar Romane lesen. Dabei ist es auch Jacke wie Hose, ob hier Dinge „Kanon“ sind oder nicht. In einem fiktiven Universum ist es ohnehin vollkommen albern, diesen Streit zu beginnen: Entweder ich finde eine Geschichte gut oder nicht. Dabei ist es doch egal, ob eine andere Geschichte, die sich aus irgendeinem dämlichen Marketing-Grund als „offizielle“ Storyline bezeichnet, damit in Einklang zu bringen ist oder nicht. Offene fiktive Universen wie Star Wars waren schon immer eine Möglichkeit um sich kreativ auszutoben. Der Kreativität und Fantasie hier  Fesseln anzulegen ist unnötig und zeugt von einem sehr engstirnigen (und kapitalistisch geprägten) Kunstverständnis.  

Ich werde das aktuelle Franchise also mit einem müden Auge weiterverfolgen. Wenn hier etwas Gutes herauskommt: Umso besser. Und wenn mir das, was bereits vorhanden ist, nicht mehr reicht, dann schaffe ich mir im Pen&Paper eben mein eigenes Star Wars mit Black Jack und… naja, lassen wir das lieber.

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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