Traurige Jodler in Eis und Schnee – „La Wally“ am Landestheater Niederbayern

Eine kleine Einführung, die der eilige Leser gerne überspringen kann:

Wenn man selbst – wenn auch nur als Statist – in eine Theaterproduktion eingebunden ist, ist man bereits nach wenigen Proben überzeugt, die Abläufe des Stücks auswendig zu kennen. Man glaubt genau zu wissen, wie alles ineinandergreift und wie alles auf den Zuschauer wirken muss. Falsch gedacht! Man ist immer wieder überrascht von der Verschiebung des Blickwinkels zwischen Zuschauerraum und Bühne: Sobald man die paar Stufen zum Parkett hinab- oder zum Rang hinaufgestiegen ist und das was da auf der Bühne abläuft aus der Perspektive des Zuschauers sieht, ergibt sich ein Gesamtbild, das man als Soldat, Pirat (everything is better with pirates!) oder Diener auf der Bühne kaum einschätzen kann. Es handelt sich wohl um das, was man gemeinhin als „Theaterzauber“ oder nüchterner als „Bühnenillusion“ bezeichnet. Nichtsdestotrotz wollen wir hier versuchen, aus unserer Perspektive (eben der eines Soldaten, Piraten oder Dieners auf der Bühne) einen Eindruck von Produktionen zu vermitteln, an denen wir mitwirken. Vielleicht hilft dieser Eindruck, sich zu vergewissern ob es das Theaterticket denn wert sein würde – Zum Glück ist es das meistens!

– Ende der Einführung-

 

In Eis und Schnee: Emily Fultz (Walter), Adelheid Fink (Wally) – Foto: Peter Litvai

Schneechaos in Passau

Passend zur aktuellen Wetterlage hat man bis zum 11.03.2017 die Möglichkeit, die Oper “La Wally” auf der Bühne des Stadttheaters Passau zu erleben. Das 1892 in Mailand uraufgeführte “dramma lirico” von Alfredo Catalani (Musik) und Luigi Illica (Libretto) verarbeitet den Romanstoff Wilhelmine von Hillerns in operntypischer dramatischer Art und Weise. Regie führte André Bücker, der mit der aktuellen Spielzeit die Intendanz in Augsburg übernommen hat.

 

Das Drama beginnt mit einem Streit: Szymon Chojnacki (Stromminger), Kyung Chun Kim (Gellner), Jeffrey Nardone (Hagenbach, Kimberley Boettger-Soller (Afra) – Foto: Peter Litvai

Liebe, Verrat, Herzschmerz… und Berge

Ein Mann liebt eine Frau. Ihr Vater ist dagegen. Alle sterben. The End.  Es klingt wie jede andere Oper. Und das ist es auch. Das wäre die Kurzfassung.  Aber wir lassen euch natürlich nicht hängen. Hier ist die Langfassung:

Das Dorf Hochstoff im Ötztal, Tirol, zu Beginn des 19. Jahrhunderts:  Wally, die Tochter des reichen Großgrundbesitzers Stromminger, ist in den waghalsigen Schützenkönig Hagenbach verliebt. Ihr Vater befindet sich jedoch mit Hagenbach im Streit und will, dass sie seinen Gutsverwalter Gellner zum Manne nimmt. Doch Wally ist –  ganz wie ihr literarisches Vorbild, Wilhelmine von Hillerns “Geier-Wally” – eine Frau mit starkem Willen. Sie widersetzt sich ihrem Vater und zieht sich in ihre Berghütte zurück.

Der Konflikt löst sich gewissermaßen von alleine: Stromminger stirbt ein Jahr später und hinterlässt Wally sein gesamtes Erbe. Sie kehrt wieder in das Tal zurück und besucht ein Volksfest nach dem anderen. Auf einem Fronleichnamsfest trifft sie auf den mittlerweile mit der Wirtin Afra (Kimberley Boettger-Soller) verlobten Hagenbach, und ihre alte Liebe für ihn flammt erneut auf. Im Rausch der Leidenschaft beleidigt sie Afra, woraufhin Hagenbach auf Rache sinnt: Er wettet mit dem gesamten Dorf, dass er ihr einen Kuss stehlen kann.  Doch die Wette geht nach hinten los: Hagenbach ist zwar erfolgreich, verliebt sich jedoch während des Tanzes in die, an der er sich eigentlich rächen wollte. Wally sieht jedoch nur das ganze Dorf über sie lachen.

Gedemütigt und hasserfüllt setzt sie Gellner, der sie immer noch liebt, auf Hagenbach an: Er soll Hagenbach töten. Gellner lauert seinem Rivalen nachts auf und stürzt ihn in eine Schlucht. Als Wally davon erfährt, überwältigen sie Schuldgefühle und sie macht sich auf, den immer noch geliebten Hagenbach zu retten. Tatsächlich hat dieser den Sturz überlebt.  Wallys schlechtes Gewissen treibt sie erneut in die Berge. Hagenbach, im Glauben, Wally hätte ihn gerettet, folgt ihr trotz Schneesturm. Auch ihre Beichte, für den Anschlag verantwortlich zu sein, ändert nichts an Hagenbachs unsterblicher Liebe. Sie fallen sich in die Arme und wollen ins Tal hinabsteigen. Doch es wäre keine Tragödie, wenn ihnen dies gelingen würde: Eine Lawine erfasst Hagenbach und nimmt ihm das Leben. Wally, über den Verlust ihrer großen Liebe halb wahnsinnig, stürzt sich hinterher. – Ende gut, alles gut.

