Warum ich kein „One Direction“ mehr höre

One Direction: Bestehend aus Harry Styles, Louis Tomlinson, Liam Payne, Niall Horan und von 2010 bis März 2015 auch Zayn Malik.  Sie sind eine britische Boyband mit fünf Alben, eines davon zu viert. Seit Juli 2016 ist die Band in einer “offiziellen Pause”. 2017 sollten sie laut eigenen Aussagen zurückkommen und weiter Musik machen, doch irgendwie klappte da wohl etwas mit der Kommunikation nicht.
Nach diesem kurzen Briefing würde ich euch jetzt gerne meine Geschichte mit One Direction erzählen, wie sehr sie mir am Herzen lagen und wieso ich sie heute nicht mehr höre. Auch unser Redakteur Jakob reflektierte bereits über Bands zu denen man langsam den Bezug verliert in „Die Bands die ich so liebte“. Doch ich möchte euch heute einen ganz persönlichen Einblick in meine Vergangenheit geben.

Wir schreiben das Jahr 2012. Ich sitze auf meinem Bett, meine beste Freundin neben mir, meine Wand voller One-Direction-Poster und wir sind beide an unserem Handy auf Twitter. In wenigen Minuten kommt ein neuer One-Direction-Song raus. Voller Anspannung aktualisieren wir immer wieder unseren Twitter-Feed, in der Hoffnung, dass der Song doch ein paar Minuten früher veröffentlicht wird. Plötzlich ist es so weit. Die ersten Benachrichtigungen von Fan-Accounts, die das Lied schon anhören. Adrenalin schießt durch meinen Körper, ich kann kaum atmen. „Little Things“ heißt die neue Single. Das Lied beginnt und nach wenigen Sekunden bekomme ich schon Tränen in die Augen – gut, es waren mehr Wasserfälle als Tränen. Meine Freundin und ich schauen uns an und sind uns einig. Das ist das beste Lied aller Zeiten. Wir werden niemals aufhören, One Direction zu hören, denn es wird nie jemand besseren geben.

Es ist nun 2019 und damit fast 7 Jahre später. Ich sitze alleine auf meinem Bett, in einem neuen Zimmer, keine One-Direction-Poster an der Wand. Etwas melancholisch höre ich seit sehr langer Zeit mal wieder „Little Things“ und denke zurück an meine One-Direction-Zeiten. Ich habe – entgegen meinem jugendlichen Optimismus – aufgehört, ihre Musik zu hören. Es gab keinen Zeitpunkt, an dem ich mich entschieden habe, ihre Songs aktiv nicht mehr zu hören. Es war ein schleichender Prozess, die Band hat sich verändert, die Fans haben sich verändert und vor allem habe ich mich auch verändert.

Tatsächlich schäme ich mich nicht für meine Zeit als „Directioner“ – Gut, für das Wort schäme ich mich vielleicht ein bisschen. Doch es war eine wundervolle Zeit, in der ich viele nette Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern kennenlernte und wunderbare Freunde gefunden habe, mit denen ich jetzt immer noch sehr gut befreundet bin.
Wie hat es alles angefangen?

2010 startete One Direction als Boyband beim britischen X-Faktor. Erst scheiterten sie als Einzelkandidaten, doch Simon Cowell, Jury-Mitglied und Musikproduzent, sah ihr Talent – vermutlich auch ihre Vermarktungsmöglichkeiten – und formte eine Band aus ihnen. Der Hype um One Direction begann. Harry Styles, als Jüngster, war erst 16, als seine große Karriere startete. Für mich, damals 10, war er unglaublich erwachsen und reif, doch rückblickend war er vermutlich viel zu jung, um so ins Rampenlicht gedrückt zu werden.

