Unter die Haut…

Die Zeiten, in denen Tätowierungen entweder ein Zeichen für eine kriminelle Vergangenheit (bzw. Gegenwart) oder eine Stammeszugehörigkeit waren, sind vorbei. Immer mehr lösen sich die Aura des Verruchten, die Gedanken an Seemänner und Soldaten auf, die Tätowierstudios bis vor wenigen Jahren noch umgaben: Eine stetig wachsende Zahl „ganz normaler Leute“ – von der Musikerin über den Lehrer bis zur Managerin – entschließt sich mittlerweile dazu, sich ein Motiv für (wahrscheinlich) den Rest des Lebens unter die Haut stechen zu lassen. Doch woher kommt dieser Trend? Aus welchem Grund setzt man sich (unter Umständen starken) Schmerzen aus? Und was sollte man beachten, bevor man sich tätowieren lässt? Ich habe mir – wie üblich ganz subjektiv – mal einige Gedanken dazu gemacht.

Eine kleine Enttäuschung vorweg: Da sich mein größeres Tattoo momentan noch in Arbeit befindet (und auch ein bisschen aus Gründen der Privatheit), wird es leider keine Fotos von meinen Tattoos geben. Christian Weber von „Tragic Kingdom Tattoo“ in Mannheim – mein Tätowierer – hat mir aber erlaubt, Bilder seiner Arbeiten einzustellen (Alle Bilder in diesem Artikel stammen von der verlinkten Facebookseite).

 

Warum das ganze Leid? – Die Motivation hinter Tattoos

2011 entschloss ich mich – auch angestachelt von einem Freund – einen seit lange gehegten Plan in die Tat umzusetzen: Ich würde mich tätowieren lassen. Also ging ich zu einem Tätowierer um die Ecke (von dem Freund wusste ich, dass er seinen Job gut machte) und legte ihm ein Motiv, das ich im Internet gefunden hatte. Bald darauf saß ich reichlich aufgeregt auf dem Stuhl und die Nadel begann, surrend ihre Spuren auf meiner Schulter zu hinterlassen. Der Schmerz war erträglich: Es fühlte sich ein wenig so an, als würde jemand mit einem sehr scharfen Messer meine Haut leicht aufschneiden. Weil das Motiv nicht sehr groß war, dauerte die ganze Sache auch nicht allzu lange. Trotz allem: Angenehm war es natürlich nicht. Das hatte ich auch nicht erwartet.

Ein wenig anders sah es aus, als ich mich letztes Jahr (2018), nach langer, langer Bedenkzeit, wieder auf den Weg in ein Tätowierstudio machte (diesmal mit rund 400 km Anreise nicht mehr fußläufig zu erreichen): Das Motiv war diesmal aufwändiger, vom Tätowierer – in Absprache mit mir – selbst entworfen und sollte große Teile eines Armes bedecken. Wenn ihr einfach mal über die Haut auf eurer Schulter streicht und das Gefühl mit einer Berührung der Haut des Unterarms und in der Armbeuge vergleicht, werdet ihr leicht feststellen können, welche Hautpartie empfindlicher ist. Dementsprechend ist diese Tätowierung nicht nur wesentlich schmerzhafter, sondern benötigt auch wesentlich mehr Zeit (und Geld). Sie ist momentan, nach drei längeren Sitzungen (je zwischen sechs und zehn Stunden, mit Pausen), immer noch in Arbeit.

Warum, so stellt sich nun die Frage, sollte man sich so etwas antun? Warum legen sich immer mehr Leute unter die Nadel? Manche Menschen wollen sich vielleicht an eine andere Person oder an ein bestimmtes Ereignis auf Dauer erinnern. Andere haben eine philosophisch-ideologische Motivation und lassen sich religiöse, politische oder andere Motive mit bestimmtem Sinngehalt stechen. Ich denke aber, dass bei sehr vielen Menschen – wie auch mir – die Ästhetik im Vordergrund steht. Anders als damit, dass man Tattoos generell und bestimmte Motive im Speziellen cool findet, lassen sich viele Tätowierungen da draußen einfach nicht erklären – zumindest wäre ich sehr überrascht, wenn mir jemand den tieferen Sinn hinter z.B. einem Arschgeweih glaubhaft näherbringen kann. Das heißt nicht unbedingt, dass ich mir bei dem, was ich mir unter die Haut bringen lasse, nichts denke oder nicht eine Menge Assoziationen, Gedanken und ein persönliches Empfinden damit verbinde, aber das ist nun mal nicht die ursprüngliche Motivation.

