The Voice of Passaus next Supermonster

 

Wer wollte nicht schonmal bei einer Castingshow in der Jury sitzen und Dieter Bohlen-like mit fiesen Bewertungen um sich werfen? Man stellt sich das immer sehr einfach und angenehm vor. Einfach den Darbietungen lauschen und seine Kritik äußern. Ich hatte vor kurzem das Vergnügen. Das Casting für mein neues Theaterstück „Frankenstein“. Und ich kann mit Recht behaupten: Die Realität sieht leider anders aus. In der Realität stehen 22 Leute vor einem und wollen eine Rolle. Am besten die Hauptrolle. Davon gibt es in diesem speziellen Fall sogar drei Stück: Viktor Frankenstein himself, seine große Liebe Elisabeth und, natürlich, das Monster. Zwei Männer, eine Frau also. Zumindest dachte ich das anfangs noch. Doch da sollten mir Passau und seine Frauenquote einen Strich durch die Rechnung machen. Aber mal von Anfang an.

Es war ein herrlicher Dienstagabend, den man auch wunderbar mit Grillen hätte verbringen können. Stattdessen saß ich mit meiner Regieassistenz und meiner Scriptautorin über vier Stunden 20150421_222253lang in einem stickigen Seminarraum an der Uni. Nacheinander betraten die Kandidaten den Raum und stellten sich vor den Tisch, hinter dem wir Stellung bezogen hatten. Jeder von ihnen hatte einige Zeilen Text vorbereitet, die er in verschiedenen Gefühlslagen vortrug. Außerdem gab es noch zwei Improvisationsübungen und gekrönt wurde jedes Vorsprechen mit einer Sterbeszene nach Wahl. Wir beobachteten die Leute und notierten unsere Eindrücke bezüglich Spielart, Charakter und Auftreten.

Klingt eigentlich ganz spannend, und das ist es auch…das erste Mal. Und auch die ersten fünf Male. Vielleicht sogar die ersten zehn Male. Aber irgendwann hat man den gleichen Satz fünfzehnmal gesagt. Aufgaben sogar im immer wieder exakt gleichen Wortlaut erklärt, damit für alle dieselben Bedingungen herrschen. Und es fällt einem immer schwerer, auf Feinheiten zu achten. Zur Reizüberflutung kommen nach kurzer Zeit noch Müdigkeit, Hunger und Dehydrierung. Aber Pause machen is nich. Denn vor der Tür steht vielleicht ja noch dein Traummonster, und wenn du jetzt Pause machst, kann es sein, dass ihm die Lust vergeht und es sich wieder auf den Weg nach Hause macht. Und du verlierst den besten Schauspieler, den du dir für diese Rolle nur vorstellen kannst. Und so machst du weiter. Schauspielerin für Schauspielerin findest du nach und nach den weiblichen Teil deiner Besetzung. Sogar ein mehr als nur akzeptabler Viktor Frankenstein ist schon gefunden samt liebreizender Elisabeth. Ein wirklich schönes Pärchen. Doch was dir immer noch fehlt ist ein Monster. Und du beginnst deine Vorstellungen zu überdenken.

Männlich? Klar! Groß? Selbstredend! Breitschultrig? Ist Voraussetzung! Schrauben im Hals? Von Vorteil! Grün? Warum nicht!

Einige wenige Männer haben sich tatsächlich zum Casting verirrt. Doch entweder passen sie nicht zu meinem Rollenverständnis, oder sie passen viel zu gut. Allerdings auf andere männliche Rollen im Stück. Doch dann, nach insgesamt acht Stunden mühsamer Suche, geht die Tür auf und der letzte Castingteilnehmer betritt den Raum. Stellt sich vor und fängt an seinen vorbereiteten Text vorzutragen. Nach wenigen Minuten lege ich meinen Stift aus der Hand. Notizen sind hier nicht notwendig. Gefesselt von seiner Präsenz will ich einfach nur zuhören. Nach wenigen Minuten ist das Casting vorbei und die Person hinterlässt ihre Kontaktdaten. Ich aber bleibe zurück und denke mir: „Fuck! Mein Monster ist eine Frau!“

Ich bitte, mich hier nicht falsch zu verstehen. Es geht hier nicht darum, dass sie eine Frau ist, sondern darum, dass das Monster in meiner Fantasie bisher keine Frau war. Warum auch? Jeder kennt Bilder von Boris Karloff oder anderen männlichen Darstellern als Frankensteins Monster. Und spontan würde mir keine Version einfallen, in der das Monster kein Mann ist und die nicht unweigerlich in einem Porno endet.

Manch einer könnte denken, Frankenstein baue sich seine „Traumfrau“ oder eine „Sexpuppe“. Doch keine von beiden Varianten ist auch nur im entferntesten haltbar. Viktor hat nur Interesse an der Wissenschaft und die Frage nach dem Geschlecht beantwortet sich für ihn wohl eher dadurch, welche Leichenteile er einfacher besorgen kann. Wieso sollten da keine weiblichen Teile dabei sein? „Monster sein“ ist doch keine Frage des Geschlechts.

Sollen die Leute also denken was sie wollen. Ich habe meine Traumbesetzung gefunden: Mein Monster ist eine Frau!

 

 

Sebastian Ruppert

Sebastian Ruppert, Jahrgang 1988, macht viel Kultur und studiert nebenbei irgendwas mit Lehramt. Aktiv ist er als Musiker, Regisseur, Schauspieler und Bühnentechniker. Ob Musik, Theater, Filme, Bücher oder Videospiele - er interessiert sich für alle Abgründe und Höhepunkte der (Pop-)Kultur.

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