 

Auf dem Fest: Marc Kugel (Il Pedone), Adelheid Fink (Wally), Kimberley Boettger-Soller (Afra), Jeffrey Nardone (Hagenbach), Opernchor – Foto: Peter Litvai

Wie man in den Berg hineinruft – Der Gesang

Auf Opernsängern lastet stets eine große Verantwortung: Man kann von Operncharakteren nicht behaupten, dass sie sehr dreidimensional wären. Es liegt letztlich bei den Sängern – und natürlich auch bei der Inszenierung – sie zum Leben zu erwecken. Darüber, ob das dieser Inszenierung gelingt, lässt sich streiten.

Jeffrey Nardone (als Hagenbach) und Kyung Chun Kim (als Walter) leisten gute Arbeit. Man kann zwar nicht behaupten, dass ihre Rollen viel Tiefgang haben, und man hofft ab und an auf ehrlichere Emotionen, allerdings erwecken sie ihre Charaktere mit kraftvollen Stimmen und gebührender Darstellung zum Leben.

Als Darstellerin der Titelheldin kann Adelheid Fink leider nicht umfassend überzeugen. Starken Frauenrollen wie der Wally kann nur eine ebenso starke Stimme gerecht werden und ihre Arien, wie die bekannte “Ebben? Ne andrò lontana”, fordern einen klaren Sopran. Gerade hier zeigen sich Mängel in Adelheid Finks Umsetzung: In den höheren Tonlagen verliert ihre Stimme an Kraft. Auch Finks schauspielerische Leistung ist an manchen Stellen etwas zu viel des Guten.

Tatsächlich sind es die Nebenrollen, die den Protagonisten die Schau stehlen:  Man könnte sich Kimberley Boettger-Soller gut in der Rolle der Wally vorstellen. Nicht nur gesanglich, sondern auch schauspielerisch verkörpert sie die Rolle der Afra, die – eher sanft und zurückhaltend- das Gegenstück zu Wally darstellt.

Einen besonderen Höhepunkt stellt Emily Fultz dar: Wallys Vertrauter, der junge Zitherspieler Walter, entspricht nicht den sehr weiblichen Figuren, die Fultz üblicherweise auf der Rolle darstellt. Vielleicht gelingt ihr gerade deswegen eine gesanglich brilliante und schauspielerisch überzeugende Darstellung der Rolle.

Nicht außer Acht zu lassen ist natürlich auch Stromminger, der ja gewissermaßen für das ganze Drama verantwortlich ist. Trotz der großen Altersdifferenz zwischen Szymon Chojnacki und seiner Rolle gelingt ihm eine glaubwürdige Darstellung. Ein unerwartetes Schmankerl stellt außerdem Marc Kugel dar. Der von ihm gespielte Landstreicher/Trunkenbold bricht die bisweilen dramatische Stimmung und bereichert das Stück um eine komische Komponente.  Der Opernchor des Landestheaters Niederbayern bevölkert die Dorf- und Bergszenerien und vervollständigt und belebt das Stück.

 

Er hat den Sturz überlebt: Kimberley Boettger-Soller (Afra), Jeffrey Nardone (Hagenbach), Opernchor- Foto: Peter Litvai

Jäger im Dorf, Perchten in den Bergen – Bühnenbild und Kostüm

André Bückers Inszenierung zeichnet sich vor allem durch das komplexe Bühnenbild Jan Steigerts aus: Drei hüttenartige Holzelemente auf Rollen, die nahtlos ineinander greifen, lassen sich zu immer neuen Formen kombinieren. Ob nun Hütten, Kirche, Dorfplatz oder Bergspitzen, stets findet sich der Zuschauer in eine neue alpenländische Szenerie versetzt.  Auf eine große Leinwand, die die gesamte Rückwand der Bühne einnimmt, werden je nach Szenerie unterschiedliche Bergansichten, in der Kirche, ein Kirchenfenster projiziert. Eine nette Überraschung ist der Schnee im letzten Akt, der während Wallys Rückzug in die Berge einsetzt.

Was die Kostüme angeht, ist die Inszenierung solide, aber nicht sonderlich überraschend. Sänger und Chor sind durchgehend in traditionelle Bauerntrachten gekleidet, die ihren Zweck erfüllen. Zur Untermalung der düsteren Bergszenerie des Finales schleichen die Statisten als monströse Perchten verkleidet über die Bühne.

 

Im Schneesturm lauert der Tod: Jeffrey Nardone (Hagenbach), Adelheid Fink (Wally) – Foto: Peter Litvai

Ein schöner Opernabend – Resümee

“La Wally” ist sicherlich nicht das größte Opernwerk, das jemals im Landestheater Niederbayern auf die Bühne gebracht wurde. Das Orchester, unter der Leitung Margherita Colombos, besticht durch einige Glanzmomente, und auch die Sänger erbringen eine solide Leistung. Insgesamt zeichnet sich die Oper nicht durch besondere Originalität oder Einzigartigkeit aus, ist jedoch unterhaltsam und fügt sich gut in die aktuelle Jahreszeit ein.

– von Claude und Jakob

Einen ersten Eindruck kann man hier im Video auf dem YouTube-Kanal des Landestheaters gewinnen:

 

Weitere Informationen auf der Seite des Landestheaters unter:

http://www.landestheater-niederbayern.de/events/166

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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