The internet is for…

„The internet is really, really great…” – „FOR PORN” – Diesen Song kennt wohl jeder, der einige Zeit im Internet verbracht hat. Kaum einer weiß jedoch, dass es sich dabei um ein Lied aus dem Musical Avenue Q (Musik/Text: Robert Lopez, Jeff Marx; Buch: Jeff Whitty) handelt, das 2003 in New York uraufgeführt wurde. Es hat zwar eine ganze Weile gebraucht, aber mittlerweile hat das Stück auch seinen Weg ans Landestheater Niederbayern gefunden. Jakob und Sebastian haben einen Ausflug in die Avenue Q gewagt und wollen euch hier ihre Eindrücke mitteilen.

Trekkie Monster (Reinhard Peer) – Foto: Peter Litvai

Wir waren etwas überrascht, als wir uns vor Beginn des Stücks im Foyer des Stadttheaters umsahen. Der Altersdurchschnitt lag deutlich um die 60, da konnten selbst wir blutjungen Hüpfer nichts mehr reißen. Und das bei einem Stück das bekannt dafür ist nicht gerade feinfühlig mit Themen wie Sex, Pornografie, Rassismus, Drogen, Geld usw. umzugehen.
Aber der Reihe nach, eigentlich geht es in Avenue Q um folgendes: Princeton, gerade frisch vom College und mit einem Abschluss in Englisch in der Tasche sucht ein Appartement in New York. Leider kann er sich in den Straßen A bis P keine Wohnung leisten. Da bleibt nur eine Wohnung in der eher zwielichtigen Avenue Q. Zu seinen neuen Nachbarn zählen einige verschrobene Gestalten, von denen keiner wirklich glücklich mit seinem Leben ist. Da wäre die junge Kate Monster, die gerade eine Ausbildung zur Kindergärtnerin macht und sich nichts sehnlicher wünscht als einen Freund. Brian, Anfang 30, der gerne ein großer Komiker wäre, aber ebenso talent- wie arbeitslos ist. Oder auch Trekkie Monster, der porno- und computersüchtige Bewohner einer Dachgeschosswohnung – wobei dieser eigentlich ganz zufrieden mit seinem Leben zu sein scheint. 

Princeton – Foto: Peter Litvai

Das Besondere an diesem Musical ist, dass der Großteil der Charaktere – wie z.B. Trekkie und Kate – nicht von Schauspielern, sondern von Puppen repräsentiert werden, wie man sie aus der Muppet Show oder der Sesamstraße kennt. Eigentlich kann das ganze Musical als eine Parodie auf die Sesamstraße betrachtet werden: Die Handlung um Princetons Suche nach seiner Bestimmung dient nur als Rahmen für Episoden aus dem Leben in der Nachbarschaft. Wie in der Sesamstraße werden dabei in Form von kurzen Geschichten, Songs oder Videos einzelne Themen vermittelt – allerdings deutlich weniger kindgerecht. Es treten sogar Gaststars auf, wie der US-amerikanische Ex-Kinderstar Gary Coleman, der in der Avenue Q als Hausmeister und Vermieter zugleich fungiert.

Princeton (Julian Ricker) und Gary Coleman (Mona Fischer) – Foto: Peter Litvai

Hier zeigt sich auch gleich die größte Schwäche des Stücks. Während Gary Coleman und seine tragische Vergangenheit fester Bestandteil der amerikanischen Popkultur sind, kennt ihn in Deutschland kaum jemand. Auch Witze, die das amerikanische Schulsystem oder örtliche New Yorker Begebenheiten thematisieren, verfehlen hierzulande leider meist ihre Wirkung. Dazu trägt die deutsche Übersetzung dann ihr Übriges bei. Gerade die Lieder verlieren viel von ihrem Charme, wenn der Satzbau gänsehauterregend verstümmelt wird, nur um sich gut mit der nächsten Zeile reimen zu können. Wahrscheinlich ist die Entscheidung, eine deutsche Übersetzung zu spielen, aber dem typischen Passauer Theaterpublikum geschuldet, das dem Stück auch ohne Englischkenntnisse problemlos folgen können muss.

Kate Monster (Catherine Chikosi) – Foto: Peter Litvai

Trotzdem macht es unglaublich viel Spaß, den Schauspielern bei ihrer Arbeit zuzusehen. Anders als in den meisten Produktionen, in denen Puppen eine Rolle spielen, können sich diese nämlich nicht hinter irgendwelchen dunklen Wänden oder im Bühnendach verstecken, sondern stehen mit ihren Puppen zusammen auf der Bühne. Dadurch entsteht eine sehr spannende Doppelrolle für die Akteure. Da gibt es die Puppen, die uns zwar ein Bild der Charaktere vermitteln, denen es aber natürlich an Ausdruck, Emotion und zumeist auch an einem Unterleib mangelt. All dies bringen die Schauspieler mit. Aus der Verschmelzung von Puppe und Puppenspieler ergibt sich so erst ein stimmiger Charakter. Und auch wenn die Führung der Puppen nicht immer hundertprozentig sauber ist, so muss man vor der Leistung der Schauspieler nur den Hut ziehen, vor allem auch was den Gesang angeht. Gerade Catherine Chikosi (als Kate Monster) und Julian Ricker (als Princeton) beeindrucken mit unglaublich viel Energie und rasanten Rollenwechseln.

Ensemble – Foto: Peter Litvai

Schon nach dem ersten Song haben wir mit eher verhaltenen Reaktionen, spätestens nach der Pause mit freien Sitzen in den ersten Reihen gerechnet. Aber das Passauer Theaterpublikum hat uns eines besseren belehrt. Gerade die deftigsten Songs wurden mit dem lautesten Applaus belohnt und bei der Premiere gab es sogar stehende Ovationen.
Wenn man kein Problem mit der deutschen Übersetzung hat (oder das englische Original nicht kennt), dann kann man über die wenigen Kritikpunkte leicht hinwegsehen und erlebt einen großartigen Musicalabend für alle von 18 bis 80 (und darüber hinaus).

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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