The Greatest Show on Earth

Man sitzt mit Freunden am Tisch. Man beginnt, sich zu unterhalten, über Games, Serien, Live-Shows und Filme. Irgendwann richtet sich das Augenmerk dann auch auf Sport. Während über Fußball und Kampfsport gesprochen wird, verknüpft mein Hirn dabei unweigerlich im Stillen Sport mit Show, sodass mir das Wort „Wrestling“ über die Lippen kommt. Als wäre das erste Siegel der Apokalypse gebrochen, stimmen fast alle im Chor zusammen und prügeln mir die Worte „das ist doch alles Fake“ ein. Dass Wrestling aber eben die Elemente des klassischen Schauspiels und des Sports Ringen vereint, scheint dabei leider meist egal.

Für mich selbst hat dieser Sport dabei nicht nur nostalgisch einen hohen Stellenwert, sondern weckte eben durch seine Art und Weise die Begeisterung für Theater. Das geht sogar so weit, dass ich meinem Lieblingsathleten, CM Punk, auch Platz unter meiner Haut gewidmet habe. Deshalb kann ich aus meinem Erfahrungsschatz jedem, der einen Charakter darstellen will, sei es im öffentlichen Leben oder auf den Bühnen der Welt, nur wärmstens empfehlen, sich ein paar Dinge im Wrestling genauer anzusehen. Allein mit dem Marktführer World Wrestling Entertainment (früher: World Wrestling Federation) ist Wrestling zunehmend in den Mainstream der Fernsehlandschaft gerückt. Auch bekannte Schauspieler wie Dwayne „The Rock“ Johnson, bekannt aus diversen Actionschinken und Vaiana, Dave Bautista, bekannt als Drax und Bond-Bösewicht, und nicht minder John Cena, eher bekannt als Meme, haben die Kunst des Schauspiels durch ihre Zeit beim Wrestling gelernt.

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Die Geschichte des Schauspiels „Wrestling“

Über die Sumerer, Griechen und Römer hinweg war das klassische Ringen über Jahrtausende eine der wichtigsten Sportarten der Antike. Nachdem sich im Mittelalter oft die Spuren des Sports im Sand verlaufen hatten, fand vor allem im Frankreich des 19. Jh. eine erste Renaissance des Kampfsports statt. Männer mit markanten Schnurrbärten reisten in Zirkuszelten durchs Land und vermischten als erstes den Sport mit Entertainment. Dabei entstanden auch die ersten Gimmicks (In-Ring-Persona / Behavior / Character). Der Entertainmentfaktor begann ein entscheidender Teil des gesamten Konzeptes zu werden. Mit der wachsenden Popularität fand sich der Sport vor allem im United Kingdom wieder. Dieser Trend verschonte aber auch die Vereinigten Staaten nicht. Dort gründeten aufgrund der wachsenden Popularität des Sports die Athleten Tooths Mond, Ed Lewis und Billy Sandow, bekannt unter dem Namen ‚The Gold Dust Trio‘, eine der ersten Wrestling-Promotionen der Welt in Washington: Capital Wrestling (später WWF/WWE). Diese führte auch als erste modernes Wrestling in ihrer Kampfphilosophie ein. Waghalsigere Angriffe wie Würfe, Sprünge und Aufgabegriffe, sowie ein Spannungsbogen über das Match wurden Standard. Über das 20. Jahrhundert hinweg entwickelten sich viele westliche Wrestling-Promotionen, von denen bis ins Jahr 2001 WWE als einziger globaler Player beständig blieb. Doch auch die Ligen aus Japan, vor allem NJPW (New Japan Pro Wrestling), sowie Independent Shows von ROH (Ring Of Honor) oder NWA (National Wrestling Alliance), erfreuen sich heute großer Beliebtheit.

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„If Shakespeare was still alive today,
he’d be writing Wrestling Shows.”

So schrieb der Wrestler und Sänger der Rockband ‘Fozzy’, Chris Jericho. Damit liegt der „Man of a Thousand Holds“ nicht so falsch wie man anfangs meinen könnte. Das Theater und vor allem Aristoteles, wie auch Sidekick Bill Shakespeare, haben einen großen Einfluss darauf, wie modernes Wrestling gestaltet und geschrieben wird. Zwar liegt der Fokus des Wrestlings darauf, durch Kämpfe Handlung zu erzählen, während im Theater durch Text primär Handlung geschaffen wird. Dennoch gibt es doch starke Überschneidungen

a) Ein bunter Strauß an Charakteren

Wrestlingshows leben von den Charakteren und hier gilt vor allem eines: Je verrückter und gegensätzlicher, umso besser für das Storytelling. Akteure reichen von Bray Wyatt als Psycho-Kult Anführer über Kazuchika Okada als ‚Money-Rainmaker‘ bis hin zu Muskelberg Braun Strowman. Es gibt kaum Charaktere oder Gimmicks, die sich ähneln. Allein diese ‚bunten‘ und überzeichneten Charaktere lassen schon eine eigene Story zu. Ähnlich der Theaterkonstellation eines William Shakespeare, dessen Komödien sehr oft denselben Ausgangspunkt und dieselbe Richtung einschlagen, sind es die bunten gewitzten Charaktere, die den Unterschied machen.