Zu der Tatsache, dass ich bestimmte Tätowierungen sehr ästhetisch finde, kommt der Wunsch, sich individuell auszudrücken. Mit der Tätowierung kann man (je nach deren Platzierung) eine bestimmte Vorliebe oder einen bestimmten Wesenszug nach außen tragen, sich eben individualisieren, wie man es auch durch die Wahl der Kleidung, der Haarfarbe, der Piercings etc. tun kann. Ob man dann – wenn man letztlich doch wieder Teil eines Trends ist – tatsächlich „individuell“ ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber die Ästhetik, die Tatsache, dass man ein – im besten Falle – einzigartiges Kunstwerk auf dem Körper trägt oder sich durch das Motiv im selbigen einfach wohler fühlt, bleibt auch dann immer noch vorhanden. Zumindest im individuellen Empfinden haben Tätowierungen nämlich auch das Potential, den eigenen Körper vollständiger zu machen, für ein besseres Gefühl in der eigenen Haut zu sorgen. Ich kann hier nur für mich sprechen: Wenn man das richtige Motiv vom richtigen Tätowierer bzw. von der richtigen Tätowiererin gestochen auf dem Köper trägt, fühlt man sich damit schon verdammt gut.

Aber dennoch: Jeder, der sich ein Tattoo stechen lässt, sollte sich klar sein, dass es (je nach Körperstelle) verdammt weh tun kann. Man sollte sich also wirklich sicher sein, ob man das möchte und keine Spontanentscheidung daraus machen.

 

Was und Wo? – Die Wahl des Motivs

Wenn man sich tatsächlich entschieden hat, sich tätowieren zu lassen, stehen zwei Fragen im Raum: Was sollte ich mir stechen lassen und von wem? Natürlich kann es sein, dass man von Anfang an ein Motiv im Kopf hat, dann erübrigt sich ein Teil der Frage. Die Wahl dieses Motives sollte aber prinzipiell gut überlegt sein. Zunächst sollte man sich Zeit lassen und damit meine ich viel Zeit. Bevor ich mir mein erstes Tattoo stechen ließ, habe ich rund zwei Jahre über verschiedenen Motiven gebrütet. Danach wusste ich zwar, dass es wohl nicht das letzte bleiben wird, aber was genau folgen würde, war lange unklar. Über dem letztendlichen Motivgedanken für das zweite Tattoo bin ich dann wiederum über ein Jahr gesessen. Ja, ich nehme mir zugegebenermaßen schon sehr viel Zeit, aber angesichts dessen, dass man dieses Motiv bis zum Ende des Lebens auf dem Körper tragen wird – was ist da schon ein Jahr Nachdenken? Vor allem ist es besser, sich wirklich sicher zu sein, als sich im Suff oder einer wilden Stimmung ein kleines nacktes Teufelchen oder „I hate my mom“ auf die Stirn stechen zu lassen (vgl. Dieses Video bei 13:19) und dann eine Menge Geld für die Entfernung ausgeben zu müssen – übertrieben natürlich, aber ich denke, mein Punkt wird klar. Cover-Ups, also das Überstechen von Tätowierungen sind, vor allem bei großen Motiven, schwer und Lasern muss nicht immer das gewünschte Ergebnis bringen – häufig bleiben Narben oder ein Schatten zurück.

Man sollte auch nicht vollkommen ungeplant anfangen, sich tätowieren zu lassen: In der Regel bleibt es nicht bei einem Tattoo. Man sollte also ungefähre Ahnungen haben, wie man seine Tattoos gestalten möchte, anstatt eine Fläche für ein kleines Motiv zu „verschwenden“ oder mit einem wenig ansehnlichen Flickenteppich zu enden – aber das ist letztlich Geschmacksfrage. Es gibt sogar halbwegs ästhetische „Flickenteppiche“.