Denn One Direction sollte keine unbekannte Band bleiben. Kurz nach ihrem Erfolg mit „What makes you beautiful“ in Großbritannien sollten sie ihre USA-Tour starten. In den USA waren sie allerdings unbekannt und Boybands eher unbeliebt.  Das sollte sich ändern: Mit einer ausgeklügelten Marketingstrategie und ordentlich viel Glück konnte One Direction auch in Amerika durchstarten

Brett Robson – Global Photographics [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Von links nach rechts: Der Sunny-Boy, der Schüchterne, der Charmante, der Mysteriöse und der Lustige. Für jedes 12-jährige Mädchen war ein Traum-Boy dabei. (1Dreamboy war tatsächlich ein relativ beliebter Dating-Simulator damals – wie gesagt, ich schäme mich nicht für die Zeit, manches möchte man aber trotzdem vergessen.) Ob die Jungs wirklich diese Charakterzüge hatten, war nebensächlich. Im Endeffekt sollten sie nur die Zielgruppe glücklich machen.

Durch Fanfiction wurde dieser Glaube manifestiert. In jeder Geschichte spiegelten sich die vermarkteten Charakterzüge der Jungs wieder. Man fühlte sich seiner Lieblingsband nahe, man konnte mit ihnen reden und ließ sie antworten. Unzählige “Meine Mutter verkaufte mich an One Direction” oder “Harry und Louis müssen ihre Liebe vor der Öffentlichkeit geheim halten”-Geschichten trieben sich durch die Fanfiction-Seiten. Tatsächlich hat es eine Harry-Styles-Fanfiction relativ weit gebracht. Anna Todds “After” – eine todlangweilige Buchserie, in der ungesunde Beziehungen verherrlicht werden und die manch einer als billigen Fifty-Shades-Abklatsch bezeichnen würde – wurde so populär, dass sie es als Buch veröffentlichte. Das Buch – Harry hieß nun aus Vermarktungsgründen Hardin  – wurde ein Bestseller und tatsächlich wird jetzt auch ein Film dazu gedreht.

Das Gemeinschaftsgefühl im Fandom (= Fanatic Domain, umgangssprachlich die Masse einer Fangemeinde) war unbeschreiblich und unvergleichlich. Zusammen konnte man alles erreichen. Man traf sich auf Konzerten, organisierte Fan-Projekte oder veranstaltete Fantreffen. Ich selbst gestaltete ein Fantreffen in Friedrichshafen mit. Man aß Regenbogenkuchen, sang Lieder zusammen und ließ sich von den anderen Menschen dumm anschauen – die hatten ja eh keine Ahnung.  Mit der Zeit entwickelte das Fandom aber auch andere Seiten. Die Fans waren unaufhörlich im Streit, wer mit wem zusammen war, warum und mit wem er lieber zusammen sein sollte. Die Freundinnen der Jungs wurden belästigt und attackiert, im Internet und auf der Straße. Selbst nur Bekannte der Jungs wurden gehasst und verspottet. Die Streitigkeiten eskalierten vor allem auch untereinander. Manche Fans mochten dieses Pairing, manche Fans ein anderes, doch das wurde nicht akzeptiert. Zu Zeiten war es so schlimm, dass ich Twitter für ein paar Tage von meinem Handy löschte, da mich das alles sehr stresste. Danach gab es wieder gute Tage, an denen ein Geburtstag gefeiert wurde und man sich Fan-Projekte ausdachte oder an welchen mitmachte.

Doch mit der Zeit wurde mir das Ganze etwas zu stressig. Ständig online sein, um zu schauen, wo sich die Jungs gerade befinden, mit wem, was für ein Skandal schon wieder aufkam. Und es gab einige Skandale.
Man kann den Jungs natürlich nicht böse sein. Seit sie 16/18 sind, wurden sie ständig belästigt, kaum Urlaub, nur Songs schreiben, Aufnehmen, Fotoshootings machen und nebenbei noch ein Vorbild für ihre junge Fangemeinde sein? Kaum möglich.