b) Der Fall der Helden und Bösewichte

Dem klassischen Theaterprinzip des Aristoteles folgt auch das Wrestling. Als geneigter Betrachter hofft und wartet man oft sehnsüchtig darauf, dass ein „Heel“ (Heel ist ein böser Charakter) endlich entthront oder vermöbelt wird. Beispielsweise dominierte über die 90er Jahre hinweg die Geschichte der beiden Gegner Vince McMahon, Chef der WWE, und „Stone Cold“ Steve Austin, der in Redneck-Manier gegen das ungerechte Establishment der Firma als „Face“ (Face ist ein guter Charakter) ankämpft. Die Heel-vs-Face-Dynamik ist nicht immer zwingend, aber ein klassisches Mittel, das ebenso oft im Theater Einzug hält.

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c) Qualität durch Publikum

Anders als in Filmen und Serien finden Theater und Wrestlingshows in einem geschlossenen Raum vor Publikum statt. Große Szenenwechsel oder Stimmungswechsel sind dadurch nur bedingt möglich. Der Aufbau eines Wrestling-Rings gleicht einer typischen Guckkastenbühne. Während mittig die Kämpfe und Wortduelle stattfinden, bietet die Bühne und Rampe zum Ring Platz, um Stimmung, Show und Auftreten mit Licht, sowie Animationen zu beeinflussen. Das wichtigste ist dabei das Publikum. Das Theater, wie auch das Wrestling, lebt von den Reaktionen des Publikums. Seien es Jubel, Buhen, Trauer oder Lachen: Dadurch wird die Show und der jeweilige Athlet beeinflusst. Vom Auf- bis zum Abgang entsteht eine Dynamik zwischen Akteur und Rezipient, die einander beeinflussen. Ein passioniertes Publikum entscheidet auch über die Qualität eines Kampfes oder, im Theater, über eine Aufführung.

d) Von Magie und ’ner Menge Nonsense

Zu den Dingen, die man akzeptieren muss, um Wrestling zu verstehen, ist, ähnlich dem Theater, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl der Undertaker, der in gruftigen Klamotten Blitze schießen, Feuer entfachen und sich einfach teleportieren kann. Beim Royal Rumble 1994 stieg er sogar von den Toten wieder auf. Er hat einen Bruder in Kane, der natürlich Feuer aus dem Ring schießen kann. Auch in Stücken wie Faust und Sommernachtstraum muss man entgegen der Logik das Geschehen akzeptieren. Hat man allerdings erst einmal diesen Schritt getan, hat man den Spaß seines Lebens.

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Ein wesentlicher Unterschied zwischen Wrestling und Theater ist allerdings die Dauer der Ereignisse. Während ein Theaterstück am Ende zu Ende ist, setzt sich eine Wrestlingshow fort. Monday Night Raw, als eine der längsten wöchentlich laufenden Fernsehsendungen der Welt, ist bereits seit den 90ern zu sehen. Damit aber Charaktere die Gegner wechseln, Fehden auch einmal enden können und der Charakter sich weiterentwickeln kann, benötigt man ein relativ gewolltes und erzwungenes Kurzzeitgedächtnis. Logikfehler sind daher unvermeidbar. Vor allem beim Wechsel eines Charakters von Heel (böse) zu Face (gut) ist oft sehr schwierig logisch aufzubauen. Der samoanische Wrestler Rikishi zum Beispiel fand sich Mitte der 2000er auf der Spitze seiner Karriere als tanzender Publikumsliebling. Dabei muss man schnell vergessen, dass er noch wenige Jahre zuvor als Heel einen Kontrahenten mit dem Auto überfuhr. Zwar ist dies ein extremes Beispiel, doch sind viele Handlungsstränge ebenso verstrickt.

Dass Wrestling stark mit der Schauspielerei verbunden ist, habe ich hoffentlich schlüssig skizzieren können. Eine detailgetreue Darstellung würde hier zu weit führen. Schauspielerei und der Sport gehen also Hand in Hand und so müsst ihr bedenken, dass eben der„Fake-Sport“ sehr schnell Realität werden kann. Die Präsidenten Donald Trump und Abraham Lincoln mussten sich beide vor ihrer Karriere in Politik im Wrestlingbusiness behaupten und haben sicher von ihrer polarisierenden und funktionellen Schauspielerfahrung Gebrauch gemacht.

Sebastian Meier

Sebastian Meier

Süß wie Zucker, scharf wie Pfeffer und bunt wie lauter schöne Sachen. So waren die Zutaten, aus denen der perfekte kleine Mann hergestellt werden sollte. Aber Professor Utonium fügte dem Gebräu aus Versehen noch etwas anderes hinzu: die Chemikalie X. Und so wurde Sebastian "Wastl" Meier geboren. Ein Mann, der irgendwo zwischen Lehramtsstudium, Existenzialismus und dem Theater steckt und dabei noch versucht, seinen Weg zu finden, wenn er nicht gerade vor Videospielen verzweifelt oder mit seinen treuen Gehilfen "Wrestling", "Netflix" und ""World of Warcraft" versucht, die Welt zu erobern!

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