Denkt also darüber nach: Es sollte etwas sein, mit dem man sich tatsächlich identifizieren kann, das von „Innen“ kommt und bei dem man sich einigermaßen sicher sein kann, dass man es nicht morgen schon wieder bereut. Zu den Motiven, die man meiner Ansicht nach vermeiden sollte, gehören also Dinge, die man einfach mal so spontan aus dem Katalog wählt oder z.B. auch Namen der Lebenspartner*innen. Auch wenn man jemanden momentan sehr liebt, in vier Jahren sieht das vielleicht ganz anders aus.

Im Idealfall handelt es sich bei einem Tattoo auch um ein Einzelstück. Selbstverständlich kann man sich von Motiven inspirieren lassen und manchmal mag man etwas finden, was man so und nicht anders auf der Haut tragen will. Aber häufig haben Tätowierer*innen ihren ganz eigenen Stil und können nur dann eine wirklich gute „Leistung“ erbringen, wenn sie sich auch mit dem Motiv identifizieren können und wenn es ihrem Stil entspricht. Ich habe meinem aktuellen Tätowierer einfach eine Bildsammlung geschickt, die ich mir im Internet zusammengesucht hatte (Pinterest kann z.B. helfen) und die ungefähr meiner Vorstellung entsprach und ihm beschrieben, was ich mir in etwa vorstelle. Dann hat er etwas daraus gemacht, das zum Glück ziemlich exakt mit meinen Vorstellungen übereinstimmte. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte man eben darüber reden müssen. Obwohl sie im Moment des Tätowierens Dienstleister*innen sind, sollte man Tätowierer*innen auch als Künstler*innen verstehen. Häufig haben Tätowierer*innen auch „Wannados“ auf ihren Seiten, die auch weiterhelfen können, wenn man ideenlos ist.

Ein „Wannado“ von Christian Weber

Womit wir auch beim nächsten Punkt wären: Die Wahl des Tätowierers bzw. der Tätowiererin. Ich hatte Glück: Beide Male bin ich über einen Freund bzw. eine Freundin auf meine Tätowierer gestoßen. Den ersten würde ich eher in die Kategorie „ordentlicher Handwerker“ einordnen – das war für das simple Motiv auch vollkommen okay. Mein aktueller Tätowierer Christian Weber von „Tragic Kingdom Tattoo“ in Mannheim ist eine andere Hausnummer. – Werft einen Blick auf seine Arbeit (auf Facebook, auf der Website oder auf Instagram – auch die anderen Tätowierer*innen (Jasmin Ballin und Oliver Heublein) des Studios sind klasse und ihre Arbeiten einen Blick wert). Er hat nicht nur einen sehr eigenen Stil, sondern ist meiner Ansicht nach auch ein brillanter Künstler. Natürlich ist es gut, Freunde mit Erfahrungsberichten und Tipps zu haben, aber generell hilft das Internet bei der Suche nach einem passenden Tätowierer bzw. einer passenden Tätowiererin sehr weiter. Auf jeden Fall sollte man jemanden finden, dessen Stil mit dem eigenen Interesse und Motivwunsch übereinstimmt. Eine gewisse Sympathie zum Menschen hilft auch – denn schließlich verbringt man unter Umständen einige recht intensive Stunden mit der Person. Man sollte es sich auch zweimal überlegen, ob man – wie ich – eine große Distanz zurücklegen will. Ich bereue zwar die Wahl meines Tätowierers nicht, aber jedes Mal zusätzlich zum Tattoo noch beträchtliche Bahnkosten und eine Übernachtung zahlen zu müssen, ist auf die Dauer doch ein deutliches Manko.

 

„Einen hab ich noch“ – Noch ein paar Tipps

Ich fasse mich hier jetzt sehr kurz, weil es eine Menge Videos und Artikel gibt, in denen kompetentere Menschen als ich erklären was man sonst noch so beim Tätowieren beachten sollte. Es gibt ein paar wichtige Eckpunkte, die immer wieder auftauchen:

Was die Abheilung des Tattoos abgeht, wendet euch am besten an eure/n Tätowierer*in und richtet euch nach dessen/deren Erfahrungswerten. Ich habe gute Erfahrungen mit „Bepanthen kühlendes Schaumspray“ gemacht. Das hinterlässt nur einen sehr dünnen Film und erstickt das Motiv nicht unter einer Fettschicht. Die beste Ansage ist wohl: Geht mit einer frischen Tätowierung um wie mit einer offenen Wunde (denn nichts anderes ist sie). Also egal was man tut, vorsichtig sein. Auch nach dem Abheilen empfiehlt sich in entsprechenden Situationen Sonnencreme, damit man lange was vom Motiv hat und erst möglich spät nachstechen (lassen) muss.