Als Zayn Malik 2015 aus der Band ausgetreten ist, fiel für mich eine Welt zusammen. Bei Boybands ist es eine ungeschriebene Regel, dass man sich für einen der Jungs entscheiden muss. Mein “fav” – so nannte man das im “Fandom-Jargon” – war Zayn. Als er nun, urplötzlich während einer Tour, die Band verließ, war One Direction auf einmal ganz weit weg für mich. Auf der einen Seite war ich, durch den ganzen Stress der Fandom, schon um einiges weniger auf Twitter und auf der anderen fühlte ich mich der Band fern, Zayn wird wohl seine Gründe gehabt haben, wieso er die Band verließ. Ein paar Wochen später kamen von überall her Interviews mit Zayn. Eigentlich mochte er die anderen nie, sie waren nie gute Freunde, die Musik gefiel ihm auch nicht. Selbst nach mehr als drei Jahren gibt Zayn immer noch Interviews über seine “schreckliche” Zeit bei One Direction.

Alles gefaked? Die ganzen Jahre über?

Verständlicherweise waren viele sehr aufgebracht über seine Aussagen. Ich auch. Meine Sicht änderte sich nach einer Weile und ich fand die ganze Situation eigentlich ziemlich lächerlich. Ich glaube, nachdem mich die Zayn-Sache so tief getroffen hat, habe ich mich innerlich etwas distanziert von der Band. Natürlich war ich immer noch ein Fan, flog sogar nach London, um One Direction im Quartett zu sehen. Ihre Musik gefiel mir immer noch sehr. Vor allem Four und Made in the A.M. sind zwei unglaublich gelungene Alben, die ich mir sehr gerne anhörte.

2016 kündigte One Direction dann ihren – vorhersehbaren – “Hiatus”, also ihre Pause an. Zuerst war ich noch halb überzeugt, dass es nur eine Pause sein würde und dass sie zurückkommen würden. Doch alsbald wurde mir klar, dass das ihr Ende war. Als ein Art „Abschiedsgeschenk“ hinterließen sie uns das Musikvideo zu “History” und für mich persönlich war das ein guter Abschluss.

– “You and me got a whole lot of history” –

Ganz schön viel Zeit habe ich mit One Direction verbracht. Es gab viele Ups und Downs, ich habe viele Menschen kennengelernt. Ein paar, die mich noch immer begleiten, ein paar, die ich schnell vergessen wollte und ein paar, die zu dieser Zeit gute Freunde waren.  

One Direction ist ein großer Teil meiner Vergangenheit und dort bleibt er heutzutage auch. In der Vergangenheit. Immer mal wieder kommt zufällig irgendwo ein Lied von ihnen und ich muss natürlich lächeln, manchmal sogar mitsingen.

Selbst höre ich kein One Direction mehr. Ich habe einen anderen Musikgeschmack entwickelt und bin kein Teil mehr des Fandoms – falls dieses überhaupt noch existiert und nicht bereits alle zu k-pop übergewandelt sind. Tatsächlich hat jeder der Jungs eigene Songs und Alben veröffentlicht, die zum Teil nicht schlecht sind, aber nicht die Popularität der 1D-Lieder erreichen konnten. Persönlich höre ich gerne noch Harry Styles‘ Musik, die anderen gehen eher an mir vorbei.

Falls ihr selbst mal One-Direction-Fan wart oder auch falls ihr überhaupt keine Ahnung davon habt und mit diesem Artikel gar nichts anfangen könnt, so schaut euch jetzt zusammen mit mir “History” an und schwelgt in Erinnerungen oder wundert euch, was alles an euch vorbei gegangen ist.

Das Titelbild zeigt Wachsfiguren aus der Herstellung und dem Besitz von Madame Tussauds London. Copyright: Madame Tussauds London

 

Hannah Madlener

Hannah Madlener

Aus dem schönen Schwoabaländle kam die Hannah nach Passau um irgendwas mit Medien zu studieren. In ihrer Freizeit schaut sie zu viele Serien und Filme, liest am liebsten alte Bücher und spielt leidenschaftlich gern Theater und Ukulele. Außerdem befasst sie sich hingebungsvoll mit Comics und versucht diese auch selbst zu zeichnen.

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1 Antwort

  1. Avatar Mama sagt:

    Es war wirklich eine aufregende Teenie Zeit! Aber es gibt auch schöne Erinnerungen wie London und dein allererstes Konzert!!

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