Wenn man tätowiert wird, sollte man möglichst fit sein: Das heißt möglichst gesund und möglichst keine Drogen im Blut. Vor allem Alkohol schwächt und verdünnt zusätzlich das Blut. Bleibt also am Vortag nüchtern, schlaft genügend und esst ordentlich. Kurz: Tut einfach alles, damit ihr euch möglichst fit fühlt.

Das Tätowieren ist zudem kein Test wie „stark“ ihr seid und wieviel ihr „aushaltet“. Wenn ihr eine Pause braucht, wird kein/e Tätowierer*in ein Problem damit haben, sie euch einzuräumen. Wenn ihr an jemanden geratet, bei dem das nicht so ist, ist er oder sie ein/e Idiot/in.Vor allem sollte man sich auch im Klaren darüber sein, dass Tätowierungen ein Luxusgut sind, das heißt, dass sie unter Umständen eine Stange Geld kosten können. Gute Tätowierer*innen verlangen oft ca. 100 € die Stunde. Je nachdem wie aufwendig das Motiv ist, kann man schnell bei über 1000 € ankommen. Auch hier sollte man klare Absprachen treffen. Es gilt aber: Lieber ein bisschen mehr berappen, als sich im Hinterhofstudio für 50 € etwas stechen zu lassen, was man auf immer bereut. (Und kommt bloß nicht auf die Idee euch selbst Tattooequipment zuzulegen und gleich mal loszulegen. Das ist nicht nur gesundheitlich riskant.)

 

Wer schön sein will… – Zusammenfassung

Tätowierungen sind etwas Großartiges. Sie können geniale Kunstwerke sein, die durch ihre Dauerhaftigkeit einen Kontrapunkt zur Flüchtigkeit und Schnelllebigkeit unserer Welt setzen. Sie können ein hoch ästhetischer Teil des eigenen Körpers werden, diesen vielleicht sogar „aufwerten“ oder – vielleicht trifft es das eher – das eigene Körpergefühl verbessern. Sie sind stets auch ein auf der Haut getragener Teil der eigenen Geschichte, erinnern an Lebensphasen, andere Menschen, bestimmte Entscheidungen usw. Ich bin dementsprechend kein großer Freund von Mode-Tattoos, also davon, sich einfach mal ein Motiv stechen zu lassen, weil es gerade total „in“ ist, werde hier aber keine Moralpredigten halten. Solange es gut aussieht und dem/der Träger*in gefällt ist es okay. 

Wenn ihr euch ein Tattoo stechen lassen wollt, dann seid euch sicher – vor allem, was die Wahl des Motivs und des Tätowierers bzw. der Tätowiererin angeht! Nehmt euch Zeit abzuwägen, damit ihr nicht irgendwann auf einer der (zugegebenermaßen sehr unterhaltsamen) Listen von „Tattoo-Fails“ landet. Und habt stets im Hinterkopf, dass sowohl entfernen als auch überstechen zwar eine Option sind, aber (vor allem was das Entfernen angeht) eine sehr schmerzhafte und teure. Wenn ihr euch aber sicher seid: Packt es an. Mehr gibt es nicht zu sagen. (Vielleicht nur noch eins: Es bleibt selten bei einem… Macht euch also auf eine längerfristige Investition gefasst).

Jakob Kelsch

Jakob Kelsch

Eines schicksalhaften Tages hat Jakob festgestellt, dass er wohl in absehbarer Zeit kein großer Künstler werden wird (natürlich nur, weil die Welt noch nicht bereit für sein unglaubliches Talent ist). Obwohl er weiterhin ab und an auf der Theaterbühne dilettiert, hat er also kurzerhand entschlossen, einfach über Kunst zu schreiben und zu sprechen, anstatt selbst welche zu machen. Denn auch solche Leute muss es geben. In Vorbereitung auf seine glanzvolle Karriere als scharfsinnigster Literatur- und Filmkritiker Deutschlands hat er seine Masterarbeit über „Familienmodelle in der popkulturellen amerikanischen Zeichentrick-Sitcom“ abgefasst und promoviert mittlerweile über "Familiäre Räume und Familienmodelle in der zeitgenössischen Online-Serie".

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